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Gebissprobleme in der Schweiz — Überbeissen Sie auch gern?

  • Wer einen Überbiss hat der überbeisst, oder?
  • Wenn die obere Zahnreihe gegenüber der unteren vorgelagert ist, spricht der Zahnarzt von einem „Überbiss“. Aus Wikipedia lernen wir:

    Der Überbiss kommt als Zahnfehlstellung relativ häufig vor und kann durch Tragen einer Zahnspange meist vollständig korrigiert werden.
    (Quelle: Wikipedia)

    Demnach muss die Schweiz ein Paradies für Kieferorthopäden sein, denn nur hier lasen wir wiederholt von Menschen, die gern mal „überbeissen“, wahrscheinlich weil Sie unter diesem Überbiss zu leiden haben. Bei Google-DE findet sich das Wort „überbeissen“ an mageren 31 Fundstellen, die alle etwas mit Dentalkunst oder beissenden Hunden zu tun haben.

    Anders in der Schweiz. Hier wird an über 105 Stellen bei Google-CH das Überbeissen gepflegt. So gibt es zum Beispiel bissige Leitungsteams:

    Das war vor 9 Jahren. Seither machen sich alte wie neue Veranstalter den goldenen Subventionskuchen streitig. Leitungsteams überbeissen. Profilierungsneurosen blühen in allen Farben. Politiker rühmen sich über allen Klee.
    (Quelle: Muhlehunziker.ch)

    Hostpoint mit Zahnproblemen:

    Hostpoint am Überbeissen
    (Quelle: broedel.org)

    Auch sportliche Wakeboarder zeigen Zähne:

    ich werd überbeissen auf dem board wenn du deinen air railey machst ich kanns kaum erwarten!!!
    (Quelle: polyfil.ch)

    Oft wird davor auch gewarnt:

    AdiZollet wird überbeissen, wenn er den Thread sieht
    (Quelle: tweaker.ch)

    Und wie immer in solchen ausserordentlichen kommunikativen Situationen in der Schweiz stehen wir Deutsche als Zuhörer oder Leser mit verbissener Miene daneben und fangen an, uns unauffällig an die obere Schneidezahnreihe zu fassen, um festzustellen, ob wir nun auch schon zum „überbeissen“ ansetzen oder nicht. Was in Gottesnamen unter der Tätigkeit des „Überbeissens“ bei den Schweizern eigentlich gemeint ist, kriegen wir so nicht raus.

    Warum es hingegen so häufig vorkommt, verglichen mit Deutschen Gepflogenheiten, wo das Überbeissen den Hunden überlassen wird, mag an den horrenden Kosten von Kieferorthopädischen Behandlungen in der Schweiz liegen, die die Schweizer selbst „berappen“ müssen, da die normale Krankenversicherung nicht dafür aufkommt.

    Auch in Deutschland sei das mit der Kostenerstattung schon lange nicht mehr so berauschend wie früher, erzählte uns jemand von „ennet“ des Rheins (nein, nicht aus Schaffhausen). Wer seinen Überbiss richten lassen will, bekommt nur noch einen geringen Zuschuss von der Kasse bezahlt, sofern er nicht unter 18 ist. Ob deswegen weniger Menschen in Deutschland so bissig sind, verglichen mit den friedlichen und höflichen Schweizern?

    

    12 Responses to “Gebissprobleme in der Schweiz — Überbeissen Sie auch gern?”

    1. solar Says:

      Überbeissen ist zurzeit ein Modebegriff. Vielleicht sagt man in Deutschland dafür „sich reinkriegen“??? Er kriegt sich kaum wieder rein? in der Bedeutung Er kriegt sich kaum wieder hinein/herein.

      Oder erinnere ich mich da an etwas Falsches?

      Es geht darum, vor Begeisterung, Erstaunen oder Ärger als Reaktion irgendetwas nicht ganz Übliches, Normales zu tun. Schliesslich überbeissen die Wenigsten und wers tut unds noch nicht mit einer Spange korrigiert hat, sieht etwas schräg aus.

      Ehrlich gesagt verwende auch ich jetzt den Begriff, sogar eher inflationär. Schliesslich will ich ja auch dazugehören.

      Ich erinnere mich an stets wandelnde Abgrenzungswörter für das, was heute als „geil“ bezeichnet wird. Wie waren doch die Alten geschockt über unseren (vermeintlich aus Unwissenheit falschen) Gebrauch des „lässig“. Alles war ja lässig.
      Als es die Erwachsenen selber zu verwenden begannen, sagten wir nur noch „s isch läss!“ (es ist lässig, ohne Endung). Dann folgte bald „s isch löös“.

      In neuerer Zeit gabs dann plötzlich das Tabu-Wort „geil“, „sso geil!“ und noch schockender (=schockierender): „affetittegeil“ oder gar „ober-affetittegeil“.

      Wer weiss weitere Topquality-Bezeichnungen aus der Schweiz oder Deutschland oder Österreich?

    2. lamiacucina Says:

      Militärdienstleistende kennen das überbeissen. Wer nicht, dem wird es im Lexikon der Soldatensprache unter http://www.infbat70.ch/default.asp?V_ITEM_ID=4754 erklärt: „Übersäuern, auch Durchdrehen, besonders bei Vorgesetzten“.

    3. Phipu Says:

      An Solar

      Das mit dem „sich reinkriegen“ habe ich als Schweizer ohne Fernseher (also mangels deutscher Programme) noch gar nie gehört. Man lernt hier immer etwas.

      Ich würde „überbiisse“ einfach mit den Uralt-Klassikern von „durchdrehen“ oder „wahnsinnig werden“ gleichsetzen. „Überschnappen*, durchdrehen, wahnsinnig werden“ kann man ja ebenfalls vor Freude oder aus Ärger oder aus Verzweiflung.

      Übrigens, jetzt im „Winter“ (ich weiss schon, dass wir bald auf „Sommerzeit“ wechseln) ist das Wort „durchdrehen“ wieder in Mode gekommen. Nur ist das bei Rädern, die auf glatter Strassenoberfläche keine Adhäsion haben, im Dialekt mit „schpuele“ (spulen) umschrieben. „duredräie“ ist schon eher das übernommene hochdeutsche Wort für „verrückt werden“, oder eben für „überbeissen“.

      * Jens, schade ist „überschnappen“ kein typisches Schweizer Wort. Ich würde überbeissen vor Freude, wenn ich mal eine bildliche Erklärung zu diesem Ausdruck lesen dürfte.

    4. Brun(o)egg Says:

      @ Phibu

      Es ist eben nicht „sich reinkriegen“. Das stimmt höchsten bei der Hose die spannt, weil man zugenommen hat. Es heisst „Ich krieg mich nicht mehr ein“. Absolut unverständlich für Schweizer. Kugeln vor lachen vielleicht?

      Was den Überbiss angeht. Noch Freude haben Kieferschlosser an Kreuzbissen. Da lässt sich Geld verdienen.
      Dann gibts aber noch die mit den in einem 45 Grad Winkel nachvorne stehenden Schneidezähnen. Da gibts sicher auch einen Fachbegriff.
      Netter aber find ich die volkstümliche Variante: „Er hat 10 cm Vorsprung auf den Kuchen“.

    5. Nightflyer Says:

      „überbeissen“ habe ich bisher noch nie im positiven Sinne gehört. Der Ausdruck stammt IMHO von dem „sich in die Unterlippe beissen“ (vor Wut oder Neid).

    6. Ostwestfale Says:

      „sich (r)ein kriegen“ kenne ich eigentlich nur als Aufforderung sich wieder zu beruhigen, bzw. sich zu sammeln oder auch: Eínkehr zu halten. Es ist also eher das Gegenteil von Überbeissen, das, was man nach dem Überbeissen macht/machen sollte:

      „Jetzt krieg Dich mal wieder ein!!!“

      („Kriegen“ ist dabei als Synonm für „bekommen“ analog zu „Ich kriege ein Bier“ zu verstehen.)

      Dass sich jemand scheinbar nicht mehr „einkriegt“ (beruhigt) kann dabei nicht nur nach agressiven, ausfallenden Aktionen passieren, sondern auch nach Lachanfällen, alles eben, wobei man „ausser sich“ gerät.

    7. Schnägge Says:

      „Er kriegt sich gar nicht mehr ein (vor Lachen/Wut/Freude)“ kann man sagen, aber nicht „rein“! Wer eine „reinkriegt“ muss hinterher eher zum Zahnarzt.

      „Ausrasten“ kann man in Dtl. sowohl aus Wut wie vor Begeisterung. Wer „am Rad dreht“, ist im negativen Sinne dabei, durchzudrehen. „Übergeschnappt“ ist jemand, dem „die Sicherungen durchgebrannt sind“.

    8. fuzzy Says:

      Wenn einer einen Überbiss hat, sagt man in der Schweiz gern auch mal: „Oh, der hat aber einen ziemlichen Vorsprung auf den Kuchen!“

    9. Phipu Says:

      an Schnägge

      im Sinn von „ausrasten“ gibt es den Dialektausdruck „ushänke“ (aushängen), das man leicht anders als die deutsche Analogie formulieren muss. „Hät’s dir ausghänkt?“ (Hat’s dir ausgehängt?).

    10. Andrea Says:

      Überbeissen? Das Wort habe ich nun wirklich noch nie gehört. Vielleicht braucht man das in AG/ZH weniger?

    11. Willi Says:

      Ich denke dass es zum „überbissen“ einen gewissen Anlauf braucht. Will heissen jemand steigert sich, meist für eine eigentlich unwichtige Sache, in immer grössere Erregung. Da muss der gute Rat der kameraden natürlich heissen „iz nume nid öppe überbisse“ dieser gute Rat wird mit hochgezogenen Augenbrauen und einem leichten zurücknehmen des Kopfes unterstützt.
      Ihr könnt es glauben oder nicht.

    12. Ausraster Says:

      Also mit dem Begriff überbeißen…mal wieder so ein neologismus den keiner braucht.

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