Kein Betreibungsamt, dafür aber eine Datenkrake — Fragen Sie doch einfach die Schufa

November 29th, 2006

[HINWEIS: Seit gestern habe ich einen kleinen SPAM-Schutz bei den Kommentaren eingebaut, um die etlichen Spam-Kommentare nicht permanent von Hand löschen zu müssen. Einfach Kommentar schreiben, Zahl ausrechnen und das Ganze „submitten“. Die Kommentare werden danach immer noch manuell freigeschaltet. Es hilft nur die vielen automatisch generierten Spam-Comments zu verhindern. Für allfällig Umtriebe bitten wir vorauseilend um Entschuldigung. Gruss, Jens]

Da es in der Deutschland keine Betreibungsämter gibt, kann man folglich auch keine Betreibungsauskunft bekommen. Diese Lücke füllt eine andere Institution, genannt „Schufa“, die „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“.

  • Bitte noch die Schufa-Klausel unterschreiben
  • Die Schufa ist eine riesige Datenkrake, die jeden Menschen in Deutschland automatisch erfasst, der ein Girokonto haben möchte, einen Handyvertrag, einen Autokredit usw. Immer heisst es dann: “unterschreiben Sie bitte hier noch die Schufa-Klausel, dass Sie mit der zentralen Erfassung ihrer Daten einverstanden sind“, und schon ist man erfasst. Ab jetzt können andere abfragen, ob Sie denn auch in der Vergangenheit ihre Kredite immer brav bezahlt haben. Wenn Sie sich weigern, diese Klausel zu unterschreiben, werden Sie einfach kein Kredit erhalten, mitunter nicht einmal ein Girokonto, die Banken sind da ziemlich empfindlich in Deutschland.

  • Vor Weihnachten einen schnellen Kredit
  • Die zentrale Schufa kann allerdings auch sehr praktisch sein. So habe ich vor Jahren mal am Samstag vor Weihnachten kurz vor Geschäftsschluss noch schnell einen PC gekauft, den ich nicht gleich bar sondern in fünf Monatsraten verteilt bezahlen wollte. Der Mensch an der Kasse nahm meine Daten auf und startete , damals via Modem, eine Schufa-Anfrage. Es lag kein negativer Eintrag gegen mich vor, und schon hatte ich diesen Kleinkredit schnell und unbürokratisch bekommen.

  • „Tod eines Handlungsreisenden“ kennen alle
  • Eine Schufa-Auskunft kann in Deutschland gegen Geld fast jeder einholen, der behauptet, etwas über Sie wissen zu müssen. Lebensversicherungen fragen bei Vertragsabschluss grundsätzlich bei der Schufa nach, ob der zukünftige Kunde nicht zufällig überschuldet ist und nun seine Familie via Selbstmord sanieren möchte. Die haben eben alle „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gelesen oder die Verfilmung „Death of a Salesman“ mit Dustin Hoffmann (1986) gesehen, in der exakt dieses Szenario vorgeführt wird.
    Death of a salesman als Video bei amazon.com

  • Ist der neue Freund der Tochter auch kein Betrüger?
  • Es haben schon Bank-Mitarbeiter auf diese Art und Weise nachgeforscht, ob der neue Freund der Tochter auch „sauber“ ist und nicht vielleicht jede Menge Schulden am Hals hat. Wenn die Schufa in Deutschland nach Ihren Daten angefragt wird, bekommen Sie übrigens eine Nachricht. Sie erfahren nicht, wer da gefragt hat, aber dass gefragt wurde.

    Das Recht auf Selbstauskunft
    Selbstverständlich können Sie auch jederzeit ihre Daten bei der Schufa selbst einsehen.
    Bei der Schufa bekommen Sie unentgeltliche Selbstauskunft jedoch nur, wenn Sie persönlich in einer der 13 regionalen Geschäftsstellen erscheinen. Vertreten ist die Organisation in Hamburg, Bremen, Berlin, Hannover, Bochum, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/Main, Leipzig, Mannheim, Saarbrücken, Stuttgart und München. Telefonnummern und Öffnungszeiten der einzelnen Niederlassungen finden Sie auf der Verbraucher-Kontaktseite der Schufa. Alternativ dazu können Sie Ihre Selbstauskunft über ein Online-Formular (…) bestellen.
    (Quelle: akademie.de)

  • Und wenn nun einer so heisst wie Sie?
  • Nach 3 Jahren sollten die Daten gelöscht werden. Aber es soll Leute geben, die heissen zufällig gleich, und sind am gleichen Tag im gleichen Ort geboren. Sie meinen, das kommt selten vor? Allein in der kleinen Universitätsstadt Freiburg im Breisgau finden sich auf Anhieb 12 Menschen mit dem Namen „Peter Müller„. Stimmen nun noch der Geburtsort und der Geburtstag überein, dann fängt es an, lustig zu werden. Denn macht nun der eine “Peter Müller” Schulden, dann kann der zweite “Peter Müller” keinen Kredit bekommen, wahrscheinlich wegen einer Verwechslung bei der Schufa-Auskunft.

  • Es gibt keinen „Heimatort“ in Deutschland
  • Einen „Heimatort“ wie die Schweizer kennen die Deutschen nicht. Eindeutig wird man in Deutschland durch die Kombination von Name, Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort. Letzteres ist schlichtweg der Ort, in dem Sie zur Welt gekommen sind. Dort liegt auch das Original ihrer Geburtsanzeige im Standesamt, von der Sie bei Bedarf eine Version anfordern können, z. B. um einen Pass zu beantragen.

    Die Schufa kann also zum Problem werden für Leute mit Allerweltsnamen. In einem Land mit 82 Millionen Einwohner kommt das häufiger vor, dass Menschen gleich heissen. Als noch die Telefon-CD mit einer Suchfunktion für ganz Deutschland existierte, ergab die Suche nach „Helmut Kohl“ gleich 50 Fundstellen von Menschen, die so heissen wie der Alt-Bundeskanzler, und nur einer wohnte in Oggersheim. Ein paar davon auch mit Doktortitel. Fast niemand ist einzigartig in Deutschland.

    Bei insgesamt weit über 350 Millionen Eintragungen bleibt es außerdem nicht aus, dass sich völlig unzutreffende Datensätze in Ihre Unterlagen einschleichen. Unter dem Motto „Computer sind auch nur Menschen“ räumt sogar die Schufa selbst ein, dass sie nicht unfehlbar ist und es „schon mal zu einem Fehler kommen kann“.
    (Quelle: akademie.de)

  • eBay überprüft Identitäten mit der Schufa
  • Wer bei eBay neu einsteigen möchte, muss selbstverständlich ehrlich und genau seine kompletten Daten wie Anschrift, Geburtsdatum und Adresse angeben. Es wird dann sofort online von eBay bei der Schufa überprüft, ob diese Kombination von Daten plausibel ist, und freilich auch, ob sie nicht schon überschuldet sind, bevor ihre neue Käufer- oder Verkäuferidentität dort freigeschaltet wird.

  • Identitätenklau bei eBay, trotz oder wegen der Schufa
  • Wissen Sie alle diese Daten von dem alten Mütterchen, dass bei Ihnen im Haus zwei Etagen höher wohnt und bisher ohne PC und Internet lebt, dann könnten Sie sich damit in Deutschland problemlos bei eBay eine zweite Identität zulegen. Natürlich ist das illegal, aber immer wieder klagen Betroffene, die durch diesen „Identitätenklau“ geschädigt wurden. Sie erhalten Mahnungen und Anrufe, dass die von ihnen bestellte Ware endlich bezahlt werden soll, und merken erst nach und nach, dass jemand anders in ihrem Namen bei eBay Dinge gekauft hat, die er nie bezahlte. Lieferung per Abholung beim Parcel Service, der die Zustelladresse nicht finden konnte. Die Dienste der Schufa können also auch einfach für kriminelle Zwecke genutzt werden.

    [Morgen: Identitätenklau leicht gemacht — Vielleicht sind Sie ja ein ganz anderer?]

    Deutsche Korrektheit vs. Schweizer „Laisser-faire“? — Was ist dran am Klischee von der deutschen Obrigkeitshörigkeit

    November 9th, 2006
  • Sind Deutsche sehr obrigkeitshörig?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie pflegen eine besondere Form von „Obrigkeitshörigkeit“ und haben es lieber, genauen Weisungen zu folgen als selbst das Hirn anzuschalten. Wir tun uns schwer mit solchen Klischees, zumal sich bei jedem Volk Beispiele für und wider finden lassen, mit denen sich „Obrigkeitshörigkeit“ beweisen oder wiederlegen lässt. Diese Vorliebe der Deutschen wurde vom Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch in einem Interview mit der TAZ sogar als Vorteil gegenüber den Franzosen gelobt:

    Frage taz:
    In Frankreich demonstrieren seit Tagen die Studenten gegen den eingeschränkten Kündigungsschutz für Berufsanfänger. Geht es den Studis um die eigene Karriere oder erleben wir den Anfang einer neuen sozialen Bewegung?

    Antwort Küppersbusch:
    Weder noch: Gegen die kontinuierliche politische Kultur unserer Nachbarn kann man die deutsche obrigkeitshörig nennen – oder Standortvorteil.
    (Quelle: taz-de)

  • Sind die Franzosen weniger obrigkeitshörig?
  • Als vor Jahren die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchainé“ per fingierten Briefen unbescholtene Bürger aufrief, sich umgehend wegen eines angeblichen Vergehens auf der nächsten Präfektur zu melden, folgten ängstlich viele Franzosen diesem Juxbrief.

    Ähnliche Scherze in Deutschland oder England führten zum gleichen Ergebnis

  • Verweigerung gegen die Volkszählung
  • In den 80ern sollte in Deutschland eine Volkszählung durchgeführt werden, doch es kam zu massiven Verweigerungen und zivilem Ungehorsam, trotz angedrohter Bussgelder. Das Vorhaben drohte zu scheitern:

    Im Hintergrund stand die Befürchtung des so genannten „Gläsernen Bürgers“. Teilweise wurde die Volkszählung gar als Schritt in Richtung Überwachungsstaat gesehen. Die Zählung musste schließlich in Folge entsprechender Urteile – auch des Bundesverfassungsgerichts (siehe Volkszählungs-Urteil von 1983) – modifiziert werden, etwa, indem die Fragebögen überarbeitet wurden, um die Anonymität der Befragten besser zu gewährleisten. Aber die zahlreichen Kritiker behielten ihre Skepsis und blieben beim Boykottaufruf.
    Dazu wurde von einem breiten Bündnis verschiedener sozialer und politischer Gruppen als einem Akt des zivilen Ungehorsams aufgerufen. (…) Obwohl viele den Boykottaufruf trotz drohender Bußgeldverfahren befolgten und die Bögen nicht ausfüllten (manche füllten sie auch bewusst falsch aus), war der Rücklauf der in einem Ankreuz-Verfahren ausgefüllten Bögen, die an jeden Haushalt verteilt worden waren, groß genug, so dass die erhobenen Daten ausgewertet werden konnten.
    (Quelle: Wikipedia)

    Besonders fies war der Trick, feines Graphitpulver in die falsch ausgefüllten Bögen zu streuen, um die Optik der automatischen Auswertungsscanner zu schädigen.

    Von „Kadavergehorsam“ und „Obrigkeitstreue“ war da nicht viel zu spüren. Es ging bei der Volkszählung nicht um so konkrete Anliegen wie Fluglärm morgens um 6.00 Uhr, es ging um die diffuse Angst vor einem „Big Brother“ Staat der alles über seine Bürger weiss. Im Osten Deutschland wusste zur gleichen Zeit die Stasi alles über ihre Bürger, und erstickte an den Informationen ohne sie je richtig auswerten zu können. Informativer Overkill.

  • Beispiel Leseausweis Stadtbücherei
  • In Bülach bekamen wir kurz nach unserem Umzug bei der Stadtbibliothek einen Leseausweis, ohne je ein amtliches Dokument vorzulegen. Man vertraute einfach dem freundlichen Gesicht. Um in einer Deutschen Stadtbücherei einen Leseausweis zu bekommen, muss ein Personalausweis oder ein Reisepass plus Meldebestätigung vorgelegt werden. In Frankreich behilft man sich in solchen Fällen mit einer Stromrechnung, auf der die korrekte Anschrift steht, denn eine Meldepflicht, bei der aktuelle Wohnort in der ID-Karte nachgeführt wird, gibt es nicht.

    Wir haben in verschiedenen Städten Deutschlands gelebt und können uns nicht erinnern, jemals in einer Bibliothek ohne gültigen Leseausweis ein Buch bei der Ausleihe verbucht zu bekommen. Vielleicht war damals die EDV auch noch nicht so weit gediehen, dass dies ohne Barcode einfach möglich gewesen wäre. In Bülach habe ich noch nie einen Ausweis vorlegen müssen. Alle Daten stehen doch im Computer. Namen nennen genügt.

  • Beispiel Garderobefrau Deutschland vs. Schweiz
  • Neulich waren wir in einer süddeutschen Kleinstadt auf einem Konzert. Mäntel und Jacken mussten bei einer kostenpflichten Garderobe abgegeben werden. „Aus feuerpolizeilichen Gründen ist es uns nicht möglich, zwei Jacken auf einen Haken zu hängen“ hörten wir doch tatsächlich dort eine Garderobefrau sagen, bevor sie zweimal kassierte und uns die Mäntel abnahm. Wenn wir da an die armen Studentinnen der Theaterwissenschaften im Schauspielhaus Zürich denken, die sich ständig über alle feuerpolizeilichen Gründe hinwegsetzen bei ihrer Arbeit, wird uns ganz flau in der Magengegend.

  • Doch zu wenig „pedantisches Beamtendenken“ in der Schweiz?
  • Dann war da noch die Geschichte von dem betrügerischen Schweizer Firmenvertreter, welcher die Rechnungen für die in der Schweiz ausgelieferte Maschinen seiner Firma selbst vor Ort kassierte, das Geld unterschlug und dann die echten Rechnungen am lokalen Postamt abfing, in dem er dort anrief und sich nach Einschreiben seiner Firma erkundigte, die er gleich darauf selbst nur unter Vorlage einer Firmen-Visitenkarte abholte.

    Es ist da was durcheinandergeraten, das Einschreiben für XY sollte nicht zugestellt werden…“ war sein Begründung , bis es dem Besitzer der Firma irgendwann aufging, dass seine per Einschreiben verschickten Rechnungen an die Endkunden nie ankamen. Die Schuld lag bei den Postbeamten, die sich auf unterschiedlichen Schweizer Postämtern nur durch einen Anruf und eine Visitenkarte dazu breitschlagen liessen, einen eingeschriebenen Brief auszuhändigen, der angeblich fehlgelaufen sei.

    Die Schweiz hat ihre Beamten abgeschafft (vgl. Blogwiese), die Deutsche Post ist auch schon privatisiert. Ob dieser Betrug bei einem Deutschen Pöstler auch funktioniert hätte?

    Hier der bekannte Touché Postbeamte von TOM alias Thomas Körner
    Touches Postbeamte
    (Quelle (und weitere Touché Comix Online): hu-berlin.de)

    Als Ostdeutsche Journalistin in Bern

    November 2nd, 2006
  • Fremder als Gedacht
  • Die Journalistin Anne-Careen Stolze, berichtet im Berner „Bund“ vom 17.06.06 unter der Überschrift „Fremder als gedacht“ über ihre Erfahrungen in der Schweiz:

    Ja, ich bin Deutsche, ja, ich bin Akademikerin und ja, ich bin in die Schweiz gezogen. Aber nein: Ich bin nicht einmarschiert, um den Schweizern richtiges Hochdeutsch beizubringen.

    Nun, sie ist nicht „gezügelt“ und auch nicht „in die Schweiz migriert“, geschweige denn aus Deutschland „ausgewandert“. Einfach nur hierhin gezogen. Soll es ja geben. Erst wenn man hier ankommt, fällt einem auf, dass es zwischen den einzelnen Arten, seinen Wohnsitz zu verlagern, gewaltige Unterschiede gibt. „Einmarschiert“ sind die Deutschen hier noch nie, bis lang kamen sie meistens, weil sie angeworben wurden oder hier einen Job fanden.

  • Gibt es „richtiges Hochdeutsch“?
  • Und was das „richtige Hochdeutsch“ angeht: Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein. Ich halte es für eine Illusion, überhaupt an die Existenz eines „richtigen Hochdeutschs“ zu glauben. Es gibt einen Standard, den alle verstehen, und es gibt Varianten.

    Es mag sein, dass Landsleute von mir arrogant auftreten, aber ich mag Schweizerdeutsch und kann mit dem Klischee der Deutschen nichts anfangen. Vor allem, da ich bereits die Erfahrung gemacht habe, dass ich gar kein Hochdeutsch spreche und ohnehin ein Exot bin, denn ich stamme aus einem Land, das es nicht mehr gibt. In der DDR wurde Dialekt gesprochen, aber längst nicht nur Sächsisch, sondern auch Thüringisch, Anhaltinisch, Berlinisch und mehr. Gross geworden bin ich mit «Berliner Schnauze» und hatte Glück, denn mit diesem Dialekt gilt man in Deutschland gerade noch als cool.

    Es soll ja Schweizer geben, die in Berlin bereits mit „Berliner Schnauze“ ihre Berliner Weisse mit Schuss bestellen können. Was die Dialektvielfalt im Osten Deutschlands angeht, so erinnern wir an die häufigen Kommentare des Lesers Branitar. Einmal mehr stellt sich heraus, dass nur Teil Deutschlands so etwas wie „Hochdeutsch“ auch im Alltag spricht.

    Als ich in den Westen zog, hatte ich das Gefühl, ins Ausland gezogen zu sein, obwohl die Menschen dort auch Deutsch sprachen. Ich musste mir Fragen über den Sozialismus stellen lassen und traf auf seltsam mitleidige Vorurteile gegenüber den «Ossis». Das konnte ich mir ja noch ganz gut gefallen lassen und einfach drüber lachen.

  • Jeder ist fast überall Ausländer
  • Es ist noch gar nicht lange her, da erzählten uns Ostdeutsche in der Schweiz, dass sie dieses Land ja ganz nett fänden, sie jedoch der hohen Anteil von Ausländern irgendwie störte. Da hilft nur eins: Zurück in die Heimat, denn in den meisten Ländern der Welt ist jeder ein Ausländer.

    Aber als ich in die Schweiz kam und man mir wie allen Deutschen unterstellte, ich würde die Helvetier als «Kuhschweizer» betiteln, war ich sprachlos. Das Wort hatte ich vorher nie gehört und auch habe ich die Schweiz als Land bewundert.

    Es zeigt sich hier wieder die ewige Angst, als Schweizer für „ländlich-zurückgeblieben“ im Ausland betrachtet zu werden. Von der hohen Anzahl von Redewendungen aus dem Agrarbereich in der Schweiz wissen die Deutschen nichts. Und den Ausdruck „Kuhschweizer“ kennen sie erst recht nicht, es sei denn, sie haben die Aufsatzsammlung „Kuhschweizer und Sauschwaben“ von Jürg Altwegg gelesen.

    Es ist ein viel zitierter Ausdruck eines Schweizer Minderwertigkeitskomplex. Wir haben mal geschrieben, dass ein Schweizer Schauspieler in Berlin dies von ihren Landsleuten auch gefragt wurde. „Sagen sie hier manchmal Kuhschweizer zu Dir?“ . Die Furcht, nicht als Hightech-Land ernstgenommen zu werden.

  • Musterbeispiel für Integration
  • Bei uns gilt die Schweiz als Musterbeispiel für Integration, man zollt ihr für vorbildliche Demokratie und in vielerlei anderer Hinsicht Respekt. Mit diesem Bild kam ich her. Zum zweiten Mal in meinem Leben fühlte ich mich als Ausländerin, obwohl die Sprache meiner ähnlich ist.

    Ein „Musterbeispiel für Integration“? Für eine Ostdeutsche, in deren Heimat es heute für einen Schwarzafrikaner oder einen Asiaten sehr risikoreich ist, abends allein durch die Strassen zu laufen, muss das Zusammenleben der vielen Kulturen in der Schweiz so erscheinen. Es sei denn, man hat einen Namen, der auf „-ic“ endet und möchte sich einbürgern lassen, oder man hat einen Ex-Jugoslawien-Pass und möchte nun als junger Mensch bei einer Versicherung sein Auto zulassen. Leider kostet das ein bisschen mehr, wenn man dieser „Ethnie“ angehört.

    Das war dann auch meine erste Herausforderung – Bärndütsch verstehen. Allein, ich wollte es lernen und verstehe es jetzt auch. Doch damit bin ich jetzt noch lang nicht aus dem Schneider. In Stufe zwei gewöhne ich mir automatisch die verschiedenen Kombinationen von «Adieu» und «Merci» an, auch «Exgüse» und «Grüessech» klappen schon ganz gut. Vorher bin ich in Geschäften verstummt, schämte mich in nie gekannter Weise für mein Deutsch. Aber mittlerweile legt sich das; wenn mir heute konsequent auf Hochdeutsch geantwortet wird, zweifle ich nicht mehr an meiner Aussprache. Das ist dann nicht mein Problem.

    Immerhin scheinen die Berner hier sehr schnell zu merken, wenn eine Ostdeutsche sich auf Bärndütsch versucht. Aber das kommt schon noch. Massimo Rocchi hat es ja auch gelernt.

    Mein drittes Projekt: Ich will bei den kulturellen Gepflogenheiten mitmachen. Dabei stolpere ich über manch Kurioses. Dass es in der Migros kein Bier gibt, fand ich schnell raus. Bis ich das System der Kehrichtabfuhr mit speziellen Säcken und Etiketten kapiert hatte, brauchte es länger. Ich habe mit Freunden im Eichholz «grilliert», mache meine Mittagspause auf der Bundesterrasse und bin auf den Gurten gejoggt. Inzwischen grüssen mich die Menschen im Quartier, das finde ich wunderbar. Es erinnert mich an meine Kindheit. In der DDR grüssten sich die Leute auch auf der Strasse. Vielleicht ist hier doch nicht alles so fremd. Anne-Careen Stoltze

    Es freut uns zu lesen, dass noch andere Deutsche ähnliche Erfahrungen wie wir in der Migros und anderswo gemacht haben. An das „Grillieren“ haben wir uns gewöhnt, weil wir auch nicht gern Heupferde verspeisen. Wenn Sie auf der Bundesterrasse ihre Mittagspause macht, sollte sie auf keinen Fall Müll nach unten werfen, denn der bleibt sonst in den Auffangnetzen für die Selbstmörder hängen. Und da ist er extrem schwierig wieder rauszukriegen. Wie oft werden eigentlich Selbstmörder dort aus den Netzen geholt?

  • Grüssen auf der Strasse auch in Westdeutschland
  • Das Grüssen im Alltag ist auch in ländlichen Gegenden in Westdeutschland üblich. Wir erinnern uns an Besuche im Sauerland, bei denen uns dieses „Grüssen auf der Dorfstrasse“ auffiel. Gleiches gilt für Besuche am Niederrhein. Wir wünsche der Ostdeutschen Anne-Careen Stolze, dass sie irgendwann nur noch Bärndütsche Antworten bekommt, wenn sie etwas fragt.

    Ohne Zweifel — Jetzt kommt Zweifel

    Oktober 20th, 2006
  • Ennet der Grenze wird „eh net“ alles verkauft
  • Wir alle kennen die regelmässigen „Migrationsbewegungen“ der Schweizer am Wochenende über die Grenze ins befreundete „Europäische Ausland“. Der Umsatz, der von allen Supermärkten auf der anderen Seite der Grenze (die Schweizer sagen kurz und präzise „ennet der Grenze“ zu diesem Satzungetüm) gemacht wird, steht bereits seit einiger Zeit an dritter Stelle hinter den Umsätzen von Migros und Coop, und noch vor dem von Denner.

    Doch jetzt kommt der Gegenangriff. „The empire strikes back“, „macht kaputt was euch kaputt macht“, hätte man in den wilden 68ern skandiert.

    Die Rede ist von Zweifel, dem Schweizer Quasi-Monopolisten für die eidgenössisch lizenzierte, subventionierte und durch Schutzzöllen am Leben erhaltene Produktion von Kartoffelchips. Die lässt sogar die grosse Migros für sich von Zweifel produzieren, denn was man nicht nachmachen kann, dass kauft man ein, heisst dort die Devise.

    Zweifel versucht sich auf dem Deutschen Markt und hat das schweizerische Grüezi und die Schweizerflagge gleich mitgebracht:
    Zweifel in Deutschland
    Foto: Was ist das da für ein weisses Ding auf dieser Flagge?

  • Weg mit Hammer&Zirkel, her mit dem Schweizerkreuz
  • Ist es nicht genial? Und wie vortrefflich sich das weisse Schweizerkreuz in den roten „Blut-Balken“ der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge schmiegt! Als ob es nie woanders zu Hause gewesen wäre. Offiziell wird dieses Rot übrigens „Verkehrsrot“ genannt, vielleicht weil diese Rot bei Unfällen im Verkehr häufig zu sehen ist? Was bedeuten eigentlich diese drei Farben?

    Die Farbzusammenstellung ergibt sich aus einem (historisch verbürgten) Ausspruch in den Befreiungskriegen:
    Aus der Schwärze (schwarz) der Knechtschaft durch blutige (rot) Schlachten ans goldene (gold) Licht der Freiheit.
    (Quelle: Wikipedia)

    Können wir auch heute gut nachvollziehen, da blutige Schlachten täglich auf den Autobahnen ausgefochten werden.

  • Was könnte man als Werbegimmik in die Packung legen?
  • Wir finden es klasse, was Zweifel da unternimmt, und drücken den Herstellern alle vorhandenen Daumen für den Erfolg im Chio-Chips Land. Vielleicht sollten Sie auf die Packung noch Gutscheine verstecken, für eine Grundkurs Schweizerdeutsch an der Clubschule Migros in Zürich, oder Coupons für die Teilnahme an der Verlosung von 100 permanenten C-Bewilligungen für die Schweiz. Als Hauptpreis vielleicht das Heimatrecht in einer Gemeinde ihrer Wahl plus einem hübschen druckfrischen Schweizerpass? Das würde den Absatz sicher steigern helfen.

    Die Deutschen sind neugierige Konsumenten von Chips, ich habe da keine Zweifel. Ob sie auf die Dauer das hübsche weisse Kreuz auf ihrer Flagge akzeptieren, nach dem dort vor ein paar Jahren erst Hammer & Zirkel raus und der Adler reinmontiert worden sind, gilt abzuwarten. Wahrscheinlich halten sie es sowieso für einen Flagge vom Internationalen Roten Kreuz. Rot und Weiss und Kreuz, wir kennen das ja zu genüge (vgl. Blogwiese).

    Und wenn die Schweizer am Wochenende im „befreundeten Ausland“, zufällig wie immer bei der Warenkontrolle und beim „Einkauf minderer Qualität“ bei Aldi anzutreffen, freuen sich sicherlich, jetzt völlig subventionsfrei und höchstwahrscheinlich billiger die beliebten Zweifel-Chips einkaufen zu können. Und „erst noch“ mit Mehrwertsteuerrückerstattung. Später dann nicht mehr.

    Wie hoch liegt die Schweiz? — Von der Nordsee bis zum Mittelmeer geht es nur bergab

    Oktober 17th, 2006
  • Eine Hausse ist ein Hoch
  • Zur Zeit boomt die Wirtschaft in der Schweiz. Der SMI = Swiss Market Index stürmt von einem Allzeithoch zum nächsten. Es geht immer nur aufwärts. Immerhin kann man dieses Hoch, diese „Hausse“ noch messen, denn die Zahlen sind leicht zu verfolgen. Komplizierter ist es mit der sonstigen Höhe der Schweiz, denn die wird hier nicht nur anders gemessen als beim nördlichen Nachbarn, sie heisst auch anders.

  • Meter über Meer ohne Zugang zum Meer
  • Während die Deutsche von der „Höhe über dem Meeresspiegel“ sprechen, sagt man in der Schweiz mit einer hübschen Alliteration und ohne bestimmtem Artikel: „Meter über Meer“:

    Meter über Meer (m ü. M.) ist die offizielle Bezeichnung der Schweizer Höhenangaben.
    In der Schweiz verwendet man als amtliche Höhen, nivellierten Höhen ohne Schwereausgleich aus dem Landesnivellement von 1902 (LN02). Als Ausgangspunkt des Schweizer Höhennetzes dient der Repère Pierre du Niton. Dessen Höhe wurde vom mittleren Meeresspiegel von Marseille abgeleitet und auf 373,6 m gerundet.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Die Nordsee ist kein Meer sondern eine See
  • Mit „Meer“ ist also keine Nordsee und keine Ostsee gemeint, sondern das Mittelmeer. Die östlichen Nachbarn der Schweiz, die Österreicher, fanden auch zu Recht, dass das Mittelmeer ihnen am nächsten liegt, gingen aber zum Vermessen nicht nach Marseille als Bezugspunkt, sondern an die Adria. Das hat Folgen:

    Die schweizerischen Höhenangaben weichen um ca. -0,6 bis -7,5 cm von den österreichischen Höhen über der Adria ab. Da der Repère Pierre du Niton 1845 ungenau auf 376,86 m bestimmt wurde, sind Höhenangaben, die sich auf diesen „Alten Horizont“ beziehen (zum Beispiel in der Siegfriedkarte und Dufourkarte), um 3,26 m höher als die heute offiziellen Werte.

    Wenn Sie also mit der Dufourkarte auf die Dufourspitze steigen, sind sie laut Karte nicht auf 4634 Meter über Meer, sondern 4637 Meter. Hier gibt es einen wunderschönen 360 Grad Quicktime Rundumblick davon. Aber vorher eine Jacke anziehen. Ist ziemlich kalt da oben.

  • Wie wird in Deutschland die Höhe gemessen?
  • Bis 1993 wurde in Deutschland die Höhe in beiden Teilstaaten getrennt gemessen und definiert.

    Die Vermessungsverwaltungen der 16 Bundesländer Deutschlands beschlossen im Jahr 1993 ein einheitliches Höhenbezugssystem, das DHHN92, einzuführen. (…) Anschlusspunkt zur Festlegung des DHHN92 ist der Knotenpunkt Wallenhorst (bei Osnabrück), der an das europäische Referenznetz (ETRS89) angeschlossen ist, das sich weiterhin auf den Pegel von Amsterdam bezieht.

    Amsterdam liegt an der Nordsee, nicht am Mittelmeer. Und was kann es Schöneres geben, als ein knackige Abkürzung wie „DHHN92“, klingt wie ein DJ-Kürzel oder der Name eines Flugzeugs. Doch, es geht noch schöner. Wenn Sie „Meter über Meer“ auch wie reine Poesie empfinden, wie gefallen Ihnen dann diese Wortkonstruktionen:

    Von Normalnull über Höhennull zu den Höhen über Normalhöhennull
    Die bisher geltenden Höhenbezüge auf Normalnull (NN) und Höhennull (HN) werden damit durch das Quasigeoid des DHHN92 ersetzt und als Höhen über Normalhöhennull (Höhen über NHN) bezeichnet
    (Quelle: Wikipedia)

    Zum Glück ist das nicht wirklich die eingebürgerte Bezeichnung. Sie dürfen „meter über Normalhöhennull“ sagen, kurz „m. ü. NHN“. In der Schweiz heisst es m. ü. M. (meter über Meer) und in Österreich m. ü. A. (meter über Adria). Meter ist in der Schweiz laut unserem Duden vorwiegend männlich, aber auch sächlich möglich, in Deutschland nur männlich, warum aber in den Abkürzung das/der Meter klein geschrieben wird, das mag uns niemand erklären.

  • Als in Laufenburg 54 cm fehlten
  • Richtig spannend wurde es, als 2003 in Laufenburg eine neue Brücke zwischen der Schweiz und Deutschland gebaut wurde und die jeweiligen Ingenieure die landestypische Höhenmessung verwendeten.

    Knapp ein Kilometer östlich von Laufenburg befindet sich die Neue Rheinbrücke. Sie wurde gebaut, um die auf beiden Seiten des Rheins gelegene Altstadt vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Bei ihrem Bau verwendeten die Schweizer Brückenbauer den Triester Pegel, die deutschen Brückenbauer hingegen den Amsterdamer Pegel. Zwischen beiden Pegeln besteht eine Differenz von 27 Zentimetern. Die Differenz wurde aber falsch korrigiert, so dass sie schliesslich 54 Zentimeter betrug. Dies sorgte 2003 für viel Gespött, da die Brücke ohne die dann vorgenommenen Korrekturen nicht für den Verkehr nutzbar gewesen wäre. Die Eröffnung erfolgte im Dezember 2004
    (Quelle: Wikipedia)

    Rheinbrücke Laufenburg
    (Quelle Foto: karl-gotsch.de)

    Als im Frühjahr 2006 bei Rheinfelden eine neue Autobahnbrücke zwischen der Schweiz und Deutschland eingeweiht wurde, mit der das Nadelöhr Basel umfahren werden soll, erzählt der Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger die Geschichte der Laufenburger Brücke so:

    Auf beiden Seiten des Rheins wurde gebaut. Als die beiden Hälften hätten vereinigt werden sollen, ergab sich ein Höhenunterschied von einem halben Meter.

    Ein Rätsel.

    Die Zahlen stimmten, aber die Differenz blieb.

    Der Oberexperte aus Deutschland reiste verzweifelt in die Ferien zu seiner Fraktion in die Toskana am Mittelmeer, derjenige aus der Schweiz nach Sylt, an die Nordsee. Das brachte die Wahrheit an den Tag:

    Es lag an der Meereshöhe. Wir in der Schweiz berechnen sie ab dem Mittelmeer, Sie in Deutschland berechnen sie ab der Nordsee.

    Nicht einmal mehr auf die Tiefe des Meeresspiegels kann man sich verlassen. Das nächste Mal werden wir im Vertrag genauer sein und festhalten: Wir berechnen die Meereshöhe nach dem Tiefensee.

    Die Brücke von Laufenburg zeigt: Es gibt manchmal auch Grenzen der Verständigung, die wir im Eifer um Objektivität übersehen, zu Unrecht übersehen.

    Wir müssen also mit Rücksicht auf die Fakten und die jeweiligen Interessen aller Betroffenen entscheiden, unabhängig davon, auf welcher Seite der Grenze sie sich gerade befinden.

    (Quelle: uvek.admin.ch)
    UVEK ist übrigens kein „Universeller Verein Evangelischer Knastbrüder“ sondern bezeichnet das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

    Die ganze Geschichte auch als wvx-Video hier bei azonline.ch

    P.S.: Wo liegt eigentlich der Tiefensee, nach dem Leuenberger in Zukunft die Höhe berechnen will?