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Wenn die Standardsprache auch als Beziehungssprache akzeptiert wird — Neues aus dem Hochdeutschen Kindergarten in Schlieren

  • Trösten auch auf Hochdeutsch
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 22.09.06 auf S. 25 einen Artikel von Helene Arnet über den Schlieremer Kindergarten Zelgli, in dem die Kindergärtnerinnen konsequent Standarddeutsch mit den Kindern sprechen. Alle Zitate entstammen diesem Artikel. Die Standardsprache wird in diesem Kindergarten konsequent für in allen Situationen gesprochen:

    Von der Begrüssung am Morgen bis zum Trösten, wenn ein Kind sich wehgetan hat.

    Die Kindergärtnerin Monika Lappert hatte damit zu Anfangs noch ihre Schwierigkeiten:

    „Mir war bei dem Gedanken nicht wohl, dass ich ständig Hochdeutsch sprechen müsste. In erster Linie wegen mir selber, weil ich mich nicht so sicher fühlte.“

    Es ist nicht irgendein Kindergarten, sondern eine Gruppe mit hohem Fremdsprachen-Anteil:

    Untereinander sprechen die Kinder Dialekt – oder in ihrer Muttersprache, die bei dreizehn der siebzehn Kindern nicht Deutsch ist. (…) Schlieren ist die Gemeinde mit dem höchsten Fremdsprachen-Anteil des Kantons.

    Genau dies ist der Grund, warum das Projekt„Standarddeutsch im Kindergarten“ gestartet wurde.

    Die These der Schulpflege: Wird schon im Kindergarten konsequent Standardsprache gesprochen, erleichtert dies den Fremdsprachigen das Deutschlernen — und den Schweizer Kindern den Einstieg in die Schule.

    Die Erzieher sprechen kein gestelztes Schriftdeutsch, sondern es wurde ihnen zuvor in einer Fortbildung beigebracht, ein möglichst natürliches Standarddeutsch zu artikulieren:

    Bei Monika Lappert haben sich die Hemmungen, Standardsprache zu sprechen, vollständig gelegt: „Ich spreche unterdessen automatisch alle Kinder, die kleiner sind als bis zu meinem Bauchnabel, Hochdeutsch an“

  • Beim Vorlesen simultan ins Schweizerdeutsche übersetzen
  • Diese absolut sensationelle Fähigkeit haben wir bei manchen Schweizer Müttern beobachtet, z. B. auf einer langen Bahnreise, oder bei Freunden mit kleinen Kindern. Wird einem Schweizer Kind etwas vorgelesen, dann übersetzen viele Schweizer automatisch und simultan den Hochdeutschen Text in ihren Dialekt. Eine sensationelle Leistung, wenn man bedenkt, dass die Kinder ja irgendwann über die Schulter schauen und mitlesen. Im Kindergarten in Schlieren ist das anders:

    Monika Lappert erzählt den Kinderbuch-Klassiker „Pitschi“. Früher hätte sie den Text simultan in Mundart übersetzt. Heute liest sie Hochdeutsch vor.

    Die Germanistin Karin Landert hat den Hochdeutsch-Erwerb in einem Hochdeutsch-Kindergarten mit einem Schweizerdeutsch Kindergarten verglichen. Sie kam dabei u. a. zum dem Ergebnis, dass

    (…) Kinder aus dem standardsprachigen Kindergarten geläufiger, fliessender und auch reichhaltiger Hochdeutsch als die anderen [sprechen].

  • Standardsprache als Beziehungssprache akzeptiert
  • Wenn die Kinder erleben, dass ihre Kindergärtnerin in jeder Situationen, auch bei Streits oder beim Trösten, Hochdeutsch sprechen, ahmen sie dieses Verhalten nach:

    (…) Sie sprechen spürbar ohne Hemmungen, und zwar auch in emotionalen Situationen, Hochdeutsch. Sie haben die Standardsprache auch als Beziehungssprache akzeptiert. Dieser Aspekt scheint mir eher wichtiger als der sprachformale.

    Das Vorlesen in der Standardsprache spielt beim Spracherwerb ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle. Es wirkt sich nicht nur ganz einfach positiv auf den Wortschatz der Kinder aus, sondern schafft es auch, die Standardsprache in einem anderen, besseren Licht erscheinen zu lassen:

    (…) Es zeigt sich, dass Kinder, denen früh Geschichten in Standardsprache vorgelesen wurden, sich in der Regel problemloser auf Hochdeutsch ausdrücken können. Das hat viel damit zu tun, dass ihnen dadurch eine positive Einstellung zur Standardsprache vermittelt wird. Grundsätzlich zeigt sich, dass die Umgebung, in der das Kind mit der Standardsprache in Berührung kommt, eine grosse Rolle spielt. Das gilt für das Elternhaus und die Schule.

    Wir finden die alte Theorie bestätigt, dass die negative Einstellung zur Hochdeutschen Sprache häufig mit dem Widerwillen der Lehrer zu tun haben, die vor den Kindern keinen Hehl daraus machen, wie ungern sie selbst die Standardsprache sprechen:

    (…) Wenn Lehrerinnen oder Lehrer spürbar widerwillig Hochdeutsch sprechen, wird sich das auf die Kinder übertragen und deren Lerneffekt vermindern. Aber wenn die Lehrpersonen gerne Hochdeutsch sprechen, wirkt sich dies positiv auf den Hochdeutsch-Erwerb der Kinder aus.

    Zum Schluss dieses hervorragenden Berichts von Helene Arnert können wir uns nicht verkneifen, ein wenig Erbsen oder besser Helvetismen zu zählen. Darum hier eine kleine Liste der nicht-standarddeutschen Wörter, die von Frau Arnert im Tages-Anzeiger verwendet wurde: Rekurs, hängig, Versli, innert, Zwängerei, Vernehmlassung, Entscheid.
    Zitate haben wir nicht berücksichtigt.

    

    63 Responses to “Wenn die Standardsprache auch als Beziehungssprache akzeptiert wird — Neues aus dem Hochdeutschen Kindergarten in Schlieren”

    1. Branitar Says:

      Emmentaler said:
      „Standartsprache? Für wen? Übt ihr in Deutschland auch Bärndütsch? Quasi als Standartsprache?“

      Dem aufmerksamen Leser dürfte nicht engangen sein, dass „Standardsprache“ im Blog und den Kommentaren als Synonym für Hoch- oder Schriftdeutsch dient.
      Aber ich (Hochdeutsch sprechender Mecklenburger) werde Deine Idee aufgreifen und meinem (hessischen) Chef vorschlagen, doch unsere nächsten Klausurtage dazu zu nutzen, uns nicht fachspezifisch, sondern sprachlich weiter zu bilden, indem wir einen Kurs in Bärndütsch (oder doch lieber die Zürcher oder Basler Variante?) belegen, um unsere Sprachkompetenzen gegenüber Platt sprechenden Mecklenburgen, bairisch sprechenden Bayern, schwäbisch murmelnden Schwaben und sächselnden Sachsen zu erweitern…

      Im Übrigen wird Standard immernoch mit „d“ am Ende geschrieben, wie ich bereits weiter oben erwähnte. 😉

    2. wolfi Says:

      off topic
      gibts im aargau eigentlich bärntütsch-kurse bzw. lieber wäre mir diskussionsabende uf bärndütsch?!
      finde, man sollte sich auch innerhalb der schweiz ruhig einen weiteren „dialekt“ aneignen…

      wer was weiss, bin stets interessiert…:-)

      wou, über 50 beiträge, gibt viele leute, die das thema sehr ernst nehmen.

      grüssli

    3. moffi Says:

      äh…guter witz, administrator.

      [Anmerkung Admin: Sorry, die Steilvorlage war aber auch sehr gut :-)]

    4. Johnny Says:

      Ob es hilfreich ist wenn Kinder schon im Kindergarten Standarddeutsch lernen? Vielleicht ein bisschen. Ich bin mir aber sicher, dass meine Töchter mal profitieren weil sie von einem chinesischen Kindermädchen betreut werden, das mit ihnen Mandarin spricht.

    5. Phipu Says:

      an Solar (und ziemlich „off topic“!)
      „helde“ (in deinem Dialekt) hat garantiert etwas mit „Halde“ zu tun. Auf Berndeutsch (und vielleicht anderen Mundarten auch) sagt man auch „abheutig“ (wörtl. D: „abhaldend“) für „abschüssig“ oder „abfallend“. Eben wie das Verb „heute“ (nicht D: [höite] aussprechen).

      Notier dir vielleicht diesen Link in den Favoriten, der ist eine wahre Fundgrube für diese Art von Fragen (z.B. Verb „hälden“):
      http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GH01354
      Eine Einschränkung: Man braucht ein Bisschen Gefühl und Phantasie für mögliche Lautverschiebungen. Also eher für (Auch-)Dialektsprechende geeignet – ob man diese Mundart nun im Chindsgi oder sonstwo gelernt hat…

    6. mike Says:

      als Deutscher muss ich sagen:
      Wieso wird in sämtlichen Medien immer diese Information verbreitet,die Schweizer hätten ein Minderwertigkeitskomplex,weil sie nicht so gut Hochdeutsch sprechen können.Einige Schweizer glauben dies sogar & verbreiten es weiter.Eigentlich sollten doch die sprachverkrüppelten Deutschen diesen Komplex haben.Die können doch kein franz.Wort nur ansatzweise richtig aussprechen geschweige denn Schwyzerdytsch perfekt reden.Ich übe seit 3 Jahren permanent Schwyzerdytsch.Spreche fast kein Hochdeutsch ,durch den Tag.Ich werde es aber wahrscheinlich nie so lernen können,das ich von Schweizern nicht mehr als Deutscher erkannt werde.
      Ich habe den Minderwertigkeitskomplex!
      Deutsche Besucher erkennen mich schon nicht mehr,wie toll!
      Wenn ich dann ins Hochdeutsche umschwenke-schauen sie mich mit grossen Augen an.
      Der Ausgleich für den Komplex!
      viele Grüsse
      Mike(Basel)

    7. Luise Says:

      @Mike:
      Nur immer schön dranbleiben. Wie ich schon zuvor erzählt habe, gehe ich hier mittlerweile als Schweizerin durch und die Leute sind erstaunt, dass ich nicht hier aufgewachsen bin. Nur bei ein paar Wörtern verrate ich mich manchmal, aber das wird wohl auch noch.

      „Die können doch kein franz.Wort nur ansatzweise richtig aussprechen“

      Nun ja, mal ganz von der Verallgemeinerung abgesehen, kann ich das jetzt nicht ganz bestätigen. Ausserdem können auch die meisten Schweizer nicht gerade fliessend Französisch, obwohl sie im Gegensatz zu den meisten Deutschen viel mehr Kontakt mit der Sprache haben (TV. etc.). Dafür werden dann viele Worte einfach „einfranzösischt“, oder reden die Engländer etwa vom Göpp und vom Göver? (Und nein, ich will jetzt nicht behaupten, die Deutschen könnten alle perfekt Englisch sprechen.)

    8. wolfi Says:

      mike
      das problem ist, das basler kein schwizerdütsch sprechen, komm in den aargau, dort lernt es sich leichter und vorallem auch richtig ;-).

      grüssli

    9. Widi Says:

      Die Angst, die ein paar Schweizer sicher haben ist doch die:
      – Mit Standarddeutsch im Kindergarten fängt es an
      – später wird mehr und mehr verlangt, dass man auch an offiziellen Orten so sprechen soll
      – noch später überall in der Öffentlichkeit
      – zuletzt sind wir eben auch da, wo man schräg angeschaut wird, wenn man einfach Schweizerdeutsch redet.

      Mir geht es manchmal jedenfalls ein wenig so. Ist sicher eine Schweizer Eigenart, sich ein schlimmes, mögliches Zukunfts-Szenario auszudenken und sich dann mal auf Vorschuss sorgen zu machen und sich zu wehren.
      Auf der anderen Seite führt eben genau das zu gewissen Schweizer Eigenschaften, welche wiederum voll zu begrüssen sind:
      Alles richtig zu machen, Genauigkeit und Präzision, 100%-Philosophie (kommt leider eben ‚was aus der Mode, finde ich bescheuert!), …

      Mir geht es manchmal so.

      Dass man im Kindergarten einen auf Hochdeutsch macht – weiss nicht. Und damit meine ich wirklich, ich weiss nicht, ob das eher gut oder eher schlecht ist.

    10. myl Says:

      Wie lange ist das Kind im Kindergarten? Wie lange nicht?

      Pro Tag ist das Kind ca. 4 Std. +/- im Chindsgi.
      Gehen wir davon aus, dass ein Kind früh Sprachen lernen soll, warum nicht mit Deutsch als der 1. Fremdsprache?

      Wenn das Kind zuhause und in seinem Umfeld „korrekten“ Dialekt spricht, verlernt es ihn im Kindergarten nicht, die fremdsprachigen Kinder erhalten aber in der Tat besseren Zugang zur Kommunikation mit allen anderen.

      Die Kinder haben kein Problem damit, aber offenbar nur „wir Alten“…

    11. mike Says:

      @wolfi
      Also es ist so:Meine Frau kommt ursprünglich aus Trachselwald(Bern).Sie hat mir erzählt ,wie sie im Kindergarten in Basel wegen ihren Dialekt gehänselt wurde.Es ging sogar soweit,das sie erst mit dem Spielzeug spielen durfte,wenn sie der Kindergärtnerin auf Baseldytsch gesagt hat,mit was sie spielen will.
      Dies hat u.a. zur Folge,das meine Schwiegereltern sagen:Mike du musst nicht Baseldytsch lernen,sondern Berndytsch.Dies habe ich auch,ohne zu merken getan.
      viele Grüsse
      Mike(Basel)

    12. sn3192 Says:

      Ich find’s ehrlich gesagt ein bisschen scheisse, dass diese Kids nur Standarddeutsch im Kindergarten lernen. Schliesslich ist es für Fremdsprachige genauso wichtig Schweizerdeutsch zu lernen und im Chindsgi sollte genau dies erlernt werden (vor allem für Fremdsprachige), Standarddeutsch erst später. Ich bin mit sechs Jahren aus Indien in die Schweiz gezogen und hatte bevor ich in den Kindergarten kam, Deutschunterricht bekommen, der mit allerdings nichts brachte! Erst im Kindergarten lernte ich dann richtig Schweizerdeutsch und erst ab der ersten Klasse lernte ich Standarddeutsch, wie alle anderen schweizer Kinder auch!
      Ich mag zwar kein Deutschexperte sein und meine Deutschkompetenz läge vielleicht höher, wenn sie mit Hochdeutsch im Chindsgi angefangen hätten, dennoch bin ich sehr froh darum im Kindergarten Dialekt erlernt zu haben. Wenn man mir zuerst Standarddeutsch beigebracht hätte, würde ich höchstwahrscheinlich immernoch Hochdeutsch reden! Für mich und meine jetzige Identität, undenkbar.
      Meine Meinung: Schweizerdeutsch im Kindergarten, gerade für Fremdsprachige, ein Muss!

    13. Hinnerk toun Höäwel Says:

      Früher oder später lernen Kinder sowieso Hochdeutsch, das heißt, wenn sie mit einer Mundart aufwachsen, haben sie die Chance, bilingual (oder besser gesagt „bidialektal“) aufzuwachsen, was bei guter Förderung beider Sprachen zu einem besseren Sprachlernvermögen und logischem Denken führt. Aber selbst wenn unsinnigerweise man die Zweckmäßigkeit von Mundarten anzweifelt, muss man doch verstehen, dass die Mundarten ebenso wie die Schriftsprache ein althergebrachtes Kulturgut sind, um das es sehr schade wäre, wenn es ausstürbe. In Deutschland sprechen viele Leute leider überhaupt keine Mundart mehr, und wenn doch, so ist diese Mundart oft nur noch ein gefärbtes Hochdeutsch. Ich selbst bemühe mich um ein möglichst originalgetreues Pfälzisch, wie es in meinem Dorf sonst fast nur von alten Leuten gesprochen wird, und habe bisher immer bewundernd auf die Schweizer geschaut, die, wie ich meinte, so selbstverständlich ihre Mundarten pflegen. Und nun muss ich lesen, dass sie den gleichen Fehler machen, wie in die Leute in Deutschland. Schade.

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