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Wenn der Jöö-Effekt versagt — Ressentiments gegenüber Schweizer

  • Schweizer sprechen hyperkorrekt
  • Wir möchten heute von Franzi erzählen. Franzi stammt aus der Schweiz und lebt in Berlin. Sie bemüht sich sehr, ein fehlerloses und akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen um nicht als Schweizerin erkannt zu werden, doch gerade diese „Hyperkorrektheit“, das Fehlen von Verschleifungen, die makellose Verwendung von Perfekt und Genitiv verrät sie als Schweizerin.

  • Wenn Schweizer Deutschen den Job wegnehmen
  • Franzi hat das nicht immer so toll erlebt, wenn Sie als Schweizerin in Berlin erkannt wurde. Sie musste sich des Öfteren ziemlich harsche Vorwürfe anhören. „Wie, Sie kommen aus der Schweiz und arbeiten jetzt in Deutschland?“ Im Kopf geht der Satz dann weiter mit „… und nehmen hier einem Deutschen den Job weg, wo es doch wirklich genug Jobs in der Schweiz gibt.

  • Ja bist Du denn nicht reich?
  • Mehrfach muss sie sich rechtfertigen und erklären, dass nicht alle Schweizer automatisch sehr wohlhabend sind, nur weil sie aus der Schweiz kommen. Ausserdem wurde ihr vorgeworfen, mit dafür verantwortlich zu sein, dass Deutsche wie Boris Becker oder Michael Schumacher in die Schweiz vor den hohen deutschen Steuern geflohen sind. Ja tatsächlich, das bekam sie von, sagen wir „einfachen deutschen Gemütern“ das ein oder andere Mal zu hören. So von einem Handwerker, den sie in ihre Wohnung bestellt hatte, um etwas zu reparieren. Da war nichts mehr zu spüren von „ach die Schweizer, wie süss und niedlich“, das waren blanke Eifersucht und Neid, aber auch starke Vorwürfe konnte sie herauszuhören. Wir hatten sie schon früher gewarnt, auf keinen Fall Michael Schumacher oder Boris Becker in die Schweiz einzuladen. Jetzt war es passiert, sie sind einfach geblieben. Und Franzi hatte Schuld.

  • Feindbild Schweiz
  • Die Deutschen lieben die Schweiz und die Schweizer, sagt man und wir haben neulich noch darüber geschrieben. Dass dies bei weitem nicht für alle Deutsche gilt, erzählte uns Franzi aus Berlin. Den Vorwurf der „Rosinenpicker“ bekam sie genauso zu hören wie die „persönliche Schuld am Bankengeheimnis“ und am „Geldwaschplatz Schweiz“. War waren gelinde gesagt ziemlich erstaunt, für das die arme Franzi in Berlin alles verantwortlich ist. Aber irgendeiner muss ja schuld sein, warum also nicht sie.

  • Bloss keinen Jööö-Effekt erzeugen
  • Sie hat auch bisher noch nicht positiv ihren Schweizer Akzent einsetzen können, im Gegenteil. Weil sie auch für den Rundfunk arbeitet, musste sie oft gegen das Vorurteil ankämpfen, dass sie als Schweizerin ja unmöglich auf Deutsch Reportagen machen könnte. Von einem Meteo-Hochdeutsch eines Herrn Kachelmann oder der perfekten Schauspielerstimme eines Bruno Ganz‘ schienen die Leute beim Radio in Berlin bisher weniger gehört zu haben. Emil Steinberger und sein Pseudo-Schweizer-Hochdeutsch ist nach wie vor in alle Köpfen fest verankert, wenn man versucht, sich die Aussprache von Schweizern vorzustellen.

  • Nicht mehr durch die Schweiz fahren
  • Kürzlich erzählte uns ein Bekannter aus Deutschland, dass er beschlossen habe, aus Prinzip auf dem Weg von Süddeutschland in die Provence nicht mehr durch die Schweiz zu fahren, weil seine Ressentiments und Hassgefühle gegenüber der Schweiz einfach zu stark geworden sind. Er mag diesen Hort der Kapitalflucht und Rosinenpicker nicht mehr besuchen. Wir waren baff. Bis jetzt gingen wir immer nur von dieser permanenten „Wir lieben die Schweiz“ Haltung der Deutschen aus. Es gibt also doch auch andere Sichtweisen der Schweiz. Ob die Holsteinische Schweiz und die Sächsische Schweiz auch unter diesen Kollektivbann unseres Bekannten fällt, das haben wir uns nicht mehr getraut zu fragen, bei so viel feiner Fähigkeit zur Differenzierung.

    

    63 Responses to “Wenn der Jöö-Effekt versagt — Ressentiments gegenüber Schweizer”

    1. franzi Says:

      hallo zusammen, ich bin die franzi um welche es sich da oben handelt. es ist mir so peinlich meinen echten namen zu nennen weil die ganze situation überhaupt so peinlich ist.
      1. ich habe nie etwas von diesem ausdruck rosenpicker erwähnt. habe ich noch nie gehört. das mit der geldwäsche hingegen stimmt.
      2. ich bin jetzt geheilt und spreche meinen akzent ohne mich zu schämen.
      3. vielen dank an euch alle und eure inspirativen meinungen zu dieser sache. es hat mir echt geholfen.

      liebe grüsse

      eure

      franzi(pseudonym)

      [Anmerkung Admin:
      Die wirklich echte Franzi hat sich gerade per Mail bei mir gemeldet, sie ist nicht DIESE Franzi, aber ich fand die Idee trotzdem nett. Oder habe ich mit zwei Franzis gesprochen? Also: DIESE Franzi ist ein fake, die echte Franzi liest mit hat aber noch nicht kommentiert]

    2. Administrator Says:

      @moffi
      Es ist ein Pseudonym, schau mal den Kommentar unter deinem Kommentar an, und das Pseudonym ist „Franzi“ und nicht „Fränzi“…

      Falls ich mal wieder einer Fränzi in der Schweiz begegne, werde ich deinen Tipp beherzigen, vielen Dank!
      Gruss, Jens

    3. moffi Says:

      @Administrator
      ja, aber…

    4. Franziska Says:

      Auf Anraten Jens‘ und damit die Geschichte ein Happy End findet: ich bin die von Jens zitierte „Franzi“, wohne freiwillig und äußerst gerne in Berlin und abgesehen von den Ausnahmen (ich wiederhole: es handelt sich um AUSNAHMEN), die mir hier bis jetzt über den Weg gelaufen sind und diese oder jene Bemerkung von Bankgehiemnis bis Boris Becker fallen lassen haben, sind die Leute hier in Ordnung. Die Mentalität ist eine andere als in der Schweiz, oder in Italien, in Grönland oder auf Tonga, aber alles im grünen Bereich. Die Geschichte, die Jens zitiert, habe ich tatsächlich so oder ähnlich erzählt, wahrscheinlich um Jens einen Blick andersrum zu geben. So enfach ist das. Und wie gesagt: ganz so düster, wie das in Jens‘ Text klingt, ist das Leben hier nicht, ich fühle mich auch in keinster Weise als Opfer. Musste beim Lesen des Blogs schmunzeln.

      Berliner Grüße,
      Franziska

    5. WestSideStory Says:

      Als Schweizer, der seit gut einem Jahr in Deutschland (NRW) arbeitet, kann ich Franzis Erlebnisse insofern bestätigen, als dass man als von den Hiesigen automatisch als steinreich angesehen wird – einfach, weil man aus der Schweiz kommt. Da hilft es wenig, schlunzige Kleidung zu tragen, in einer kartongrossen Wohnung zu leben und mit einem ehemals grauen Fahrrad unterwegs zu sein – dann bin ich halt ein Krösus, der die Kohle gut versteckt. Es bringt auch nichts, darauf hinzuweisen, dass auch in der Schweiz die Strassen nicht mit Gold gepflastert sind, der Mythos von den unermesslichen Goldreserven und dem „Züricher Paradeplatz“ („Wenn schon Berner Bundesplatz“ korrigiere ich jeweils resigniert) hält sich zäh und unerbittlich. Ein wenig nervig ist auch, dass man ständig erklären muss, weshalb man denn nicht in der Schweiz geblieben sei – ganz so, als sei man ein Engel und habe sich freiwillig entschieden, in der Hölle zu arbeiten. Habe es bisher noch nicht geschafft, meine Arbeitskollegen davon zu überzeugen, dass ich hier ziemlich genau die gleiche Lebensqualität habe wie in der Heimat; das nimmt man mir hier schlicht nicht ab, obwohl es sich bei meinen Kontakten zumeist um alles andere als schlichte Gemüter handelt (mit Verlaub).
      Im Übrigen hatte ich aber wegen meiner Herkunft noch nie Probleme, im Gegenteil – habe immer noch den Eindruck, dass man als Schweizer in Deutschland spürbar freundlicher behandelt wird als umgekehrt.

    6. legal_alien Says:

      Wo kommen denn immer die ganzen Heini s her, die immer und überall alles verbessern und koregieren müssen – ohne Bezug zum Kontext des Beitrages.

      Vermutlich sind das im Berufsleben Beamte…. die sonst keinen anderen Weg finden um eine Aussage/Meinung, die Ihnen nich passt zu entwerten.

      Vielleicht sollten diese es mal mit nachdenken, und Stellung beziehen versuchen. Dann könnte ma auch was mit anfangen.

    7. Micha Says:

      @ Johnny

      Man kann sich auch standhaft weigern, klüger zu werden. Ich habe dich nicht für Hungersnöte verantwortlich gemacht, sondern dir aufgezeigt, dass du verwöhnt bist. Anders lassen sich SUV nämlich nicht rechtfertigen. Oder für was brauchst du wirklich einen SUV und keinen normalen PKW? Aber bitte Gründe, die zeigen, dass ein SUV absolut viel notwendiger und wichtiger ist, als ein herkömmlicher PKW.

    8. Urs von T. Says:

      in deutschland ist ein SUV ein spielzeug zur neurotischen selbstbestätigung.
      schweizer sind nicht ganz so autogeil wie die deutschen /italiener.
      hier(CH) ist ein SUV nur ein „rammlergöppel“

      schöeni

    9. Feustel Says:

      @Urs
      oder Prollkarre

    10. Phipu Says:

      Zu SUV gäbe es noch Dutzende von Namen. Z.B.
      Vorstadt-Schützenpanzer (aus einem Sketch – Lorenz Kaiser, Viktor Giaccobo? – weiss nicht mehr)
      Meine Bezeichnung: Egoistenklotz

    11. tbr Says:

      Gibt eigentlich nur zwei vernünftige(?) Gründe für einen „Ziegelstein“:
      1. Anhängelast
      2. Geländegängigkeit (in Westeuropa aber eher selten…. sehr selten!)

    12. Sarah Says:

      Blogwiese inspiriert einmal mehr:
      http://zueri-berlin.blogspot.com/2006/10/wie-deutsche-ber-die-schweiz-denken.html

    13. Hildegard Says:

      Es gibt in Deutschland so viele regionale Akzente und Dialekte, da können sich nur wenige von uns, vor allem im Süden nicht, was drauf einbilden, dass sie akzentfreier als die Schweizer sprächen. Außerdem kann ein leichter Tonfall auch sehr charmant sein, zum Beispiel bei Carolin Reiber, oder – wenn auch viel stärker, beim ehemaligen deutschen Arbeitsminister Blüm. Der Mann ist immerhin promovierter Germanist und hat den Rüsselsheimer Tonfall nie ablegen können – also, wer auch immer Euch/uns wegen unseres Tonfalls neckt, wir sind in bester Gesellschaft. Letztendlich zählt doch der Inhalt einer Aussage.

      Ich muss mal ein bisschen grummeln: Die Software hier ließe sich noch sehr verbessern: man sollte sich mit seinen Kommentaren direkt an einen bestimmten anderen anhängen können. So muss man sich durch alle Kommentare lesen und äußert sich erst ganz am Schluss. Je größer das Interesse, je länger der Diskussionsfaden, desto schwerer der Überblick.

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