Wenn der Traktor über Bord geht

März 26th, 2009

(reload vom 20.4.06)

  • Ein Bord hinunter stürzen ist nicht über Bord gehen

  • Wir entdeckten in einer Meldung der Polizei Basel-Landschaft:

    Am Freitag, 24. Februar 2006, um 10.00 Uhr, stürzte ein Traktor am Steinrieselweg in Brislach BL rund fünf Meter ein Bord hinunter. Der Fahrer blieb unverletzt.
    (Quelle: bl.ch)

    Wir machen uns natürlich Sorgen bei dieser Meldung, ob auch dem Lenker nichts zugestossen ist? Vielleicht ist er ja verbogen, in dem Fall? Besonders spannend finden wir an dieser Meldung die Bezeichnung „ein Bord“, denn das war uns bisher nur in ganz anderen Kontexten bekannt.

  • Mann über Bord, Tassen auf das Bord
  • Nämlich in der Seefahrt, wenn jemand „über Bord“ geht, und sich dann im Meer wiederfindet, in der Hoffnung, dass seine Kollegen „an Bord“ ihn wieder rausfischen werden. Oder in der Küche, wenn wir Tassen auf „ein Bord“ stellen, welches wir dann Neudeutsch „Cupboard“ nennen. Oder wir stellen sie im Wohnzimmer auf unser schickes neues „Sideboard“.

    Die Polizeimeldung berichtet weiter:

    Ein 29-jähriger Traktorfahrer war mit der an dem Gefährt angebrachten Schaufel damit beschäftigt, den Steinrieselweg, eine Naturstrasse, zu planieren. Plötzlich bemerkte der Mann, dass bei der Schaufelaufhängung ein Bolzen lose war. Er hielt auf der abfallenden Strasse an und wollte Nachschau halten. Weil er die Handbremse zu wenig stark angezogen hatte, machte sich der Traktor selbstständig und stürzte rund fünf Meter das Bord hinunter.
    (Quelle: bl.ch)

  • Haltet die Nachschau!
  • Auch die Nachschau haben wir noch nie gehalten, bisher kannten wir nur die „Nabelschau“. Wenn man die Nachschau nicht hält, läuft sie dann weg? Immerhin finden wir 268 weitere Belege für „Nachschau halten“ bei Google-Schweiz. Auch in Österreich und Deutschland ist diese Formulierung beliebt, mit Vorliebe taucht sie aber in Schweizer Berichten auf.

    Beim auf der Seite liegenden Traktor lief ein wenig Dieselbenzin aus, welches von der Feuerwehr Brislach aufgenommen wurde. Der Traktor konnte durch den von der Polizei Base-Landschaft aufgebotenen Abschleppdienst in einer spektakulären Aktion wieder auf die Strasse gehoben wurde.

    Andere Städte nehmen Flüchtlinge auf, manche Führungskräfte auch die Arbeit. Hier wird zur Abwechslung mal Dieselbenzin nicht entsorgt oder abgesaugt, sondern aufgenommen. Na klar, es hatte sich ja in der Zwischenzeit auch mit dem Erdreich verbunden. Das der Abschleppdienst nicht einfach bestellt oder geholt, sondern in der Schweiz gleich „aufgeboten“ wird, fiel uns zum Schluss gar nicht mehr auf. Hier dreht sich ständig alles ums „Aufgebot“ , da fällt ein Abschleppwagen mehr oder weniger auch nicht ins Gewicht.

    Nicht das wir uns jetzt als Deutschtümler oder ewige Sprach-Nörgler bezeichnen lassen. Die Meldung der Polizei-Basel (die im Original Text zur Base-Landschaft mutierte, kann mal passieren, bei soviel Säuren und Basen, welche dort in der Chemie produziert werden) ist sprachlich absolut einwandfrei, aber gleichzeitig ein ganz typisches Exemplar Schweizer Schriftsprache, erkennbar am „Bord“ und am „aufbieten“.

  • Was heisst „Bord“ in der Schweiz
  • Wir finden die Antwort im Variantenwörterbuch auf Seite 130:

    Bord CH das; -(e)s, -e/Börder:
    kleiner Abhang, Böschung
    ,
    aufgeworfener oder abschüssiger Rand:
    „Die Wucht des Aufpralls katapultierte [das] Auto zuerst gegen das Heck eines Lieferwagens und schleuderte es danach das Bord hinunter (NLZ 3. 10.2001, Internet)

    In „Gemeindeutschen“, wie das Variantenwörterbuch die Standardsprache nennt, sind nur „Schiffsbord“ und „Ablagebrett an der Wand“ bekannt. Und wenn die Deutschen vom „Bordstein“ oder der „Bordkante“ reden, dann meinen sie den Schweizer „Trottoirrand“.

    Es gibt auch noch die Varianten „Bachbord“ (das nicht mit dem „Backbord“ des Schiffes verwechselt werden darf), „Bahnbord“, „Strassenbord“, „Wegbord“ und, was uns ganz besonders freut, das „Wiesenbord“! Auf keinen Fall darf man an das hübsch Wort „Bord“ noch die Endung „-ell“ anfügen, denn dann ändert es gleich ungemein seine Bedeutung.

    Beim Forfait reut es uns das Reugeld

    März 11th, 2009

    (reload 9.4.06)

  • Gimmi five, gimmi four, gimmi Forfait
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt für Wettrennen und Vertragsstrafen, am 25.03.06 auf Seite 12 die traurige Mitteilung:

    „René Rindlisbacher muss für die neue Fernsehserie „Der Match“ auf SF2 Forfait geben. Der Zürcher Komiker hatte am Dienstag nur wenige Stunden vor der Premiere seines neuen Bühnenprogramms einen Kreislaufkollaps erlitten.“

    Forfait geben
    Wir wünschen René Rindlisbacher an dieser Stelle natürlich gute Erholung vom Stress. Wir schätzen ihn sehr als begnadeten Situationskomiker bei der Schweizer Fassung von „Genial Daneben“ und als ehemaligen Moderator von „Wer wird Millionär“ Schweiz, auch wenn es mit der Gnade in letzter Zeit in der Sendung von Frank Baumann nicht mehr ganz so glänzend bestellt gewesen sein sollte. Kann ja wieder kommen, die Gnade, nicht die Sendung, denn die kommt auf jeden Fall gnadenlos jeden Dienstag um 20.00 Uhr im Schweizer Fernsehen. Halt! Es gab doch ein bisschen Gnade in dieser Sache, denn die Sendung wurde auf Sonntags 22:55 Uhr verlegt. Ausserdem wurde das Preisgeld für nicht gelöste Fragen um 100% erhöht, so sage und schreibe 100 Franken auf 200 Franken. Lösen die eigentlich mittlerweile auch mal eine Frage?

  • Geht es um den Match?
  • Jedenfalls verdanken wir dieser kurzen Notiz im Tages-Anzeiger eine neue Wortentdeckung. Nein, nicht „der Match“, das ist uns nix Neues. Denn Match haben wir vor der Haustür bei diesem fiesen Regenwetter jeden Tag, wenn wir auf den Parkplatz gehen, oder mit dem Hund aufs Feld. Wir kriegen ihn kaum wieder von den Schuhe, so fies klebt der an den Sohlen. Wahrscheinlich sollte es bei dieser neuen Fernsehserie auf SF2 um Schlammschlachten mit Match handeln, so genannten „mud-wrestling“ oder einem zünftigen „jawing match“. Nicht unser Stil, wir gucken lieber Talkshows.

  • Was heisst „forfait geben“?
  • Entdeckt haben wir das Wörtchen „forfait geben“. Wir kennen „gimmi five“, vielleicht gibt es ja auch „give me four“, „give me forfait?“
    Unser Duden belehrt uns wie immer eines Besseren:

    Forfait, das; -s, -s [frz. forfait = Reugeld (2),

    Was ist denn Reugeld? Klingt wie eine Hundekrankheit, die Räude, aber die schreibt sich ja mit „äu“. Es handelt sich hier bestimmt wieder um eine Übersetzung von 1871 von Campe und Co:

    Reugeld, das:
    1. (Rechtsspr., Wirtsch.) Geldsumme, die vereinbarungsgemäß beim Rücktritt von einem Vertrag zu zahlen ist.
    2. (Rennsport) Geldbuße, die der Eigentümer zu zahlen hat, wenn er sein zu einem Rennen gemeldetes Pferd nicht teilnehmen lässt.

    Der Duden weiss aber auch, was „Forfait“ besonderes in der Schweiz bedeutet:

    Forfeit] (schweiz., bes. Sport):
    Zurückziehung einer Meldung bes. für einen Sportwettbewerb; Absage: (…)

    Forfait geben (seine Teilnahme absagen; seine Meldung zurückziehen)
    :
    Die Rückenschwimmerin … musste schon auf die WM verzichten, ihre Schulterprobleme zwangen sie, auch für die nationalen Titelkämpfe Forfait zu geben (NZZ 29. 8. 86, 44).

    Da haben wir es! Hier wird überhaupt nichts gegeben, hier wird einfach nur die Teilnahme abgesagt, und zwar in eleganter französischer Form. Da sage noch mal einer, dass Englisch die Sprache des Sports in der Schweiz sei. Nach der Barrage, in der gespielt wird, und der „Blamage“, die nie eintreten wird, nun das „Forfait“, von dem wir nicht mal die deutsche Version „Reugeld“ wirklich kannten.

  • Wer verwendet denn das?
  • Ob das viele sagen in der Schweiz? Na, aber locker 1’640 Fundstellen bei Google-CH. Und in Deutschland? Immerhin noch 168 Funde, was ja nicht sooo schlecht ist. Doch es stellt sich raus, dass es fast alles Schweizer Websiten sind, die nur in Deutschland gehostet werden.

    Dafür ist der Begriff „Reugeld“ in Deutschland 3’060 Mal belegbar. Wir lesen vielleicht einfach nicht intensiv genug den Sportteil bzw. die juristischen Fachblätter, die sich mit 353 BGB „Rücktritt gegen Reugeld“ befassen. Da reut es uns dann das Geld, die zu kaufen.

    In der Tagi-Meldung vom 25.03.06 heisst es weiter:

    Zurzeit werde eifrig nach einem Ersatz für Rindlisbacher gesucht, allfällige Kandidaten werden aber keine genannt. Am 9. April werden 18 prominente Schweizer in ein Fussballcamp einrücken und unter Trainer Gilbert Gress den Alltag von Profifussballern leben.

  • Und was heisst „allfällig“?
  • Also nur kein Stress unter Trainer Gress. Ob „allfällig“ bedeutet, dass die häufiger mal hinfallen oder bald alle zu den Gefallenen (in welchem Krieg?) zählen, wissen wir nicht. Das Wörtchen gehörte bisher nicht zu unserem Wortschatz. Aber auch hier hilft uns der Duden:

    allfällig [auch: ] (bes. österr., schweiz.):
    etwa[ig]; allenfalls, gegebenenfalls [vorkommend], eventuell:

    Das soll uns doch allfällig mal nützlich sein, wenn die Zeit fällig ist!

    Jetzt blas mir doch in die Schuhe — Air Condition auf Schweizerdeutsch

    März 10th, 2009

    (reload vom 8.4.06)

  • Heisse Füsse auf dem Weg der Schweiz
  • Die Schweizer sind ein wanderlustiges Völkchen. Gern sind sie in ihren wunderschönen Bergen unterwegs, zum Beispiel auf dem „Weg der Schweiz“, der in knappen 36 Km am Tag rund um den Urnersee bewältigt werden kann (vgl. Blogwiese)
    Der Weg der Schweiz rund um den Urner See

  • Was tun gegen heisse Füsse?
  • Natürlich werden bei solchen sportlichen Aktivitäten, vor allem wenn sie im Sommer stattfinden, schnell mal die Füsse heiss. Was tun gegen die unerwünschte Hitze im Schuhbereich? Genau, da hilft nur Frischluft. Also fordern sich die Schweizer gegenseitig gern auf:
    „Jetzt blas mir doch in die Schuhe“,
    oder auf Schwiizerdütsch:
    „Du chasch mer mal i d‘Schueh blasä.“.

    Auffällig ist hier die persönliche Anrede auf der Du-Ebene. Selbst wenn ein Schweizer allein ist, vermutet er oft die Ursache seines Kummers bei den heissen Füssen. Darum hört man ihn dann auch leise vor sich hin brummeln: „Jetzt blas mir doch in die Schuh“.

    Auch der Schweizer Kult-Liedermacher Mani Matter erwähnt diesen Wunsch in seinem Lied „Ds Nüünitram“, hier sogar auf Bärndütsch „id Schue!“

    Druf ischs wider stiller worden und de schliesslech Rue
    Ds Nüünitram isch hinden um e Rank em Depot zue
    Eine het no grüeft: I pfuuse, blaset mir id Schue!
    Und dir heit jitz vo mym Gschichtli sicher alli gnue
    (Quelle: )

    Selbst kommen sie ja nicht dran, an den heissen Fussbereich, jedenfalls nicht der durchschnittlich trainierte Schweizer, also braucht er Unterstützung vom Nebenmann.

    Wenn sie es unterlassen, das „In die Schuhe blasen“, dann gibt es selbige, nämlich Blasen, und zwar in den Schuhen, genauer gesagt: An den Füssen.
    Da wurde zu wenig in die Schuhe geblasen

    Merke die Schweizer Lebensweisheit: „Gegen Blasen im Schuh hilft nur in die Schuhe blasen„.

    Nach einer anderen Theorie, die wir jedoch nicht teilen, würden die Schweizer in die Schuhe reinblasen, um dann den Geruch so richtig tief inhalieren und geniessen zu können. Der Grund: Exzessive Käsesucht im fortgeschrittenen Stadium.

    Alles klar? Dann sind jetzt alle entlassen und dürfen sich zur Abwechslung mal die Füsse im kühlen Urnersee waschen.

    Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben

    März 5th, 2009

    (reload vom 5.4.06)

  • Es dunkt mich nur im Dunkeln
  • Wenn Sie in der Schweiz leben, lernen Sie nicht nur die Dunkelheit zu deuten, nein, Sie lernen auch, dass „es dunkt mich“ oder „es dünkt mich“ nichts mit Dunkelheit zu tun hat, sondern durchaus häufig vorkommende Ausdrucksmöglichkeiten des Schweizers im Alltag sind. Für „Es dunkt mich“ findet Google-Schweiz 161 Belege. Versuchen wir es hingegen bei Google Deutschland, so gibt es zwar zu „es dunkt mich“ auch 68 Textstellen, die ersten 10 Zitate gehen aber bereits zurück auf Angelus Silesius , dem Dichter des deutschen Barock (1624-1677).

  • Den Schweizern dünkt es oft
  • Hingegen in der Schweiz „dünkt es“ mal mit und mal ohne Umlaut recht häufig. Für „Es dünkt mich“ fanden wir bei Google-Schweiz 380 Einträge. Beispiel für „es dünkt mich„:

    Es dünkt mich, dass je länger ich danach suche, desto unklarer werden sie.
    (Quelle: undsoweiter.ch)

    Oder hier:

    Es dünkt mich, als käme das, was ich andern gegeben habe, auf verschiedenen Wegen wieder zurück.
    (Quelle: www.textalacarte.ch)

    Noch viel häufiger „deucht“ es in der Schweiz, Google-Schweiz findet 475 Belege . Beispiel:

    Es deucht mich, dass Waffen jenseits und diesseits der Staatsgewalt keinerlei Daseinsberechtigung haben.
    (Quelle: metropolitans.kaywa.ch/washington/geisterstunde_der_kanoniere.html)

  • Warum mehr „deucht“ als „dünkt“?
  • Das verrät uns der Duden. Der behauptet wie immer steif und fest, dass diese Wörter „veraltet“ sind. Wir dachten immer, der Duden sei das Wörterbuch für den gesamten deutschen Sprachraum, wertfrei und rein deskriptiv-beschreibend? Wie kommt es dann nur immer wieder zu diesen krassen Fehleinschätzungen, eine Verbform sei veraltet, wenn sie doch täglich von vielen Schweizern praktisch verwendet wird?

    dünken (unr. V.; dünkte/(veraltet:) deuchte, hat gedünkt/(veraltet:) gedeucht)
    [mhd. dünken, dunken, ahd. dunchen, eigtl. = den Anschein haben, zu denken] (geh. veraltend):
    a) jmdm. so vorkommen, scheinen:
    mich/(seltener:) mir dünkt/(veraltet:) deucht, wir werden scheitern/dass wir scheitern werden; ihr Verhalten dünkte ihn/(seltener:) ihm seltsam; Wen das Leben herrlich dünkt, der gestaltet es am gründlichsten um (Brückner, Quints 272); (…)
    b) (d. + sich) sich zu Unrecht etw. einbilden, sich für etwas halten:
    du dünkst dich/(seltener:) dir etwas Besseres/ein Held [zu sein].
    (Quelle duden.de)

  • Dünkel ist keine Biermarke
  • Das einzige Überbleibsel, dass wir im Hochdeutschen von dieser wunderbaren Verbform noch kennen, ist der

    Dü.n|kel, der; -s [für mhd. dunc = Meinung, zu dünken] (abwertend):
    übertriebene Selbsteinschätzung aufgrund einer vermeintlichen Überlegenheit; Eingebildetheit, Hochmut: ein intellektueller, akademischer Dünkel; es steckt da ein Dünkel, fast etwas wie Snobismus dahinter (A. Kolb, Daphne 87).

    Leicht verwechselbar mit „Dinkel“, den wir alle von der schwäbischen Biermarke „Dinkel-Acker“ kennen, benannt nach der Getreideart Dinkel, die im ökologischen Landbau verstärkt angebaut wird. Da diese Sorte auch raueres Klima verträgt, wächst sie gut auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb.

    Eins zum Schluss: Liebe Schweizer, lasst Euch vom Duden den Gebrauch der Deutschen Sprache nicht vorschreiben. Wenn es nur weiterhin kräftig „dunkt“ und „dünkt“ in der Schweiz und anderswo, dann werden die Herren in Mannheim ihre Zitatesammlung bald ausweiten müssen und diese Wortformen wieder auf „nicht mehr veraltet“ zurück stellen müssen. Es dunkt mich nun, dass dieses Thema ganz ohne Dünkel genug ausgedeutet ist.

    Verunmöglichen Sie doch mal das Verhühnern einer Verzeigung

    Februar 27th, 2009

    (reload vom 1.04.06)

  • Verzeigungen und andere Spezialitäten mit „ver“
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 19.03.06

    Die Verzeigungen wegen Cannabis-Konsum nehmen von Jahr zu Jahr zu.

    Verzeigungen

    Jetzt haben wir dieses Wort schon so oft gelesen, und wissen genau, dass man in der Schweiz nicht nach Canossa gehen muss, im Büsserhemd wie einst Heinrich IV, um Busse zu tun, falls man auf Grund von „fehlbarem“ Verhalten verzeigt wurde und eine „Busse“ auferlegt bekam, sondern dass dann eher an Bezahlung in bar oder per Überweisung gedacht ist.

    Und dennoch können wir uns nicht ganz Abfinden mit den „Verzeigungen“, denn wer zeigt da eigentlich auf was, und kann man die Verzeigungen auch verzeihen, oder sprengt das jegliche sprachliche Auffassungsgabe? Die Schweizer haben da noch ein wunderbares Wort dafür, wenn etwas „unmöglich“ gemacht wird, dann wird es schlicht und einfach „verunmöglicht“.

    Fragen wir doch das Variantenwörterbuch des Deutschen:

    Verzeigung CH die;-,-en (Recht): ‚Strafanzeige’:
    132 Lenker wurden mit Bussen zwischen 40 und 250 Franken bestraft, in 22 Fällen kam es zu einer Verzeigung beim Polizeirichter (TA 30.10.1999,15)

    Der nette Mensch, der sie verzeigte, hat in der Schweiz auch einen hübschen Namen. Es ist der „Verzeiger“, und wenn es eine Frau ist, dann halt eine „Verzeigerin“. Wir müssen unweigerlich an Stehgeiger denken, lesen wir vom Verzeiger.

  • Verunfallen und verwohnen

  • Die Schweizer scheinen eine ganz besondere Vorliebe für Wörter mit der Vorsilbe „ver“ zu haben. (Wir erinnern nur an „Ver-micelles„). So hat man in der Schweiz nicht einfach einen Unfall, sondern man „verunfallt“ und wenn sie lange in einer Wohnung gewohnt haben, dann würde man in Deutschland eine solche Wohnung „abwohnen“, so wie „absitzen“ der Strafe im Knast, während man in der Schweiz die Wohnung „verwohnt“.

    „Wer sich nicht daran stört, dass die Wohnung einen (…) etwas verwohnten Eindruck macht…, wird sich schnell wohl fühlen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 20.3.1998, nach Variantenwörterbuch)

    Verwohnen“ bitte auf keinen gar keinem Fall mit „verwöhnen“ verwechseln, das wäre peinlich. Sagt die potentielle zukünftige Schweizer Mieterin bei der ersten Besichtigung der neuen Wohnung: „Darf ich sie auch ein bisschen verwohnen“, könnte das von einem Deutschen Vermieter als „verwöhnen“ verstanden und völlig falsch interpretiert werden.
    Haben Sie auch schon mal etwas verhühnert?

  • Haben Sie hier Hühner gehalten?
  • Wenn es sehr sehr unordentlich zugeht bei den Schweizern, wenn dann etwas „durch Unordnung oder Unkonzentriertheit verlegen, verloren oder vergessen“ wird, dann spricht man in der Schweiz von etwas „verhühnern“. Vielleicht weil so ein Huhn manchmal sein frisch gelegtes Ei nicht wieder finden kann, und es so „verhühnert“ hat? Sie haben das Wort bisher noch nicht gehört? Nun, das liegt einfach daran, dass es sehr selten so unordentlich bei den Schweizern zugeht. Wir erinnern wieder an die Erfahrungen der Schweizer im Bereich Agrartechnik (vgl. Blogwiese von gestern).

  • Von Schusseln und verschusseln
  • Wenn Sie in Deutschland übrigens ihren Schlüssel nicht mehr finden, haben sie ihn nicht verhühnert, sondern „verschusselt“. „Ich Schussel!“ wäre dann der dazu passende Ausruf. So ein Schussel kann auch ein Sprung haben, den allerdings dann eher in der Schüssel, wenn er nicht ganz richtig tickt im Kopf.