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Im Sperrfeuer, im Stausee und in der Verbannung: Die merkwürdigen Spielorte der Schweizer Fussballer

  • In der Barrage spielen:
  • Die Schweizer möchten an der nächsten Weltmeisterschaft in Deutschland teilnehmen. Leider konnten sie sich nicht rechtzeitig qualifizieren und müssen nun „in der Barrage spielen“ (Titel Blick-Online vom 14.10.05).

    Natürlich verstehe ich als Deutscher wieder kein Wort und frage alle Schweizer in meiner Umgebung, was das denn heisst, „in der Barrage„. Niemand weiss was Genaues. Also frage ich das wunderbare Online-Wörterbuch LEO und erfahre

    Der Damm, die Sperre, das Sperrfeuer, das Sperrwerk, die Stauanlage, der Staudamm, die Staustufe, das Stauwerk, die Stützschwelle, das Trommelfeuer und das Wehr.
    (Quelle)

    Also entweder findet das nächste Spiel in einem Stausee statt, oder irgendwo in einem Krisengebiet (Trommelfeuer, Sperrfeuer)?

    So nicht schlauer geworden, versuche ich mein Glück bei der Süddeutschen Zeitung. Dort heisst es: Die Schweiz muss „Ab in die Relegation„. Barrage heisst Relegation. Ach so! Das hilft uns jetzt mächtig weiter, finden Sie nicht auch?

    Doch zum Glück haben wir ja Wiki:

    Relegation ist als Fremdwort nach einem lateinischen Wort (relegatio) gebildet. Ursprünglich bedeutet eine Relegation, dass man fortschickt, entfernt, ausschließt, verweist, verbannt, zurückweist. Bei den Römern bezeichnet sie speziell die mildeste Form der Verbannung, eine zeitlich oder räumlich begrenzte Verbannung (Quelle).

  • Gefährliche Zeiten für die Schweizer
  • Erst in den Stausee, dann ins Sperrfeuer, und jetzt in die Verbannung? Die Schweizer leben in gefährlichen und verwirrenden Zeiten.

    Aber es geht noch weiter, denn auch im Fussball kommt dieses Wort vor:

    Der Begriff „Relegation“ wurde seit 1982 umgangssprachlich auf verschiedene ähnliche Entscheidungsspiele und Entscheidungsrunden übertragen, bei denen es in der Regel um den Zugang zu einer Fußball-Liga oder einer Liga einer anderen Sportart geht. Oft handelte es sich dabei um reine Aufstiegsspiele oder Aufstiegsrunden, in denen alle beteiligten Mannschaften nur aufsteigen wollten, aber keine den Abstieg verhindern musste, z.B. in einem Entscheidungsspiel zwischen Tabellenführern zweier Ligen. Der im Fußball hierfür eigentlich geprägte und sprachlich korrekte Begriff lautet nicht „Relegationsspiel“, sondern „Qualifikationsspiel“. Ins Deutsche übertragen: nicht Abstiegsspiel, sondern Aufstiegsspiel. Ein Akt unfreiwilliger Komik ist es, wenn ein Trainer oder Spieler der Presse sagt „wir wollen die Relegation erreichen“. Dies heißt nämlich auf Deutsch „Wir wollen absteigen“.

  • Und was weiss Wiki zu „Barrage“?
  • Eine sogenannte Barrage gibt es in der Schweizer Fussballliga. Hier spielen der Tabellenneunte der sogenannten Super League gegen den Tabellenzweiten der Challenge League um einen Platz in der Super League. Der Sieger steigt in die Super League auf, der Verlierer bleibt in der Challenge League oder steigt von der Super League aus ab.

    Nur falls Sie nicht mehr ganz auf dem Laufenden sind: Es geht hier um Fussball in der Schweiz. Das ist dieses kleine viersprachige Land südlich von Deutschland. Hier heissen die Fussball-Ligen „Super League“ und „Challenge League“, weil dann am wenigsten Zoff zu erwarten ist zwischen Deutsch-Schweizern, Romands, Tessinern und Romantschen. Genial einfache Strategie, nicht wahr? Anstatt in vier Sprachen zu übersetzen nimmt man einfach die Lingua Franca des 21. Jahrhunderts, nämlich Englisch.

    Also wird dieser Begriff übertragen von den Mischmasch-Spielen intern zu den Mischmasch-Spielen zur WM Qualifikation. Nur was uns niemand erklären kann, warum für ein und dieselbe Sache nun zwei so ungenauer Ausdrücke verwendet werden, die gar nichts miteinander zu tun haben. Und warum die Schweizer „Barrage“ und nicht „Relegationsspiel“ dazu sagen.

    Zu mindesten Letzteres können wir klären. Es kommt aus der Französischen Sport-Fachsprache, denn dort wurde „Relegationsspiel“ mit „match de barrage“ übersetzt. Quelle

    Nun bleibt zu hoffen, dass die Schweiz auch gegen die Türkei gewinnt und damit diese ganze Recherche nicht umsonst war!

    

    15 Responses to “Im Sperrfeuer, im Stausee und in der Verbannung: Die merkwürdigen Spielorte der Schweizer Fussballer”

    1. M Graf Says:

      Hallo! Wirklich sehr geiler Blog!

      Bin in der gedruckten Zeitung darauf aufmerksam geworden…

      Hey,d u bist berühmt 😉

      http://www.20min.ch/handy_und_tech/pc_und_internet/story/20389226

    2. Peter Says:

      Jens, wann wird die barrage von den Schwyzhoppers eingerissen? Ich erinnere Dich: „Wo bleiben Hugo Koblet und Ferdi Kübler? Wo die Tour de Suisse? Wo die Velo-Elitetruppe des Militärs?“
      Herzlich grüßt Peter

    3. Philipp F. Says:

      Glückwunsch!

      http://www.20min.ch/handy_und_tech/pc_und_internet/story/20389226

    4. jessica Says:

      hi,

      ich bin über das Bild im 20 min. auf deine Seite aufmerksam geworden und finde deinen beitrag vor allen für eine frau super erfrischend und lustig.
      vielen dank für den morgentlichen Imput und Lacher.

      mfg

    5. beat Says:

      Ich hab Dich heute im 20Minuten gelesen! Das freut mich für Dich!

    6. Claus Says:

      Ein wunderbarer Beitrag! Damit ist dann auch die Frage geklärt, warum der Torwart „Goalie“ heisst, es „Offsides“ gibt, etc.

    7. Armand Says:

      Hallo Jens-Rainer,
      Liebe kopfschüttelnde Deutsche,
      Liebe lachende Schweizer,

      es fasziniert mich als Schweizer immer wieder, wie fassungslos Deutsche sind, die in unser Land kommen und feststellen, dass wir trotz verwandter Züge ein eigenständiges Land sind, eines, das für die meisten Deutschen manchmal so exotisch wirkt wie Grossbritannien oder Japan. Der Unterschied ist aber, dass sie aber nicht mit dieser Exotik gerechnet haben, dass sie uns für eine Art von Süddeutschen hielten, die einen noch etwas verschrobeneren Dialekt als die Bayern pflegen.
      Die Schweiz gehört aber faktisch seit 1499, politisch seit 1648 nicht mehr zum alten deutschen Reich. Und sie ist als Begegnungsraum von vier unterschiedlichen Kulturräumen ganz anderen Einflüssen ausgesetzt – und schon immer gewesen. Deshalb haben sich eine eigenständige Sprache, Kultur und Politik entwickelt sowie soziale, politische und kulturelle Traditionen – mit allen Unlogiken und Ungereimtheiten, Du Du so zielsicher und witzig aufs Korn nimmst. Ich lache mich tot über deine treffenden Kommentare, wünschte mir aber, unser Land würde in Deutschland nicht immer nur als quasi südbaierisches niedliches Gartenzwergeparadies wahrgenommen.

    8. Barbara Says:

      Naaaaa..Superleague, wer sagt denn sowas? Als exzentrischer Emmentaler mit italienschen Wurzeln und einer Affinität zum FC Thun (da in der gleichnamigen Stadt das Licht der Welt erblickt und mit einem Vater gesegnet, der den ‚Gräni‘ Latour persönlich kennt!) sage ich noch heute – Nationalliga A und Nationalliga B.

      Ausserdem – es heisst – wenn schon denn schon – AXPO Superleague *prust*

    9. Exgüsi Says:

      sie hend a ussergwöhnlichi humoristischi begabig! Hend sie scho mol dra denkt zum as buach schriiba?
      das würd sich sicher ganz guat verkaufa!
      Entschuldigend sie bitte, dasi in bündnerdialekt schriba aber i bin miar das so gwöhnt…

      Wiiter so!

    10. Claudia Says:

      ja also dem regen sagen wir nicht raggen…und auch einige andere ausdrücke sind nicht korrekt….

    11. Georges Says:

      (Diesmal ohne Rechtschreibefehler)

      Da muss ich noch eine wahre Begebenheit anfügen:
      Joachim Schubert-Ankenbauer ist deutscher Journalist mit Wohnsitz Genf. Kürzlich hat er im MDR über das Fussballspiel CH-F erzählt. Dabei erwähnte er auch, welchen Kosenamen die Schweizer für ihre Nationalmannschaft verwenden “die Nati”. ABER: das konnte er im D-Rundfunk natürlich nicht naturgetreu aussprechen (”Nazzi”), sondern er hat immer von der “Nathi” gesprochen. Jetzt meinen alle Deutschen, dass wir „Nathi“ sagen.

    12. Weiacher Geschichte(n) Says:

      Zur runden Verkehrstafel mit schwarzem Rand und einem Panzer im gelben Feld: sie gilt ausschliesslich für Fahrzeuglenker in Militäruniform mit einem Militärfahrzeug. Konkret bedeutet das Schild, dass Kampfpanzer nicht durchfahren dürfen, (Rad)-Schützenpanzer aber erlaubt sind. Andere Militärfahrzeuge natürlich auch.

    13. Stefan Says:

      Danke für die erste vernünftige Erklärung des merkwürdigen Ausdruckes „barrage“ – sonst konnte mir bisher niemand erklären, woher das Wort (plötzlich?) aufgetaucht ist, meine Wörterbücher brachten auch nichts ausser den Staumauern, und ich interessiere mich normalerweise nicht für Fussball.

    14. Thomas Says:

      Hi,

      super Beitrag. Nun hat Günther Netzer das Wort wieder erwähnt (WM-Auslosung) und Du wirst noch mehr Besucher bekommen, die zu Deinem Blog googeln..:)

      Thomas

    15. Laestermaul Says:

      Namenwahl für die Nationalliga B: einfach politisch korrekt?

      Die besten Schweizer Fussballclubs spielten früher in der Nationalliga A oder B. Seit einiger Zeit spielen sie in der Überliga und in der Herausforderungsliga. Und damit das Ganze etwas peppiger tönt, heissen sie “Super League&#822…

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