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Wenn Radfahrer geschlachtet werden — Was ist die Züri-Metzgete?

  • Metzgete klingt nach viel zu essen
  • In Zürich ist immer was los. Erst machen sich Tausende von jungen Zürchern mit verlorenem Binnen-i im Geist von Friedrich Hegel auf, um beim Züri-Hegel-Lauf dessen Spuren zu suchen (vgl. Blogwiese) , dann wird die männliche Stadtbevölkerung beim „Knabenschiessen“ dezimiert. Schliesslich kommt der Oktober, und es gibt endlich mal was Deftiges zu essen, denn eine „Metzgete“ steht in Zürich auf dem Programm. Was das ist? Fragen wir doch einfach Wikipedia:

    Unter Metzgete versteht man in der Schweiz den unmittelbaren Verzehr von nicht haltbar zu machenden Lebensmitteln die bei der Schlachtung von Schweinen anfallen. Insbesondere Blut und Innereien wie der Leber, häufig in Form von Wurst.

    Die Metzgete, jeweils zur Herbstzeit, hat Tradition. Es gibt sie seit der Mensch sesshaft geworden ist und sich die Tierhaltung zu Nutzen gemacht hat. In den entbehrungsreichen Wintermonaten war es, und ist es noch Heute, nicht möglich den gesamten Tierbestand durch den Winter zu füttern. Nach der Schlachtung geht es darum, aus Vernunft und Verantwortung gegenüber dem Tier, möglichst viel der gewonnenen Produkte zu verwerten. Zur Haltbarmachung des Fleisches kannte man früher die Trocknung sowie das Räuchern oder Salzen des Fleisches, in neuerer Zeit ist das Tiefgefrieren dazu gekommen. Jene Produkte die man nicht konservieren kann müssen unmittelbar verwertet werden. Man verarbeitete sie unter anderem zu Blut- und Leberwürsten, Produkte die auch Heute noch ohne Zugabe von Konservierungsstoffen sofort genossen werden. Blut- und Leberwürste werden vor dem Verzehr in heissem Wasser gesotten. Vorverarbeitete Leberwürste können auch eingefroren werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Im Stau am Pfannenstiel
  • Na, klingt das lecker? Wenn Sie sich nun am gestrigen 1. Oktober aufgemacht haben um in Zürich Blut- und Leberwürste zu verzehren, dann werden Sie nicht nur im strömenden Regen abgesoffen sein, wie viele andere Zürcher an diesem Tag, sondern mitten im Stau einer ganz anderen Veranstaltung geraten. Es handelt sich nämlich bei der „Züri-Metzgete“ nicht um ein Schlachtfest, sondern um den „Grand Prix Suisse“. Nein, es ist Eurovision Chanson-Wettbewerb angesagt. Der heisst schon lange „European Song Contest“. Es geht vielmehr um das einzige Schweizer Weltcup Radrennen. Für einmal dürfen Sie „Rad“ sagen, denn die Teilnehmer sind absolut international.

    Es geht über den Pfannenstiel. Dieser lange Höhenzug zwischen dem rechten Ufer des Zürichsees und dem linken Greifensee-Ufers wird übrigens mal mit Stil und mal mit Stiel geschrieben, nur mit „Stihl“ haben wir ihn noch nicht gesehen:

    Um 1960 hat das Bundesamt für Landestopographie bei einer revidierten Ausgabe der Landeskarte die bisherige Schreibweise «Pfannenstiel» in «Pfannenstil» geändert. Dieser Entscheid wurde hingegen bei der nächsten Revision um 1970 bereits wieder rückgängig gemacht. Die Behörden der Gemeinde Meilen auf der Westseite des Pfannenstiels hatten aber eilfertig die neue Schreibweise «Pfannenstil» bereits umgesetzt. Wegweiser und Strassennamen (Pfannenstielstrasse) wurden an die neu beschlossene Schreibform angepasst. Um 1975 wurden diese Änderungen allmählich wieder rückgängig gemacht. Aber noch heute begegnet man da und dort der Schreibweise «Pfannenstil».
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn man die Geschichte des Pfannenstiel-Namens liesst, wird einem wieder klar, wie kompliziert in der Schweiz die Bezeichnungen der Topographie sind, bei den vielen Landessprachen und Dialektvarianten.

    In der Schweiz wird die Schreibweise von Namen auf der Landeskarte in einer eidgenössischen Verordnung geregelt. Im Sinne dieser Verordnung ist in jedem Kanton eine amtliche Nomenklaturkommission für die Erhebung und die Schreibweise der Lokalnamen zuständig. Die Verordnung sieht zudem vor, dass geographische Namen in der lokalen Mundart geschrieben werden, wobei für ein langes i das Dehnungs-ie der Schriftsprache nicht gebraucht wird. Demnach müsste der Pfannenstiel ohne ie geschrieben werden.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Geographische Benennungen sind ein Problem in der Schweiz
  • Was geschieht nun bei sehr langen Bergketten, die auf Kantonsgrenzen liegen, und womöglich von jeder Seite anders ausgesprochen werden? Oder Flüsse, die auf ihrem Weg durch die Schweiz alle paar Kilometer die Bezeichnung ändern müssen, weil sich die lokale Mundart geändert hat? Wir haben von Vermessungsingenieuren gehört, die einfach die Bezeichnung ihres Heimatdialekts niederschrieben, und sich nicht um die lokal übliche Variante kümmerten. So dass plötzlich drei Bezeichnungen existierten: Eine alte schriftsprachliche, eine lokale gesprochene und eine neue Bezeichnung, aus der Feder des zuständigen Topographen.

    Eine weitere Regel besagt nun aber, dass eine Art Gewohnheitsrecht herrsche. Die seit jeher übliche Schreibweise in Literatur und Wissenschaft sei demnach vorzuziehen. Darum wurde auf den amtlichen Landeskarten immer «Pfannenstiel» geschrieben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Bei grossen Bergen und Flüssen ist das leicht, was tun bei kleinen Gemarkungen, die von den Einheimischen anders benannt werden, als sie in den Karten verzeichnet stehen, und umgekehrt?

    Doch kehren wir zurück vom Pfannenstil mit oder ohne „e“ zur Metzgete.

  • Das einzige Schweizer Weltcup-Rennen
  • Für die 233,7 Km brauchte dieses Jahr der Spanier Samuel Sanchez 6h3.47min. Er wurde dabei weder geschlachtet noch sonstwie malträtiert. Das war aber nicht immer so:

    Walter Grimm, einer der Pioniere unter den Schweizer Radsport-Journalisten, schrieb zu diesem Thema einst: «Die Bezeichnung Züri-Metzgete ist fast so alt, wie dieser Radsport-Anlass, der 1910 erstmals auf Zürcher Strassen ausgetragen wurde. Es waren staubige und steinige, im Regen dreckige und schlammige Wege, die mit den heutigen Asphaltstrassen nicht zu vergleichen sind. Schon in den zwanziger Jahren gab es Teilnehmerfelder von mehreren hundert Fahrern. Massenstürze waren an der Tagesordnung. Die Pechvögel hatten zerschundene, blutende Glieder – wie bei einer Metzgete
    Die Züri-Metzgete war schon immer eine friedliche, sportliche «Schlacht». Die Rennfahrer bekämpften sich auf ihren noch schweren Fahrrädern und oft bei wid-rigsten Verhältnissen bis zum Umfallen – sie metzgeten sich regelrecht. Darum spricht der Volksmund auch nach nahezu hundert Jahren noch immer von der Züri-Metzgete.
    (Quelle: zueri-metzgete.ch)

    Zum Glück ist das der moderne Profi-Radsport um einiges moderater. Schon lange ist niemand mehr tot vom Rad gefallen, wie 1967 auf der 13. Etappe der Tour de France auf 1‘300 Meter am Mont Ventoux:

    Dort ist der Engländer Tom Simpson in glühender Hitze tot vom Rad gefallen. Der Weltmeister von 1965, ein Nationalheld auf der Insel, hatte Amphetamine geschluckt, er war das erste prominente Dopingopfer im Radsport. Dort, wo sein Herz aufhörte zu schlagen, steht heute ein Denkmal für Simpson, eine Kultstätte noch immer, und die Radler, die vorbeikommen, legen wie vor dreißig Jahren eine Trinkflasche, einen Reifen, einen Handschuh hin. Simpson, Doping – so also kann es enden.
    (Quelle: equipe-heinder.de)

    

    11 Responses to “Wenn Radfahrer geschlachtet werden — Was ist die Züri-Metzgete?”

    1. Fränzi Says:

      Wenn jemand eine schwierige oder etwas zu schwierige Aufgabe meistert, oder zumindest nicht vollständig scheitert, dann sagen wir die Person hat sich den Umständen entsprechend gut „gmetzget“ – etwa tapfer geschlagen.

    2. Phipu Says:

      Ist es nun die „Züri-Metzgete“ oder die „Zürcher Metzgete“? Die ‚Beweise‘ für die ‚Richtigkeit‘ der Schreibweise „Zürichsee“ häufen sich fast wöchentlich. http://www.blogwiese.ch/archives/421

      Was in diesem Artikel nicht erwähnt wird und Deutschen verschlossen bleiben könnte: Nicht nur die in jedem Dialekt leicht anderen Aussprachevarianten sind ein Problem für Ortsbezeichnungen. Die Entscheidung, ob es ein in hochdeutsch existierendes Wort ist, und man es daher besser in Standardsprache schreiben sollte, ist eine Zusatzschwierigkeit. Der „Pfannenstiel“ ist heute (und wurde vor 1960) ganz einfach in der hochdeutschen Version geschrieben, wie das bei den meisten Ortsbezeichnungen überhaupt üblich ist. Logischerweise gibt es eben das deutsche Wort Pfannenstiel (siehe hier) http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GP02559 , welches heute Kochtopfgriff heissen würde (zur Erinnerung: in Schweizer Hochdeutsch ist CH: die Pfanne = D: der Kochtopf, CH: die Bratpfanne = D: die Pfanne).
      Wieso kam aber dennoch jemand auf die Idee, das logisch erklärbare Wort „Stiel“ in „Stil“ anzupassen, obwohl die Verwechslung mit „Stil“ (z.B. „sie kleidet sich mit Stil“) geradezu vorprogrammiert war?
      Die Variante der 1960er-Jahre war einfach auf die Schweiz-übliche Aussprache abgestützt. Ein schweizerdeutsches Wort „Stiel“ würde als „Schti –äl“ ausgesprochen. (das gibt es schon und heisst auf Baseldeutsch „Stühle“)
      Der Lautverschiebung zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch sei dank, werden eben die „ie“ in der Mundart als „i-e“ und nicht als „ii“ ausgesprochen. Falsch: „ich geh ein Biirli trinken“ richtiger: „ich muss das Biirli auswechseln“ (nicht kleines Bier sondern kleine [Glüh-]Birne!) oder: „Spiiz liegt am Thuner See und nicht am Briinzer See“. Dieser Orte heissen [Spi-äz] und [Bri-änz].
      Natürlich wäre „Pfannenstihl“ eine der Aussprache gerecht werdende Kompromissvariante gewesen. Aber wir wollen ja in Ortsnamen keine Schleichwerbung machen:
      http://www.stihl.ch/isapi/default.asp?contenturl=/katalog/uebersichtproduktgruppen/100/default.htm

      Im Text steht: „Die Rennfahrer bekämpften sich … bis zum Umfallen – sie metzgeten sich regelrecht.“ Hier die Erklärung zum Verb „metzgen“: http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GM04536
      Heute gibt’s noch die Dialekt-Redewendung „er hat sich gut gemetzget“ (auch ohne tödlichen Ausgang) für „er hat sich gut geschlagen“ (z.B. der Politiker, der gegenüber aufsässiger Presse ein unpopuläres Thema verteidigen muss. Oder eben im Sport, wenn ein Sportler/eine Mannschaft gegen höher klassierte ankämpfen muss). Googelt mal nach „gut gemetzget“.
      – Ich sehe eben, dass Fränzis Kommentar dazu aufgeschaltet wurde. Aber nun lösche ich meinen Metzgerbeitrag nicht mehr aus.

    3. Phipu Says:

      Ups, da habe ich wohl einen Abschnitt überlesen. Das mit dem Dehnungs-ie stand da ja schon. Ich hoffe, dass wenigstens die Aussprache-Tipps für die Orte im Raum Thun und Interlaken hilfreich sind.

    4. Züpf Says:

      Das Problem mit den geografischen Benennungen ist übrigens noch viel schlimmer als dargestellt.
      Wer kennt zB. den Monte Cervino?
      Nun ja, das liegt ja auf der Grenze. Aber ein reines Inland-Beispiel ist das Rheinwaldhorn, das von Süden als Adula bezeichnet wird. Das kann wirklich eine schöne Verwirrung stiften, hat ja auch gar keine Ähnlichkeit mehr.

    5. Ellen Says:

      In der Stadt St Gallen gibt es die Spiltrücklistrasse. Ein „Spiltrückli“ ist eine Spieldose.
      Zur Zeit laufen in St Gallen Diskussionen, manche Strassennamen zu „verdeutschen“ oder wenigstens neue Strassennamen nicht mehr im Dialekt zu benennen.

    6. myl Says:

      @ellen:
      Ich finde die Tendenz furchtbar, alles zu verdeutschen: Es wäre doch schade, wenn neben dem „Spiltrückli“ so wunderbare Strassennamen wie „Luegislandstr.“ oder „Chriesiweg“
      verschwünden (oder heissts verschwänden…?)!

      Was die Flurbezeichnungen im allgemeinen betrifft, so sollten sie wenigstens in allen Kartenwerken (ob digital oder analog) konsequent gleich geschrieben werden. Im Kt. Thurgau z.B. gibt es einige Weiler ohne genaue Adress (Strasse/Nr), mit deren Hofbezeichnung manches Navigations-Gerät seine liebe Mühe hätte. Es gibt auch Beispiele, bei denen eine Ambulanz oder auch die Feuerwehr einen Ort nicht gefunden hat, eben wegen dieser uneinheitlichen Benamsung.

    7. reinhart Says:

      also ich finde knabenschiessen den absoluten hammerausdruck.

      ja wo währen wir denn ohne knabenschiessen? bewegliche ziele sind ein wesendlich besserer schulungsstoff als diese pappscheiben.

    8. Widi Says:

      @myl:
      stimmer Dir voll und ganz zu!

    9. Phipu Says:

      An Reinhart

      Trotz Knabenschiessen hat es immer noch gleichviel junge männliche Zürcher. Wie geht das? Für alle Nicht-Zürcher, die Erklärung hier:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Knabenschiessen

      http://www.knabenschiessen.ch/

    10. reinhart Says:

      das kann unter umständen ganz simple gründe nach sich ziehn. zum beispiel ein rattenartiger vermehrungstrieb der zürcher die auf grund ihrer hohen potenz staatlich gesponsort werden um weiterhin für zielscheiben nachwuchs sorgen zu können….

      ich denke witere erklärungen sind nicht nötig

    11. Jabi Says:

      ob Knabenschiessen oder Züri-Metzgete… die einzigen Spezialisten in der Schweiz, die zu solchen „lächerlichen“ begriffen im stande sind kommen doch klar aus dem schönen Zürigebiet.
      Ich als Solothurner frage mich schon gar nicht mehr, was uns die Zürchen für Begriffe an den Kopf werfen. Ist halt ein eigenes Völcklein…

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