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Deutsche Korrektheit vs. Schweizer „Laisser-faire“? — Was ist dran am Klischee von der deutschen Obrigkeitshörigkeit

  • Sind Deutsche sehr obrigkeitshörig?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie pflegen eine besondere Form von „Obrigkeitshörigkeit“ und haben es lieber, genauen Weisungen zu folgen als selbst das Hirn anzuschalten. Wir tun uns schwer mit solchen Klischees, zumal sich bei jedem Volk Beispiele für und wider finden lassen, mit denen sich „Obrigkeitshörigkeit“ beweisen oder wiederlegen lässt. Diese Vorliebe der Deutschen wurde vom Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch in einem Interview mit der TAZ sogar als Vorteil gegenüber den Franzosen gelobt:

    Frage taz:
    In Frankreich demonstrieren seit Tagen die Studenten gegen den eingeschränkten Kündigungsschutz für Berufsanfänger. Geht es den Studis um die eigene Karriere oder erleben wir den Anfang einer neuen sozialen Bewegung?

    Antwort Küppersbusch:
    Weder noch: Gegen die kontinuierliche politische Kultur unserer Nachbarn kann man die deutsche obrigkeitshörig nennen – oder Standortvorteil.
    (Quelle: taz-de)

  • Sind die Franzosen weniger obrigkeitshörig?
  • Als vor Jahren die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchainé“ per fingierten Briefen unbescholtene Bürger aufrief, sich umgehend wegen eines angeblichen Vergehens auf der nächsten Präfektur zu melden, folgten ängstlich viele Franzosen diesem Juxbrief.

    Ähnliche Scherze in Deutschland oder England führten zum gleichen Ergebnis

  • Verweigerung gegen die Volkszählung
  • In den 80ern sollte in Deutschland eine Volkszählung durchgeführt werden, doch es kam zu massiven Verweigerungen und zivilem Ungehorsam, trotz angedrohter Bussgelder. Das Vorhaben drohte zu scheitern:

    Im Hintergrund stand die Befürchtung des so genannten „Gläsernen Bürgers“. Teilweise wurde die Volkszählung gar als Schritt in Richtung Überwachungsstaat gesehen. Die Zählung musste schließlich in Folge entsprechender Urteile – auch des Bundesverfassungsgerichts (siehe Volkszählungs-Urteil von 1983) – modifiziert werden, etwa, indem die Fragebögen überarbeitet wurden, um die Anonymität der Befragten besser zu gewährleisten. Aber die zahlreichen Kritiker behielten ihre Skepsis und blieben beim Boykottaufruf.
    Dazu wurde von einem breiten Bündnis verschiedener sozialer und politischer Gruppen als einem Akt des zivilen Ungehorsams aufgerufen. (…) Obwohl viele den Boykottaufruf trotz drohender Bußgeldverfahren befolgten und die Bögen nicht ausfüllten (manche füllten sie auch bewusst falsch aus), war der Rücklauf der in einem Ankreuz-Verfahren ausgefüllten Bögen, die an jeden Haushalt verteilt worden waren, groß genug, so dass die erhobenen Daten ausgewertet werden konnten.
    (Quelle: Wikipedia)

    Besonders fies war der Trick, feines Graphitpulver in die falsch ausgefüllten Bögen zu streuen, um die Optik der automatischen Auswertungsscanner zu schädigen.

    Von „Kadavergehorsam“ und „Obrigkeitstreue“ war da nicht viel zu spüren. Es ging bei der Volkszählung nicht um so konkrete Anliegen wie Fluglärm morgens um 6.00 Uhr, es ging um die diffuse Angst vor einem „Big Brother“ Staat der alles über seine Bürger weiss. Im Osten Deutschland wusste zur gleichen Zeit die Stasi alles über ihre Bürger, und erstickte an den Informationen ohne sie je richtig auswerten zu können. Informativer Overkill.

  • Beispiel Leseausweis Stadtbücherei
  • In Bülach bekamen wir kurz nach unserem Umzug bei der Stadtbibliothek einen Leseausweis, ohne je ein amtliches Dokument vorzulegen. Man vertraute einfach dem freundlichen Gesicht. Um in einer Deutschen Stadtbücherei einen Leseausweis zu bekommen, muss ein Personalausweis oder ein Reisepass plus Meldebestätigung vorgelegt werden. In Frankreich behilft man sich in solchen Fällen mit einer Stromrechnung, auf der die korrekte Anschrift steht, denn eine Meldepflicht, bei der aktuelle Wohnort in der ID-Karte nachgeführt wird, gibt es nicht.

    Wir haben in verschiedenen Städten Deutschlands gelebt und können uns nicht erinnern, jemals in einer Bibliothek ohne gültigen Leseausweis ein Buch bei der Ausleihe verbucht zu bekommen. Vielleicht war damals die EDV auch noch nicht so weit gediehen, dass dies ohne Barcode einfach möglich gewesen wäre. In Bülach habe ich noch nie einen Ausweis vorlegen müssen. Alle Daten stehen doch im Computer. Namen nennen genügt.

  • Beispiel Garderobefrau Deutschland vs. Schweiz
  • Neulich waren wir in einer süddeutschen Kleinstadt auf einem Konzert. Mäntel und Jacken mussten bei einer kostenpflichten Garderobe abgegeben werden. „Aus feuerpolizeilichen Gründen ist es uns nicht möglich, zwei Jacken auf einen Haken zu hängen“ hörten wir doch tatsächlich dort eine Garderobefrau sagen, bevor sie zweimal kassierte und uns die Mäntel abnahm. Wenn wir da an die armen Studentinnen der Theaterwissenschaften im Schauspielhaus Zürich denken, die sich ständig über alle feuerpolizeilichen Gründe hinwegsetzen bei ihrer Arbeit, wird uns ganz flau in der Magengegend.

  • Doch zu wenig „pedantisches Beamtendenken“ in der Schweiz?
  • Dann war da noch die Geschichte von dem betrügerischen Schweizer Firmenvertreter, welcher die Rechnungen für die in der Schweiz ausgelieferte Maschinen seiner Firma selbst vor Ort kassierte, das Geld unterschlug und dann die echten Rechnungen am lokalen Postamt abfing, in dem er dort anrief und sich nach Einschreiben seiner Firma erkundigte, die er gleich darauf selbst nur unter Vorlage einer Firmen-Visitenkarte abholte.

    Es ist da was durcheinandergeraten, das Einschreiben für XY sollte nicht zugestellt werden…“ war sein Begründung , bis es dem Besitzer der Firma irgendwann aufging, dass seine per Einschreiben verschickten Rechnungen an die Endkunden nie ankamen. Die Schuld lag bei den Postbeamten, die sich auf unterschiedlichen Schweizer Postämtern nur durch einen Anruf und eine Visitenkarte dazu breitschlagen liessen, einen eingeschriebenen Brief auszuhändigen, der angeblich fehlgelaufen sei.

    Die Schweiz hat ihre Beamten abgeschafft (vgl. Blogwiese), die Deutsche Post ist auch schon privatisiert. Ob dieser Betrug bei einem Deutschen Pöstler auch funktioniert hätte?

    Hier der bekannte Touché Postbeamte von TOM alias Thomas Körner
    Touches Postbeamte
    (Quelle (und weitere Touché Comix Online): hu-berlin.de)

    

    5 Responses to “Deutsche Korrektheit vs. Schweizer „Laisser-faire“? — Was ist dran am Klischee von der deutschen Obrigkeitshörigkeit”

    1. Daniel Says:

      Hier gibts den Blog eines Schweizers mit besonderem Augenmerk auf die (hoch)deutsche Sprache und deren besonderer Beherrschung …

    2. Brun(o)egg Says:

      Ein heikles Thema Frankreich mit Deutschland zu vergleichen und die Schweiz dabei ins Spiel zu bringen. Der einzige gemeinsame Nenner für die drei ist der „Code Civile“ von Napoleon der ganz Europa geprägt hat.
      Revolutionen haben in der Schweiz genau sowenig stattgefunden wie in Deutschland. Ausser Tell und von dem ist nur sicher, dass er Gessler erschosssen hat, aber obs ihn gab? (M. Frisch) Herr Schiller hats geglaubt.

      Die Schweiz würde ich aussen vor lassen, was das Staatsverständnis angeht. Wir stimmen über die Anschaffung jeder Feuerwehrleiter sowieso separat ab. Soweit kommts noch, dass die einfach eine kaufen……!
      Soviel zum Schweizer Staatsverständnis. Mehr liegt nicht drin. Würde stundenlange Seiten dauern.

      Ein Unterschied zu Deutschland als auch zu Frankreich ist: der Gedanke, dass der Staat für den Bürger da ist, der Bürger bestimmt was er will, ist in der Schweiz ausgeprägter, dank der direkten Demokratie. Wir haben auch schon mal höheren Steuern zugestimmt. Schweizweit! Schon lange her, aber das gabs (70er Jahre) und das ist (war) Zeichen für Gemeinsinn und die Einsicht in die Notwendigkeit. Ohne Revolution und es hat nichts mit Obrigkeitshörigkeit zu tun.

      Der Staat nicht nicht nur als Selbstbedienungsladen, zum zurücklehnen und wenn nötig zum kuschen, sondern geprägt von einem hohen Mass an Selbstverantwortung. Vielleicht ist deshalb die Obrigkeitshörigkeit in der Schweiz weniger ausgeprägt. Die Beamten sind eben weniger „Beamte“, sondern Angestellte eines gemeinsamen Unternehmens. Sie waren nie etwas Besonderes, Bürger erster Klasse wie in den KK Monarchien. Ausser dem Zombie am Schalter, dem gerade die Frau davongelaufen ist. Kommt ja manchmal vor.

      Laisser faire in der Schweiz? Tönt negativ, kann aber in dem Zusammenhang positiv aufgegriffen werden: Weniger detaillierte Vorschriften, unkomplizierte Behördenwege, weniger Gesetze die jeden Hafenkäse bis ins Detail regeln und vor allem kein Bundes(verfassungs)gericht, welches tief in den politischen und wirtschaftlichen Alltag eingreift und allmächtig über dem Bürger schwebt.

      Da kann in Deutschland bei Otto Normalverbraucher keine Selbstverantwortung Fuss fassen, was automatisch zu weniger Staatsgläubigkeit führen würde. Inklusive Kuschel Effekt.

      Der Kontrapunkt: In Frankreich wird alles in Paris entschieden. Die Deps. und Präfekten haben fast nichts zu sagen. Vielleicht ist dieser Zentralismus der Grund, warum die Franzosen immer wieder revoluzzen? Allerdings fast immer nur in Paris. (sic!) Ich glaube nicht, dass die Franzosen wenige Obrigkeitshörig sind. Nur ihre Geschichte ist eine andere, wildere.

    3. Administrator Says:

      @Brun(o)egg
      Möchte Dir ganz herzlich danken für Deinen Beitrag und in allem Zustimmen. Bin ja so froh, dass überhaupt mal jemand was zu diesem Thema sagt.
      Die Geschichte mit dem Schweizer Einschreiben-Einsammler ist dennoch etwas, was mich beschäftigt hat. Wäre das in Deutschland auch passiert? Der hat bös die Haltung „Wird schon richtig sein“ der Angestellten ausgenutzt. Aber ob es den Schweizern besser ginge, wenn da nur „Dienst-nach-Vorschrift“ Leute am Schalter sässen, möchte ich auch bezweifeln.

      Unterschied Deutschand-Frankreich:
      Es hat im Endeffekt meist was mit „Ex-Katholisch“ und „Ex-Protestantisch“ zu tun, diese Reste von „Die da oben werden es schon lenken“ und „Wir werden unser Glück selbst in die Hand nehmen“, obwohl auch diese Kategorien heutzutage kaum mehr anwendbar sind.

      Nochmals Danke für deinen Beitrag. „Laisser faire“ war nicht negativ gemeint, sondern als Kontrast zum „Dienst nach Vorschrift“ Verhalten, z. B. dieser Garderobefrau aus Deutschland.

      Gruss, Jens

    4. Max Says:

      Naja, jedes der drei angesprochenen Länder hat so seine Beamtenmacken, bei denen man sich jeweils wünscht gerade in einem der anderen Länder zu sein.

      Bsp. Zürich, Anmelden beim Zuzug. Man bringt alle gem. Internetseite notwendigen Dokumente, inkl. Heimatschein, der bei der vorgängigen Gemeinde hinterlegt war und dort persönlich abgeholt werden musste. Nun kommt der kleine Beamte in Oerlikon und meint, dass ja auch noch die Kopie des Mietvertrages vonnöten sei…. die darauf folgenden Diskussionen erspare ich Euch. Jedenfalls kriegte ich dann ein Formular, das ich als Untermieter von der Vermieterin unterschreiben lassen musste. Ich wollte das natürlich vor den Augen des Beamten gleich selbst unterschreiben, schliesslich konnte er ja eh nicht kontrollieren, ob die Unterschrift der Vermieterin gehört hätte. Naja, da drohte er mir gleich mit Urkundenfälschung… Fazit: Doofe Regeln gepaart mit dem festen Glauben der Beamten, dass das Volk die Formulare ehrlich ausfüllen werde…

      Frankreich:
      Schon mal versucht ein Bankkonto zu eröffnen? O.k., ich habe mich dann mit einem Postkonto begnügt, denn da musste ich bloss einen Tag aufs Rendez-vous mit dem conseiller de clientèle warten. Natürlich wollte der dann mein EDF-Stromrechnung sehen. Auch in Paris war ich bloss zur Untermiete wohnhaft. Jetzt wurde es schwierig. Schliesslich hatte der Kundenbetreuer ein Einsehen und nachdem auch noch der Pöstler ein paar Tage später persönlich bestätigt hatte, dass es einen Briefkasten auf meinen Namen an der angegebenen Adresse gab, kriegte ich schliesslich mein Konto. Fazit: Doofe Regeln, erträglich gemacht mit ein bisschen laisser faire. Aber generell sind die Franzosen für mich staatsgläubiger als alle anderen Nationen Europas. Sie haben auch eine ganz andere Anspruchshaltung dem Staat gegenüber als z.B. die Schweizer, aber auch die Deutschen.

      Gruss
      Max

    5. Brun(o)egg Says:

      @ Max: Ob sie staatsgläubiger sind als andere Nationen, die Franzosen, sei dahingestellt. Etwas ist allerdings sicher, der heute eher negativ besetzte Begriff Bürger (Bourgeois) kommt aus Frankreich. Die Interpretation überlass ich den Lesern.
      Das mit der Vorlage des Mietvertrags hat sich in grossen Agglos wirklich eingebürgert. Zwangsläufig. Scheint notwendig geworden zu sein in den letzten Jahren! Der Grund ist einfach: Es gibt „Leute“ die sich irgendwo anmelden um bei Kontrollen eine Adresse zu haben, aber dort nicht erreichbar sind. Weder für Gerichtsvorladungen noch anderes, etc.pp.
      Auf dem Lande, bezw. kleinen Gemeinden passiert Dir das eher nicht. Ist dort überschaubarer.

      @ Jens. Danke für die Blumen. Bin erstaunt, dass Du nicht mehr Feedback hast auf diesen Artikel, bezw. bestätigt meine Annahme, dass es in dder Schweiz nicht so schlimm sein kann mit dem Beamten-Unwesen.

      Mit dem Abfangen von eingeschriebenen Briefen, Gerichtsurkunden und anderem kann ich morgen bei meiner kleinen Poststelle anfangen. Problemlos. Und zwar weil die mich kennen, ich jedesmal mit der „Christel von der Post“ flirte und erst noch sehr vertrauenswürdig aussehe. (Es sind nicht alle dieser Meinung!) Ausweis muss ich schon lange nicht mehr vorlegen. Und das find ich gut so.
      Jetzt müsste man wissen auf was für einer Poststelle der Gauner die Briefe abgefangen hat. Auf einer grossen, in einer Grossstadt? Mit verschiedenen Beamten? Dann haben alle gepennt! Inklusive dem Firmeninhaber. Wenn’s eine Kleine war… siehe oben.

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