Wenn drei Kindern nicht genug Arbeit sind für eine Kinderzulage

Oktober 10th, 2006
  • Drei Kinder in Deutschland
  • Unsere Freundin Sophia lebt in Deutschland. Sie hat drei Kinder. Beim ersten Kind hat sie es sogar noch geschafft, ihr Pädagogikstudium weiterzuführen. Sophia möchte Grundschullehrerin werden. Sie ist intelligent und studierte zielstrebig, um rasch mit der Ausbildung fertig zu sein und das Referendariat beginnen zu können. Ein Kind als Alleinerziehende grosszuziehen und nebenbei ein Studium zu bewältigen, dass erforderte viel Nachtarbeit bei wenig Schlaf und ein ausgesprochenes Organisationstalent.

    Dann bekam Sophia zwei weitere Kinder mit ihrem neuen Partner, und an Studium ist nicht mehr zu denken. Sophia zieht ihre Kinder gross, der 5-Personen-Haushalt mit zwei Kleinkindern beansprucht sie voll, sie kommt kaum über die Runden. In Deutschland erhält Sophia für die drei Kinder Kindergeld:

    Deutsches Kindergeld ist heute zu bedeutenden Teilen keine Sozialleistung, sondern ein Ausgleich für die (ohne einen solchen Ausgleich verfassungswidrige) Besteuerung des Existenzminimums von Kindern und dementsprechend im Einkommensteuergesetz geregelt. Nur der über den Ausgleich für die Besteuerung des Existenzminimums hinausgehende Teil ist für die Eltern eine Familienförderung.
    (Quelle: Wikipedia)

    Seit 2002 beträgt das Kindergeld für das erste bis dritte Kind 154 EUR, der steuerliche Freibetrag ist 3‘648 EUR pro Jahr. Damit erhält Sophia 462 EUR (= ca. 732 CHF) für ihre drei Kinder als Familienförderung. Sophia hat Glück dass sie in Deutschland lebt. In der Schweiz würde sie kein Kindergeld erhalten, denn sie arbeitet ja nicht.

  • Erziehungsgeld für die ersten 2-3 Jahre
  • Ausserdem bekommt Sophia in Deutschland Erziehungsgeld vom Staat:

    Das für Geburten ab 1. Januar 1986 eingeführte Erziehungsgeld ist eine Zuwendung des deutschen Staates an den Elternteil, der das Kind vorwiegend erzieht. Es ist als Ausgleich dafür gedacht, dass dieser Elternteil nur noch einer Teilzeitarbeit von maximal 30 Stunden pro Woche nachgeht. Schüler und Studenten als Eltern dürfen jedoch ihrer Berufsausbildung in vollem Umfang nachgehen. Auch dürfen bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden. Man kann sich entscheiden, ob man maximal zwölf Monate lang 450 Euro erhält oder ob man für maximal 24 Monate 300 Euro pro Monat bekommt.
    Das Erziehungsgeld muss man nicht zurückzahlen. Einzelheiten sind im Bundeserziehungsgeldgesetz geregelt.
    (Quelle: Wikipedia)

    Sophia lebt in Baden-Württemberg und kann darum noch im dritten Jahr Erziehungsgeld bekommen:

    Einige Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen & Thüringen) zahlen anschließend im 3. Kindsjahr freiwillig noch zusätzlich ein reduziertes Landes-Erziehungsgeld.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Drei Kinder in der Schweiz sind nicht genug Arbeit
  • Monika lebt in der Schweiz. Monika hat ebenfalls drei Kinder. Monika kümmert sich um den Haushalt und um die Betreuung der Kleinkinder, denn ein bezahlbares Betreungsangebot in einem Kindergarten oder einer Kinderkrippen für mehr als 2-3 Stunden am Tag gibt es nicht für sie. Monika hat wenig Geld, sie würde gern arbeiten, denn sie hat immer gearbeitet und war nach ihrer Ausbildung nie ohne Job, bis die Kinder kamen. Jetzt ist sie Vollzeit-Mutter und Hausfrau, arbeitet von früh bist spät, erhält jedoch von der Eidgenossenschaft kein Kindergeld für ihre drei Kinder, weil sie offiziell „nicht arbeitet“.

    Eine Weile bekam sie knapp bemessene Sozialhilfe. Da das kaum reichte, hat sie nebenher schwarz gejobbt. Irgendwann flog das auf, weil sie jemand anschwärzte. Sie wurde gebüsst und musste die erhaltene Sozialhilfe zurückzahlen, soweit überhaupt möglich.

    Sie wollte nicht reich werden mit dem dazuverdienten Geld, es reichte einfach vorn und hinten nicht im Hochpreisland Schweiz. Der Vater der ersten beiden Kinder zahlt keine Alimente. Eine Klage ist aussichtslos, der Mann ist permanent in Konkurs und es gibt noch zwei weitere Familien, die Geld von ihm wollen.

    Würde Monika in Deutschland leben, könnte Sie Erziehungsgeld beantragen und hätte die Garantie, während 2-3 Jahre ihren Job nicht zu verlieren. In der Schweiz muss eine Frau vor der Schwangerschaft mindestens 3 Monate beschäftigt gewesen sein, um einen Anspruch auf Lohnfortzahlung zu haben:

    Gemäss Obligationenrecht hat der Arbeitgeber einer Arbeitnehmerin, die wegen Schwangerschaft oder Niederkunft an der Arbeitsleistung verhindert ist, für eine beschränkte Zeit den Lohn zu entrichten, sofern das Arbeitsverhältnis mindestens drei Monate gedauert hat. Die Schwangerschaft als solche gibt keinen Anspruch auf Lohn ohne Arbeitsleistung; nur wenn die schwangere Arbeitnehmerin aus gesundheitlichen Gründen an der Arbeit verhindert ist, kann sie Lohnfortzahlung verlangen. Der Arbeitgeber kann die Lohnfortzahlung deshalb von einem Arztzeugnis abhängig machen. Die Lohnfortzahlungspflicht besteht nur solange wie das Arbeitsverhältnis besteht.
    Gemäss OR ist der Lohn für eine „angemessene längere Zeit“ zu bezahlen (OR 324a). Wieviel das ist, sagt das Gesetz nicht. Verschiedene Arbeitsgerichte der Schweiz interpretieren das Gesetz unterschiedlich. Nach Berner Interpretation beträgt die Leistungspflicht beispielsweise

    im 2. Dienstjahr 1 Monat
    im 3. und 4. Dienstjahr 2 Monate
    im 5. bis 9. Dienstjahr 3 Monate
    erst vom 10. Dienstjahr an 4 Monate.
    Dabei handelt es sich um einen Höchstanspruch pro Jahr. Ist die Frau im gleichen Jahr bereits einmal krank geworden, so kann der Anspruch unter Umständen bereits ganz oder teilweise aufgebraucht sein. Mit dem neuen Dienstjahr entsteht wieder ein neuer Anspruch.
    (Quelle: selezione.ch)

    Noch schlimmer ist es für junge Frauen, die gerade ihre Arbeit neu angetreten sind:

    Junge Frauen, die ihre Stelle erst vor kurzem angetreten oder gewechselt haben, haben im Minimum einen Anspruch auf gerade
    drei Wochen Lohnfortzahlung. Nur gerade 40 % der privatwirtschaftlich angestellten Frauen unterstehen Gesamtarbeitsverträgen, die Situation ist aber auch dort weitgehend unbefriedigend gelöst.
    (Quelle: selezione.ch)

    Bis vor kurzem mussten Frauen, bei denen in der Schwangerschaft Komplikationen auftraten, für die daraus entstehenden Kosten selbst bezahlen:

    20.09.2006 | 08.32 h Krankenkassen sollen Komplikationen bei Schwangerschaft voll bezahlen
    Flims (AP) Werdende Mütter sollen für medizinische Komplikationen während der Schwangerschaft nicht mehr selber in die Tasche greifen müssen. Der Ständerat hat dem Bundesrat am Mittwoch als zweite Kammer aufgetragen, solche Kosten ganz den Krankenkassen zu belasten. Die Kleine Kammer überwies diskussionslos und ohne Gegenstimmen eine Motion von FDP-Fraktionschef Felix Gutzwiller (ZH), welche die Mütter von der Kostenbeteiligung ausschliessen will. Gutzwiller störte sich daran, dass nach heutiger Rechtsgrundlage die Krankenkassen bei komplikationslosen Geburten voll zahlen, während zum Beispiel die Kosten bei einer drohenden Frühgeburt teilweise auf die Frauen überwälzt werden
    (Quelle: Walliserbote.ch)

    Auf der offiziellen Webseite des Schweizer Ständerats heisst es dazu:

    Die Motion fordert eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG), sodass der Versicherer auf Leistungen bei Mutterschaft auch dann keine Kostenbeteiligung erheben darf, wenn es während der Schwangerschaft zu Komplikationen kommt.
    Antrag der Kommission
    Die Kommission beantragt einstimmig, die Motion anzunehmen.
    (Quelle: Parlament.ch)

    [Anmerkung Admin: Da die Passage über die Mutterschutzversicherung mit Erwerbsersatz nicht mehr aktuell war, habe ich sie hier entfernt]

    Dennoch werden Kinder geboren in der Schweiz
    Geburten in der Schweiz
    (Quelle: Bundesamt für Statistik Schweiz )

    Im Durchschnitt 9.8 pro 1‘000 Einwohner. Damit befindet sich die Schweiz neben Österreich und Deutschland am unteren Ende der Europäischen Statistik. Hier die Zahlen von 2000 zum Vergleich:

    Geburten in Europa

    (Quelle)

    26 % aller Kinder wurden in der Schweiz 2005 von Ausländern geboren, obwohl die nur 20 % der Bevölkerung stellen:

    Die Schweiz hat mit 20% der Gesamtbevölkerung mit Abstand den höchsten Ausländeranteil (…), gefolgt von Deutschland (10%), Österreich (9%), den USA (7%), Frankreich (6%) und Kanada (5%). Finnland (2%), Japan (1%) und Korea (0,3%) haben dagegen sehr wenige Ausländer.
    (Quelle: chronik.geschichte-schweiz.ch)

    Wir fragen uns wie die Geburtenstatistik der Schweiz aussehen würde ohne die Ausländer. Statt 9.8 Kinder auf 1‘000 Einwohner wären es nur 26% weniger, also 7.2 Kinder auf 1‘000.

  • Die Schweiz ist arm
  • Wir vergassen noch zu erwähnen, warum die Schweiz lange Zeit keine Mutterschutzversicherung mit Erwerbsersatz hatte. Es war zu teuer. Die Schweiz ist ein armes Land und kann sich das einfach nicht leisten. Kinder in die Welt setzen ist hierzulande absolute Privatsache und da darf sich der Staat nicht einmischen. Wenn es dann ums Besteuern der „privat finanziert und grossgezogenen“ Kinder geht später, wenn sie erwachsen sind und erwerbstätig, dann wird sich der Staat wieder einmischen.

  • Und wer zahlt ihre AHV-Beiträge?
  • Wenn Monikas Kinder gross sind, im Beruf stehen, verdienen und in die AHV einzahlen, dann hoffen wir für Monika, dass sie von den diesen Einzahlungen auch etwas abbekommt im Alter. Ihrer „privaten Vorfinanzierung“ ist es zu verdanken, dass die Schweiz die AHV drei Beitragszahler erhält. Wird es ihr gedankt?

  • Neunfache Mutter und kümmerlicher Alterslohn
  • Diese Situation ist in Deutschland nicht viel anders, auch wenn dort Kindergeld und Erziehungsgeld gezahlt wird:

    Wie es um die Gerechtigkeit bestellt ist, sobald die Familie ins Spiel kommt, hat das bekannte Trümmerfrauenurteil, der Fall der neunfachen Mutter Rosa Rees, der vor Jahren das Bundesverfassungsgericht beschäftigt hat, hinreichend erweisen. Diese Frau hatte geklagt, weil sie sich nicht damit abfinden wollte, für die 14 Berufsjahre, die ihr nach Abschluß der so genannten Familienphase geblieben waren, mit einem kümmerlichen Alterslohn abgespeist zu werden, während ihre Kinder, beruflich allesamt erfolgreich, dazu gezwungen waren, die Rentenkonten anderer Leute mit insgesamt 8 000 Mark monatlich zu bedienen.

    Die Urheberin dieses Reichtums mußte leer ausgehen, weil andere fixer waren als sie und dabei vom System auch noch begünstigt wurden. Der damalige Gerichtspräsident, der später Bundespräsident Roman Herzog, kommentierte den Fall seinerzeit mit den Worten: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Es ist aber wahr, und was noch schöner ist: es ist bis heute wahr geblieben. Berufsarbeit rentiert sich weitaus besser als jede Form von Familienarbeit; und das, obwohl es doch diese zweite Form von Arbeit ist, die dem System das Überleben sichert.

    Der Gesetzgeber weigert sich hartnäckig, den Auflagen der Richter nachzukommen und die sattsam bekannten Mißstände mit jedem einzelnen Reformschritt, wie es im Urteil wörtlich heißt, abzubauen. In Dingen des Familienlastenausgleichs leben wir, unabhängig davon, welche Partei an der Regierung ist, im Zustand des permanenten Verfassungsbruchs.
    (Quelle: Deutscher-Familienverband.de)

    Wenn der Jöö-Effekt versagt — Ressentiments gegenüber Schweizer

    Oktober 3rd, 2006
  • Schweizer sprechen hyperkorrekt
  • Wir möchten heute von Franzi erzählen. Franzi stammt aus der Schweiz und lebt in Berlin. Sie bemüht sich sehr, ein fehlerloses und akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen um nicht als Schweizerin erkannt zu werden, doch gerade diese „Hyperkorrektheit“, das Fehlen von Verschleifungen, die makellose Verwendung von Perfekt und Genitiv verrät sie als Schweizerin.

  • Wenn Schweizer Deutschen den Job wegnehmen
  • Franzi hat das nicht immer so toll erlebt, wenn Sie als Schweizerin in Berlin erkannt wurde. Sie musste sich des Öfteren ziemlich harsche Vorwürfe anhören. „Wie, Sie kommen aus der Schweiz und arbeiten jetzt in Deutschland?“ Im Kopf geht der Satz dann weiter mit „… und nehmen hier einem Deutschen den Job weg, wo es doch wirklich genug Jobs in der Schweiz gibt.

  • Ja bist Du denn nicht reich?
  • Mehrfach muss sie sich rechtfertigen und erklären, dass nicht alle Schweizer automatisch sehr wohlhabend sind, nur weil sie aus der Schweiz kommen. Ausserdem wurde ihr vorgeworfen, mit dafür verantwortlich zu sein, dass Deutsche wie Boris Becker oder Michael Schumacher in die Schweiz vor den hohen deutschen Steuern geflohen sind. Ja tatsächlich, das bekam sie von, sagen wir „einfachen deutschen Gemütern“ das ein oder andere Mal zu hören. So von einem Handwerker, den sie in ihre Wohnung bestellt hatte, um etwas zu reparieren. Da war nichts mehr zu spüren von „ach die Schweizer, wie süss und niedlich“, das waren blanke Eifersucht und Neid, aber auch starke Vorwürfe konnte sie herauszuhören. Wir hatten sie schon früher gewarnt, auf keinen Fall Michael Schumacher oder Boris Becker in die Schweiz einzuladen. Jetzt war es passiert, sie sind einfach geblieben. Und Franzi hatte Schuld.

  • Feindbild Schweiz
  • Die Deutschen lieben die Schweiz und die Schweizer, sagt man und wir haben neulich noch darüber geschrieben. Dass dies bei weitem nicht für alle Deutsche gilt, erzählte uns Franzi aus Berlin. Den Vorwurf der „Rosinenpicker“ bekam sie genauso zu hören wie die „persönliche Schuld am Bankengeheimnis“ und am „Geldwaschplatz Schweiz“. War waren gelinde gesagt ziemlich erstaunt, für das die arme Franzi in Berlin alles verantwortlich ist. Aber irgendeiner muss ja schuld sein, warum also nicht sie.

  • Bloss keinen Jööö-Effekt erzeugen
  • Sie hat auch bisher noch nicht positiv ihren Schweizer Akzent einsetzen können, im Gegenteil. Weil sie auch für den Rundfunk arbeitet, musste sie oft gegen das Vorurteil ankämpfen, dass sie als Schweizerin ja unmöglich auf Deutsch Reportagen machen könnte. Von einem Meteo-Hochdeutsch eines Herrn Kachelmann oder der perfekten Schauspielerstimme eines Bruno Ganz‘ schienen die Leute beim Radio in Berlin bisher weniger gehört zu haben. Emil Steinberger und sein Pseudo-Schweizer-Hochdeutsch ist nach wie vor in alle Köpfen fest verankert, wenn man versucht, sich die Aussprache von Schweizern vorzustellen.

  • Nicht mehr durch die Schweiz fahren
  • Kürzlich erzählte uns ein Bekannter aus Deutschland, dass er beschlossen habe, aus Prinzip auf dem Weg von Süddeutschland in die Provence nicht mehr durch die Schweiz zu fahren, weil seine Ressentiments und Hassgefühle gegenüber der Schweiz einfach zu stark geworden sind. Er mag diesen Hort der Kapitalflucht und Rosinenpicker nicht mehr besuchen. Wir waren baff. Bis jetzt gingen wir immer nur von dieser permanenten „Wir lieben die Schweiz“ Haltung der Deutschen aus. Es gibt also doch auch andere Sichtweisen der Schweiz. Ob die Holsteinische Schweiz und die Sächsische Schweiz auch unter diesen Kollektivbann unseres Bekannten fällt, das haben wir uns nicht mehr getraut zu fragen, bei so viel feiner Fähigkeit zur Differenzierung.

    Dann gehen wir halt zurück — Wer verlässt freiwillig die Schweiz?

    September 16th, 2006
  • Zurück nach Deutschland?
  • Wir wurden angefragt vom Schweizer Fernsehen. Für eine „Dokumentation über die Freuden und Leiden der Deutschen in (und an) der Schweiz“ werden Deutsche gesucht, die wieder zurückkehren wollen nach Deutschland:

    Aus diesem Grund suchen wir eine Deutsche oder einen Deutschen, die/der wieder nach Deutschland zurückkehren möchte. Offen sind wir auch einfach für interesssante und sympathische Personen, die etwas zum Thema beitragen könnten.

  • Gibt es diese Rückkehrer?
  • Da wir niemanden kennen, auf den dieses Profil zutrifft, setzen wir dieses „Gesuch“ hiermit auf die Blogwiese. Fall Sie aus Deutschland kommen und demnächst eine Rückkehr nach Deutschland beabsichtigen, aus welchen Gründen auch immer, falls sie noch dazu interessant und sympathisch sind (die Schweizer fassen das gern mit „aufgestellt“ zusammen), dann melden Sie sich über den Kontakt-Button oben rechts auf der Blogwiese. Wir leiten ihre Mail gern ans SF weiter.

  • Was genau wird gesucht?
  • Wir suchen jemand, der wieder zurückkehrt nach Deutschland. Muss dieser Jemand hartherzig sein? Verbittert? Hasserfüllt? Nein. Nein. Nein.
    Was sein darf ist: Enttäuschung. Die Erfahrung, dass es schwierig war. Dass man unverstanden war.
    Wir wollen keinen, der sauertöpfisch vom Leder zieht. Sondern jemand, dessen Liebe nicht erwidert wurde. Dessen Gefühle gemischt sind. Zartbitter. Sweet&sour. Soll’s ja geben.
    (…)
    Wenn Sie unser Anliegen also in der Art weitergeben können, dass wir nicht den nach Deutschland zurückkehrenden Schweizerhasser suchen, sondern jemand, der zurückkehrt/oder zurückgekehrt ist, weil das Zusammenleben schwierig war – und von seinen Freuden und Leiden souverän erzählen kann, kommt das unserer Absicht sehr entgegen.

  • Warum sollte jemand zurückkehren?
  • Klar, wenn der Aufenthalt in der Schweiz rein beruflich zeitlich begrenzt war. Oder wenn die dritte L-Bewilligung (vgl. Blogwiese) dann das Frustrations-Fass zum Überlaufen brachte. Mir fallen spontan mehr Berichte von Schweizern ein, die aus den oben genannten Gründen für immer die Schweiz verlassen haben und heute im grossen Kanton leben.
    Wir haben von Deutschen gehört, die sich hier schon seit 10 und mehr Jahren befinden, sprachlich und kulturell völlig assimiliert sind, mit Schweizern verheiratet, und gar nicht daran denken, freiwillig ins Land der Dichter und Denker zurückzukehren. Zumal die Denker in Deutschland gerade amtlich bestätigt Mangelware werden.

  • Heh, wir sind ja ausgewandert!
  • Als wir vor 6 Jahren Deutschland verliessen, war das für uns ein ganz gewöhnlicher Umzug. OK, es war ein bisschen stressiger mit dem Papierkram an der Grenze, aber das Gefühl, jetzt „ausgewandert“ zu sein, kam irgendwie nicht auf. Das überlassen wir Freunden, die nach Südafrika migrierten, oder nach Canada. Die Schweiz ist doch zu nah und zu ähnlich, um hier echte Auswandergefühle empfinden zu können. Auch wenn wir täglich den „anderen Kulturkreis“ (vgl. Blogwiese) am eigenen Leib erfahren, ganz so krass ist es dann doch nicht.

    Wir gründen (k)einen Verein — Deutsche im Ausland

    September 7th, 2006
  • Mir hei e Verein (Text & Musik: Mani Matter)
  • Mir hei e Verein, i ghöre derzue
    Und d’Lüt säge: Lue dä ghört o derzue
    Und mängisch ghören i würklech derzue
    Und i sta derzue (…)
    (Quelle: geocities.com)

  • Verein für Deutsche in der Schweiz?
  • Wir bekommen Post von einem Schweizer Journalisten aus Zug, der „über die ’Düütsche’ in der Schweiz berichten will„. Er fragte uns nach den Vereinen, in denen sich die Deutschen in der Schweiz organisiert haben, ähnlich wie die türkischen Kulturvereine, die italienischen oder portugiesischen Vereine, die es in fast jeder Schweizer Stadt zu finden gibt.

    Deutschland hat Goethe-Instituten in 126 Ländern, jedoch keines in der Schweiz. Bisher scheint es nicht notwendig zu sein, die Sprache Goethes und Heines im Heimatland von Gottfried Keller in einem Institut zu unterrichten. Die Tessiner müssen in Bern oder in Zürich woanders Deutsch lernen, bevor sie z. B. Tiermedizin studieren können. Denn diesen Studiengang gibt es in der Schweiz nur „chez les Suisses Totos“.

  • Schweizer Nationalsozialisten
  • Es fallen uns auch nach heftigem Nachdenken keine „Deutschen Vereine“ ein in der Schweiz. Bis auf den letzten Versuch dieser Art, die Schweiz Anhänger der Nationalsozialisten, genannt die „Fröntler“:

    In der Schweiz, insbesondere in der Deutschschweiz, fand der deutsche Nationalsozialismus ab 1933 durchaus einige begeisterte Anhänger, die sich in „Fronten“ zusammenschlossen. Wie in Deutschland erhielt die extreme Rechte Auftrieb durch die ständig wachsende Arbeitslosigkeit. Die Frontenbewegung knüpfte einerseits an die Bürgerwehren an, die sich im Sommer 1919 zur Bekämpfung der Streiks in Basel und Zürich gebildet hatten (antikommunistisch / antisozialistisch), (…).
    So wurde z.B. im Berner Oberland 1925 die Schweizer Heimatwehr gegründet, die – ganz im Stile des deutschen Nationalsozialismus – „den Juden, Freimaurern und der »internationalen Hochfinanz« den Kampf ansagte“.
    (Quelle: geschichte-schweiz.ch)

    Wo versammeln sich die Deutschen in der Schweiz?

  • Treffpunkt Krankenhaus Spital.
  • Besonders in Zürich und in Basel, aber auch in St. Gallen arbeiten Deutsche Mediziner:

    Laut Schätzungen der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) arbeiten bereits rund 2300 deutsche Mediziner jenseits von Rhein und Bodensee. Sie stellen damit fast jeden zwölften Arzt in der Eidgenossenschaft.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 30.08.06)

  • Treffpunkt Schauspielhaus.
  • Das Zürcher Schauspielhaus war schon immer ein besonderer Ort für die Deutschen in der Schweiz:

    Mit Hitlers Machtergreifung änderte sich die Situation grundlegend. Viele Emigranten, Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland, wurden von Rieser ins Ensemble aufgenommen, alle waren sie ausdrückliche Gegner des Nationalsozialismus, sie waren Juden und/oder politisch radikale Linke. Hier können nicht alle jene berühmten SchauspielerInnen und Regisseure genannt werden, die damals – und z. T. bis 1945 – in Zürich arbeiteten: Therese Giehse, Grete Heger, Albert Bassermann, Ernst Ginsberg, Wolfgang Langhoff, Kurt Horwitz, Leonard Steckel, Leopold Lindtberg u.v.a. Neben Klassikern spielte Rieser in seinem Theater zahlreiche Zeitstücke, er brachte Uraufführungen so renommierter Autoren wie Else Lasker-Schüler, Ödön von Horváth, Ferdinand Bruckner, Georg Kaiser und Friedrich Wolf heraus. Es war ein kritischer, z. T. kämpferischer Spielplan mit einer explizit antifaschistischen Stossrichtung. Die «Frontisten» in der Schweiz, die die Hitlersche Ideologie des Antisemitismus und Nationalismus übernahmen, entfesselten gegen das Schauspielhaus einen eigentlichen Kulturkampf. Ihre Kampfverbände scheuten vor gewalttätigen Aktionen nicht zurück, so dass bestimmte Aufführungen nur unter Polizeischutz über die Bühne gehen konnten.
    (Quelle: Schauspielhaus.ch)

  • Treffpunkt Deutsches Konsulat in Zürich
  • Das Deutsche Konsulat in Zürich liegt in einer angemietete Wohnung in der Freigutstrasse 15, 8002 Zürich in einem Tiefparterre, nur durch die Panzerglasscheibe und einer Schwarz-Rot-Goldenen Flagge als Deutsches Gebiet zu erkennen. Als wir vor Jahren dort unseren Pass beantragten, sorgte eine einzige Angestellte dafür, dass die Schlange der Wartenden nicht bis auf die Strasse anwuchs. Den Honorarkonsul haben wir an dem Tag nicht gesehen, der kommt nur einmal wöchentlich vorbei in dieses von Krisen und Unruhen geschütteltes Gebiet von Zürich im Kreis 2.

    Damals gab es einen Tischkopierer, der pro Seite ca. 25 Sekunden brauchte, was beim Kopieren von 10 Seiten Antragsformularen die Arbeitsgeschwindigkeit deutscher Bürokratie anschaulich vor Augen führt.

    Ein Deutsches Forum zum Thema Schweiz fand sich auch im Internet unter konsulate.de . Doch scheint es seit März 2006 verwaist. Keine Diskussionen, keine Themen.

  • Treffpunkt WM-Fussballarena auf dem Bellevue
  • Da waren sie dann wirklich gehäuft anzutreffen, die Deutschen in Zürich, und wir beobachteten, wie sie sich gegenseitig beäugten und betrachteten. Denn so ganz glücklich scheinen Deutsche nicht zu sein, wenn sie sich im Ausland treffen.
    Deutsche beim Viertelfinale in Zürich

  • Deutsche auf Mallorca
  • Etwas anderes ist es auf der liebsten Rentnerinsel der Deutschen, natürlich Mallorca. Dort gibt es Deutsche Supermärkte, Kneipen, Bars, jede Menge Ärzte und natürlich Landsleute, die lieber schwachen Filterkaffee als stark gebrannten Kaffee „doble en vaso, con leche“ trinken.

    Dann sahen wir noch dieses Schild in der Englischen Kaderschmiede Cambridge, Hort der Naturwissenschaft und weltweit grösster Produzent von Nobelpreisträgern:
    Freunde in Cambridge

    Es gibt also doch Treffpunkte für Deutsche „Freunde“ im Ausland?

    Der erste Schultag in Deutschland und in der Schweiz

    August 26th, 2006
  • Wenn der Schulanfang ein Familienfest wird
  • In Deutschland und in der Schweiz beginnt in diesen Tagen für viele Erstklässler die Schule. Während Schweizer Kinder in der Regel 7 Jahre und älter bei der Einschulung sind, wird in Deutschland ein Jahr früher eingeschult. Das ist bei weitem nicht der einzige Unterschied. In Deutschland ist der „Schulanfang“ in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem richtigen Festtag geworden, der an einem Samstag regelrecht „zelebriert“ wird. Am Samstag, weil dann Verwandten, Grosseltern und Paten des Kindes (die nur im Süden Götti u. a. genannt werden, vgl. Blogwiese ) von nah und fern anreisen können.

  • Schulanfang ist ein Fest wie Taufe oder Konfirmation
  • Es beginnt mit einer Begrüssungsrede des Schulleiters in der Aula der Grundschule, dann gibt es ein paar Vorführungen der Schüler, schliesslich werden die Kinder zum ersten Mal aufgerufen und gehen, zusammen mit ihrer neuen Klassenlehrerin, in ihr neues Klassenzimmer. Schuhe werden keine ausgezogen, auf die Idee mit den Hausschuhen für alle, in der Schweiz nach dem Singvogel „Finken“ benannt, ist man in Deutschland noch nicht gekommen. Dann lernen die Kinder ein Lied, vielleicht im Stil von „Ja ja ja, ich bin da, in der Schule im ersten Jahr“, bekommen eine Geschichte erzählt und dürfen wieder nach draussen zu den auf dem Schulhof wartenden Verwandten.

    Die Gaststätten der Umgebung sind an diesem Tag zum Mittagessen ausgebucht, ohne Reservierung läuft da nichts, denn dieser Tag wird im Familienkreis bei einem Essen auswärts gefeiert. Dieser Einschulungssamstag ist für viele Familien zu einem Festtag geworden, der sich zwischen Taufe und Konfirmation bzw. Firmung in Reihe der Familienfeste einfügt.

  • Der erste Schultag in der Schweiz
  • Der erste Schultag in der Schweiz ist da noch etwas nüchterner, auch hier werden die Kinder in die Klassen geführt, lernen ihren Klassenlehrer kennen, malen ein Bild oder lernen ein Lied und sind nach 1-2 Stunden wieder daheim.

  • Grosse Klasse in Deutschland
  • Deutsche Grundschulklassen haben bis 32 Schüler, erst dann werden sie geteilt. Die Schweizer Primarschulklassen, die wir kennenlernten, waren wesentlich kleiner und wurden zudem noch in zwei Lerngruppen aufgeteilt, die jeweils einen anderen Stundenplan bekamen. Während in Deutschland das Kind morgens um 8:00 Uhr bei der Schule abgegeben wird und dann bis 13:00 Uhr betreut wird, ist die Kernzeitbetreuung in der Schweiz zwar auch Programm, wird aber nicht an allen Orten und in allen Kantonen garantiert. Falls Sie neu mit Grundschulkindern in die Schweiz ziehen, stellen sie sich darauf ein, dass ihre Kinder schneller morgens wieder auf der Matte stehen, als sie sich vorstellen können.

  • Wer leitet die Grundschule?
  • In Deutschland werden die Lehrer vom Bundesland bezahlt, vom jeweiligen Kultusministerium, das in Form eines Oberschulamts die personellen Dinge einer Schule vor Ort regelt. Es gibt einen Schulleiter, der nur ein beschränktes Pensum unterrichtet, und mindestens eine hauptamtliche Schulsekretärin, die die Verwaltung vor Ort betreut. In der Schweiz ist man erst in den letzten Jahren dazu übergangen, Primarschullehrer als Schulleiter für organisatorische Belange in einer Grundschule teilweise freizustellen. Den Verwaltungskram erledigt eine gewählte Schulpflegschaft, die zum Grossteil aus Ehrenamtlichen besteht. Markantester Unterschied dieser Organisationsform: Wenn sich in einer deutschen Grundschule ein Lehrer morgens krank meldet im Sekretariat, gibt es einen Vertretungsplan und er wird sofort von einer dafür bereitgestellten Fachkraft vertreten. Die Beaufsichtigung der Kinder in der Zeit von 8:00 bis 13:00 Uhr ist vorgeschrieben. In der Schweiz können die Kinder bei Erkrankung des Lehrers die ersten 2-3 Tage wieder heimgeschickt werden, bis die Schulpflege eine Vertretung gefunden hat.

    In Deutschland hat jeder Grundschullehrer ein Studium an einer Pädagogischen Hochschule absolviert, d. h. in der Regel 4-5 Jahre Studienzeit mit anschliessendem Referendariat. In der Schweiz sind die Pädagogischen Hochschulen erst vor wenigen Jahren gegründet worden, bis dahin war es üblich und möglich, in einer Seminarausbildung auch ohne Hochschulreife (=Abitur oder Matura) Grundschullehrer zu werden.

    Was wir hier beschreiben erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit, sicher ist es auch in der Schweiz von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt. Wir können lediglich unsere Erfahrungen aus dem Zürcher Unterland erzählen.