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Zuzügler werden besoffenen gemacht — Erlebnisse von Expats in Zürich

  • Nur Hochdeutsch und Englisch
  • Auf dem Blogcamp am 24.03.07 in den ehrwürdigen Katakomben der ETH in Zürich war kaum ein Wort Schweizerdeutsch zu hören. Die Begrüssung durch den Mitinitiator Peter Hogenkamp erfolgte auf Englisch. Zu Recht, denn zahlreiche „Expats“ waren zu dem Treffen erschienen. Eine Reihe von Präsentationen und Diskussionen wurden ausschliesslich auf Englisch angeboten, und einmal mehr erfuhren wir, dass es Menschen in der Schweiz gibt, die mangels Deutsch oder Schweizerdeutschkenntnisse von den aktuellen Diskussionen in der Deutschschweiz nichts oder kaum etwas mitbekommen haben, und natürlich umgekehrt wie wenig die französischen Blogs der Westschweiz nördlich des Röschtigrabens gelesen werden. Als das Wort „Röschtigraben“ in einer englischen Diskussionsrunde fiel, stellte sich schnell heraus, dass die meisten anwesenden Anglophonen mit diesem Ausdruck für die Sprachgrenze überhaupt nicht anfangen konnten.

  • Wie kann mehrsprachiges Bloggen funktionieren?
  • Stephanie Booth aus Lausanne referierte ihre Gedanken über das Problem mehrsprachiger Blogs.
    Stephanie Booth
    (Quelle Foto: Flickr.com)

    Sie ist selbst bilingual und bloggt auf Französisch und Englisch. Einen wirklich zweisprachigen Blog zu führen ist schon rein technisch gesehen eine Herausforderung. Es gibt kaum Plattformen, die Zweisprachigkeit anbieten. Suchmaschinen spielen verrückt, wenn sie zweisprachige Texte indizieren sollen. Hier ihr kompletter Vortrag (auf Englisch)

  • Expats- und andere Bridge-Blogs
  • Die Blogger-Sprachwelten sind weitestgehend von einander getrennt. Stephanie spricht darum bei zweisprachigen Blogs von „Bridge-Blogs“, die eine Brücke schlagen zwischen den (Sprach)-Kulturen. Sie erzählte uns die Geschichte des englisch-französischen Bloggers Loïc Le Meur, der für den gleichen Inhalt seines Blogs in der einen Sprachversion angefeindet wurde, während er für die andere Sprachfassung viel Zuspruch bekam. Wie winzig erscheinen uns da plötzlich unsere kleinen Sprachmissverständnisse zwischen Deutschen und Deutschschweizern. Durch das Blogcamp wurde mir erst wieder bewusst, wie merkwürdig es sein muss, mit geringen oder gar keine (Schweizer)-Deutschkenntnissen in Zürich zu leben.

  • Wie Jul in Zürich zum Ausländerausweis kam
  • Dann lernte ich Jul kennen, eine Amerikanerin in Zürich, die auf ihrem Blog „This Non-American Life“ erzählte, wie unterschiedlich es sein kann, ein „legal resident“ zu werden. Einmal in Milan (Italy) und einmal in Zurich (Switzerland):

    Becoming a legal resident in a foreign country is often about as fun as, say, having a root canal every week for months on end (ok, that’s not really fair—I’ve never had a root canal, so what do I know? The point is that it sucks.). When my husband and I moved to Milan in 2004, we had to jump through countless hoops, obtain countless documents, and visit countless government buildings to become really, really, really legal. We had to get fingerprinted and have our apartment inspected. The amount we spent on photocopying alone probably single-handedly kept Italy’s economy from collapsing. Given the decrepit state and odor of the Milanese immigration office, I never, ever want to see how Italians treat, say, criminals.

    So when we moved to Zurich a few months ago, we were prepared for the worst, although crossing our fingers that Swiss efficiency applied to the immigration process as well. I received my Ausländerausweis (an ID card for legal aliens) after two quick and painless visits to a clean, well-lit Kreisbüro. A few weeks later, a letter came in the mail for me from the immigration office. Thinking it was going to be a demand that I stand in line for five hours or have my chest x-rayed by a man with cold hands, I dreaded opening it. My jaw dropped when I finally read the contents of the envelope: it was an invitation to a free walking tour of the city (in the language of my choice) followed by a cocktail at the city hall. Seriously.
    (Quelle: This non-American Life)

    Nun, das Ganze endete dann bei einem netten Umtrunk auf Kantonskosten. Nachzulesen auf Juls Blog.

  • Abba hören im Kreisbüro bei Herrn W.
  • Jul ist nicht die einzige Expat Bloggerin in Zürich. Sehr lesenswert fanden wird die Schilderung von Jess über Ihre Begegnung mit Herrn W. im Kreisbüro, untermalt von Abba Songs:

    Herr W. greets me with a friendly „Gruezi!“ and a big smile. I instantly love him. After presenting passport, requisite papers, etc., I regard my new favorite person. He is older, with a white beard, extremely tight-fitting turtleneck sweater, and various gold man-jewelry. He is surprisingly jovial (especially for a government worker). Lots of content humming and smiling. Sifts through my offerings, then proceeds to type at his computer for about 10 minutes. I sit. Contemplating my Kreisburo.

    Behind Herr W. is a radio/cassette player. It was playing Abba when I arrived. Dancing Queen. Then Jungle Boogie. Followed by Brick House. Now some retro German disco tunes. I wonder to myself where I can get my hands on a copy of The Swiss Kreisburo Afternoon Disco Compilation. It is turned up surprisingly loud.
    (…)
    Ten (15? 20? 40?) minutes later, mein herr is done. He whistles along with a few bars of German Disco Favorites #6, and gives me a big smile. „Das ist alles!“.
    „Merci viel mal, Herr Weiss“ I smile. Happy the process is over, and at no point did Swiss police arrive & try to deport me to Liechtenstein. I nod at Herr W., wishing I knew enough German to complement his man jewelry, & grimace at Grumpy Swiss Woman at Window Eins.
    Switzerland. Unofficial motto – We’re Quirkier Than You’d Think.
    (Quelle: My Brand New Swiss Life — Jess in Zuri )

  • Ein Kreisbüro ist kein Kreiswehrersatzamt
  • Das Wort „Kreisbüro“ war uns übrigens neu. Soll es aber in Deutschland bei der SPD ziemlich häufig geben. Wir kannten bisher nur das „Kreiswehrersatzamt„. Hier wird nicht der Ersatz der Kreiswehr organisiert, sondern von hier erhält Mann den Bescheid zur Musterung. Denn das ist der Ort, an dem sich jeder junge deutsche Mann kurz nach seinem 18. Geburtstag ganz legal an die Familienjuwelen, in Deutschland als „die Klöten“ bekannt, fassen lässt und nach einem fachmännischen Kennerblick auf die gespreizten Pobacken erfährt, ob er wegen Hämorroiden nur „T2“ oder mit „Senkspreizplattfüssen“ niemals „T1“ ist, und so leider keine wirklich scharfen Dinger fliegen darf. Der Buchstabe „T“ stammt nicht aus einem bekannten Science-Fiction Film mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle, sondern steht für Tauglichkeitsgrad. Mit „T5“ ist man praktisch ausgemustert und untauglich. Da es kaum einen Deutschen ohne Zahnblomben, Augenproblemen oder Senkspreizplattfüssen in Deutschland gibt, ist die Häufigkeit von perfekten „T1“ Terminatoren relativ gering.

    

    13 Responses to “Zuzügler werden besoffenen gemacht — Erlebnisse von Expats in Zürich”

    1. Kiki Says:

      Ausgemustert ist man mit T5, lieber Jens! 😉

      T4 bedeutet „vorübergehend nicht wehrdienstfähig“ wegen der „Feststellung einer Gesundheitsstörung, die in ihrer Auswirkung auf den Wehrdienst oder in ihrem Verlauf innerhalb von vier Wochen noch nicht abschließend beurteilbar ist, wobei von einem durch Therapie oder Zeitablauf besserungsfähigen Gesundheitszustand ausgegangen werden kann.“

      (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Tauglichkeit)

      Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, da ich damals bei meiner Musterung wegen einer noch nicht verheilten Wunde nach Exzision einer Steißbeinfistel auch T4 gemustert und zunächst für ein halbes Jahr vom Wehrdienst zurückgestellt wurde.

      Nach einer weiteren OP und abgeschlossener Wundheilung habe ich dann ein ärztliches Attest zum KWEA geschickt und einige Zeit später ein Schreiben bekommen, in dem man mir mitteilte, daß ich nun „nach Aktenlage“ den Tauglichkeitsgrad T2 hätte. (T1 dürfte mir unter anderem mein Heuschnupfen verbaut haben.) 🙂

      [Anmerkung Admin: Danke für die Anmerkung, ist schon korrigiert. Es soll auch schon Leute gegeben haben, die beim Schiessen das zweite Auge nicht zugekniffen haben. „Warum machen sie das andere Auge nicht zu?“ — „Melde gehorsams, das brauche ich nicht, das ist aus Glas..“ –> ausgemustert. ]

    2. transalpin Says:

      Wer in mehreren Sprachen bloggen möchte, dem kann ich das Gengo-Plugin für WordPress empfehlen:
      http://wp-multilingual.net/gengo-downloadseite/de/
      Es sucht automatisch die passende Sprache gemäß Browsereinstellungen und Cookie aus, und ist auch lieb zu Google.

    3. lamiacucina Says:

      Das Kreisbüro kommt in google.de ganze 21’400 mal vor, allein 16’800 mal im Zusammenhang mit SPD. Bei google.ch existiert das Kreisbüro in lumpigen 549 Einträgen, und die fast alle aus ZH. Also kein urschweizerischer Begriff. Es gibt übrigens noch Karten für den Kanzler-Auftritt im Kreisbüro der SPD in Norderstedt.

      [Anmerkung Admin: Danke für den Hinweis. Obwohl ich aus einer SPD Hochburg stamme, kannte ich es nicht. Hingegen sieht man „Kreise“ und Kreisel häufig in Zürich, siehe hier .]

    4. Thomas Says:

      Zürich ist in Kreise eingeteilt. Und die Kreisbüros haben diejenige Stellung inne, die in Gemeinden die Einwohnerkontrolle innehat.
      Jeder der sich in Zürich niederlässt, war schon mal in einem Kreisbüro.

      Ach ja, im Militärjargon gibts noch das Kreiskommando.

      [Anmerkung Admin: Und im Pressejargon gibt es immer noch die gut unterrichteten Greise, die alles wissen, nicht wahr?]

    5. Phipu Says:

      Wenn wir schon bei Ämtern und Kreisen sind:

      Wer wegen dem Militärdienst in der Schweiz irgendetwas erledigen muss, der muss aufs Kreiskommando. (33’500 Google-Einträge). Im Normalfall hat man aber mit diesem Büro gar nichts zu tun. Denn die „Aushebung“, also der Moment, an dem Mann auf Diensttauglichkeit (Hat hier auch etwas mit „T“ zu tun. „UT“ ist „untauglich“.) geprüft wird, findet normalerweise in Räumen mit besser geeigneter Infrastruktur statt, als in einem Büro; nämlich in einem Schulhaus mit Turnhalle. An diesem „Stelltag“, an dem sich die „Stellbuben“ dem Militärdienst stellen müssen, werden eben auch alle möglichen gesundheitlichen Untersuchungen und sportlichen Tests durchgeführt. „Stellbuben“ sind übrigens nicht etwa Kinder oder sonst irgendwelche freche Jugendliche, sondern junge Erwachsene, die im Normalfall vor 19 Jahren den „Kreisssaal“ verlassen haben. (Siehe auch hier: http://www.blogwiese.ch/archives/127 )

      Dass eine Stadt auf administrativer Ebene in „Kreise“ aufgeteilt ist, ist sonst ein Zürichtypisches Phänomen. (So wie ein Möchtegern-Paris mit seinen Arrondissements). Siehe Link bei Lamiacucinas Kommentar

    6. Etallit Says:

      Tipp für Gäste in einem Land: Lernen Sie die Sprache, wenigstens ein bisschen, man erleichtert sich das Leben… und wenn man einen Arzt benötigt, kann man ihn selbst rufen und muss nicht zuerst ein paar Freunde um Hilfe bitten…

    7. Fiona Says:

      Die Sprache lernen. Man muss sich wirklich anstrengen!* Wie Lord Thompson (Kanadier, Milliardär schottischer Abstammung) einmal sagte „The brain is the most under-used part of the body“…. :-)) Wie wahr!!

      *Man braucht nur etwa 800 Wörter zu lernen, damit man sich im täglichen Leben zurecht kommt.

    8. Thomas Says:

      @ Admin: ich war nur etwas erstaunt, dass du als Tagi-Leser das Wort Kreisbüro nicht kanntest.
      Die Bemerkung [Anmerkung Admin: Und im Pressejargon gibt es immer noch die gut unterrichteten Greise, die alles wissen, nicht wahr?] kann ich für einmal nicht einordnen. Fühle mich mit 31 weder greisenhaft noch allwissend.

      [Antwort Admin:
      Das war nicht auf Dich konkret bezogen, sondern einfach nur ein uralt Kalauer, wahrscheinlich von Otto, der stets diese „gut unterichteten Greise“ zitierte.]

    9. neuromat Says:

      @ Fiona

      weniger ist manchmal mehr 😉 vor allem bei den Pronomen.

      Durch Intuition reichen wahrscheinlich drei- bis vierhundert Wörter aus. So wie ich intutiv denke, Du wolltest zurechtfinden schreiben. Je nachdem wie das Leben aussieht.

      Und wie sieht unser Leben aus:
      „The amount we spent on photocopying alone probably single-handedly kept Italy’s economy from collapsing.“ Das deckt sich mit einem meiner Lebensgefühle: Wir bauen eine artifizielle Welt immer weiter und weiter aus. Sie ist im Grunde nicht produktiv, aber sie partizipiert (wir nennen das auch „nassauern“) von den „Produktiven“ , belästigt sie natürlich auch – und schafft zumindest Arbeitsplätze, die dann zum Teil auch noch mit ABBA beschallt werden. Allerdings wäre ich als Amerikaner und das sind doch die Autoren sehr zurückhaltend in bezug auf irgendwelche Verfahren der „Immigration“. Getreu der einfachen Regel: Wer im Glashaus sitzt, …
      a legal alien

    10. Bürli Says:

      Der Rekrutierungstag gibt es nicht mehr Phipu. Jetzt geht man drei Tage in eines der siben speziell dafür eingerichteten Rekrutierungszentern. Die drei Tage werden übrigens als Militärdienst angerechnet.

      Resultat ist: Tauglich und somit Militär- oder Zivieldienst (Nur wer Tauglich ist kann auch Zivildienstleisten und nur im Ausnahmefall wenn nachgeweisen werden kann, dass man eine Unvereinbarkeit mit seinem Gewissen nachweissen kann http://www.vtg.admin.ch/internet/groupgst/de/home/armee/angeh/zivildienst.print.html?)

      Untauglich: Zivilschutz oder gar nichts. Wer in einem Jahr zuwenige Diensttage leistet, weil Untauglich oder Urlaube oder sonst was muss Militärersatzt zahlen. Soviel ich weiss auch der Schwerstbehinderte mit 100% IV im Rollstuhl.

      Beliebt ist auch der sogennant „Blauer Weg“ in dem man ein psychiatrisches Gutachten (ca. Fr. 600.-) erstellt und so seine untauglichkeit „beweist“. Dort steht dann was von einer ganz schlimmen Kindheit, einnässen nach Anlick einer Schusswaffe oder schlimmste Angstzustände wenn der eigene Vater jeweils das „Gwändli“ für den WK anlegte.

    11. Thomas W. Says:

      Ich habe für einen Amerikaner, der zwischenzeitlich bei uns im Betrieb arbeitete, die Aufenthaltsangelegenheiten mit dem Münchner Kreisverwaltungsreferat mit geklärt.

      Interessanterweise ging dies ziemlich reibungslos – quasi ruck-zuck, obwohl er dummerweise ohne Arbeitsvisum nach Deutschland eingereist war. In Amerika wäre man da gleich verhaftet und ausgewiesen worden. In dieser Hinsicht scheint es also in Deutschland einfacher zu sein als in Italien. Und Jens müsste doch in dieser Hinsicht bestimmt auch Frankreich und die Schweiz miteinander vergleichen können, oder?

      [Anmerkung Admin: Mein Posting „Wie ich in Frankreich eine Aufenthaltsbewilligung beantragte“ kommt in den nächsten Tagen, versprochen 😉 ]

    12. DrKöbes Says:

      Aufenthaltsbewilligung in Frankreich gibts nicht mehr für EU Bürger. Ich wollte meinen „Titre de Sejour“ vor zwei Jahren nach „Zügeln“ in Frankreich auf die neue Adresse ändern lassen – nix da – gibts nicht mehr.

      Das Blöde ist: Jetzt hab ich nur noch meinen Reisepass als einziges offizielles Dokument und da steht nur der Ort, aber keine detaillierte Adresse drin. Jetzt schlepp ich immer irgendwelche aktuellen EDF oder France Telecom Rechnungen mit mir rum um im Fall der Fälle meine Adresse nachweisen zu können.

      Die o.g. Rechnungen sind in Frankreich sowieso die einzig gültigen Adressnachweise – auf der Bank; bei der KFZ Zulassung; etc.. Früher brauchte man die auch um an den „Titre de Sejour“ zu kommen.
      Also: Erst Einreisen; dann Wohnung/Haus kaufen/mieten; Telefon und Strom anmelden; erste Rechnung abwarten; dann Aufenthaltsbewilligung beantragen – lief damals eigentlich ohne Problem.

      Zu den Helden Deutschlands: T5 ist Ersatzreserve II, d.h. im Ernstfall gehen die als erste Welle mit Schüppe zum Minenfeldräumen (Immer fest draufhaun, Jungs !!)

    13. Henry Says:

      @ DrKöbes Says:
      March 26th, 2007 at 5:52 pm

      … genauso funktioniert es in France. Erst einmal ansiedeln; also sich einkaufen. Dann hat man eine Adresse. Waaaas? Das reicht nicht? Doch, doch. Die Telecom-Rechnung alleine reicht schon, zusammen mit dem Reisepass. Schon bist Du integrierter Franzose. Gleiches Vorgehen hat mich allerdings in Liechtenstein ganz heftig auf die Nase fallen lassen. Die sind NOCH restriktiver also die Eidgenossen.

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