Gebissprobleme in der Schweiz — Überbeissen Sie auch gern?

März 23rd, 2007
  • Wer einen Überbiss hat der überbeisst, oder?
  • Wenn die obere Zahnreihe gegenüber der unteren vorgelagert ist, spricht der Zahnarzt von einem „Überbiss“. Aus Wikipedia lernen wir:

    Der Überbiss kommt als Zahnfehlstellung relativ häufig vor und kann durch Tragen einer Zahnspange meist vollständig korrigiert werden.
    (Quelle: Wikipedia)

    Demnach muss die Schweiz ein Paradies für Kieferorthopäden sein, denn nur hier lasen wir wiederholt von Menschen, die gern mal „überbeissen“, wahrscheinlich weil Sie unter diesem Überbiss zu leiden haben. Bei Google-DE findet sich das Wort „überbeissen“ an mageren 31 Fundstellen, die alle etwas mit Dentalkunst oder beissenden Hunden zu tun haben.

    Anders in der Schweiz. Hier wird an über 105 Stellen bei Google-CH das Überbeissen gepflegt. So gibt es zum Beispiel bissige Leitungsteams:

    Das war vor 9 Jahren. Seither machen sich alte wie neue Veranstalter den goldenen Subventionskuchen streitig. Leitungsteams überbeissen. Profilierungsneurosen blühen in allen Farben. Politiker rühmen sich über allen Klee.
    (Quelle: Muhlehunziker.ch)

    Hostpoint mit Zahnproblemen:

    Hostpoint am Überbeissen
    (Quelle: broedel.org)

    Auch sportliche Wakeboarder zeigen Zähne:

    ich werd überbeissen auf dem board wenn du deinen air railey machst ich kanns kaum erwarten!!!
    (Quelle: polyfil.ch)

    Oft wird davor auch gewarnt:

    AdiZollet wird überbeissen, wenn er den Thread sieht
    (Quelle: tweaker.ch)

    Und wie immer in solchen ausserordentlichen kommunikativen Situationen in der Schweiz stehen wir Deutsche als Zuhörer oder Leser mit verbissener Miene daneben und fangen an, uns unauffällig an die obere Schneidezahnreihe zu fassen, um festzustellen, ob wir nun auch schon zum „überbeissen“ ansetzen oder nicht. Was in Gottesnamen unter der Tätigkeit des „Überbeissens“ bei den Schweizern eigentlich gemeint ist, kriegen wir so nicht raus.

    Warum es hingegen so häufig vorkommt, verglichen mit Deutschen Gepflogenheiten, wo das Überbeissen den Hunden überlassen wird, mag an den horrenden Kosten von Kieferorthopädischen Behandlungen in der Schweiz liegen, die die Schweizer selbst „berappen“ müssen, da die normale Krankenversicherung nicht dafür aufkommt.

    Auch in Deutschland sei das mit der Kostenerstattung schon lange nicht mehr so berauschend wie früher, erzählte uns jemand von „ennet“ des Rheins (nein, nicht aus Schaffhausen). Wer seinen Überbiss richten lassen will, bekommt nur noch einen geringen Zuschuss von der Kasse bezahlt, sofern er nicht unter 18 ist. Ob deswegen weniger Menschen in Deutschland so bissig sind, verglichen mit den friedlichen und höflichen Schweizern?

    Zielpublikum Hohlköpfe — Peter von Matt über das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen

    März 22nd, 2007

    Der Schweizer Germanist Peter von Matt wurde am 7.02.07 vom Tages-Anzeiger zur jüngsten Entwicklung der Schweizerisch-Deutschen Beziehungen befragt. Auf die Frage „Haben die Schweizer ein Problem mit ihren Nachbarn?“ antwortete er:

    Das angebliche Problem ist ein Medienprodukt. Einer übernimmt es vom andern, um es nicht dem Dritten zu überlassen, und schon ist es ein Hype. In Wahrheit ist das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen gut, besser jedenfalls als nach dem Krieg, als jeder Schweizer sich als eine Kreuzung von Henri Dunant und Winkelried vorkam.
    (Quelle für dieses und alle folgenden Zitat: Tages-Anzeiger 07.02.07)

    Peter von Matt
    (Quelle Foto: Unitedvisions.tv)

  • Wer waren Dunant und Winkelried?
  • Zur Erinnerung: Henri Dunant war der Mann, der die fatale Idee hatte, das Rote Kreuz farblich gespiegelt zum Schweizerkreuz zu entwerfen, was bis heute dazu führt, dass Schweizer bei Vorzeigen ihres Passes an vielen Grenzen mit dem Spruch „Red Cross? Okay just pass through“ durchgewunken werden und Emil Steinberger eine Sammlung von Erste-Hilfe-Sets mit weissem Kreuz auf rotem Grund besitzt. Menschen die erste Hilfe leisten sind in der Schweiz übrigens „Nothelfer“, darum heissen auch die Kurse für den „Führerausweis“ hierzulande „Nothelferkurse“ und nicht „Erste-Hilfe-Kurse“. Und Winkelried? Nein, der war kein Advokat sondern von Beruf Held:

    Er soll am 9. Juli 1386 bei der Schlacht von Sempach ein Bündel Lanzen der Habsburgischen Ritter gepackt und sich selbst aufspiessend den Eidgenossen eine Bresche geöffnet haben. Der Legende nach soll er vorher noch die Worte „Sorgt für meine Frau und Kinder“ gesagt haben. Die bekannteste Variante seiner letzten Worte ist: „Der Freiheit eine Gasse!
    (Quelle: Wikipedia)

  • Das Elend mit der Konstruktion von Typen
  • Doch kehren wir zurück zum Interview mit Peter von Matt. Auf die Frage, warum der typische Deutsche in der Schweiz bis heute kein Sympathieträger sei, meinte er:

    Das Elend beginnt genau bei der Konstruktion von Typen. Ich kenne viele Schweizer, sympathische und weniger sympathische, aber von keinem habe ich je gedacht, er sei ein typischer Schweizer. Und mit den Deutschen geht es mir gleich. In den Zeitungen aber tut man so, als redeten alle Schweizer über die Deutschen wie die Radikalfeministinnen vor zwanzig Jahren über die Männer. Von jedem Land existiert seit Jahrhunderten ein Negativklischee. Die Amerikaner brachten es einst selbst auf den Begriff: «The Ugly American», der hässliche Amerikaner. Nur ein Hohlkopf projiziert solche Negativklischees auf das konkrete Gegenüber. Und in der Schweiz bilden die Hohlköpfe immer noch die deutliche Minderheit. Man hat aber gelegentlich den Eindruck, sie seien das umworbene Zielpublikum der Medien.

    Das Praktische an dieser Zielgruppe ist doch, dass jeder von sich sagen kann: „Nein, so einer bin ich nicht und das denke ich schon gar nicht“, während er doch begierig den Blick mit der Überschrift „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“ verschlingt.

  • In kleinen Ländern ist es Wärmer und es gibt mehr Gefühl
  • Auf die Frage nach den Faktoren, die die Beziehungen zwischen Schweizern und Deutschen bestimmten, meint Peter von Matt:

    Die Sozialpsychologie kennt das Phänomen, dass das kleinere Land, die kleinere Stadt eine bestimmte Animosität gegen den grösseren Nachbarn entwickelt. Die Zürcher haben kein Problem mit den Baslern und Bernern, diese aber mit den Zürchern, die Welschen mit den Deutschschweizern, die Innerrhoder mit den Ausserrhodern und beide zusammen wieder mit den St. Gallern. Das geht vom Kleinsten zum Grössten: die Europäer gegen die Amerikaner. Und immer wird dabei von Temperatur gesprochen. Der Grössere gilt stets als kalt, arrogant und materialistisch, der Kleinere spricht sich selbst Wärme und Gefühl zu. Die Berner reden von den Zürchern wie ein Kachelofen von einem Eisberg. Das kann den Blick auf die Deutschen einfärben. Aber das ist so universal wie der Schnupfen und so harmlos.

    Endlich eine plausible Erklärung, warum die Deutschen als arrogant gelten und wir in der Schweiz häufig mal ins Schwitzen kommen. In kleinen Ländern ist es wärmer und es gibt einfach mehr Gefühl. Dieses Argument kennen wir ja schon vom Schweizerdeutschen, mit dem sich Gefühle einfach viel besser ausdrücken lassen als in der Schriftsprache, oder können sie „Pillow Talk“ auf Hochdeutsch führen?

  • Mit dem Flugzeug ins Engadin
  • Der Tages-Anzeiger fragte Peter von Matt dann nach dem Schweizbild in Deutschland:

    Die Deutschen sprechen von der Schweiz in einer Mischung aus Bewunderung und Ironie. Sie belächeln unsere Kleinheit ein wenig, wollen aber alle Kenner sein und schildern einem rasch ihr Lieblingsrestaurant in Zürich und ihren Bergweg im Engadin. Wenn man den Deutschen das Engadin verböte, bis die Flughafenfrage gelöst ist, wäre in Kloten in 14 Tagen alles in Butter. Der hässliche Schweizer ist für die Deutschen reich, fantasielos und ohne Humor. Doch ich habe nie erlebt, dass dieses Klischee bei einer Begegnung eine Rolle gespielt hätte.

    Ach, es gibt also tatsächlich Deutsche, die ins Engadin fahren? Nicht zum Skilaufen sondern wandern? Ich dachte, die Deutschen sind im Sommer allesamt auf Mallorca. Und kann man wirklich mit dem Flugzeug nach Zürich fliegen um dann einen Bergurlaub zu starten? Habe noch nie Deutsche in Kniebundhosen mit rotweiss karierten Hemden den Flieger aus Düsseldorf in Kloten verlassen sehen.

  • Berlin ist Mekka aller Schweizer Künstler
  • Schliesslich wird von Matt nach dem Einfluss der Geschichte auf das heutige Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen befragt:

    Ich glaube nicht, dass die Kriegszeit sehr nachwirkt. Grundsätzlich gilt: Geschichte ist immer das, was man von ihr wissen will. Dass die moderne Schweiz im 19. Jahrhundert von Deutschen wesentlich mitgeschaffen wurde, will man nicht mehr wissen. Nur mit den vertriebenen deutschen Professoren konnte die Uni Zürich überhaupt gegründet werden. In der fortschrittlichen Politik gaben Deutsche wie der Schriftsteller Heinrich Zschokke und die Brüder Ludwig und Wilhelm Snell wesentliche Impulse. Gottfried Semper hat unsere Architektur schubhaft vorangebracht. Die akademische Schweiz ist ohne die Deutschen auch heute undenkbar. Kulturell ist die Schweiz mit Deutschland aufs Engste verwachsen. Berlin ist das Mekka aller Schweizer Künstler und Studenten. Nur schon die Funktion, die Berlin heute hat, widerlegt das Märchen vom Deutschenhass. Das sind Fakten, der Rest ist Gerede.

    Wir hatten ja schon des öfteren von Schweizern gelesen, dass die Deutschen ja leider keine wesentliche Kultur mit ins Land gebracht haben, anders als die Südländer. Man muss ja auch nichts mitbringen, was schon fest im Land verwachsen ist bzw. ins Mekka der Kultur nach Berlin auswanderte.

  • Wie markiert ein Deutscher Präsenz?
  • Die nächste Frage zielt auf die Komplexe der Schweizer gegenüber den Deutschen ab:

    Es gibt ein Phänomen, das man kennen muss. In Deutschland gehört zum Sozialverhalten, dass man sich rasch und deutlich positioniert und die eigene Präsenz markiert. An sich eine gute Sache. In der Schweiz gilt die Regel: Warte, bis du gefragt wirst. Das sind unterschiedliche, aber wertneutrale Haltungen. So wie die Deutschen ein Telefongespräch knapp abschliessen, die Schweizer aber dreimal nacheinander Adieu sagen. Da kommt es dann schon vor, dass man falsche Schlüsse auf den Charakter zieht.

    „Sich rasch und deutlich positionieren und die eigene Präsenz markieren“, genau dass ist es, was passiert, wenn ein Deutscher in einem Schweizer Lokal nach der Saaltochter ruft und „Ich hätte gern noch ein Bier“ sagt, während der Schweizer Gast lieber wartet, bis er von der Bedienung nach seinen Wünschen gefragt wird. In Deutschland signalisiert man damit, dass man als Kunde seine Wünsche sehr wohl zu äussern vermag und nicht übersehen werden möchte. In der Regel hilft das und führt zu einer aufmerksamen Bedienung, in der Schweiz würden sich bei solch einem „Präsenz markieren“ gleich die Kellner abwenden und den Deutschen am Tisch Nummer 4 fortan meiden.

  • Wenn Schweizer Hochschulabsolventen keinen fehlerfreien Brief mehr schreiben können
  • Auf die Rolle der Sprache im Schweizer-Deutschen Verhältnis angesprochen, meint Peter von Matt:

    Das ist ein schwieriges Problem. Ich halte die Vergammelung der hochdeutschen Sprachkultur in der Schweiz für einen nationalen Notstand. Das hat mit den Deutschen nichts zu tun, aber sehr viel mit der herumgebotenen Meinung, unsere Muttersprache sei der Dialekt und das Hochdeutsche sei eigentlich eine Fremdsprache. Die Muttersprache der Deutschschweizer ist aber Deutsch in zwei Gestalten, Hochdeutsch und Dialekt. Weil Hochdeutsch als unnatürlich hingestellt wird, ist es für viele nicht mehr attraktiv. Damit droht sich die Deutschschweiz eigenhändig zu beschädigen. Viele Politiker und Hochschulabsolventen können keinen fehlerfreien Brief mehr schreiben. Und schlimmer noch: Sie halten es auch nicht für nötig.

  • Kurzweilige Bedienung aus Mecklenburg-Vorpommern
  • Schliesslich können Sie ja alle perfekt Englisch, speziell im Gespräch mit den Westschweizern. Und es dauert nicht lange, bis die „Hollandisierung“ der Schweiz soweit fortgeschritten ist, dass geschriebenes Schweizerdeutsch Schriftsprache wurde.
    Zum Thema „verstärkte Einwanderung von Deutschland in die Schweiz“ meint von Matt:

    Ich halte es für kurzweilig, im Restaurant von Sachsen und Mecklenburgern bedient zu werden, und an der Uni habe ich mit viel mehr deutschen Kolleginnen und Kollegen gelebt, und gut gelebt, als es in der Schweizer Arbeitswelt im Durchschnitt je der Fall sein wird. Die Schweizer werden mit den Deutschen nicht mehr Probleme haben als mit andern Bevölkerungsgruppen im eigenen Land. Vorausgesetzt, man redet den Konflikt nicht herbei.

    Und womit soll Herr Mörgeli nun Wählerstimmen sammeln gehen und der BLICK seine Auflage steigern, wenn wir den Konflikt nicht fleissig weiter herbeireden? Nun, es wird sich schon noch ein wirklich ernsthaftes Problem finden. Stand nicht neulich im Blick, dass die Gipfeli jetzt Deutsch werden? Ach nee, das war ja die Geschichte von einer Schweizer Grossbäckerei, die nach Deutschland expandierte. Falsches Ressort.

    Think positiv! — Die lateinische Schweiz und ihre Dispositive

    März 21st, 2007
  • Wer spricht eigentlich Latein in der lateinischen Schweiz?
  • Die Schweiz ist offiziell ein viersprachiges Land. Der Einfachheit halber werden drei dieser vier Teile der Schweiz oft zusammengefasst und als die „lateinische Schweiz“ bezeichnet. Eine durchaus gängige Wortkombination, die sich bei Google-CH 535 Mal belegt findet:

    In der lateinischen Schweiz war man sich einig: Was die Schweiz verbindet, ist nicht das Militär, sondern die AHV. Darum wollte die lateinische Schweiz die Armee halbieren und mit dem Eingesparten das Rentenalter auf 62 senken.
    (Quelle: uvek.admin.ch)

    Sprechen die Schweizer dort denn alle Latein? Nein, aber sie sprechen Sprachen, die auf das gesprochene Latein der Römer zurückgehen. Schon zu Zeiten Julius Cäsars sprachen in Rom nur die die gebildeten Senatoren und Schriftsteller das „klassische Latein“, wie wir es heute aus der Schule und durch die Asterix-Lektüre kennen. Es existierte in Rom eine ähnliche Zweisprachigkeit, wie sie heute in der deutschsprachigen Schweiz üblich ist. Für die öffentlichen Anlässe, für Reden im Senat, für Theateraufführungen und jede Art von offiziellem Schriftverkehr wurde das klassische Latein gesprochen und geschrieben, im Alltag sprachen die Menschen aber das sogenannte „Vulgärlatein“, eine Sprache, die sich vom klassischen Latein bereits früh unterschied:

    Mit Vulgärlatein wird das gesprochene im Unterschied zum literarischen Latein bezeichnet. Die Bezeichnung geht auf das lateinische Adjektiv vulgaris („zum Volke gehörig, gemein“) zurück (sermo vulgaris „Volkssprache“) und steht in klassischer Zeit im Gegensatz zum sermo urbanus, der literarisch kultivierten Hochsprache der römischen Oberschicht. Aufgrund der negativen Bedeutungsaspekte des Ausdrucks vulgär ist der neutralere Ausdruck Volkslatein oder gesprochenes Latein oder Sprechlatein vorzuziehen. Das Vulgärlatein ist nicht einfach mit „spätem“ Latein gleichzusetzen und als historische Sprachstufe aufzufassen, da es als Varietät des Lateinischen schon in den frühen Komödien des Plautus und des Terentius bezeugt ist und somit von einer frühen, bereits in altlateinischer Zeit einsetzenden Trennung von gesprochenem und geschriebenem Latein auszugehen ist, (…)
    (Quelle: Wikipedia)

    Ab dem Zeitpunkt, an dem das klassische Latein festgelegt und zur Schriftsprache wurde, entwickelte sich die gesprochene Volkssprache von diesem Sprachstand weg. Die heutigen romanischen Sprachen, darunter auch das Rätoromanische in der Schweiz, gehen alle auf Varianten dieses Vulgärlateins zurück, und damit nur indirekt auf das klassische Latein der Römerzeit.

  • Wir sistieren den Sukkurs
  • Dennoch finden sich in der Schweiz lateinische Begriffe in der Alltagssprache, die hier jeder zu kennen scheint. Wir hatten uns schon früher über die Begriffe „sistieren“ , „rekurrieren“ und den „Sukkurs“ gewundert, die in der Schweiz gängiges Alltagsvokabular sind. Jetzt stiessen wir bei der Lektüre der NZZ am Sonntag gleich zweimal auf das „Dispostiv“. Eine kleine Google-CH Suche brachte weitere Fundstellen:

    Die Gründe dafür sind noch nicht bekannt, da der Entscheid erst im Dispositiv vorliegt.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    «Unsere Polizei schützt die Wahllokale, die Amerikaner werden unsichtbar bleiben und nur auf unsere Anfrage hin einschreiten», erklärte Abdulrahman Mustafa Fatah, der Gouverneur von Kirkuk, im Gespräch sein Dispositiv.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Ich würde mich nie wie die Fussballer getrauen, mich auf das Dispositiv anderer zu verlassen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

  • Think postiv, äussere ein Dispositiv
  • Nun, wir müssen zugeben, dass uns aus dem Lateinunterricht vor etlichen Jahren zwar noch ein „Dia-Postiv“ in Erinnerung ist, uns auch gelegentlich nicht alle Mittel zur „Dispostion“ stehen, aber was zum Geier ist ein Dispositiv?
    Der Duden hilft verlässlich weiter:

    Dispositiv das; -s, -e : (besonders schweizerisch)
    a) Absichts-, Willenserklärung;
    b) Gesamtheit aller Personen und Mittel, die für eine bestimmte Aufgabe eingesetzt werden können, zur Disposition stehen.
    (Quelle: Duden.de)

  • Verlassen sie sich auch auf das Dispostiv anderer?
  • Gleich morgen werden wir die freundlichen Schweizer in der S-Bahn befragen, ob sie sich eigentlich grundsätzlich auf das Dispostiv anderer verlassen würden oder eher nicht. Wenn der Ausdruck, wie im Duden bezeugt, wirklich so schweizerisch ist, dass ihn jeder versteht, müssen wir ihn uns als Bereicherung unser (Schweizer)-Weltwissens hinter die Ohren schreiben.

    Mein Abenteuer Schweiz — Was der Theatermann Michael Schindhelm bei den Eidgenossen erlebte

    März 20th, 2007
  • Schweizerdeutsch klingt wie das Knirschen von Ziegelsteinen
  • Wir lasen in dem wunderbaren Buch „Mein Abenteuer Schweiz“ von Michael Schindhelm:

    Die Inkompatibilität Schweizer Schweizer Kommunikationstechniken ist weder wegzudiskutieren noch wegzuschweigen. Oskar Wilde dazu: „Sie benutzen eine unaussprechliche Sprache, die dem Knirschen von Ziegelsteinen gleicht: falls ein Schweizer in Versuchung kommt zu sprechen, wird ihn niemand verstehen – ausser vielleicht ein Geologe.“

    Es drängt sich uns der Verdacht auf, dass Oskar Wilde in Graubünden oder im Wallis weilte und dort nicht mit charmanten Skilehrer zu tun hatte, sondern mit unwirschen Schankwirten. Michael Schindhelm schreibt weiter:

    Das ist selbst als Satire scharfer Tobak. Bedauerlicherweise leisten die Eidgenossen selbst diesem Klischee Vorschub. Es ist unmöglich, in ihrer Sprache mit ihnen zu kommunizieren. Irgendwie scheint ihnen das unangenehm zu sein, und häufig entschuldigen sie sich Deutschen gegenüber für ihr angeblich „ungeschlachtes Kauderwelsch“
    (Quelle: Michael Schindhelm „Mein Abenteuer Schweiz“ , Echtzeit Verlag, Basel 2007, S. 30)

    Michael Schindhelm Mein Abenteuer Schweiz

    Michael Schindhelm verarbeitet in die Buch seine Erlebnisse als Direktor und Intendant des Theaters in Basel, wo er seit 1996 zehn Jahre lebte. Seit dem 1. April 2005 ist er Generaldirektor der Oper Berlin.

  • Schriftdeutsch oder Neu-Süd-Deutsch sprechen?
  • Wir lesen weiter:

    Nein, das ist wirklich peinlich! Sobald sie einen Deutschen in der Runde ausgemacht haben, wechseln sie, auch untereinander, in eine auf Hochdeutsch gegründete Alltagskunstsprache mit helvetischem Phonetikflair („Es nimmt mich wunder, ob die Ursi den kaputten Velopneu angetönt hat..“), für die sie den Begriff „Schriftdeutsch“ gefunden haben.
    (Quelle für dieses und alle folgenden Zitate: Michael Schindhelm „Mein Abenteuer Schweiz“ , Basel 2007, S. 30)

    Wie wahr! Es ist eine „Alltagskunstsprache“, die gesprochen wird. Denn eine Schriftsprache kann man nicht sprechen, weil sie ist zum Schreiben da. Die Schweizer tun es dennoch, um bloss das Wort „Hochdeutsch“ nicht in den Mund nehmen zu müssen. Das klingt nach „hochtrabend“, nach „hochgestellt“ und „hochnäsig“. Alles Attribute, die man auch mit den Sprechern des Hochdeutschen verbindet. Doch dabei soll das arme „Hoch“ in „Hochdeutsch“ nicht an „hohe Qualität“ sondern an die „Hohen Berge“ im Neu-Hoch-Deutschen Raum erinnern, der sich vom Mitteldeutschen und Niederdeutschen der tiefergelegenen Küstengegend abgrenzt. „Neu-Süd-Deutsch“ wäre also eigentlich die korrekte Bezeichung für die Deutsche Standardsprache. Aber erklären Sie das mal einem Schweizer. Der hält Sie gleich für „hochnäsig“, wenn sie nur die hohen Berge als Namensgeber für das Standarddeutsche erwähnen.

    Fast jeder Schweizer erinnert an einen Musterschüler, wenn er Schriftdeutsch spricht.

    Klar, denn es wird „hyperkorrekt“ gesprochen, wie in der Schule vom Lehrer beigebracht. Sprechen wie man schreibt, mit vollendetem Perfekt „angetönt hat“ und niemals der einfachen Vergangenheit.

    Es war für den Zuzügler eine langwierige emotionale Einführung in die Gesellschaft der Eidgenossen nötig, um mit Pokerface dem Übersetzungsvorgang zuzuschauen, den der Einheimische mit sich selbst abmachte, wurde er von einem Zuzügler angesprochen. Es dauerte in der Regel eine bange Viertelsekunde, bis die ins Schriftdeutsche übersetzte Antwort kam.

  • Wieviel Viertelsekunden hat eine Sekunde?
  • Das haben wir anders beobachtet. Es dauert nicht „eine“ bange Viertelsekunde, sondern derer vier.

    Die erste Viertelsekunde vergeht, wenn dem Zuzügler zugehört wird. Die zweite, wenn das soeben gehörte „on-the-fly“ übersetzt wird ins heimische Idiom. Die dritte Viertelsekunde ist notwendig, um die Antwort zu formulieren, und die letzte Viertelsekunde wird, wie Michael Schindhelm es richtig beobachtet, gebraucht für die adäquate Übersetzung ins Schriftdeutsche. Die gleiche Zeitverzögerung findet dann umgekehrt noch einmal statt bei einem Deutschen, der einem Schweizer zuhört und antwortet.

    Ich habe es irgendwann aufgegeben, meinen Gesprächspartnern gegenüber „anzutönen“, sie könnten gern auch in ihrer Sprache verweilen, denn ich wusste, sie würden unwillkürlich umschalten, hätte ich erst mal den Mund aufgemacht.

    Lange ist es her, dass wir auch solche Erfahrungen machen durften. Niemand schaltet mehr um, sobald wir den Mund aufmachen. Die Zeiten haben sich geändert. Als der Tessiner TSI Journalist Franco Valchera in Zürich eine Norddeutsche als Lockvogel auf dem Bellevue losschickte, um eine Passantin auf knappen Hochdeutsch nach der richtigen Strassenbahnlinie zum Hauptbahnhof zu fragen, antwortete diese ohne mit der Wimpern zu zucken sofort auf Züridütsch (als Real-Stream zu sehen hier)

  • Sprechen Sie auch Schriftfranzösisch?
  • Für die Deutsche kein Problem, wenn sie schon eine Weile hier ist. Aber woran konnte das die Zürcherin erkennen? Sie ging davon, dass sie verstanden wird, war ihre freundliche Antwort auf die Rückfrage des Journalisten. Wie sich die Westschweizer oder Tessiner fühlen, wenn ihre Hochdeutsche Frage sofort auf Schweizerdeutsch beantwortet wird? Wahrscheinlich schaltet man dann in Zürich direkt um auf Französisch oder Italienisch, alles kein Problem. Ist das dann auch „Schriftfranzösisch“ und „Schriftitalienisch“?

  • Unter Rittern
  • Viele Deutsche empfinden es als „Ritterschlag“, wenn Schweizer im Gespräch mit ihnen nicht umschalten auf Hochdeutsch Schriftdeutsch, sondern in ihrer Sprache weitersprechen. Demnach leben wir in einer äusserst ritterlichen Schweizer Gesellschaft. Es quietscht nur manchmal ein bisschen bei den Rüstungen.

  • Leben im Basler Daig
  • Durch Michael Schindhelms amüsantes Buch lernten wir gleich noch ein neues Schweizerdeutsches Wort: Den Basler „Daig“. Wer meint, dass die Eidgenossenschaft eine Gesellschaft ist, welche die Aristokratie überwunden hat, der lese diese Erklärung von Wikipedia:

    Daig (dt. «Teig»; ausgesprochen [dajg]) ist eine im Raum Basel und in der Deutschschweiz geläufige Bezeichnung für diejenigen Familien der Stadtbasler Oberschicht, die seit Generationen das Bürgerrecht besitzen. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Gruppe, die gekennzeichnet ist durch eine ausgeprägte Selbstabgrenzung, sowohl abwärts (gegenüber Mittelstand und Unterschicht) als auch seitwärts (gegenüber «Neureichen»). Die soziale Geschlossenheit und Wirkungsmacht des «Daig» haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark abgenommen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Lass mich raten: Daig-Mitglieder erkennt man doch bestimmt an Autokennzeichenen mit 3-4stelligen Nummern?

    Kein Wunder dauerte es nicht lange, bis Schindhelm als Theatermann mit dieser Basler Teigware aneinandergeriet. Mehr darüber in seinem Buch, das wir jedem Zuzügler und Alteingesessenen als Lektüre wärmstens empfehlen können.

    Fahren Sie Sie gern Auto-Scooter, Putschibahn, Box-Autos oder den Selbstfahrer? — Neues aus dem Reich der Varianten

    März 19th, 2007
  • Es leben die Varianten!
  • Dass die Deutsche Alltagssprache nicht nur einen Standard besitzt, sondern als plurizentrische Sprache bei einer Vielzahl von Begriffen und Ausdrücken geradezu verschwenderisch mit Varianten um sich wirft, hatten wir schon am Beispiel des Brotanschnittes (=Knust, Kanten, Aahau, Gupf, Riebele) festgestellt. Jetzt wurde wir auf das Projekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ der Phil-Hist. Fakultät der Uni Augsburg hingewiesen. Bereits in der vierten Runde wird von Sprachwissenschaftlern mit Hilfe eines Fragebogens erhoben, wie die Menschen im deutschen Sprachraum, von der Nordseeküste bis ins tiefste Wallis, von der Westgrenze Luxemburgs bis in die östlichste Ecke Österreichs, zu den Dingen sagen. Jeder ist aufgefordert, den Fragebogen hier ehrlich und genau zu beantworten.

    Autoscooter
    (Quelle Foto: ig-schoenenwerd.ch)

  • Vom Puff-Auto zum Selbstfahrer
  • Sehr hübsch z. B. die Erkenntnisse zu den „Auto-Scootern“, die die Schwaben „Box-Autos“ nennen und die Südtiroler „Puff-Autos“. Da stösst ganz schön was zusammen. Laut Erhebung schwanken die Schweizer zwischen Tätschäutele, Tütschibahn und Potzautos. In Westfalen und am Niederrhein hat man das „Auto“ mit „Selbst“ übersetzt und den Begriff „Selbstfahrer“ geprägt.

    Box-Autos oder Potzautos
    (Quelle Karte: philhist.uni-augsburg.de)

    Wir lesen auf der Webseite:

    In Baden-Württemberg und in der Pfalz sagt man tatsächlich Box-Auto, aus dem Moselgebiet wurde eine weitere Variante, nämlich Knupp-Auto, gemeldet. Die Karte zeigt sehr schön, dass es in den anderen deutschsprachigen Ländern jeweils eigene Varianten gibt: In Österreich fährt man, wie im Wörterbuch angegeben, Autodrom; dies kann aber auch eine ‘(ovale) Rennstrecke für Motorradveranstaltungen’ bezeichnen. Im Wörterbuch bisher nicht verzeichnet ist die Südtiroler Variante Puff-Auto. Aus der Schweiz wurde uns Putschauto gemeldet. Die Bezeichnung Putschi-Auto ist nach Auskunft unserer Gewährsleute etwa in Luzern, Küssnacht, Kerns gebräuchlich, Putschi-Bahn in Zürich, Zug, Staufen, Schwyz. Lautähnlich sind weitere Schweizer und Vorarlberger Varianten wie Tütschibahn und Tätsch-Äutele.
    (Quelle: phihist.uni-augsburg.de)

    Vielleicht ist ja dann der „Tätschmeister“ eine Michael Schumacher der Kirmes, Verzeihung, „Chilbi„?

    Das Wort „Auto-Scooter“ wird neben über 200 weiteren Begriffe und ihren Varianten auf der Webseite erläutert. Da kann unser Variantenwörterbuch einpacken. Das liefert zwar schöne Originalzitat, aber nicht so hübsche Karten wie diese Webseite aus Augsburg.

  • Estrich, Dachboden und Bühne sind nur ein Teil der Wahrheit
  • Endlich erfahren wir, dass die häufig zitierten Varianten für den Dachboden, der von den Schweizern „Estrich“ genannt wird und bei den Schwaben „die Bühne“, im Wallis und in Südtirol auch als „Unterdach“ bekannt ist, und am Niederrhein als „Söller“ aus der Mode kam.

    Dachboden, Bühne, Estrich oder Söller
    (Quelle: Karte Dachboden)

    Viel Spass beim Schmökern im Register und Danke für den Tipp an Schnägge!