Kann der Herr Vikar denn auch Physik? — Nein, aber Metaphysik und Theologie

November 29th, 2007
  • Was ist ein Vikar?
  • Wer in Deutschland Pfarrer werden möchte, muss zunächst Theologie studieren. Nach seinem Studium beginnt er (oder sie) mit der Ausbildung zum Pfarrer. Diese Ausbildung heisst „Vikariat“ und wer sie absolviert ist ein „Vikar“ oder eine „Vikarin“.
    So lasen wir bei Wikipedia zu „Vikar“:

    In der evangelischen Kirche bezieht sich der Begriff dabei ausschließlich auf Theologinnen und Theologen in der praktischen Ausbildung nach dem 1. Theologischen Examen. Diese praktische Ausbildung wird mit dem 2. Theologischen Examen abgeschlossen und ist Voraussetzung zur Ordination in den Pfarrdienst. Das evangelische Vikariat (…) entspricht als Ausbildungsphase dem Referendariat bei Juristen oder Pädagogen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Anders in der Schweiz, dort werden Vikare eingesetzt, um Physik zu unterrichten, wie wir in einer Stellenanzeige lasen:

    Für das Frühlingssemester 2008 suche wir 1 Vikarin/Vikar für insgesamt 5 Lektionen Physik (20%):
    (Quelle: studisurf.ch)

    Vikar für Physikunterricht

    Wie kommt es zu dieser Deutsch-Schweizerischen Begriffsverwirrung? Auch darauf weiss Wikipedia eine Antwort:

    Auch im Schulwesen bezeichnete man bis etwa 1945 solche Pädagogen, die noch keinen Abschluss hatten, wegen des Lehrermangels dennoch schon eine Lehrerstelle zu vertreten hatten, als Vikare (z. B. in Sachsen). Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass das Schulwesen noch lange mit der Kirche verbunden war.
    (Quelle: Wikipedia)

    In der Schweiz wurde von dieser Regelung nie abgewichen. Als die „Referendare“ Mode wurden in Deutschland, blieb man hierzulande beim „Vikariat“, auch ohne Kirche aber mit Physik. Tatsächlich blieb die Schweizer Verwendung des Begriffes näher an der Bedeutung des lateinischen Originals. Im Duden wird sie allerdings erst an 3. Stelle aufgeführt:

    Vikar [v…] der; -s, -e , aus lat. vicarius „stellvertretend; Stellvertreter“ zu vicis „Wechsel, Platz, Stelle“:
    1. ständiger od. zeitweiliger Vertreter einer geistlichen Amtsperson (kath. Kirche); vgl. Generalvikar.
    2. Kandidat der ev. Theologie nach der ersten theologischen Prüfung, der einem Pfarrer zur Ausbildung zugewiesen ist.
    3. (schweiz.) Stellvertreter eines Lehrers.
    (Quelle: duden.de)

    In Deutschland hingegen sucht man keinen Vikar, wenn ein Lehrer krank ist, da sucht man eine Stellvertretung, und findet sie nicht. Denn stellensuchende Physiklehrer sind in Deutschland genauso Mangelware wie in der Schweiz.

    Nicht alle Deutsche unter die gleiche Decke stecken — Eine Maturitätsarbeit aus Baden

    November 28th, 2007
  • Die Kollegin wird nicht namentlich genannt
  • Erinnern Sie sich noch an die Umfrage von Philip M. „und einer Kollegin“, die offensichtlich Verena F. heisst, zum Thema „Die Deutschen in der Schweiz“ vom 9.5.2007? (siehe Matur, Matura, Abitur und eine Reifeprüfung ). Die Arbeit ist nun vollendet und wurde mir gestern per Mail zugeschickt. Die beiden Schüler aus Baden haben neben der Auswertung der 50 Fragebögen von Blogwiese-LeserInnen auch noch Interviews in Zürich, Luzern und Schaffhausen durchgeführt und fleissig recherchiert. Herausgekommen ist ein 22 Minuten langer Podcast, und die Maturitätsarbeit als PDF: Die Deutschen kommen.
    Die Deutschen kommen!

  • Unter welcher Decke steckt man uns?
  • Ein Zitat daraus muss ich aber doch umbedingt bringen, weil sich daran auch sprachlich etwas lernen lässt:

    Während für die ältere Generation ein schreckliches Ereignis wie der 2. Weltkrieg ausschlaggebend ist für die Abneigung gegen die Deutschen, so ist es für die meisten Jüngeren eher ein Problem mit der Mentalität. Beide Argumente haben jedoch den Nachteil, dass sie alle Deutschen unter die gleiche Decke stecken. Natürlich sind im 2. Weltkrieg nicht alle Deutschen hinter dem Naziregime gestanden und so gab es viele politische Flüchtlinge, die es auch in die Schweiz zog.
    (Quelle: die-deutschen-kommen-deutsche-in-der-schweiz-2007.pdf

    Und ich dachte, man würde Deutsche sonst immer nur „alle in einen Topf werfen“. Weit gefehlt, in der Schweiz werden sie „alle unter die gleiche Decke“ gesteckt. Wenigstens können Sie so alle einfach über einen Kamm geschoren werden, vermute ich mal. Ist das nur tatsächlich eine Schweizer Redensart, für die sich noch mehr Belege finden lässt, wie z. B. hier:

    Es gibt dort Befürworter des Dritten Reiches, aber dies sind deutsche Minderheiten (häufig in Schlesien oder Pommern) die darf man auf keinen Fall unter die gleiche Decke stecken, da es doch erhebliche Unterschiede sind.
    (Quelle: schwermetall.ch)

    Oder einfach nur ein klassisches Sprichwortdurcheinander, im Stil von „Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum“?
    Besonders nett finde ich das Zitat auf Seite 12 der Arbeit (die Stelle wird im Podcast sogar auf Hochdeutsch vorgelesen!):
    Quelle Fragebogen
    Zum Glück wurde der Name so stark anonymisiert. Der vollständiger Name wird nicht genannt, ist aber den Autoren bekannt.

  • Hut ab! — Je t’aime, moi non plus
  • Grosses Lob und „Hut ab!“ vor der phänomenalen Arbeit. Besonders gut gefallen uns die eingespielten Background-Geräusche, z. B. „Je t’aime, moi non plus“ beim Thema „Deutsch-Schweizer Liebesbeziehungen„. Das berühmte Stück von Gainsbourg mit dem Text „Ich liebe Dich, ich dich auch nicht“ ist irgendwie absolut zutreffend auf die Deutsch-Schweizer Beziehung. Die Liebe der Deutschen zu den Schweizern wird kaum erwidert.

    Wir wünschen viel Spass beim Anhören des Podcasts und beim Lesen der Arbeit! Wenn die beiden die Kommentarfunktion ihrer Wordpad-Seite tatsächlich aufgeschaltet haben, kann dort direkt kommentiert werden. Sonst halt hier. Nochmals der Link freddy.migrosoft.org/

  • Komm unter meine Decke
  • Bei all dem, was so alles „unter eine Decke“ gesteckt wird möchten wir zum Schluss nicht versäumen an den Altmeister „Unter der Decke“ zu erinnern. Die Älteren unter uns holen dürfen sich jetzt so lange ein Bier holen, während die Jüngeren Gunter Gabriel gucken:

    Warum scheuen sich die Deutschen, Dialekt zu sprechen?

    November 27th, 2007

    (reload vom 23.11.05)
    Unser Freund Geissenpeter schrieb einst darüber, dass für die Deutschen „Dialekt sprechen unsittlich“ sei. Dem bin ich einmal nachgegangen:

  • Mehrsprachige Bauersfrauen auf dem Freiburger Wochenmarkt
  • Wer auf dem samstäglichen Wochenmarkt in Freiburg (im Breisgau) einkaufen geht, findet die Stände der Bauersfrauen auf der kalten Nordseite, im Schatten des Münsters. Auf der Südseite scheint die Sonne, ist es schön warm und angenehm, und dort stehen die Händler und verlangen für die gleiche Ware doppelte so hohe Preise. (Bilder vom Markt hier)

  • Mutationen beim Gemüsekauf

  • Beim Kauf von Gemüse auf diesem Markt kann man die absolute Zweisprachigkeit der badischen Landbevölkerung live erleben. Dabei ändern sich plötzlich die Formen des Gemüses, wenn aus den eben gewünschten verbogenen“Krummbeeren“ plötzlich gerade „Kartoffeln“ werden. Oder es wandelt sich die Farbe, wenn „gelbe Rüben“ zu leuchtend orangen „Karotten“ mutieren.
    Gelbe Rüben oder rote Karotten?

    Auch beim Kraut ist dieses Phänomen der gestörten Farbwahrnehmung zu beobachten. Badisches „Blaukraut“ wird plötzlich zu norddeutschem „Rotkohl„.
    Rotkohl oder Blaukraut?

    Am Ende gucken die Norddeutschen ziemlich dumm aus der Wäsche, wenn sie gefragt werden „Wellet se ä Gugg?“, doch die Frauen reagieren auf das Fragezeichen im Gesicht des Kunden sofort und setzen nach. „Brauchen Sie eine Tüte?

    Die Gugg lernen wird dann später durch die „Guggenmusik“ besser kennen. Ja, da guckst Du.

    Es gibt sie also schon, die Dialekt sprechenden Deutschen, die badischen Landfrauen auf dem Freiburger Wochenmarkt sind das beste Beispiel dafür. Anders als in der Schweiz wird aber nicht gefragt: „Verstehen Sie Alemannisch?„, sondern es wird gleich umgeschaltet auf Hochdeutsch, wenn einer zu lange zögert.

  • Alemannisch bei den Schwarzwaldelchen
  • Ich habe Deutschunterricht für Jugendliche im Hochschwarzwald auf einem Gymnasium gegeben. Ich nannte sie liebevoll meine „Schwarzwaldelche„, denn sie hatten viel Gefühl und bewegten sich stets langsam und bedächtig durch die Welt, den Kopf meist im Hochnebel verborgen. Auf meine Frage: „Wer kann denn von Euch Alemannisch sprechen?“ wurde ich nur schüchtern beäugt. Es wollte niemand zugeben, dass er auch Dialektsprecher ist. Kein Wunder, nach 12 Jahren Schule war es ihnen gründlich ausgetrieben worden, in Anwesenheit eines Lehrers auch nur die leiseste Äusserung im Dialekt von sich zu geben.

    In Deutschen Schulen wird Hochdeutsch gesprochen, und Mundart ist lediglich für das Gespräch unter Freunden oder auf dem Pausenhof vorgesehen, oder daheim mit den Eltern und Grosseltern. Sofern es sich nicht um eine Patchwork-Family handelt, bei der die Eltern aus verschiedenen Dialektregionen stammen. Dialekt ist „Soziolekt“ und wird ausser im Familienkreis und unter Freunden in allen öffentlichen Situationen vermieden.

  • Vorstellungsgespräch auf Hochdeutsch
  • So würde es bei einem Vorstellungsgespräch im Schwabenland der Bewerber nie wagen, in seiner Mundart zu sprechen. Er möchte ja beweisen, dass er perfekt auf Hochdeutsch verhandeln kann, und auch der Vorgesetzte, der vielleicht auch perfekt Schwäbisch spricht, führt ein solches Gespräch nur auf Hochdeutsch.

  • Alemannisch im Fernsehen
  • Es ist für uns Deutsche äusserst merkwürdig, in der Öffentlichkeit jemanden in Mundart sprechen zu hören. So gab es ein Interview im Schweizer Fernsehen mit einem Landrat aus dem Südschwarzwald. Es ging um die steigende Anzahl von Schweizer Rentner, die ihren Alterssitz in einem idyllischen und billigen Ort im Südschwarzwald wählen. Der Landrat sprach im Fernsehen öffentlich sein bestes Süd-Alemannisch, aber man konnte beobachten, wie unsicher er sich dabei fühlte, und wie er immer wieder nach bestimmten Wörter suchen musste, um nicht plötzlich ins Hochdeutsche zu verfallen.

    Die Schweiz ist kein Ausland — Denken alle Deutsche so?

    November 2nd, 2007
  • Die Schweiz ist kein Ausland
  • Am 1. November ging auf der Blogwiese ein sehr ausführliche Kommentar zu dem alten Artikel „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“ ein, den ich hier ausführlich zitieren und besprechen möchte. Ein User mit dem Pseudonym „Bola“ schreibt:

    In Deutschland müsste es mal im Verhältnis so viel Schweizer geben, wie es hier Deutsche gibt, die sich dann im Allgemeinen aber auch so benehmen-das Geschrei in D wäre gross.
    (Quelle: Kommentar von Bola)

    71 000 Schweizer verteilt auf 82 Millionen Bewohner in Deutschland sind natürlich etwas anderes als 188 000 Deutsche auf 7 Millionen in der Schweiz. Aber die Schweiz hat ja nicht nur Deutsche zu Gast, gleichauf mit den Deutschen liegen die Portugiesen, die Italiener sind bei 311 000 (Stand 2003) noch erheblich zahlreicher vertreten. Nur übertroffen durch die Bewohner aus dem ehemaligen Jugoslawien (Serben, Kroaten, Bosnier usw.), die zusammengefasst 368 000 zählen (Quelle: zahlenspiegel.ch ) .

  • Der schlechte Ruf der Deutschen im Ausland
  • Die Deutschen werden den Ruf, den sie haben, nicht los, da im Prinzip hausgemacht. Der Rest von Europa kann nicht unter kollektiver Wahrnehmungsstörung leiden.

    Was ist ein Ruf? Was ist ein Klischee? Die europäischen Gäste während der WM in Deutschland haben sich sehr wohl gefühlt. Viele blieben freiwillig länger oder kamen im nächsten Urlaub wieder. Berlin ist eine der angesagtesten Städte in Europa und hat Paris oder London den Rang abgelaufen. Leiden die alle unter „kollektiver Wahrnehmungsstörung“, oder ist es nicht wieder der Blickwinkel einiger südlicher Nachbarn, die noch nie für länger in einer Deutschen Stadt lebten und die Deutschen von Nahen kennenlernten? „Wir kennen Euch Deutsche gut, aus dem Fernsehen“, sagte der Autor Thomas Küng (Gebrauchsanweisung für die Schweiz) in der Sendung Quer . Kann man ein Land und seine Menschen wirklich über das Fernsehen kennenlernen?

    Auffällig, dass in Firmen, in denen der Anteil an Deutschen steigt, besonders bei Kaderjobs, moniert wird, der Ton werde kühler, ab heute heisst es “Sie” anstatt “Du”, “ich habe nicht 6 Jahre studiert, um jedem vom Pflegepersonal meine Entscheidungen zu erklären” usw. Da verliert sich Schweizer Firmenkultur, wenn das die Leute so wollen, bitte, wundert euch nicht, wenn hier immer mehr “eingedeutscht” wird.

  • Schweizer Firmenkultur, was ist das?
  • Was versteht man eigentlich unter „Schweizer Firmenkultur“, wenn ein Unternehmen wie die UBS mit 81 000 Mitarbeitern in 50 Ländern agiert? Gibt es dort Apéros mit Fendant und Greyerzer Käsehäppchen? Wird nicht sowieso in diesen Firmen nur „you may say you to me“ üblich? Der beschriebene ruppige Ton unter Deutschen Ärzten wird oft als „Kasernenhof-Ton“ bezeichnet. Kommen denn die freundlichen, flauschig weichen deutschen Mediziner nirgends zu Wort?

    Vielleicht will man die in einem Schweizer Spital in der Notaufnahme als Unfall-Chirurg überhaupt nicht sehen. „Du, ich bin übrigens der Detlef, und diese Aorta müsste unbedingt mal geklammert werden, wenn es Dir recht ist bitte schön, sonst läuft der Kerl noch aus“.

  • Am Telefon darf man in Deutschland nicht auf den Mund gefallen sein
  • Jedes dritte Telefonat ein Deutscher, weiterverbunden, ein Deutscher und alles schön in deutscher Manier:”Anrufer, du bist ein Bittbesteller. Es ist so weil ich das sage….”. Gute Tag – sagen, wieso das denn ?

    Definitiv gibt es eine andere Kommunikation am Telefon in Deutschland und in der Schweiz. Wer als Deutscher die Schweizer Variante nicht lernt, wird schnell überall auf Granit beissen und nie zum Ziel kommen. „Es ist so weil ich das sage“ ist ein klasse Begründung. Darauf kann man nur antworten: „Aber ich glaube das nicht weil ich das nicht glaube“.

  • Ist die Schweiz für Deutsche kein Ausland?
  • Solange Deutsche das Gefühl haben, die CH sei kein “Ausland”, solange geht das so weiter. Es ist nicht selbstverständlich, sich woanders aufhalten zu können und sei es noch so verbrieft durch Verträge.

    Ach, ist die Schweiz wirklich Ausland? Die Deutschen haben da sehr gute geschichtliche Erfahrungen wie wenig selbstverständlich es ist, sich woanders aufhalten zu können. Auch wenn es durch Verträge verbrieft ist. Wir brauchen da gar nicht weiter ins Detail gehen. 40 Jahre Mauer und Stacheldraht reichen vollkommen. Wenn Schweizer da ein Problem haben mit Ausländern, die sich hier zu sehr wie zu Hause fühlen, dann empfehle ich wie immer „Baut Zugbrücken“, und das Problem ist bald gelöst.

    Eine Portion schweizerische Bescheidenheit täte diesen Leuten ganz gut und ein gewisses Mass an Loyalität zum eigenen Land und dem Land, in dem sie sich aufhalten dürfen, wäre ebenfalls hilfreich.

    Wie weit es mit der schweizerischen Bescheidenheit zu mindestens in der belegbaren Internet-Öffentlichkeit beim Begriff und bei der Häufigkeit von „Swiss Quality“ zugeht, ist hier nachzulesen: Swiss Quality regiert die Welt! — Einfach immer nur der Beste sein

  • Warum Deutsche mit „Loyalität“ zum Land Schwierigkeiten haben
  • Aber Loyalität müssen so gewisse Deutsche erstmal erlernen, denn dass, was sie mit ihrem eigenen Land gemacht haben, ist in Europa beispiellos. Wie höhle ich mein Sozialsystem komplett aus, wie zersäge ich den Einzelhandel, wie komme ich meinem eigenen dreckigen Vorteil am nächsten. Wenn Einfältigkeit und “Hauptsache-Ich” regieren, sowie Raffinesse mit Klugheit/Besonnenheit verwechselt wird, dann gibt es für ein Volk nur eine Richtung, nämlich abwärts. Strukturellen Wandel gibt‘s in D nicht, dafür fehlt die Identität, welche ein Volkstamm normalerweise hat und der Wille sich selbst in Frage zu stellen.

    Auch mit „Loyalität“ haben die Deutschen ihre ganz spezielle Erfahrung. „Führer befiehlt, wir folgen“ und so. Loyalität bis in den Tod, das soll mal reichen für ein paar Jahrhunderte. Das sind sehr viele Aspekte, die einzeln besprochen gehören. Das deutsche Sozialsystem braucht eine Reform, durchläuft eine Reform, ist reformiert, je nach Sichtweise. Immerhin existiert ein Sozialsystem, gibt es bezahlbare Kindergartenplätze und Erziehungsurlaub. Ob das in DE oder CH besser organisiert ist, darüber streiten die Experten.

    Hauptsache-Ich“ ist einer der Hauptgründe in der Schweiz dafür, dass so wenig Kinder geboren werden, und Paare freiwillig kinderlos bleiben um die Karriere und die Freizeit auszuleben. Und da nicht nur in der Schweiz.

  • Gibt es eine Deutsche Identität?
  • Ob Deutschland wirklich so weit „unten“ steht und gleichzeitig immer noch Exportweltmeister ist, auch darüber liesse sich lange streiten. Das mit der Identität ist allerdings ein heikler Punkt, historisch gewachsen, denn während Frankreich schon Jahrhunderte Früher zur „Grande Nation“ verschmolzen wurde, blieben die drei deutschen „Reiche“ zum Glück nicht lange bestehen. Plurizentrismus wird im Deutschen nicht nur in der Sprache gelebt. Föderalismus bedeutet viele Zentren, und viele Identitäten. Wir haben da so unsere Probleme mit der einen „Deutschen Identität“ auf Grund gewisser historischer Erfahrungen.

    Auf die Bemerkung hin, dass gemäss Statistik (wenn sie denn stimmt), die Deutschen die Italiener als ausländische Bevölkerungsgruppe in Zürich überholt haben sollen, die Bemerkung kommt:”Das ist ja nu auch kein Nachteil”, sowas kann nur von Deutschen kommen, die sich grundsätzlich für was besseres halten. Nach wie vor scheint es wirklich so zu sein, dass man mit Deutschen nur einen Zugewinn als Arbeitsressource verbindet, ansonsten scheint da Ebbe zu sein. Glücklicherweise sind sich da fast alle einig, dass Italiener kulturell viel mehr Zugewinn der CH gebracht haben als eben Deutsche, da hilft auch noch so stoisches aufzählen von Goethe etc. nicht viel.

    Diese Diskussion hatten wir schon mal ausführlich hier: Pack den Schiller wieder ein — Wahre Kultur lernt man bei den Italienern

  • Sind Schweizer wirklich so anders wie Deutsche?
  • Die Hauptproblematik steckt in der Frage: „Gibt es eine Schweizer Kultur getrennt von der Deutschen, oder sind Deutsche und Schweizer nicht Teil der gleichen deutschsprachigen Kultur?“ Dieses ständige Ablehnen der „Deutschen Kultur“ ist damit eine nicht unwichtige Verdrängung der eigenen Identität. Und löst tatsächlich ungute Gefühle aus. Was wäre, wenn ich als Schweizer im wesentlichen gar nicht so anders als ein Deutscher denken würde, oder umgekehrt? Bricht dann eine Welt zusammen? Doch ich musst aufhören, die Lasagne im Ofen brennt sonst an, und die Vivaldi-CD läuft auch schon zum dritten Mal in der Wiederholungsschleife.

    Verstehen Sie Ruhrpott-Deutsch? — Tu ma dat Mäh ei

    Oktober 26th, 2007
  • Verstehen Sie Ruhrpott-Deutsch?
  • In Deutschland spricht man Deutsch. Genauer gesagt „Hochdeutsch“, gern auch als „geschliffenes Hochdeutsch“ bezeichnet. Versteht jeder in der Schweiz, und mit der Rückfrage: „Verstehen Sie Hochdeutsch, oder soll ich Schweizerdeutsch sprechen“ können Sie schon lange niemand mehr bei den Eidgenossen schocken.

    Da müssen Sie stärkere Sprach-Kaliber auffahren, vielleicht so einen Satz aus dem Ruhrpott, wie er aus Bochum berichtet wurde: „Tu ma dat Mäh ei“, so gesprochen vom Opa zu den Enkeln im Zoo. Was das heissen mag? Jetzt können Sie sich fühlen wie ein Deutscher unter Zürchern (ohne „i“) oder Baslern im Zolli (mit zwei „l“ und einem „i“) auf der Streichelwiese: „Streichel mal das Schaf“ hört man da sicher auch nicht auf Hochdeutsch.

    Tu mal dat Maeh ei
    (Quelle Foto: wingst.de)

  • Dialog in einer Imbissbude
  • Noch zwei wundervolle Beispiele:
    Sind Sie dat Schnitzel? Nee, ich bin nur die Pommes Mayo. Dat Schnitzel is meine Frau“

    Gleich noch die passende beschriftete Lokalität dazu:
    Futtern wie bei Muttern
    (Quelle: einzelhandelspoesie.de)

    Dort könnte auch dieser Dialog aufzeichnet worden sein:
    Hörma, weiste waste bist?“ Frage eines älteren Herrn an seine vor ihm laufende Gattin. Antwort: „Du bist deinen Absatz am verlieren“
    (Quelle: Kopfnote aus Bochum)

    Wir suchen jetzt nach dem Schleifpapier und schleifen fleissig weiter an unserem Hochdeutsch. „Datte mich dat aber nich alle Leute verklickern tus“.