Was ist ein Hiat? — Linguistik und Volksmusik ergänzen sich nicht

Juni 26th, 2007
  • Als die Mädchen aus der Schlucht ins Unterland kamen
  • Neulich entdeckten ich auf einem Plakat im Unterland die Ankündigung, dass demnächst die „bayrischen Hiatamadln“ in der Nähe auftreten werden.

    Hiatamadln
    (Quelle Foto: rema-cocerts.de)

    Der Name dieser Gruppe liess mir keine Ruhe. Wie kommt denn die Linguistik nach Bayern? Denn was ein „Hiat“ oder „Hiatus“ ist, dass hatte ich im Studium gelernt. Das „t“ im Wort „Hiata“ ist z. B. einer.

  • Was ist ein Hiat?
  • Hiat bzw. Hiatus (lat.: Vokalzusammenstoß) meint in der Linguistik den Fall, dass in zwei aufeinanderfolgenden Silben der letzte Laut der ersten Silbe und der erste Laut der zweiten ein Vokal oder Diphthong sind. Solche Vokalfolgen sind oft unerwünscht und werden deshalb durch Einschieben von Konsonanten oder Lautgruppen verhindert (Hiatvermeidung). Mit diesem Prinzip lassen sich Fälle wie -n- in „amerika-n-isch“, „-es-“ in „chin-es-isch“, „-les-“ in „kongo-les-isch“, „-t-“ in „Tokio-t-er“ etc. erklären.
    (Quelle: Wikipedia)

    Da ich nicht davon ausging, dass sich die bayrischen Mädel dieser Gruppe in einem Linguistischen Proseminar zum Thema „Vokalzusammenstoss“ kennenlernte, musste es mit dem Name eine andere Bewandtnis haben.

  • Ein Hiat ist eine Kluft
  • Unser Duden half weiter, denn es gibt noch andere Bedeutungen von „Hiat“:

    Hiat, der; -s, -e, Hiatus, der; -, – […tu:s; lat. hiatus, eigtl. = Kluft]:
    1. (Med.) Öffnung, Spalt im Muskel od. im Knochen.

    Kluften, Spalten und Öffnungen, die gibt es im Gebirge in grosser Anzahl. Sind es also die „Schluchtenmädchen“, die sich da als Hiatamadln anbieten? Laut Duden hinterlässt ein Hiat keine Ablagerungen und keine Funde:

    3. (Geol.) Zeitraum, in dem in einem bestimmten Gebiet im Unterschied zu einem benachbarten keine Ablagerung stattfindet.
    4. (Prähist.) Zeitraum ohne Funde (der auf eine Unterbrechung der Besiedlung eines bestimmten Gebietes schließen lässt).
    (Quelle: duden.de)

  • Die Mädels mit den dicken Waden
  • Doch wir waren weit entfernt von der Lösung des Rätsels. Schluchten und Klüften entfernt von der einfachen wie schlüssigen Erklärung, die uns Wikipedia liefern konnte:

    Hiatamadl = Ein Volkstanz
    Der Name leitet sich von dem bekannten Tanzlied ab: „Koa Hiatamadl mog i net, hot koane dickn Wadln net, …“ (Ich mag kein Hirtenmädchen, denn es hat keine dicken Waden, …)
    (Quelle: Wikipedia)

    Jetzt schweigen wir betroffen und sinnieren angestrengt darüber nach, warum der Dichter dieser bedeutenden Liedzeilen Mädel mit dicken Waden bevorzugt. Weil die nicht so rasch weglaufen können, wenn man sich ihnen nähert?

  • Blind für den Hiaten
  • Was lernen wir aus der Geschichte? Obwohl wir aus einer Gegend stammen, in der die „Wuast“ auf der „Buaach“ gegessen wird und die „Kiaache“ im „Doaf“ steht, erkannten wir nicht den Hirten im „Hiata„. So blind macht nur Sprachwissenschaft.

    Enjoy your trip — Über die Zugansagen in Deutschland und in der Schweiz

    Mai 10th, 2007
  • Enjoy your trip
  • Ich sitze in einem Waggon der SBB und geniesse die Aussicht auf den Walensee. Soeben wurde ich von einer freundlichen weiblichen Lautsprecherstimme in drei Sprachen aufgefordert, die Fahrt zu geniessen. Besonders sexy finde ich die britische Aussprache. Oder ist das doch Amerikanisch? „Enjoy your trip!“ wäre in den 60ern noch als eine Aufforderung zum intensiven LSD-Genuss gewertet worden.

  • Wozu das blaue Lautsprechersignal?
  • Die perfekte Aussprache der SBB Ansagen ist einerseits ein Hörgenuss, andersseits aber auch schrecklich langweilig und nervtötend, weil es immer exakt der gleiche Wortlaut ist, den man als Vielfahrer zu hören bekommt. Vielleicht bedeutet das blaue „Lautsprecher“ Lämpchen in Schweizer Zügen, dass man sich jetzt intensiv die Ohren zuhalten soll, um die Ansage nicht erneut zu hören? Nein, dieses blaue Lämpchen ist für Gehörlose. Sie wissen nun, dass sie soeben eine Ansage verpasst haben. Oder sollten sie sich nun auf die Suche nach einem Gebärdendolmetscher machen, der den angesagten Text für sie übersetzt? Was soll dieses Signal?

    Dann schon lieber die stammelnde Wortakrobatik des Deutschen Schaffners auf der ICE Strecke von Zürich nach Stuttgart. Unglaublich, wie da die Phrasen geübt wurden und das beste Schulenglisch herhalten muss, um garantiert jede Haltstation der schwäbischen Eisenbahn zunächst auf Deutsch und dann auf Englisch vorzulesen. Haben diese Schaffner eigentlich eine Werbevertrag mit einer Sprachschule? So nach der Devise: „Wenn sie nicht auch so enden wollen, dann besuchen Sie jetzt unseren Kurs!“

  • Mit mobiler Sprechstelle im Zug unterwegs
  • Die Deutschen Schaffner müssen jetzt auch nicht mehr zu irgendeiner Sprechstelle im Zug laufen und einen Hörer mit Kabel aus einem abgeschlossenen Fach kramen. Nein, seit einiger Zeit geht das kabellos, Verzeihung, „wireless“ natürlich. Mitten im Abteil, während der Fahrkartentrolle, zückt so ein Bahn-Schaffner ein Handy ähnliches Gerät, sagt kurz den nächsten Bahnhof an und setzt dann die Kontrolle fort, als sei nichts gewesen. Wow! Soviel Mobilität ist im Jahr 2007 also möglich für das Zugpersonal, an ein PWLAN für alle Fahrgäste haben sie allerdings immer noch nicht gedacht.

  • Mit Ironie doch besser nie
  • Es fragte mich im Zug von Chur nach Zürich der Schweizer Schaffner, der sich lieber „Kondukteur“ nennt, beim Betreten des Zugabteils: „Alle Billette vorweisen bitte“, worauf ich ihm sagte: „Alle kann ich ihnen nicht vorweisen, ich habe nur eins“. Gleich wurde ich belehrt: „Ja, das ist weil sie sind nicht allein in diesem Abteil, es gibt noch anderen Fahrgäste.“

    Was war passiert? Ich versuchte eine ironischen-flapsige Bemerkung loszuwerden und geriet an den knallharten Realitätssinn des Zugbegleiters. Er dachte sich wohl: „Dieser Fahrgast hat nicht verstanden, dass er mir nicht alle Billette im Abteil vorzeigen soll, sondern nur sein persönliches, also muss ich ihm meine Aussage doch erklären.“

  • Den Witz besser immer ankündigen
  • Ironie im Alltag, als Deutscher in der Schweiz? Ein äusserst diffiziles und risikoreiches Unterfangen, wie dieses kleine Erlebnis beweist. Vielleicht hätte ich mit einem deutlich artikulierten „ho ho ho“ zum Ausdruck bringen sollen, dass meine Bemerkung als Scherz gemeint war. Lächeln allein genügt nicht.

    Hatte ich schon den Duden-Eintrag zum Kondukteur erwähnt?

    Kondukteur der; -s, -e fr. conducteur zu conduire „lenken, führen“, dies aus lat. conducere>: (schweiz., sonst veraltet) [Straßen-, Eisenbahn]schaffner.
    (Quelle: duden.de)

    Wie so häufig bewertet der Duden ein Wort aus der Schweiz als im übrigen deutschen Sprachraum „veraltet“.

  • Wissen Sie, was ein KiNS und ein KiNC ist?
  • Die Deutsche Bahn ist da kreativer und entwickelt, laut Wikipedia, ständig neue Abkürzungen und Bezeichnungen für die Herren und Damen Zugführer:

    Im Regionalverkehr der DB AG wird der Zugführer intern auch als Kundenbetreuer im Nahverkehr/Bahnbetrieb (KiN B) bezeichnet. Er trägt das rote Zugführer-Armband auch hier, wenn ihm Zugschaffner (KiN) zugeteilt sind. Die Kundenbetreuer im Nahverkehr sind in kleinen Gruppen zusammengefasst; deren Leiter ist der Gruppenchef (KiN C). Der KiN S ist sein Stellvertreter
    (Quelle: Wikipedia)

    Den nächsten KiN B oder KiN C oder KiN S werde ich gleich befragen, ob ihm all diese Abkürzungen wirklich bekannt sind. Wahrscheinlich demonstriert mir der Gefragte dann gleich die hohe Kunst des „SABVA“. Das kennen Sie nicht? Das ist die oberste Direktive für Mitarbeiter im Support, wenn sie Angesichts eines schwierigen Problems vor dem Kunden keine Lösung wissen. Es steht für „Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit“.

    Bitte keine spontane Kommunikation — Deutsch-Schweizer „communication gap“

    April 23rd, 2007
  • Bloss nicht angequatscht werden
  • Auch nach sechseinhalb Jahren Leben im Land der Eidgenossen überfällt mich immer noch mitunter die Lust auf spontanten, ungeplanten, und ohne Vorspiel durchgeführten Sex Dialog mit meinen Nachbarn. Einfach so spontan mal etwas sagen, ohne ein „Entschuldigen Sie bitte, aber..“ voran zu schicken, ohne um Erlaubnis zu fragen, ohne die Kommunikation mit umständlichen „Exgüse…“ zu eröffnen. Immer wenn es mir passiert, geht es schlecht aus, laufe ich gegen eine Wand, ernte entsetzte Blicke, Ratlosigkeit, im besten Fall noch ein Fragendes „Reden Sie mit mir?“ ins Gesicht geschrieben.

  • Beispiel 1: Der Mann im Zug
  • Viele Tage stieg ich exakt zur selben Uhrzeit exakt im gleichen Zugabteil exakt am gleichen Bahnhof aus dem Zug. Während der Zug in den Bahnhof einfuhr, wartet ich zusammen mit einem (vermutlichen) Schweizer Morgen für Morgen einige Sekunden darauf, dass der Zug ganz zum Stehen kam und sich die Tür öffnen liess. Aus solch einer Situation könnte doch eine gewisse Vertrautheit entstehen, man sieht sich ja jeden Tag wieder an gleicher Stelle und zur gleichen Uhrzeit, um das Gleiche gemeinsam zu tun. Eines Tages wage ich ein „Na, heute sind wir ja extrem pünktlich!“ zu meinem Mitreisenden zu äussern, direkt ins Gesicht. Einfach so, ganz ohne Grund. Resultat: Er schaute sofort betreten beiseite und es erfolgte keine Reaktion. Der Mann fühlte sich nicht angesprochen. Communication gap.

  • Beispiel 2: Die Schweizer Touristen und der Deutsche
  • An einem touristischen Aussichtspunkt in Südfrankreich erklärte ein Schweizer seiner Reisegefährtin das Panorama. Der Blick fällt auf das Plateau de Vaucluse. Ich schalte mich spontan ins Gespräch ein und bemerke, dass dort oben einst die französischen Atomraketen, die „force de frappe“ stationiert war. Mein Gott, ich wollte nicht klugscheissern, auch keinen Vortrag halten, es war lediglich eine spontane Anwandlung von Lust auf Kommunikation. Finstere Blicke sind das Resultat. Was mischt sich dieser Deutsche Besserwisser in unser Gespräch ein!

    Plateau de Vaucluse
    Blick über das Plateau de Vaucluse
    (Quelle Foto: lochstein.de)

    Ist es typisch Deutsch, gern mit fremden Menschen zu kommunizieren? Oder ist es typisch Schweizerisch, dies nicht zu tun? Ich habe oft das Gefühl, dass jeder direkte Dialog, jede Kontaktaufnahme ohne „diplomatisches Vorspiel“, in der Schweiz eher auf Unverständnis und kühle Ablehnung stösst.

  • Eng und doch auf Distanz beim Essen
  • Einige Schweizer berichteten über die hierzulande übliche Verhaltensweise, in einem Restaurant, in dem die Gäste eng an eng sitzen, bei der Ankunft an einem Tisch, kurz zum Nachbartisch zu grüssen, vielleicht sogar später „En Guete“ zu wünschen, um dann die restliche Zeit höflich den Blick nicht mehr in diese Richtung zu lenken. Deutsche seien in solchen Situationen oft unhöflicher und würden diese „Pflicht zum Grüssen“ nicht einhalten. Ich kann diese Erfahrung nicht teilen, im Gegenteil. Es muss mehr geheime Verhaltensregeln und „Codizes“ geben, bei Schweizern wie bei Deutschen, die hier zur Anwendung kommen, als ein Beobachter solcher Situationen ausmachen kann.

  • Liegt es an der dichten Besiedelung der Schweiz?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, dass sie sich gern zusammenfinden, einen Verein gründen, feiern und dabei fröhlich und laut werden (Stichwort Ballerman-Mythos). Abgesehen davon, dass wir ähnliche Verhaltensweisen auch bei Franzosen, Holländern, Italienern oder Engländern beobachtet haben, glauben wir für die Schweizerische Distanziertheit einen guten psychologischen Grund gefunden zu haben. Es lebt sich einfach enger in der Schweiz, das Land ist knapp und dicht besiedelt, die wenigen freien Wohnflächen werden permanent weiter verdichtet. Distanz voneinander zu halten ist somit ein Trick, um bei aller Enge nicht durchzudrehen und sich an die Kehle zu gehen.

  • Distanz halten am Südpol
  • Ein guter Freund von uns aus den Vereinigten Staaten verbrachte ein Jahr am Südpol als Funker einer Forschungsstation. Während 6 Monate ist es dort so kalt, dass kein Flugzeug hätte landen und wieder starten können. Landen schon, nur für den Start wäre das Kerosin zu kalt geworden. Wenn das Dieselaggregat ausfiel, mit dem Strom erzeugt wurde, der die Heizdecken speiste, die den Diesel vor dem Einfrieren bewahrten, hatten die Techniker nur 30 Minuten Zeit, das Ding wieder zum Laufen zu bringen, denn danach wäre der Diesel eingefroren und hätte kein Aggregat mehr antreiben können

    Neumayer Station am Südpol
    Foto von der Neumayer Station
    (Hier ein Foto-Film der letzten 24 Stunden dort.)

  • Am letzten Abend gab es Zoff
  • Wer dort war, musste also dort bleiben. Um in den wenigen geheizten Räumen so etwas wie Privatsphäre zu haben, gab es eine stillschweigende Abmachung: Wenn jemand nicht angesprochen werden mochte, schaute er einfach nicht auf, falls jemand anders den Raum betrat. Als unser Freund auf diese Station kam, war am letzten Abend die alte Mannschaft, die am nächsten Tag heimfliegen würde, noch anwesend. Es kam zu einem gewaltigen Streit innerhalb dieser Mannschaft. Ein Jahr hatten Sie jede Animosität unterdrücken müssen, jetzt war das Jahr vorbei, und alles kam raus. Distanz halten als Überlebensstrategie. Sind alle Schweizer Polarforscher?

    Eltern in der Schulpflege oder staatlicher Wasserkopf — Schulsysteme im Vergleich

    April 16th, 2007
  • Die gewählte Schulpflegschaft in der Schweiz
  • Wer mit schulpflichtigen Kindern von Deutschland aus in die Schweiz zieht, bekommt sehr schnell Kontakt zur „Schulpflegschaft“. So heisst in der Schweiz die Institution, die sich um alles rund um den Schulbesuch kümmert. Verwaltungsarbeit, die in Deutschland von einer einer fast unsichtbaren Behörde und in Frankreich von etlichen sichbaren und fleissigen Beamten und Angestellten erledigt wird. (Vgl. Blogwiese)

    Es gibt einen gewählten Schulpflegepräsidenten (oder eine Präsidentin, aber ohne „-schaft“), der/die diesen Job gegen eine geringe Aufwandsentschädigung in der Freizeit erledigt. Ihm oder ihr zur Seite steht ein Sekretariat für den Schreibkram. Das Sekretariat liegt oft nicht in der Schule, sondern kümmert sich gleich zentral um mehrere Schulhäuser. Wir waren erstaunt, mit welch geringem bürokratischen Aufwand in der Schweiz Schule dezentral organisiert wird. Eine „Schulleitung“, d. h. jemand, der sich zusätzlich zur Unterrichtstätigkeit oder sogar hauptsächlich nur um administrative Dinge kümmert, gab es bis vor wenigen Jahren im Kanton Zürich in den Primarschulen nicht, wurde dann aber eingeführt.

  • Was das ED festlegt, das gilt
  • Im Hintergrund wirken dann freilich noch diverse „Erziehungsdirektionen“ in den Kantonen und ED, die „Eidgenössischen Erziehungsdepartements“. Die legen z. B. fest, dass in allen Primarschulen ab der ersten Klasse von den Lehrern nur Hochdeutsch im Unterricht gesprochen werden soll. Nur Hochdeutsch oder genauer gesagt nur „Schweizer Hochdeutsch“, oder doch eher „Schriftdeutsch“, bzw. „Schweizer Schriftdeutsch“, so genau haben wir das nicht verstanden, denn die Lehrer, die es uns erklären wollten, sprachen dabei Züridütsch. Das mit der gewünschten Sprache wurde also festgelegt. Auch im Sport- oder Handarbeitsunterricht. Und dann funktioniert das. Ähem, was hiess noch gleich „Lismen“ auf Schrifthochdeutsch?

    Die „Schulaufsicht“ durch die Schulpflege vor Ort ist somit in den Händen von gewählten Elternvertretern, die sich für diese Tätigkeit dadurch qualifizierten, dass sie selbst schulpflichtige Kindern auf der Schule haben. Basisdemokratie in Reinform. In Sachen Schule ist jeder Spezialist und vom Fach, denn jeder war ja mal selbst auf einer solchen.

  • Der bürokratische Wasserkopf in Frankreich
  • Ganz anders erlebten wir jetzt den „bürokratischen Wasserkopf“ von Schul-Organisation in einem französischen „Collège“, als wir in den Osterferien versuchten, dort einen privaten Schüleraustausch zu organisieren. Da führte kein Weg vorbei an „Monsieur le Proviseur“, der keinen Namen braucht, weil er einen Titel hat, der selbstverständlich eine eigene Sekretärin hat und hauptamtlich der Schule vorsteht, dabei das ganze Jahre über damit voll ausgelastet ist, sich um den Stundenplan zu kümmern bzw. die Fortbildungen der Lehrer zu organisieren und sich um die Gesuche von Deutschen zu kümmern, die gern einen Austausch durchführen möchten, wenn dann das Gesuch in schriftlicher Form vorliegt.

    Dem Proviseur vorgesetzt ist auf einem Collège mit Lycée-Anschluss nur noch der „Censeur“, der nicht zensiert sondern Direktor der Schule ist, speziell zuständig für deren Repräsentation nach aussen. Für den Fall, dass mal eine Delegation von Wirtschaftsfachleuten oder ein Staatspräsident auf Besuch vorbeikommt, man weiss ja nie.

  • Das System der Surveillance
  • Sowohl Proviseur als auch Censeur sind ehemalige Lehrer, werden für ihre aufreibende Tätigkeit und Verantwortung am besten von allen bezahlt und müssen nicht mehr unterrichten. Neben den „Profs“, den eigentlichen Lehrern, die grundsätzlich nur in einem Fach unterrichten in Frankreich, gibt es noch ein System von „surveillantes“, d. h. Aufpassern, die in Vollzeit für die Pausenaufsicht und die Beaufsichtigung der Schüler in Freistunden zuständig sind. Es gibt einen „Ober-Aufpasser“, der nicht selbst aufpasst sondern nur diesen Dienst organisiert. Diese Surveillantes überwachen, ob alle Schüler anwesend sind und organisieren die Strafen wie Nachsitzen oder schreiben den Brief an die Eltern, falls ein Kind länger fehlt. Um solche „Erziehungsaufgaben“ müssen sich die Profs nicht kümmern, die sind für die Wissensvermittlung zuständig.

  • Wer arbeitet sonst noch an einer französischen Schule?
  • Eine französische Schule beschäftigt ausserdem in Vollzeit eine Krankenschwester für die kleinen Unfälle der Schüler, zwei Hausmeister, einen Heizer für die Heizung (die auch im Sommer betreut werden muss), ein paar „MTAs“ = Medizinisch- Technische-Assistenten , um die Versuche für die Chemie- und Physiklehrer vorzubereiten bzw. wieder fortzuräumen. Desweiteren eine Art Sozialarbeiter = „agent social“ für ausserschulische Probleme, ein Schulsekretariat mit mehreren Mitarbeitern und ein komplettes Küchenteam mit Köchin und mehreren Gehilfen für die Mittagsmahlzeit in der Schulkantine, denn die französische Schule ist wie in der Schweiz ein Ganztagseinrichtung mit Regelunterricht von 8.00 – 12.00 Uhr und von 14.00 – 17:00 Uhr, ausser Mittwochs.

  • Hochsicherheitstrakt Schule
  • Übrigens ist das ganze Schulgelände in Frankreich streng mit Zäunen und Toren gesichert, niemand kann es unbefugt betreten oder verlassen. Besucher müssen sich ausweisen und den Grund des Besuches darlegen. Diese Sicherheitsmassnahmen wurde als Massnahme gegen Anschläge und Überfälle eingeführt und sollen nebenbei verhindern, dass ehemalige Schüler auf dem Schulgelände mit Drogen handeln oder Kindern von ihren Eltern entführt werden können. Die Portiersloge ist durch Panzerglas geschützt und die Tore öffnen sich elektrisch. Ach ja, ein Portiersteam mit mit mehreren Sicherheitsleuten arbeitet auch an einer französischen Schule.

  • Und in Deutschland?
  • Zum Vergleich: Eine gewöhnliche Realschule oder ein Gymnasium in Deutschland hat einen Schulleiter nebst Stellvertreter, die beide noch mindestens 8-12 Stunden pro Woche unterrichten, und eine Schulsekretärin, die bei kleineren Unfällen für die Erste Hilfe zuständig ist. Ein bis zwei Hausmeister können es nicht abwarten, sich um die Haustechnik zu kümmern. Jeder Besucher kann, wie in der Schweiz, unbehelligt die Schule während der Unterrichtszeit betreten oder verlassen.

  • Das verborgene Schulamt
  • Der restliche administrative Kram wird in Deutschland im Verborgenen durch ein „Schulamt“ erledigt, welches z. B. darüber entscheidet, welche Lehrer auf welcher Schule arbeiten, oder wer den Job des Schulleiters bekommt. Verwaltungsentscheidungen, über die Eltern oder Lehrer einer Schule nichts zu befinden haben. Ein bisschen fühlt man sich bei diesen schulpolitischen Entscheidungen in Deutschland im Vergleich zum transparenten Schweizer System an Kafkas fragmentarisches Meisterwerk „Das Schloss“ erinnert, in dem der Landvermesser K. zu einem Schloss berufen wird und völlig darüber im Unklaren bleibt, von wem hier in welcher Weise Entscheidungen und Beschlüsse gefasst werden. Deutsche Beamten-Schulpolitik funktioniert nicht anders.

    (obiger Artikel spiegelt unsere ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen aus den letzten sechs Jahren wieder und erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Vollständigkeit. )

    Fahren Sie Sie gern Auto-Scooter, Putschibahn, Box-Autos oder den Selbstfahrer? — Neues aus dem Reich der Varianten

    März 19th, 2007
  • Es leben die Varianten!
  • Dass die Deutsche Alltagssprache nicht nur einen Standard besitzt, sondern als plurizentrische Sprache bei einer Vielzahl von Begriffen und Ausdrücken geradezu verschwenderisch mit Varianten um sich wirft, hatten wir schon am Beispiel des Brotanschnittes (=Knust, Kanten, Aahau, Gupf, Riebele) festgestellt. Jetzt wurde wir auf das Projekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ der Phil-Hist. Fakultät der Uni Augsburg hingewiesen. Bereits in der vierten Runde wird von Sprachwissenschaftlern mit Hilfe eines Fragebogens erhoben, wie die Menschen im deutschen Sprachraum, von der Nordseeküste bis ins tiefste Wallis, von der Westgrenze Luxemburgs bis in die östlichste Ecke Österreichs, zu den Dingen sagen. Jeder ist aufgefordert, den Fragebogen hier ehrlich und genau zu beantworten.

    Autoscooter
    (Quelle Foto: ig-schoenenwerd.ch)

  • Vom Puff-Auto zum Selbstfahrer
  • Sehr hübsch z. B. die Erkenntnisse zu den „Auto-Scootern“, die die Schwaben „Box-Autos“ nennen und die Südtiroler „Puff-Autos“. Da stösst ganz schön was zusammen. Laut Erhebung schwanken die Schweizer zwischen Tätschäutele, Tütschibahn und Potzautos. In Westfalen und am Niederrhein hat man das „Auto“ mit „Selbst“ übersetzt und den Begriff „Selbstfahrer“ geprägt.

    Box-Autos oder Potzautos
    (Quelle Karte: philhist.uni-augsburg.de)

    Wir lesen auf der Webseite:

    In Baden-Württemberg und in der Pfalz sagt man tatsächlich Box-Auto, aus dem Moselgebiet wurde eine weitere Variante, nämlich Knupp-Auto, gemeldet. Die Karte zeigt sehr schön, dass es in den anderen deutschsprachigen Ländern jeweils eigene Varianten gibt: In Österreich fährt man, wie im Wörterbuch angegeben, Autodrom; dies kann aber auch eine ‘(ovale) Rennstrecke für Motorradveranstaltungen’ bezeichnen. Im Wörterbuch bisher nicht verzeichnet ist die Südtiroler Variante Puff-Auto. Aus der Schweiz wurde uns Putschauto gemeldet. Die Bezeichnung Putschi-Auto ist nach Auskunft unserer Gewährsleute etwa in Luzern, Küssnacht, Kerns gebräuchlich, Putschi-Bahn in Zürich, Zug, Staufen, Schwyz. Lautähnlich sind weitere Schweizer und Vorarlberger Varianten wie Tütschibahn und Tätsch-Äutele.
    (Quelle: phihist.uni-augsburg.de)

    Vielleicht ist ja dann der „Tätschmeister“ eine Michael Schumacher der Kirmes, Verzeihung, „Chilbi„?

    Das Wort „Auto-Scooter“ wird neben über 200 weiteren Begriffe und ihren Varianten auf der Webseite erläutert. Da kann unser Variantenwörterbuch einpacken. Das liefert zwar schöne Originalzitat, aber nicht so hübsche Karten wie diese Webseite aus Augsburg.

  • Estrich, Dachboden und Bühne sind nur ein Teil der Wahrheit
  • Endlich erfahren wir, dass die häufig zitierten Varianten für den Dachboden, der von den Schweizern „Estrich“ genannt wird und bei den Schwaben „die Bühne“, im Wallis und in Südtirol auch als „Unterdach“ bekannt ist, und am Niederrhein als „Söller“ aus der Mode kam.

    Dachboden, Bühne, Estrich oder Söller
    (Quelle: Karte Dachboden)

    Viel Spass beim Schmökern im Register und Danke für den Tipp an Schnägge!