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Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben

(reload vom 5.4.06)

  • Es dunkt mich nur im Dunkeln
  • Wenn Sie in der Schweiz leben, lernen Sie nicht nur die Dunkelheit zu deuten, nein, Sie lernen auch, dass „es dunkt mich“ oder „es dünkt mich“ nichts mit Dunkelheit zu tun hat, sondern durchaus häufig vorkommende Ausdrucksmöglichkeiten des Schweizers im Alltag sind. Für „Es dunkt mich“ findet Google-Schweiz 161 Belege. Versuchen wir es hingegen bei Google Deutschland, so gibt es zwar zu „es dunkt mich“ auch 68 Textstellen, die ersten 10 Zitate gehen aber bereits zurück auf Angelus Silesius , dem Dichter des deutschen Barock (1624-1677).

  • Den Schweizern dünkt es oft
  • Hingegen in der Schweiz „dünkt es“ mal mit und mal ohne Umlaut recht häufig. Für „Es dünkt mich“ fanden wir bei Google-Schweiz 380 Einträge. Beispiel für „es dünkt mich„:

    Es dünkt mich, dass je länger ich danach suche, desto unklarer werden sie.
    (Quelle: undsoweiter.ch)

    Oder hier:

    Es dünkt mich, als käme das, was ich andern gegeben habe, auf verschiedenen Wegen wieder zurück.
    (Quelle: www.textalacarte.ch)

    Noch viel häufiger „deucht“ es in der Schweiz, Google-Schweiz findet 475 Belege . Beispiel:

    Es deucht mich, dass Waffen jenseits und diesseits der Staatsgewalt keinerlei Daseinsberechtigung haben.
    (Quelle: metropolitans.kaywa.ch/washington/geisterstunde_der_kanoniere.html)

  • Warum mehr „deucht“ als „dünkt“?
  • Das verrät uns der Duden. Der behauptet wie immer steif und fest, dass diese Wörter „veraltet“ sind. Wir dachten immer, der Duden sei das Wörterbuch für den gesamten deutschen Sprachraum, wertfrei und rein deskriptiv-beschreibend? Wie kommt es dann nur immer wieder zu diesen krassen Fehleinschätzungen, eine Verbform sei veraltet, wenn sie doch täglich von vielen Schweizern praktisch verwendet wird?

    dünken (unr. V.; dünkte/(veraltet:) deuchte, hat gedünkt/(veraltet:) gedeucht)
    [mhd. dünken, dunken, ahd. dunchen, eigtl. = den Anschein haben, zu denken] (geh. veraltend):
    a) jmdm. so vorkommen, scheinen:
    mich/(seltener:) mir dünkt/(veraltet:) deucht, wir werden scheitern/dass wir scheitern werden; ihr Verhalten dünkte ihn/(seltener:) ihm seltsam; Wen das Leben herrlich dünkt, der gestaltet es am gründlichsten um (Brückner, Quints 272); (…)
    b) (d. + sich) sich zu Unrecht etw. einbilden, sich für etwas halten:
    du dünkst dich/(seltener:) dir etwas Besseres/ein Held [zu sein].
    (Quelle duden.de)

  • Dünkel ist keine Biermarke
  • Das einzige Überbleibsel, dass wir im Hochdeutschen von dieser wunderbaren Verbform noch kennen, ist der

    Dü.n|kel, der; -s [für mhd. dunc = Meinung, zu dünken] (abwertend):
    übertriebene Selbsteinschätzung aufgrund einer vermeintlichen Überlegenheit; Eingebildetheit, Hochmut: ein intellektueller, akademischer Dünkel; es steckt da ein Dünkel, fast etwas wie Snobismus dahinter (A. Kolb, Daphne 87).

    Leicht verwechselbar mit „Dinkel“, den wir alle von der schwäbischen Biermarke „Dinkel-Acker“ kennen, benannt nach der Getreideart Dinkel, die im ökologischen Landbau verstärkt angebaut wird. Da diese Sorte auch raueres Klima verträgt, wächst sie gut auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb.

    Eins zum Schluss: Liebe Schweizer, lasst Euch vom Duden den Gebrauch der Deutschen Sprache nicht vorschreiben. Wenn es nur weiterhin kräftig „dunkt“ und „dünkt“ in der Schweiz und anderswo, dann werden die Herren in Mannheim ihre Zitatesammlung bald ausweiten müssen und diese Wortformen wieder auf „nicht mehr veraltet“ zurück stellen müssen. Es dunkt mich nun, dass dieses Thema ganz ohne Dünkel genug ausgedeutet ist.

    

    11 Responses to “Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben”

    1. jo-SR Says:

      Dinkelacker hieß der Brauereibesitzer, Vorname Carl. http://de.wikipedia.org/wiki/Dinkelacker tsts. Zuwenig KöPi, zuviel Feldschlösschen, wie? ;-))

    2. solanna Says:

      Für Nicht-Schweizerdeutsch-Sprechende muss es schwer sein, so etwas zu verstehen:

      Es tunkt mi, dä tünkli sini Tünkli z fescht in Zucker.

      Das bedeutet (jedenfalls im Zürcher Weinland = nördlichster Kanton Zürich):

      Mich dünkt, der tunke sein Butterbrot zu stark in die Zuckerschale, wodurch zu viel Zucker hängen bleibt.

      Dünken = es scheint einem
      tunken = eintauchen
      Tünkli = 1. Brotschnitte mit Butter (und sonst noch was, etwa Wurst, Käse, Konfiture (= Marmelade) oder eben Streuzucker); 2. ganz fein geschnittenes, trockenes Brot, das als Suppeneinlage in Fleischbrühe gegeben (eben getünkelt) wird).

      PS. Ach was bin ich froh, dass ich dank Blogwiese die Grundrechenarten nicht verlerne!

    3. Marroni Says:

      Bei uns heisst das “ äs dücht mi“

    4. Marroni Says:

      oder „düächt“

    5. solanna Says:

      @Marroni

      Wo ist „bei uns“? Bern? Solothurn?

    6. mik Says:

      Beschreibt der Duden nicht die Hochdeutsche Sprache. Ich finde auch, dünken ist in auf Hochdeutsch veraltet nicht aber auf Schweizerdeutsch.

      Schweizerdeutsch hat der Duden noch nie beschrieben, sonst müsste noch sehr viel verändert werden. Oder anders gesagt: Schweizerdeutsch richtet sich nicht nach dem Duden. 😉

    7. unkultur Says:

      Wenn in Schweizer schreibt, „es deucht mich“, dann verwendet er absichtlich eine Form, die auch in seinen Augen veraltet ist. Warum er das tut, weiss ich nicht. Weil es schön klingt? So nach „es kreucht und fleucht“?

    8. unkultur Says:

      ähm, ich meinte: „Wenn ein Schweizer schreibt…“

    9. Marroni Says:

      In Horgen, am Zürisee

    10. solanna Says:

      Ist aber garantiert nicht Züritüütsch!!

    11. Milota Says:

      Die Tünki steht/stand auch in der Backstube beim Bäcker. Es muss irgend ein Bad sein, evt. für Laugenbrezeli oder so. Vielleicht weiss das jemand?

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