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Kommen Sie auch aus einem anderen Kulturkreis?

  • Leben in einem anderen Kulturkreis
  • Zum ersten Mal hörten wir den Satz: „Sie kommen ja aus einem ganz anderen Kulturkreis“ von einem Schweizer Primarschullehrer. Er wurde ohne Ironie und Hintergedanken vorgebracht, jedenfalls war kein spöttischer Unterton und kein Zucken im Mundwinkel des Sprechers festzustellen.

    Wir waren baff, wir hielten dies für einen Joke, den wir nicht verstanden. Doch später hörten wir diesen Satz immer wieder. So zum Beispiel in einer Diskussionsrunde der Sendung „Arena“, in der echte Schweizer „Streitkultur“ gepflegt wird:
    • Alle dürfen ausreden.
    • Keiner wird laut oder ausfallend.
    • Nie würde jemand einem anderen ins Wort fallen.
    • Selbstverständlich wird nur Schwiitzerdütsch gesprochen.

    Denn auf die 1.7 Millionen Nicht-Schweizer im Land braucht hier niemand Rücksicht zu nehmen. Bei den deutschen Zuschauern geht man davon aus, dass sie alles verstehen. Aber das Tempo der Diskussion ist angenehm schnell. Auf der ARENA-Website von SF1 gibt es für die nur Hochdeutsch Verstehenden eine Zusammenfassung der Diskussionsbeiträge auf Schriftdeutsch:
    Sendung vom 06.01.06

  • Ein anderer Kulturkreis
  • Ist die Schweiz wirklich ein „anderer Kulturkreis“? Oder definiert sie sich einfach nur so? Als Abgrenzung zum „Kulturkreis Europa“? Je häufiger wir diesen Satz hören, desto mehr sind wir davon überzeugt, dass er nicht als Witz sondern sehr ernst gemeint wird.

    In unserem Kulturkreis, da fressen sie noch Hunde, zur winterkalten Stunde.

    Dieses Zitat fällt uns ein, dessen Ursprung nicht mehr feststellbar ist (es findet sich in abgewandelter Form in einem Liedtext von Rainald Grebe).

    Wenn das benachbarte Baden-Württemberg schon ein „anderer Kulturkreis“ sein soll, wie fremd müssen sich dann Menschen aus Afrika oder Asien in der Schweiz fühlen.

    Sicherlich gibt es grosse Mentalitätsunterschiede zwischen den Schweizern und Deutschen, aber sind dies Unterschiede schon Grundlage genug, von einem „anderen Kulturkreis“ zu sprechen? Wir glauben, dass die Gräben innerhalb Deutschlands zwischen Ost und West, zwischen den „Ossies“ mit 40 Jahren SED-Diktatur als Lebenserfahrung, und den „Wessies“ die oft als „Besser-Wessies“ bespöttelt werden, mindestens genauso gross, wenn nicht grösser sind. Oder zwischen dem tiefsten Bayern, Oberschwaben und den kühlen Hanseaten aus Bremen und Hamburg. Dennoch teilen wir Deutschland nicht in Kulturkreise auf. Lasst uns nicht von Kreisen reden, sondern von Gräben. Und lasst uns fleissig weiter Brücken über diese Gräben bauen!

    

    17 Responses to “Kommen Sie auch aus einem anderen Kulturkreis?”

    1. Cruschti Says:

      Hier in der Schweiz nehmen wir das mit der Begriffsdefinition nicht so eng. Man kann schon aus einem anderen Kulturkeis sein, wenn man aus Deutschland kommt, wenn man den Kulturkeis auf die Geschichte eines Landes reduziert.
      In der Schweiz ist es halt so, dass sich die Politiker die Begriffsdefinitionen so zuschneiden, dass sie bei ihnen hineinpassen. Da wird gebogen und gezerrt. Wie ich immer zu sagen pflege: mit Goodwill und Vorstellungsvermögen kann man die Begriffe zu jeder Definitionsmöglichkeit vergewaltigen.

      Bsp: Unter dem Wort „Ausländer“ verstehen einige Gruppen nur Personen aus dem Balkan, andere sehen da nur Personen aus anderen Kontinenten drin, die Zyniker benennen die Welschschweizer schon als Ausländer 😀 😀 Wie gesagt, die Defintionen von Begriffen variiert von Person zu Person. Deshalb wird bei der „Arena“ auch immer wieder vom Moderator die Frage eingeworfen: Ja was heisst nun *******? Und bei solchen Fragen sieht man, wie uneins sich die Diskussionsbeteiligten bereits bei der Defintion eines Begriffes sind.

      PS: Die EU hat für die juristische Defintion von „Luft“ ZWEI Jahre gebraucht. Erst dann war man sich einigermassen einig.

      Luft nach EU: Der Begriff Luft umschreibt die Troposphäre.
      (96/62/EG, Artikel 2, Absatz 1)

    2. Rinaa Says:

      Auch ich als Schweizerin finde es etwas bescheuert innerhalb Europas von anderen Kulturkreisen zu reden. Aaaaber Kreise fliessen immerhin ineinander, wohingegen Gräben wirklich trennend sind und ein Brückenbau nicht a priori gewährleistet ist…

    3. Hydra Says:

      Jens, noch ein paar Jahre in der Schweiz, dann wirst Du als Zürcher, den Basler schon als ein Individum aus einem anderen Kulturkreis betrachten………*gg*

    4. Harry.R Says:

      Jens, wieder ein spannender Beitrag! Ich zucke immer innerlich etwas zusammen, wenn ich die Wörter „anderer Kulturkreis“ höre. In keinem anderen europäischen Land wird so viel über fremde Kulturkreise geredet wie in der Schweiz. Hat ein Schweizer schon mal im Ausland gehört, dass er ja aus einem ganz anderern Kultukreis kommt? Wir sind doch alle schon ne ganze Weile von den Bäumen runter, möchte man zumindest meinen.
      Mach weiter so Jens, ganz grosse Klasse!

    5. Dan Says:

      Kommt auch drauf an wieviel einer herumgekommen ist in der Welt. Manchem Schweizer kann man erzählen, Weihnachtbäume in Norddeutschland werden mit Muscheln und Algen behangen, während viele Deutsche glauben, junge Schweizerinnen seien alle blond wie Heidi in dem 50er-Jahre-Film. Dabei sieht die echte Schweizerin aus wie Susanne Wille.

      @Cruschti:
      Wäre die Schweiz in der EU, gäb es dann eine Stratosphären-Initiative?

    6. widi Says:

      Jens

      Genau mit diesem BLog baust Du solche Brücken, das ist schön. Vielen Dank!

      Widi

    7. Cruschti Says:

      Gegenfrage: ist das Schweizer Politsystem mit Initiative, Referendum, etc. mit der EU kompatibel?

      Was es gäbe, das wäre ein noch grösseres staatliches Defizit.

    8. räulfi Says:

      Wenn ich mir manchmal den (klischee!-)typischen, deutschen Mallorcatouristen, respektive sein Pendant, den (ebenfalls klischee!-)typischen englischen Ibizatouristen ansehe, komm ich mir manchmal wirklich wie aus einem anderen Kulturkreis vor. Oder es kommt mir vor, als wären diese Leute nur von den Bäumen runter gestiegen, um Bier zu saufen und um selbiges auch gleich wieder grosszügig auf Trottoirs oder unbeteiligten Dritten zu verteilen:-).
      Was mir als CH-er einfach immer wieder auffällt, ist die unglaublich nervende, echt nicht aushaltbare Geiz-ist-geil-Mentalität sehr vieler Deutscher… Aber dank Ekelfleisch und Co. nimmt wohl auch diser ‚Trend‘ eher wieder ab in D-land.

    9. Dan Says:

      @räulfi:
      In der Schweiz verdienen Busfahrer soviel wie Lehrer in Deutschland, wo soll es da noch ein echtes schweizer Proletariat geben, das mit den Deutschen oder Engländern gleich ziehen könnte?

      Ich frage mich nur, was Du auf Mallorca und in deutschen Supermärkten machst? Wenn man im Coop einkauft und nach Malaysia verreist, wie es sich für Hochlohnlandeinwohner gehört, trifft man diese Menschen nicht.

    10. Cruschti Says:

      Dafür haben wir in der Schweiz den typischen schweizerischen Thailandtouristen. *hust* Das ist auch nicht viel rühmlicher.

    11. räulfi Says:

      Okayokay, gebe mich geschlagen:-)) War übrigens selber noch nie auf Mallorca und ebensowenig in Thailand*ehrrettversuch*. Die Geiz-ist-geil-Mentalität geht da aufn Wecker, wo immer gesagt wird: “Waaaas? Ist das alles teuer hier… Das gleiche gibts bei Aldidl für 1 Euro…!“ Und wenns dann was gratis gibt rennen alle, respektive nehmen das Angebot/Einladung/wasauchimmer gern an und nutzens auch ausgiebigst. Wenns aber mal drum geht, selber was zu zahlen verzichtet man lieber auf die Sause… oder rechnet hinterher auf Cent genau ab, wer was konsumiert hat… Das nervt!:-)
      Man merkt, ich spreche hier über einzelne Personen, also kann man sicher nicht verallgemeinern… leider war aber bis jetzt diese Erfahrung mit allen Freunden aus dem ‚Norden‘ exakt die selbe…

    12. räulfi Says:

      Aber man hat die Leute ja trotz allem lieb:-)

    13. Dan Says:

      @raeufli:
      Du hast wohl mit Schwaben zu tun gehabt, da habe ich auch schon viel erlebt, Parties wo mir die mitgebrachten Alkoholika aus der Hand genommen und weggeschlossen wurden, waehrend ich mit einem Pappbecher (mit meinem Namen drauf) an der Bowle anstehen musste.

    14. räulfi Says:

      @Dan
      Teils, teils… so Storys gabs auch schon mit Leuten ausm nördlicheren Norden… aber wie gesagt, man mag die Leute ja trotz den kleinen Macken (dia ja sowieso jeder hat, egal aus welchem ‚Kulturkreis‘):-)

    15. Sandra-Lia Says:

      mir hend ja 26 kulture.. gau

    16. Linda, die Autodiebin Says:

      „In unserem Kulturkreis fressen sie noch Hunde, zur winterkalten Stunde.“

      Im Schweizer Kulturkreis wurden vor (ich bin mal vorsichtig) 100 Jahren auch noch gern mal Hunde gegessen. Schweizer Sennenhunde landeten ab und zu mal in der Pfanne, zu Notzeiten in den Bergen. Und wurde auch unter anderem dafür gezüchtet. Schweizer Küche mal ganz anders.

      Aber Deutschland wurde während dem Krieg ja auch alles mögliche gegessen.

      Die Schweizer mag ich schon, Ich habe ja schon 26 Jahre Schweizer Kulturkreis hinter mir und spreche ein passables Basel-Dytsch.

      Vielen Dank für einen tollen und superunterhaltsamen Blog! Weiter so.

    17. tulontuli Says:

      Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie schnell man einem anderem „Kultukreis“ zugerechnet wird, wenn man 50 km weiter weg wohnt.
      Nach mehreren Stationen in Europa und seit zwei Jahren in der Schweiz weiss ich nur Eines: Es ist überall dasselbe, nur wird unterschiedlich damit umgegangen. Während man sich in D noch immer über „Neu-Fünf-Land“ echauffiert (umgekehrt dito), macht man es hier in der Schweiz gegen Zuzügler aus D allgemein. Dabei wird hier von den Akteuren ein Duktus verwendet, der mich mit Schrecken an manche „gute alten Zeiten“ erinnern lässt (Schicklgruber und Gehilfen lassen grüssen). Ich persönliche hätte nie gedacht, bestimmte Ausdrucksweisen, die ich nur aus alter Propaganda im Schulunterricht gehört habe (Politische Weltkunde war eins meiner Abiturfächer), hier in voller Blüte wieder zu sehen und vor allem zu hören.
      Als Ausgleich kann ich nur sagen: Die Schweizer sind mit dieser Ausdrucksform nicht allein (ich verallgemeinere bewusst – durch Schweigen billigt man alles).
      Ich habe nichts gegen Kulturkreise. Sie zeigen nur auf, dass sich eine Gruppe von Menschen anders organsiert, anders lebt. Kreise können Schnittmengen haben, mal grössere, mal kleinere, einen gemeinsamen Nenner findet man aber immer (hoffentlich nicht immer den KLEINSTEN gemeinsamen). Was mich stört, sind die Abgrenzungserscheinungen. Gräben waren früher und auch heute nur für eines da: Bis hier hin und nicht weiter! Schon die klassischen Philosophen sprachen immer vom „Brücken bauen“. Es gab aber früher und auch heute wieder Menschen, die eine besondere Berufung haben: Abreisser – um der eigenen Profilierung willen. Persönlich würde ich gerne etwas Anderes sehen: Mit einem Bulldozer alles Trennende in diese Gräben schieben, zuschütten und die Menschen einfach miteinander agieren lassen. Es wird Verluste geben, es wird Unzufriedene geben, aber am Ende sollte etwas Positives entstanden sein. Wenn nicht – tja … den Rest kann man sich denken.

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