(reload vom 01.11.05)
Einschulung erst mit sieben Jahren
Das Schweizer Schulsystem als Deutscher verstehen zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Es beginnt mit der Einschulung. Kein Land in Europa schult so spät ein, wie die Schweiz. Erst mit sieben Jahren beginnt hier die Schulpflicht. Die Grundschule heisst Primarschule und geht fast überall 6 Jahre. In Deutschland dauert sie 4 Jahre. Danach kommen die Kinder in der Schweiz auf die dreijährige „Sekundarschule“, kurz „Sek.“
In Deutschland verteilt sich der Schülerstrom im fünften Jahr auf die Hauptschule, Realschule und das Gymnasium. Viele (ex-)sozialdemokratisch regierten Bundesländer haben zusätzlich die Gesamtschule eingeführt und das vorhandene „dreigliedrige“ Schulsystem teilweise dadurch abgelöst. In der Schweiz gab es die Varianten „Oberstufenschule“, „Realschule“, „Bezirksschule“, die Bedeutungen variieren von Kanton zu Kanton.
Kanti, die Schule des Philosophen
Das Pendant zum deutsche Gymnasium wird in der Schweiz meist „Kanti“ genannt, nach dem berühmten Deutschen Philosoph Immanuel Kant. Je nach Kanton existiert auch die Bezeichnung „Mittelschule“ oder „Gymi“ (was wie „Gimmi Shelter“, einer Platte der Rolling Stones, ausgesprochen wird). Das Kanti wird vom Kanton finanziert.

Die Hefte und Stifte werden bezahlt
Anders als in Deutschland, wo sich die „Lehrmittelfreiheit“ nur auf die vom Staat gestellten Bücher bezieht, werden in der Schweiz auch das Schreibzeug, die Füller und Hefte von der Schule gestellt. In Deutschland müssen die Eltern eines Erstklässlers vor Schulbeginn mit einer detaillierten Einkaufsliste in ein Schreibwarengeschäft gehen und Schreibhefte und Schulmaterial im Wert von locker 80 CHF einkaufen, selbstverständlich aus eigener Tasche zu bezahlen. Die Liste wird von der zukünftigen Klassenlehrerin (in der Grundschule sind männliche Lehrer immer noch die absolute Minderheit) per Post zugeschickt. Schulbücher werden nur ausgeliehen und müssen in Deutschland immer länger verwendet werden. So kann es passieren, dass in Erdkunde Kartenmaterial verwendet wird, auf dem noch das geteilte Deutschland zu bewundern ist. Aber auch in der Schweiz brachte unsere Tochter Schulbücher mit nach Hause, die schon 12 Jahre alt waren und in denen noch die alte Rechtschreibung gelehrt wurde.
Schule ist Pflicht
Die Schweizer sprechen vom „Schulobligatorium“. Die Deutschen nennen es „Schulpflicht“. Die Pflicht ist also obligatorisch. Wer nicht zur Schule geht, und ihr fernbleibt, hat eine Absenz. Im Zivildienst in Deutschland lernte ich diesen Begriff kennen für den kurzen „Bewusstseins-Aussetzer“ eines Epileptikers, das vorübergehende Wegdämmern auf Grund von zu starker Dosierung von Antiepileptika. Hier haben sie alle Absenzen, sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit.
Schulhoheit bei den Ländern
Es gibt in Deutschland nur ein sehr schwaches „Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur“, denn die wahre Macht über das Schulwesen hat die Kultusminister-Konferenz. Hier wird darüber entschieden, ob das mit nur einer Fremdsprache abgelegte Abitur aus Nordrhein-Westfalen ausreichend ist, um damit an einer Universität in Bayern zu studieren, oder ob und wann die Rechtschreibreform verbindlich wird. Das jeweilige Bundesland zahlt die Gehälter der Lehrer, während die Stadt oder der Kreis für den Unterhalt der Gebäude und Räumlichkeiten aufkommen muss. In Baden-Württemberg werden 52% des Staatshaushaltes für Gehälter von Lehrern, Ministern, Polizisten etc. verwendet.
Der Bund und die Kantone teilen sich die Verantwortung für das Bildungswesen, wobei die Kantone weitgehend grosse Autonomie haben. Im Bezug auf die obligatorische Schule (Primarstufe und Sekundarstufe I) ist auf nationaler Ebene seit Ende der 1980er-Jahre der Schulbeginn auf Mitte August harmonisiert worden. Die Bundesverfassung garantiert zudem einen freien Grundschulunterricht. Es ist damit durchaus üblich, dass Gymnasiasten die Kosten für ihre Lehrmittel selber tragen müssen. Auch erheben manche Kantone eine Gebühr für den Besuch eines Gymnasiums in Form eines Schulgelds, welches aber bei weitem nicht die wahren Kosten der Ausbildung deckt. Diese trägt das Gemeinwesen. Ausserdem stellt der Bund sicher, dass die Schulen den Qualitätsanforderungen genügen. (Quelle)
Die Flucht der Schüler aus der Schule
In der Schweiz beobachten wir als Deutsche ein ganz anderes Phänomen, das uns unerklärlich ist: Die hohe Anzahl von Schulabgängern nach der Sek-Stufe, also der 9. Klasse. Ich habe vor einiger Zeit eine solche 9. Klasse unterrichten dürfen. Es waren aufgeweckte und intelligente Jugendliche, sicherlich 25 % von ihnen hätte ohne Probleme die Kantonschule besuchen und die Matura (das Schweizer Abitur) ablegen können. Aber nur einer von 25 Schülern strebte dies an.
Wie kommen junge Menschen dazu, bereits mit 14-15 Jahren genau zu wissen, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollen und stattdessen einen Berufsausbildung beginnen? Die meisten hatten schon in der 8. Klasse, in Sek 2. also, den Ausbildungsplatz gefunden und zugesagt, und mussten nun das letzte Jahr der Sekundarschule nur noch „absitzen“, dementsprechend gering motiviert.

Woher kommt dieser für Deutsche so ungewöhnlich frühe Wunsch, die Schule zu verlassen? Ist das System so schlecht, so wenig motivierend, so uninteressant, dass die Kids schulmüde werden und sich sagen: „Nichts wie raus hier“? Sind die Anforderung auf der Kantonsschule wirklich so viel höher als auf einem Gymnasium in Deutschland, dass sich so wenig Jugendliche eines Jahrgangs zutrauen, weiter die Schule zu besuchen? Schliesslich muss man dort ständig Hochdeutsch sprechen, nicht nur im Deutschunterricht. Oder liegt es an der so ganz anderen Sozialisation, die Schweizer Kinder durchlaufen. Bekommen sie unbewusst durch die Gesellschaft, das Elternhaus und das ganze soziale Umfeld beigebracht: „Nur wer schnell einen Beruf hat, zählt etwas im Leben“?
In Deutschland wollen alle das Abi machen und studieren
Wir können nur aus Deutschland berichten, wo der Abbruch der Schule vor dem von allen angestrebten Abitur immer irgendwie ein Scheitern bedeutet. Niemand hört freiwillig auf mit der Schule, bevor nicht das Abitur erlangt ist. Wenn es denn nicht anders geht, wird eben nur ein „Fachabitur“ daraus, oder die „Fachhochschulreife“ (= ein Jahr kürzer als das Abi). Schule ist cool, denn sie bedeutet viel Freizeit, viele Ferien, und wenn es wegen des verdienten Geldes ist: Einen guten Nebenjob kriegt man als Schüler auch. Dann wird erstmal studiert, egal was, denn wenn die Eltern es nicht finanzieren können, dann gibt es günstig das Ausbildungsdarlehen vom Staat, das „Bafög“ (nach dem Bundes-Ausbildungsförderungs-Gesetz), oder man findet als Student leicht einen Job, weil die Arbeitgeber da keine Sozialabgaben zahlen müssen, solange du an einer Uni eingeschrieben bist. Die zukünftigen Arbeitgeber haben sich darauf eingestellt. Eine Banklehre in Deutschland ist zwar bereits mit der „Mittleren Reife“ möglich (Abschluss nach der 10. Klasse Realschule mit einer zweiten Fremdsprache), in der Praxis werden aber nur Abiturienten genommen.
Das Resultat ist natürlich eine Studentenschwemme, gefolgt von einer „Akademikerschwemme“. Viele dieser hochqualifizierten Deutschen flüchten dann ins Ausland, z. B. in die Schweiz, wo immer noch ein hoher Bedarf auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist. Oder sie werden Taxifahrer, wie einst der (noch) Aussenminister Joschka Fischer in Frankfurt.
Natürlich gibt es auch in Deutschland Jugendliche, die nach der 10. Klasse eine Lehre beginnen wollen. Dennoch gibt es einen grossen Ansturm auf die Gymnasien. Jeder versucht es, jeder möchte so lange wie möglich weiter zur Schule gehen. Als eingeführt wurde, dass man nur mit einer „Empfehlung der Grundschule“ (d. h. sehr guten Noten) auf das Gymnasium kommen kann, habe viele Eltern über den Rechtsweg und dem Argument des „Grundrechts auf freie Schulwahl“ versucht, ihre Kinder dennoch in ein Gymnasium unterzubringen.
In der Schweiz machen sie am liebsten „das KV“
KV steht in Deutschland für „kriegsverwendungsfähig“, so wird man eingestuft, wenn man nicht mehr verletzt genug ist, um zurück an die Front zu müssen.
Die Musiker kennen es als „Köchel-Verzeichnis“, dem Verzeichnis der Mozart-Werke, und die Ärzte gehören zwangsweise zur Kassenärztlichen Vereinigung um mit den Krankenkassen die Behandlungen der Patienten abrechnen zu können.
In der Schweiz wollen alle ins KV, das steht für „Kaufmännischer Verband“, um eine KV-Lehre zu absolvieren. Das ist eine solide Ausbildung, vielseitig verwendbar. Man macht sich dabei die Finger nicht schmutzig, holt sich keinen Schnupfen, und an Computern darf man obendrein noch arbeiten.
Mit 19 schon erwachsen?
Mit 19 sind diese jungen Schweizer dann fertig mit der Ausbildung und beginnen ihr Leben allein zu gestalten. Ein Alter, in dem viele Deutsche gerade mal mit der Schule fertig sind und mit der Bundeswehr beginnen, ein freiwilliges soziales Jahr ablegen, Zivildienst machen oder als Au Pair ins Ausland gehen, bevor sie darüber nachzudenken beginnen, was sie denn eigentlich werden möchten.