Umfrage zum Verhältnis der Schweizer und Deutschen — Doppelt gemoppelt in der Schweiz

Oktober 23rd, 2007
  • Maturarbeiten machen reif
  • Wir erhielten Post von einem Deutsch-Schweizer Maturanten namens Joel:

    Ich bin Schüler am Gymnasium Burgdorf und gerade mit dem Schreiben meiner Maturarbeit (Arbeitstitel: Kulturcrash: Schwarzwald vs. Emmental) beschäftigt. Als in der Schweiz lebender Deutscher untersuche ich das Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen und die Probleme, die durch die Konfrontation dieser Mentalitäten entstehen (oder auch nicht). Besonders interessiert bin ich an der Aufdeckung von vorherrschenden Vorurteilen und Klischees, aber auch an eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, die mit besagten Themen im Zusammenhang stehen. Auch positive Aspekte will ich beleuchten, kulturelle Bereicherung, grenzübergreifende Freundschaften etc.

    Zur Veranschaulichung der Ansichten und Empfindungen der Deutschen in der Schweiz führe ich eine Umfrage durch. Wenn Sie mir bei der Durchführung meiner Studie behilflich sein wollen, dann nehmen Sie sich doch einen Moment Zeit und füllen Sie bitte den untenstehenden Fragebogen aus.

    Ich danke für das Interesse und Ihre Mitarbeit.
    (Quelle: Private Elektropost)

  • Doppelt gemoppelt auf Schweizerdeutsch
  • Der Fragebogen findet sich hier zum Dowload als RTF-Datei, also leicht mir Word oder Wordpad oder anderen Schreibprogrammen zu bearbeiten. „RTF-Datei“ steht für „Rich-Text-Format“ und nicht, für „Rich-Text-File, denn sonst wäre es doppelt gemoppelt wie „Autobahn A1„, denn das „A“ ist die Abkürzung für „Autobahn“. Auch „klammheimlich“ ist doppelt gemoppelt, weil „clam“ bereits „heimlich“ (auf Latein) heisst. Doch fragen wir uns jetzt sofort: Wie sagt man eigentlich in der Schweiz für „doppelt gemoppelt„? Gibt es solche überflüssigen und Platz verschwendenden Ausdrücke überhaupt? Beliebt sind doppelt gemoppelte Ausdrücke in der Schweiz genauso wie anderswo. „Käse Fondue“ ist so ein Beispiel, denn Fondue ist immer geschmolzener Käse (oder Schokolade), es sei denn es steht „Chinoise“ daneben, oder die mehrfach doppelt gemoppelte Verabschiedung“Tschüss, tschau enschöne!„. Viele weitere hübsche Beispiele wie das „Einzelindividuum“, die „Glasvitrine“, der „Testversuch“ oder „zusammenaddieren“ finden sich im Wikipedia-Artikel zum Thema „Pleonasmus„.

  • Wie logisch ist Sprache?
  • Wie oft stellen wir fest, dass es nicht jede aussersprachliche Realität zu einem eigenen Wort im Schweizerdeutschen bringt. Eine Büroklammer ist in der Schweiz z. B. eine Büroklammer, sonst nichts. Kein „Klämmerli“ oder sonst was. Woran das liegt? Sprache ist nicht logisch, auch nicht „unlogisch“ sondern „alogisch„, d. h. „ausserhalb der Logik“, und das ist gut so, sonst wäre sie nicht so kreativ. Und jeder Sprachwissenschaftler, der Logik und Gesetzmässigkeiten darin sucht, muss früher oder später daran verzweifeln. Selbst so hübsch „unveränderliche“ Sprachen wie z. B. das klassische Latein strotzen nur so vor Ausnahmen, Unregelmässigkeiten, Nebenformen etc. Ein gutes Zeichen dafür, dass diese Sprache irgendwann gesprochen wurde und sich dabei permanent veränderte, wie jede Sprache, bis die künstliche Fixierung erfolgte.

    Doch zurück zur Umfrage. Die E-Mail von Joel findet übrigens sich ebenfalls in der Datei.

  • Schwarzwald vs. Emmental
  • Ausserdem heisst es in der Mail:

    Das Ergebnis dieser Umfrage wird im November auf www.blogwiese.ch einzusehen sein. Wenn sich jemand für ein Interview zur Verfügung stellen möchte, soll er dies bitte anfügen. Speziell über die Einbringung von Erfahrungen/Erkenntnissen etc., die mit den beiden Regionen Schwarzwald und Emmental zusammhängen, wäre ich dankbar.

    Alle gestandenen und gewesenen Schwarzwaldelche in der Schweiz dürfen jetzt vortreten und sich outen.

    Wir wünschen Joel viel Erfolg für seine Arbeit und hoffen, dass viele sich die kleine Mühe machen und das Teil würdig beantworten.

    Wie kuschelig das Verhältnis der Schweizer und Deutschen auch sein kann, zeigt uns dieser nette Clip (geklaut bei Sarah)

    Wer diesen Spot wohl gesponsert hat? Sicherlich nicht die Bettwäscheindustrie.

    Nichts wie raus hier — Die Schweizer und ihr Schulsystem

    September 25th, 2007

    (reload vom 01.11.05)

  • Einschulung erst mit sieben Jahren
  • Das Schweizer Schulsystem als Deutscher verstehen zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Es beginnt mit der Einschulung. Kein Land in Europa schult so spät ein, wie die Schweiz. Erst mit sieben Jahren beginnt hier die Schulpflicht. Die Grundschule heisst Primarschule und geht fast überall 6 Jahre. In Deutschland dauert sie 4 Jahre. Danach kommen die Kinder in der Schweiz auf die dreijährige „Sekundarschule“, kurz „Sek.“

    In Deutschland verteilt sich der Schülerstrom im fünften Jahr auf die Hauptschule, Realschule und das Gymnasium. Viele (ex-)sozialdemokratisch regierten Bundesländer haben zusätzlich die Gesamtschule eingeführt und das vorhandene „dreigliedrige“ Schulsystem teilweise dadurch abgelöst. In der Schweiz gab es die Varianten „Oberstufenschule“, „Realschule“, „Bezirksschule“, die Bedeutungen variieren von Kanton zu Kanton.

  • Kanti, die Schule des Philosophen
  • Das Pendant zum deutsche Gymnasium wird in der Schweiz meist „Kanti“ genannt, nach dem berühmten Deutschen Philosoph Immanuel Kant. Je nach Kanton existiert auch die Bezeichnung „Mittelschule“ oder „Gymi“ (was wie „Gimmi Shelter“, einer Platte der Rolling Stones, ausgesprochen wird). Das Kanti wird vom Kanton finanziert.
    Das Kanti in Bülach

  • Die Hefte und Stifte werden bezahlt
  • Anders als in Deutschland, wo sich die „Lehrmittelfreiheit“ nur auf die vom Staat gestellten Bücher bezieht, werden in der Schweiz auch das Schreibzeug, die Füller und Hefte von der Schule gestellt. In Deutschland müssen die Eltern eines Erstklässlers vor Schulbeginn mit einer detaillierten Einkaufsliste in ein Schreibwarengeschäft gehen und Schreibhefte und Schulmaterial im Wert von locker 80 CHF einkaufen, selbstverständlich aus eigener Tasche zu bezahlen. Die Liste wird von der zukünftigen Klassenlehrerin (in der Grundschule sind männliche Lehrer immer noch die absolute Minderheit) per Post zugeschickt. Schulbücher werden nur ausgeliehen und müssen in Deutschland immer länger verwendet werden. So kann es passieren, dass in Erdkunde Kartenmaterial verwendet wird, auf dem noch das geteilte Deutschland zu bewundern ist. Aber auch in der Schweiz brachte unsere Tochter Schulbücher mit nach Hause, die schon 12 Jahre alt waren und in denen noch die alte Rechtschreibung gelehrt wurde.

  • Schule ist Pflicht
  • Die Schweizer sprechen vom „Schulobligatorium“. Die Deutschen nennen es „Schulpflicht“. Die Pflicht ist also obligatorisch. Wer nicht zur Schule geht, und ihr fernbleibt, hat eine Absenz. Im Zivildienst in Deutschland lernte ich diesen Begriff kennen für den kurzen „Bewusstseins-Aussetzer“ eines Epileptikers, das vorübergehende Wegdämmern auf Grund von zu starker Dosierung von Antiepileptika. Hier haben sie alle Absenzen, sowohl in der Schule als auch bei der Arbeit.

  • Schulhoheit bei den Ländern

  • Es gibt in Deutschland nur ein sehr schwaches „Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur“, denn die wahre Macht über das Schulwesen hat die Kultusminister-Konferenz. Hier wird darüber entschieden, ob das mit nur einer Fremdsprache abgelegte Abitur aus Nordrhein-Westfalen ausreichend ist, um damit an einer Universität in Bayern zu studieren, oder ob und wann die Rechtschreibreform verbindlich wird. Das jeweilige Bundesland zahlt die Gehälter der Lehrer, während die Stadt oder der Kreis für den Unterhalt der Gebäude und Räumlichkeiten aufkommen muss. In Baden-Württemberg werden 52% des Staatshaushaltes für Gehälter von Lehrern, Ministern, Polizisten etc. verwendet.

    Der Bund und die Kantone teilen sich die Verantwortung für das Bildungswesen, wobei die Kantone weitgehend grosse Autonomie haben. Im Bezug auf die obligatorische Schule (Primarstufe und Sekundarstufe I) ist auf nationaler Ebene seit Ende der 1980er-Jahre der Schulbeginn auf Mitte August harmonisiert worden. Die Bundesverfassung garantiert zudem einen freien Grundschulunterricht. Es ist damit durchaus üblich, dass Gymnasiasten die Kosten für ihre Lehrmittel selber tragen müssen. Auch erheben manche Kantone eine Gebühr für den Besuch eines Gymnasiums in Form eines Schulgelds, welches aber bei weitem nicht die wahren Kosten der Ausbildung deckt. Diese trägt das Gemeinwesen. Ausserdem stellt der Bund sicher, dass die Schulen den Qualitätsanforderungen genügen. (Quelle)

  • Die Flucht der Schüler aus der Schule
  • In der Schweiz beobachten wir als Deutsche ein ganz anderes Phänomen, das uns unerklärlich ist: Die hohe Anzahl von Schulabgängern nach der Sek-Stufe, also der 9. Klasse. Ich habe vor einiger Zeit eine solche 9. Klasse unterrichten dürfen. Es waren aufgeweckte und intelligente Jugendliche, sicherlich 25 % von ihnen hätte ohne Probleme die Kantonschule besuchen und die Matura (das Schweizer Abitur) ablegen können. Aber nur einer von 25 Schülern strebte dies an.
    Wie kommen junge Menschen dazu, bereits mit 14-15 Jahren genau zu wissen, dass sie nicht mehr zur Schule gehen wollen und stattdessen einen Berufsausbildung beginnen? Die meisten hatten schon in der 8. Klasse, in Sek 2. also, den Ausbildungsplatz gefunden und zugesagt, und mussten nun das letzte Jahr der Sekundarschule nur noch „absitzen“, dementsprechend gering motiviert.
    Oberstufenschule Mettmenriet Bülach

    Woher kommt dieser für Deutsche so ungewöhnlich frühe Wunsch, die Schule zu verlassen? Ist das System so schlecht, so wenig motivierend, so uninteressant, dass die Kids schulmüde werden und sich sagen: „Nichts wie raus hier“? Sind die Anforderung auf der Kantonsschule wirklich so viel höher als auf einem Gymnasium in Deutschland, dass sich so wenig Jugendliche eines Jahrgangs zutrauen, weiter die Schule zu besuchen? Schliesslich muss man dort ständig Hochdeutsch sprechen, nicht nur im Deutschunterricht. Oder liegt es an der so ganz anderen Sozialisation, die Schweizer Kinder durchlaufen. Bekommen sie unbewusst durch die Gesellschaft, das Elternhaus und das ganze soziale Umfeld beigebracht: „Nur wer schnell einen Beruf hat, zählt etwas im Leben“?

  • In Deutschland wollen alle das Abi machen und studieren
  • Wir können nur aus Deutschland berichten, wo der Abbruch der Schule vor dem von allen angestrebten Abitur immer irgendwie ein Scheitern bedeutet. Niemand hört freiwillig auf mit der Schule, bevor nicht das Abitur erlangt ist. Wenn es denn nicht anders geht, wird eben nur ein „Fachabitur“ daraus, oder die „Fachhochschulreife“ (= ein Jahr kürzer als das Abi). Schule ist cool, denn sie bedeutet viel Freizeit, viele Ferien, und wenn es wegen des verdienten Geldes ist: Einen guten Nebenjob kriegt man als Schüler auch. Dann wird erstmal studiert, egal was, denn wenn die Eltern es nicht finanzieren können, dann gibt es günstig das Ausbildungsdarlehen vom Staat, das „Bafög“ (nach dem Bundes-Ausbildungsförderungs-Gesetz), oder man findet als Student leicht einen Job, weil die Arbeitgeber da keine Sozialabgaben zahlen müssen, solange du an einer Uni eingeschrieben bist. Die zukünftigen Arbeitgeber haben sich darauf eingestellt. Eine Banklehre in Deutschland ist zwar bereits mit der „Mittleren Reife“ möglich (Abschluss nach der 10. Klasse Realschule mit einer zweiten Fremdsprache), in der Praxis werden aber nur Abiturienten genommen.

    Das Resultat ist natürlich eine Studentenschwemme, gefolgt von einer „Akademikerschwemme“. Viele dieser hochqualifizierten Deutschen flüchten dann ins Ausland, z. B. in die Schweiz, wo immer noch ein hoher Bedarf auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist. Oder sie werden Taxifahrer, wie einst der (noch) Aussenminister Joschka Fischer in Frankfurt.

    Natürlich gibt es auch in Deutschland Jugendliche, die nach der 10. Klasse eine Lehre beginnen wollen. Dennoch gibt es einen grossen Ansturm auf die Gymnasien. Jeder versucht es, jeder möchte so lange wie möglich weiter zur Schule gehen. Als eingeführt wurde, dass man nur mit einer „Empfehlung der Grundschule“ (d. h. sehr guten Noten) auf das Gymnasium kommen kann, habe viele Eltern über den Rechtsweg und dem Argument des „Grundrechts auf freie Schulwahl“ versucht, ihre Kinder dennoch in ein Gymnasium unterzubringen.

  • In der Schweiz machen sie am liebsten „das KV“
  • KV steht in Deutschland für „kriegsverwendungsfähig“, so wird man eingestuft, wenn man nicht mehr verletzt genug ist, um zurück an die Front zu müssen.
    Die Musiker kennen es als „Köchel-Verzeichnis“, dem Verzeichnis der Mozart-Werke, und die Ärzte gehören zwangsweise zur Kassenärztlichen Vereinigung um mit den Krankenkassen die Behandlungen der Patienten abrechnen zu können.
    In der Schweiz wollen alle ins KV, das steht für „Kaufmännischer Verband“, um eine KV-Lehre zu absolvieren. Das ist eine solide Ausbildung, vielseitig verwendbar. Man macht sich dabei die Finger nicht schmutzig, holt sich keinen Schnupfen, und an Computern darf man obendrein noch arbeiten.

  • Mit 19 schon erwachsen?
  • Mit 19 sind diese jungen Schweizer dann fertig mit der Ausbildung und beginnen ihr Leben allein zu gestalten. Ein Alter, in dem viele Deutsche gerade mal mit der Schule fertig sind und mit der Bundeswehr beginnen, ein freiwilliges soziales Jahr ablegen, Zivildienst machen oder als Au Pair ins Ausland gehen, bevor sie darüber nachzudenken beginnen, was sie denn eigentlich werden möchten.

    Was Schweizer an den Deutschen nervig finden — Teil 4 — Ein Volk von Praktikanten

    September 4th, 2007
  • Ein Volk von Praktikanten
  • Der 4. Punkt der Liste von Dominique betrifft den Deutschen Berufsalltag. Es geht um Praktikanten:

    4. Ein Volk von Praktikanten
    Landauf, landab belegen studierte und qualifizierte Personen miserabel bezahlte Praktikas. Zwar wissen wir seit Bill Clinton, dass ebendiese für gute Stimmung sorgen können. Doch ist etwas faul, wenn zur Hochkonjunktur die halbe Belegschaft zu einem Hungerslohn die Arbeit verrichtet. Was für ein Schwachsinn, die wirtschaftliche Wertschöpfung auf Kosten der Gesellschaft zu optimieren. Übrigens: Wurde Frau Merkel eigentlich fest eingestellt oder ist sie bloss Praktikantin?
    (Quelle: Private Elektropost)

    Um die Wahrheit zu sagen: Dominique hat vollkommen Recht mit seiner Kritik. All diese studierten und qualifizierten Personen sind strohdumm und einfach zu faul, sich einen richtigen Job zu suchen. Sie machen viel lieber schicke Praktika, weil das einfach viel cooler ist und mehr Reputation gibt als eine Festanstellung in einem renommierten Unternehmen. Nur das mit dem „Hungerslohn“ haben wir nicht verstanden. Der Lohn des Hungers ist ein Fugen-„S“?

    Wer bekommt denn einen Hungerlohn? Gar kein Lohn gibt es für die freiwilligen Praktika, geht es doch hier primär um Sklavenarbeit Wissenszuwachs, die Erweiterung des beruflichen Horizonts, den Erwerb von Berufserfahrung, das Knüpfen von interessanten Kontakten zu zukünftigen Arbeitgebern und Kunden, etc.

    Ach, und was Frau Merkel angeht, die ist tatsächlich nur Praktikantin. Das hat Dominique gut erkannt. Ganz praktisch als mächtigste Frau der Welt:

    Die Kanzlerin ist weltweit die Nummer eins – jedenfalls nach Meinung des US-Magazins „Forbes„. Zum zweiten Mal in Folge wurde die Bundeskanzlerin zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. US-Außenminister Rice schaffte es diesmal nur auf den vierten Platz. (…)Die Kanzlerin führte die heute veröffentlichte Liste der hundert mächtigsten Frauen der Welt vor der chinesischen Vize-Ministerpräsidentin Wu Yi an, die ihrerseits US-Außenministerin Condoleezza Rice auf Rang zwei ablöste.
    (Quelle: Spiegel-Online 31.08.07 )

    Was uns wundert ist, das auf der Liste der Top 100 die Schweizer Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey nicht aufgeführt ist. Immerhin ist sie derzeit Chefin der Eidgenossen. Und zwar in Festanstellung, wenn auch mit einem Jahresvertrag. Das gilt dennoch nicht als Praktikum.

  • Die wirtschaftliche Wertschöpfung
  • Zur Aussage „Was für ein Schwachsinn, die wirtschaftliche Wertschöpfung auf Kosten der Gesellschaft zu optimieren“ muss ich gestehen, dass ich sie nicht verstanden habe. Wäre es vielleicht intelligenter, viele hochqualifizierte Mitarbeiter gut zu bezahlen und damit nicht vorhandende Umsatzrenditen zu verbraten? Ist mir alles zu hoch, sollte vielleicht mal irgendwo ein Praktikum zum Thema machen.

  • Warum sind Praktikanten beliebt in Deutschland?
  • Das Bildungssystem Deutschland bringt vielleicht wirklich im Unterschied zur Schweiz einen höheren Anteil an hochqualifizierten Spezialisten und Akademikern hervor, denen es nicht an der Theorie mangelt, aber an der Praxis, weil bis vor wenigen Jahren auf „Praxissemester“ etc. noch nicht so viel Wert gelegt wurde wie heute. Man konnte z. B. Gymnasiallehrer werden ohne je in den ersten 4-5 Jahren der Ausbildung einen Fuss in eine Schulklasse setzen zu müssen. Das hat sich zum Glück geändert.
    Über die hohe Anzahl von Praktikantenstellen zu lächeln, aber gleichzeitig glücklich in der Schweiz vom Überschuss der Hochqualifizierten im Nachbarland zu profitieren, zum Glück kommt da niemand auf die Idee, solche Anschauungen als „arrogant“ abzuqualifizieren. Passt nicht zum Weltbild. Arrogant, das sind immer die anderen.

    Der 1. August in der Schweiz und der 3. Oktober in Deutschland

    Juli 31st, 2007

    (reload vom 29.09.05)

  • Tag der deutschen Einheit am 17. Juni
  • Von 1954 bis 1989 feierten die Deutschen ihren „Tag der Deutschen Einheit“ immer am 17. Juni, in Gedenken an den Volksaufstand von 1953 in der DDR. Wie lief das ab? Tagsüber ein Ausflug ins Grüne, dann ab in den Biergarten, denn es war ja Sommer und selbst die Pfarrer hatten dienstfrei. Abends dann wurden Kerzen ins Fenster gestellt, zum Gedenken an die „Brüder und Schwestern im Osten“. In der Schule wurde uns immer vom tragisch-dramatische Anlass für diesen Feiertag erzählt, aber am 17. Juni selbst interessierte das niemanden mehr, solange der Himmel blau und die Luft lau war.

  • Die wahre Fussball-Einheit
  • Dann kam die Wende, und kurz darauf gewann Deutschland die Fussballweltmeisterschaft von 1990. Das war die wahre Wiedervereinigung, denn in Ost und West strömte alles zum Autokorso auf die Strassen, um zu feiern. Die Brasilianer in Zürich taten dies nach dem Sieg über Deutschland beim WM-Endspiel 2002 gegen Deutschland ebenfalls.

    Was wäre passiert, wenn 2002 auch Deutschland gewonnen hätte? Wären die 16.000 Deutschen in Zürich auf die Strasse gegangen und hätten einen Autokorso veranstaltet? Ich glaube kaum. Wir sind ein höfliches und äusserst bescheidenes Volk und halten uns lieber zurück im Ausland. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, das ist nur noch verstaubte Nazi-Propaganda. Ausser wenn es um die Plätze am Hotel-Swimmingpool auf Mallorca geht. Da gilt es, jeden Quadratzentimeter vor den Briten zu verteidigen. Wer zuerst kommt, der legt’s Handtuch zuerst. So einfach ist das mit dem Raumgewinn.
    Zumal die Schweizer im Sommer 2002 zu Brasilien hielten, und nicht für die „Sprachbrüder“ im Norden waren, ist doch selbstverständlich. Unsere Tochter war schockiert, als ihr plötzlich der unverhohlene Anti-Deutsche-Wind in ihrer schweizer Primarschulklasse ins Gesicht wehte und sie als einzige vor dem Match gegen Brasilien den deutschen Spielern die Daumen drückte.

  • Kein Gesang beim Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990
  • Im Jahr 1990 wurde der deutsche Nationalfeiertag zweimal begangen: Am 17. Juni und am 3. Oktober. Wir zogen, wie bei der gewonnenen Weltmeisterschaft gelernt, wiederum kurz vor Mitternacht in die Innenstadt von Freiburg im Breisgau und warteten auf das grosse Event, wenn Deutschland endlich „ein einig Vaterland“ wird. Doch nichts geschah. Koitus interruptus. Kein Autokorso, kein Gesang, nicht mal eine klitzekleine Parteiveranstaltung der örtlichen CDU. Die Post ging einzig in Berlin am Brandenburger Tor ab, mit Sylvesterfeuerwerk und Menschenmassen auf den Resten der damals noch existierenden Mauer.

  • Kantönligeist und Ländersache
  • Mittlerweile wird in Deutschland darüber nachgedacht, diesen Feiertag wieder abzuschaffen, zum einen aus Kostengründen, und zum anderen ist es eh meist zu kalt für den Biergarten. Neben dem 1. Mai ist das der einzige Feiertag, über den der Bundestag bestimmen kann. Alle anderen Feiertage sind Ländersache.
    Wir haben ihn auch in Deutschland, den berühmten „Kantönligeist“ der Schweizer. Bei uns heisst das: „Näheres regelt ein Ländergesetz„. Als der Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zu Beginn des Internetbooms einmal gefragt wurde, wie er sich denn den Ausbau der Datenautobahnen vorstelle, antwortete er lakonisch: „Autobahnbau ist Ländersache„, also nicht Angelegenheit eines Bundeskanzlers.

  • Der 1. August in der Schweiz — vom halben zum ganzen Feiertag
  • Der 1. August ist ein nationaler Feiertag, allerdings haben die Schweizer nur etwas davon, wenn er auf einen Wochentag fällt, sonst fällt er aus. Viele Jahrzehnte war es nur ein halber Feiertag, d. h. bis zum Mittag wurde gearbeitet. Bei der 700-Jahrfeier 1991 haben sich dann die Schweizer den zweiten halben Feiertag gegönnt. Geplant ist, diese Grosszügigkeit im Jahre 2291 bei der Tausend-Jahr-Feier mit einem weiteren halben Feiertag mächtig auszuweiten.

    Zum 1. August gehört das Absingen der Schweizer Hymne. Damit da nix schiefgeht, wird sie ein paar Tage vorher jedem Haushalt per Postwurfsendung zugeschickt, natürlich in den vier Landessprachen. „Bitte zur Feier mitbringen“ steht auf dem Papier. Wir lernen die Schweizer Hymne (d. h. wir brummen so wie alle irgend etwas mit. Den ganzen Text kann hier niemand richtig) und kaufen Fähnchen mit Kreuz darauf. Alles ist mit Fähnchen geschmückt. Es gibt in der Schweiz kaum einen Gegenstand, den man nicht mit einem Schweizerkreuz verziert käuflich erwerben kann: Trinkbecher, T-Shirts, Socken, nur Toilettenpapier habe ich noch keins entdeckt. Wer würde auch sowas kaufen wollen?

  • Sylvesterknallerei von Juli bis August
  • Vor der Migros gibt es Raketen und Böller wie in Deutschland an Sylvester zu kaufen, und zwar schon ein paar Tage davor. Was dazu führt, dass man von Ende Juli bis Mitte August gelegentlich ein Böller in der Nachbarschaft hochgehen hört und unser Hund ernsthaft davon überzeugt ist, dass der Krieg wieder ausgebrochen ist und wir nicht ganz bei Trost sein können, bei solch einer Schiesserei auch noch spazieren gehen zu wollen. Er verkriecht sich dann lieber unters Bett.
    Anton unterm Bett wenn es knallt

    Die Schweizer feiern diesen Tag daheim, ein jeder macht sein Privatfeuerwerk. Wir feiern mit den Nachbarn ein rauschendes Fest im Garten, mit selbstgebastelten Krachern und Raketen vom Nachbarsjungen „Da-Benny“. Die Kinder haben einen Riesenspass. Manch eine selbstgebaute Rakete startet in der Waagerechten, was die Aufregung der Zuschauer noch steigert.

  • Die Schweizer sind schon auf den Bergen
  • Tagsüber machen wir einen Ausflug an den Vierwaldstättersee. Warum sind die Strassen so leer? Warum sind die Parkplätze an den Bergbahnen so voll? Die Schweizer sind schon oben, sie hocken auf den Gipfeln und warten auf den Sonnenuntergang. Dann gibt es grosse Feuer auf allen Gipfeln, die Höhenfeuer, und am Mythen wird ein überdimensionales Schweizer-Kreuz aus Strohfackeln in Brand gesetzt.
    Schweizerkreuz und Mythenkreuz

    Oberhalb vom Vierwaldstättersee entrollen mutige Bergsteiger eine Schweizerkreuz-Fahne in 20 x 20 m Grösse an einer Felswand. Die Aufhäng-Action wird live im TV übertragen.

  • Nazi Gegröle auf dem Rütli
  • Zu jedem 1. August in der Schweiz gehört auch das Ritual, zur Rütliwiese zu fahren und sich dort von an anwesenden Rechtsradikalen tüchtig die Laune verderben zu lassen. Jedes Jahr werden es mehr, und jedes Jahr herrscht grosse Empörung darüber, wie das Nazi-Gegröle und der Hitlergruss doch als störend empfunden werden. Verboten werden diese Aufmärsche dort nicht, denn das Rütli ist das nationale Heiligtum der Schweiz, und da darf jeder hin.
    Auf dem Ruetli am 1. August

    In den letzten Jahren wurde nun ein System eingeführt, dass nur noch Besucher mit gültiger Eintrittskarte zur Wiese durchgelassen werden. So versucht man schon im Vorfeld, unliebsame Besucher fernzuhalten. Leider kosten die notwendigen Kontrollen und Sicherheitsmassnahmen Geld. Und weil niemand, weder der Bund noch die Kantone oder Gemeinden, bereit dazu waren, dieses Geld zu bezahlen, wäre die Feier 2007 fast ausgefallen, bis sich dann doch noch ein paar Sponsoren fanden.

    Dem Grenzer lieber keine Fragen stellen — Erlebnisse an der Deutsch-Schweizer Grenze

    Juli 25th, 2007

    (reload vom 25.09.05)

  • Erlebnisse an der Grenze
  • „Der Grenzer grenzt ein, der Grenzer grenzt aus, ich grinse dem Grenzer ins begrenzte Gesicht…“

    Diese Textzeile aus einem alten Mike Krüger Song fällt mir ein, wenn ich an die Grenzer denke. Wir lieben sie, diese letzte Bastion zwischen der glücklichen Schweiz und dem gefährlichen Europa, die Grenze bei Lottstetten, Tag und Nacht von Deutschen und Schweizer Grenzern scharf bewacht, die aufpassen, dass nicht mehr als 2 Liter Alkohol pro Person eingeführt werden (3 Weinflaschen = 3 x 0.7 = 2.1 Liter, also Obacht!), und die bei 503 Gramm Hackfleisch die Nase rümpfen, denn das sind 3 Gramm zu viel!

  • Bloss keine Fragen stellen
  • Gelegentlich fordere ich die fundierte, 3jährige Ausbildung der deutschen Grenzbeamten heraus, in dem ich mich erdreiste, ihnen Fragen zu stellen:
    „Wo kann ich mein Auto ummelden, wenn es schon verzollt ist. Geht das hier bei Ihnen, oder muss ich dazu nach Schaffhausen?“

    Die Antwort weiss der Grenzer nicht, aber dafür wird jetzt erst mal mein Fahrzeug kontrolliert, sprich durch den Computer gejagt. Ich möchte die Wartezeit nutzen, und die Schweizer Kollegen befragen: „Bleiben Sie bitte neben dem Wagen stehen, solange dieser überprüft wird!!!“ werde ich energisch aufgefordert. Na klar, schon verstanden, könnte ja sein, dass die Karre ohne mich wegfährt während der Überprüfung.
    Zollkontroller durch Schweizer

    Oder dann, als wir endlich Pässe mit Schweizer Wohnsitzeintrag haben, meine Frage, wie das denn nun mit den Bundestagswahlen funktioniert. Ob ich dazu zum Konsulat muss, oder ob das auch per Briefwahl geht? Fragen, die ein in der Schweiz lebender Deutscher einen deutschen Grenzbeamten zu fragen wagt. Antwort: „Darüber kann ich ihnen keine Auskunft geben, fragen sie doch mal die Schweizer Kollegen“. Klar, die werden sicher bessere Kenntnisse in deutschem Auslandswahlrecht haben als der deutsche Grenzschützer.

    Ich finde diese Information dann auf der Homepage des Deutschen Konsulats in Genf: Wir können uns in der letzten Gemeinde, in der wir in Deutschland gemeldet waren, ins Wahlverzeichnis eintragen lassen, und dann per Briefwahl dort wählen.

  • Impfisswiss
  • Wir fahren nach Deutschland zum Einkaufen. Auf der Rückfahrt fragt der Schweizer Grenzbeamte: „Hen Sie d’Impfisswiss dibii?“ Welche deklarationspflichtige Ware er damit wohl meint? Ein paar Missverständnisse später ist es klar: Gefragt ist der Impf-Ausweis für unseren Hund. Der darf nicht ohne Tollwutimpfung ein- oder ausreisen, auch wenn die Tollwut in beiden Nachbarländern seit langem ausgerottet ist.

  • Trödel nach Deutschland importieren
  • Als wir einmal mit einem gemieteten Transporter alte Möbel nach Stuttgart fahren wollen, um sie dort auf einem Garagen-Flohmarkt verkaufen zu lassen, wird der Deutsche Grenzer bei der Einreise aufmerksam: „Dann ist das ja sozusagen Handelsgut! Wir schätzen dass auf einen Wert von EUR 100,–, das macht dann also 16 EUR Mehrwertsteuer.“

    Er beteuert, dass wir besser nix von dem Garagen-Verkauf erzählt hätten, jetzt muss er das wohl verzollen. Kurz schiesst mir der Gedanke durch den Kopf: „Hoffentlich macht er jetzt einen richtigen grossen Tanz um das Zeug, mit viel Papierkram und stundenlangem Aufenthalt, dann kann ich das wenigstens für meinen Blog verwenden…“, da klärt sich die Angelegenheit plötzlich ganz schnell: Da wir keine Euro dabei haben, und die nächste Wechselstelle geschlossen ist, wird ihm das alles doch zu mühsam. So lässt er uns ziehen und „schenkt“ uns die 16 Euro Zoll für 3 alte Korbsessel, ein paar kaputte Holzstühle, eine Kiste mit gebrauchtem Porzellan etc.

  • Erbstücke importieren
  • Auf der Rückfahrt führten wir dann geerbte Möbelstücke von Deutschland in die Schweiz ein. Zum Glück hatten wir uns eine genaue Aufstellung der Möbel incl. Wertangabe und einer Bestätigung, dass es sich um ein Erbe handelt, in Deutschland anfertigen lassen. Möbel bis max. 2000 CHF Wert darf man so kostenlos einführen. Alles geht gut, wir lassen uns den Import bescheinigen und werden dann, wie immer, von den Schweizern ohne Kontrolle durchgewunken.

    Manchmal bin ich versucht, meine „Fragen an die Grenzer“ zu sammeln und an unser Aussenministerium zu schicken. Vielleicht kann man da eine Unterrichtseinheit für die 3jährige Ausbildung draus machen? Sie sehen, ich denke immer methodisch-didaktisch-praktisch.

  • Wollen Sie wiegen oder sollen wir schätzen?
  • Einmal fahre ich allein zum Einkaufen nach Deutschland, und kaufe absichtlich mehr Milch und Fleisch ein, als eine einzige Person eigentlich zollfrei einführen darf. Ich beabsichtige die Übermenge ganz regulär zu verzollen. Mit soviel freiwilliger Bereitschaft zum Zoll entrichten werde ich an der Grenze misstrauisch rausgewunken, und die eingeführten Mengen werden genaustens inspiziert. Man fragt mich, ob ich mit einer provisorischen Schätzung des Warengewichts einverstanden bin, oder auf ein genaues Wiegen bestehe. Ich will sehen, wie der Mann schätzen kann, und lasse mich auf Ersteres ein:
    „Nun, sie haben da 2 Kästen Mineralwasser, das sind schon mal 12 KG…“, so geht das weiter. Jetzt wird also auch das Wasser verzollt. Mit sage und schreibe 14 CHF Zoll werde ich zur Kasse gebeten. Was tun wir nicht alles um die Aussenhandelsbilanz der Schweiz zu verbessern!

    Zoll in Lottstetten bei Nacht

    P.S.: Wir haben in den späteren Jahren viele sehr nette und kompetente Zöllner und Grenzer kennengelernt, sowohl Deutsche als auch Schweizer. Aber viele Fragen zu stellen haben wir uns definitiv nicht mehr getraut.