Beschweren tun sich nur die Deutschen — Beobachtungen in einem Café am Zürichsee

März 12th, 2007
  • Eine Ovo für sechs Franken
  • Der Tages-Anzeiger brachte einen Artikel über den schlechten Service den Restaurants am Zürcher Mythenquai:

    „Der in Wetterberichten angekündigte Sonnentag hatte, wie zu erwarten war, Tausende an den See gelockt. Bloss: Das Acqua war geschlossen, ebenso die Yuppie-Insel auf dem Dach. Serviert wurde lediglich an die Tische in der Gartenwirtschaft. Hunderte lauerten, um sich auf frei werdende Plätze zu stürzen. Ihre Mütter sollten endlich zu Kaffee und Kuchen kommen. Einmal einen Platz ergattert, folgt die nächste Enttäuschung: Beim Versuch eine Bestellung aufzugeben, stellt der Kellner klar, dass er zuerst acht andere Tisch zu bedienen habe. Eine weitere halbe Stunde vergeht, dann gibt es wieder Kuchen noch Irish Coffee – und auch nicht „etwas Ähnliche“. In der Verlegenheit wird eine heisse Ovo bestellt, obwohl eigentlich niemand eine heisse Ovo will. Die kostet dann sechs Franken. Die Milch ist handgemolken, bestimmt.“
    (Quelle: Tages-Anzeiger 08.03.07)

    Mythenquai in Zürich
    (Am Mythenquai in Zürich. Quelle Foto: Zueri.ch)

    So weit, so gut bzw. schlecht. Typisches Beispiel für eine Servicewüste und Abzocke, wie sie in touristischen Gegenden weltweit passieren könnte, egal ob am Titisee im Hochschwarzwald, auf den Pariser Champs-Elysees oder hier in Zürich. Ob der Kellner nun Deutscher, Jugoslawe oder Schweizer war, wird nicht geschildert. Aber dann wird es spannend:

  • Schweizer Gäste schweigen etwas lauter
  • „Die meisten Gäste schweigen. Nur zwei deutsche Damen empören sich lautstark. In Bern, wo die eine wohnt, sei sowas undenkbar. Und die Berner seien ja wirklich nicht die Schnellsten. Die Schweizer Gäste schweigen weiter – aber etwas lauter: Recht hat sie – obwohl sie Deutsche ist, ist in ihren Gesichtern zu lesen.“

  • Die Deutschen, die sich beschweren
  • Es ist nicht die erste Geschichte dieser Art, von der wir hören, oder die wir so ähnlich miterlebt haben. Wenn es um miesen Service geht, wird in der Schweiz eher geschwiegen. Wenn sich dann jemand laut äussert, können sie darauf wetten, dass es sich um einen Deutschen handelt. Und die Schweizer? Sie sagen lautlos, wie im Tagi zu lesen, „Recht hat sie“. Obwohl sie Deutsche ist. Die haben sonst nämlich nie Recht. Als Gäste haben sie auch zu schweigen und stumm mitzuleiden.

  • Die Deutsche Dame auf dem Berner Perron
  • Von einer Situation am Bahnhof Bern schrieb uns ein Schweizer Freund:

    In Bern dauerte es schon eine Ewigkeit bis alle gemächlich ausgestiegen waren. Dann stiegen „erst noch“ viele Rekruten nur aus, um auf dem Perron in Türnähe in den fahrplanmässigen 4 Minuten Aufenthalt Zigaretten zu rauchen. So wurde das Einsteigen immer schwieriger. So eine mühsame Einsteigerei habe ich tatsächlich auch noch nicht oft erlebt. Die Einsteigenden hatten aber „für einmal“ eine ungefähre Einerkolonne gebildet.
    Eine etwa 50jährige Dame stand hingegen neben mir und war sichtbar um einiges nervöser als die anderen Reisenden. Vor lauter Nervosität begann sie ihren Radkoffer unkontrolliert hin- und her zu wippen.

    Irgendwann konnte sie sich nicht mehr zurückhalten, und, sich als Deutsche outend, ein „das gib’s doch nich!“ ausstossen. Sie suchte, wie mir schien, unter den Umstehenden nach ins gleiche Horn stossenden Meckereien. Aber es kam einfach nichts. Alle anderen warteten einfach wie eine Schafherde. Das hat sicher u.a. auch mit der teilweisen welschen Kundschaft zu tun, die ihren Kommentar sowieso nicht verstanden hatte, bzw. die nichts Deutsches antworten wollten/konnten. Ich zuckte dann auch nur demonstrativ schweigsam mit den Achseln. Mit motzen wäre auch ich ja nicht schneller im Zug gewesen.
    (Quelle: private E-Mail)

  • Wer organisiert den Nachschub am Frühstückbuffet?
  • Andere Geschichten erzählen von Hotelanlagen, bei denen das Frühstücksbüffet so rasch leergefuttert war, dass die Spätankömmlinge schon um 9.30 Uhr nichts mehr vorfanden. Wer beschwerte sich und bat um Nachschub? Die Deutschen Gäste.

    Sind das alles urbane Legenden? Sind das alles Mythen um die vorhandenen Klischees, die in der Schweiz lieber französisch als „Clichés“ geschrieben werden, zu belegen und zu untermauern? Ist es Ablehnung, der aus den Schweizer Berichten über diese „sich beschwerenden Deutschen“ spricht, oder ist es es Frust und Resignation über die eigene Unfähigkeit, in solchen Situationen seinen Unwillen auszudrücken?

    ICE in Deutschland
    (Quelle Foto: o-keating.com)

  • Auch in Deutschland wird stumm gelitten und eine Verspätungsbescheinigung ausgestellt
  • Um das Klischee nicht unnötig zu strapazieren, zum Schluss eine Geschichte aus Deutschland, die uns eine Schweizerin erzählte. Sie war erstaunt darüber, mit wieviel stoischer Gelassenheit und Duldungsvermögen die Fahrgäste eines völlig überfüllten ICEs auf dem Weg von Frankfurt nach Köln akzeptierten, dass ihr Zug bereits 40 Minuten Verspätung hatten. Wohlgemerkt, das ist die besonders schnelle und darum teure Neubaustrecke. Die Fahrgäste waren diese Verspätungen gewohnt, und auch die Überfüllung. Alte Bahnfahrer lassen sich in Deutschland vom Schaffner eine „Verspätungsbescheinigung“ ausstellen, vom „beteiligten Beförderer“. Die folgende Passage aus dem Passagierrecht der DB sollten Sie sich passend dazu einmal schön langsam vorlesen lassen und für die nächste Fahrt mit der DB am besten gleich auswendig lernen:

    26.6 Der Reisende macht seinen Anspruch innerhalb von zwei Monaten nach Abschluss der Reise mit dem Original des gültigen und entwerteten Fahrausweises und der Verspätungsbescheinigung bei einem beteiligten Beförderer geltend. Wenn vom Beförderer vorgesehen, kann an Stelle der Verspätungsbescheinigung eine Reservierung treten 2. Ist die DB ausführender Beförderer, dann erhält der Reisende zur Geltendmachung des Anspruchs auf Entschädigung nach den Nummern 26.2 bzw. 26.3 eine Gutscheinkarte entweder (i) je nach Verfügbarkeit im verspäteten Zug der Produktklassen ICE, IC/EC oder im IR oder (ii) am Tag der verspäteten Reise einschließlich der 2 Folgetage am DB ServicePoint im Bahnhof. Die mit Zangen- oder Stempelabdruck versehene Gutscheinkarte der DB steht einer entsprechend markierten Verspätungsbescheinigung gleich.
    (Quelle: bahn.de)

    Alles klar? Liesse sich „ServicePoint“ nicht auch als „Dienstleistungspunkt“ vermarkten? Wenn der Zangenabdruck (klingt wie eine „Zangengeburt“) bei der Bahn überlebt hat, warum dann nicht die „Dienstleistung nach Punkten„?

    Wieviel Negativschlagzeilen verträgt die Schweiz? — Bilanz der Blick-Artikelserie über die Deutschen in der Schweiz

    Februar 26th, 2007
  • Deutschfeindliche Schweizer in den Deutschen Medien
  • Bereits am 3. Januar 2007 löste ein Bericht der Agence Press Korrespondentin Anne Imfeld über die Situation der Deutschen in der Schweiz ein erhebliches Medienecho in Deutschland aus. Spiegel Online brachte ihn unter dem Titel „Geh doch heim ins Reich“, das Manager-Magazine übernahm den Text unverändert am nächsten Tag , und auch die Newsticker der Portale Web.de und GMX stellten ihn ihren Lesern zur Verfügung.

  • Mit versteckter Kamera in die Bäckerei?
  • Die Artikelserie des BLICKs „Wieviel Deutsche verträgt die Schweiz?“ in der vergangenen Woche heizte dieses erstaunliche Interesse der Deutschen Medien für die Schweiz weiter an. Sonst liest man kaum was dort über die Eidgenossen. Ausser wenn irgendwo ein 12jähriger eine 9jährige vergewaltigt hat, oder am Gotthard ein Felsklotz ein deutsches Auto zermalmt, dann ist auch die Schweiz für eine Schlagzeile in Deutschland gut.

    Wir erhielten noch am Wochenende vor dem Start der BLICK-Serie einen Anruf von „RTL Explosiv“. Der zuständige Redakteur hatte die BLICK-Ankündigung verfolgt und wollte Bilder. Am besten mit versteckter Kamera einen Deutschen in einer Schweizer Bäckerei filmen, der auf Hochdeutsch seine Brötchen bestellt und dann von einem bösen Schweizer auf Schweizerdeutsch ignoriert bzw. unfreundlich abgefertigt wird. Wir musste den RTL-Redakteur erklären, dass er diese Bilder nicht filmen kann in der Schweiz. Zwar erzählte uns Katharina von Bock in der Sendung CLUB, wie sie 1993 in einer Basler Bäckerei auf ihre hochdeutsche Bitte nach einem „Brötchen“ nur auf Baseldütsch Antwort bekam, aber das war kein Mobbing, sondern sie musste erst genauer hinhören, um den geforderten Betrag zu verstehen. Spontanes kundenorientiertes Verhalten und Antworten auf Hochdeutsch war „in dem Fall“ Fehlanzeige. Eine Erfahrung, die ich tatsächlich in sechs Jahren so noch nie machen durfte, im Gegenteil, wofür mich der werte Herr Muschg im Club zum „Glückspilz“ adelte.

  • Was hätte RTL dann filmen können?
  • Interessant gefunden hätten wir Interviews mit Schweizern auf der Strasse, durchgeführt vom deutsches RTL-Team aus Köln, mit den Frage: „Was denken Sie über die Deutschen“? Wir hätten dann nicht die „arrogant“ Nennnungen gezählt, sondern die „Die sind fleissig“ und „Die sind zielstrebig“ Äusserungen. Anschliessend hätte man ein SF-Team losschicken können, um die gleichen Fragen noch einmal auf Schweizerdeutsch zu stellen. Wie wäre dann das Ergebnis ausgefallen? Aber das hatten wir schon bei QUER und bei DOK, und jetzt beim ZEITSPIEGEL (siehe unten), es wird auf die Dauer langweilig.

  • Drehen ja, senden nein
  • Das RTL-Team kam dann zu uns nach Bülach, drehte ein langes Interview und viele hübsche Einstellungen aus dem „ländlichen“ Zürcher Unterland, mit Schafen vor dem Gartenzaun und Fachwerkhäusern in der Altstadt (genannt „Städtli“), doch gesendet wurde bisher nichts davon. Zu unspektakulär. Ein Bericht über einen Deutschen, der aus Angst vor einem drohenden Gefängnisaufenthalt nun in einer Hütte auf einem Sendemast haust, hatte letzte Woche höhere Priorität. Vielleicht kommt der Bericht ja noch. Wir waren es müde, jeden Abend weiterhin die spektakuläre Explosiv-Sendung zu schauen, mit Reportagen über Menschen, die auf der Strasse Küsse verteilen oder über einen Selbstzerstümmler bei der Arbeit. Falls jemand mehr gesehen hat, bitte melden.

  • Der Bayrische Rundfunk war schneller
  • Die Sendung „Zeitspiegel“ vom Bayrischen Rundfunk war da schneller. Sie brachte am 21.02.07 einen Bericht im Stil von Pino Aschwandens DOK-Film mit dem Titel „Verteufelt – Deutsche in der Schweiz“. Der Filmbeitrag des Bayrischen Rundfunks ist urheberrechtlich geschützt und kann daher auf der Homepage des Senders nicht als Stream angesehen werden. Wir hatten ihn unter dem Stichwort „Deutsche in der Schweiz“ bei Youtube gefunden und hier verlinkt. Alternativ nun das Manuskript der Sendung als PDF, welches wir vom Bayrischen Rundfunk mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt bekamen.

  • Mörgeli liest BLICK über Mörgeli und drückt sich präzise und direkt aus
  • Sehr hübsch fanden wir, wie Herr Mörgeli in diesem Filmbeitrag bei der Lektüre des BLICKS gezeigt wird, der ihn mit dem Satz „Mörgeli fordert Erziehungskurse für Deutsche“ gänzlich falsch zitiert hat. Herr Mörgeli äussert dann in Bezug auf das Verhältnis der Deutschen zu den Schweizern den Satz: „Da trifft Grössenwahn auf Minderwertigkeitskomplex“. Eine super-originelle Formulierung, die Herr Mörgeli freilich nicht so wörtlich meint, aber im Grunde doch schon, es sei aber in Wirklichkeit nicht direkt so, wie es klingt, aber es steckt schon ein Körnchen Wahrheit darin, er hat das „mal so formuliert“, aber er sagt sowas ja eigentlich nicht… nun, die bekannte schweizerische klare und präzise Ausdrucksform, wie bei der Geschichte mit dem „Erziehungskurs für Deutsche“, den Herr Mörgeli nie gefordert hat, aber den er eigentlich auch gar nicht so schlimm findet. Wer bisher nach Anschauungsmaterial gesucht hat, um das Gegenteil von „deutscher Direktheit“ zu verdeutlichen, den verweisen wir ab jetzt auf Herrn Mörgeli.

  • Mehr von „Ich bin schon wer“
  • Dann gibt es in dem Beitrag noch ein Wiedersehn mit dem freundlichen Bayer aus Pino Aschwandens DOK-Films, er heisst Johannes Kornacher, ist Journalist und stammt aus dem Allgäu. Er hatte auf die Frage „Wollen Sie Schweizer werden?“ die Antwort „Ich bin schon wer“ geprägt, und wurde damit sogar in der Überschrift eines NZZ Artikels vom 24.02.07, S. 19 zitiert (bis die Online-Version freigeschaltet ist gibt es hier den Artikel als 1 Mb grosses PDF).

    Ich bin schon wer NZZ 24-02-07

  • War die BLICK-Serie wirklich negativ?
  • Die Schweiz wird Thema in Deutschland, und zwar immer mehr mit Negativschlagzeilen. Eine ganze Reihe von Deutschen, die durch Pino Aschwandens DOK-Film zum ersten Mal etwas über gewisse negativ denkende Schweizer hörten, fühlen sich nun durch den BLICK weiter bestärkt in ihrer Wahrnehmung von antideutschen Gefühlen bei den Schweizern. Noch lief der Beitrag nicht in Deutschland. Das ist erst für den 24. Mai auf 3SAT geplant. Wir erinnern daran: Der gemeine Deutsche kann, aus technischen Gründen, kein Schweizer Fernsehen empfangen. Auch nicht über Satellit. Dazu benötigt er eine von der Schweizer Botschaft kostenpflichtig abgegebene Decoder-Karte.

    Dabei waren die BLICK-Artikel durchweg harmlos, und es erstaunte uns, wie viele Schweizer sich auf Blick-Online positiv über die Deutschen äusserten bzw. ihr Unverständnis für diese Artikelserie äusserten. Der Schuss ging eindeutig nach hinten los. Anstatt eine eventuell vorhandene Anti-Deutsche-Stimmung zu schüren wurde eine kleine „Pro-Deutsche Welle der Solidarität“ ausgelöst. Nur in Deutschland, da wurde vielen zum ersten mal gewahr, dass die freundlichen Deutsch-Schweizer auch ganz anders drauf sein können, wenn es um die Deutschen geht.

    Wieviele Deutsche Touristen deswegen nun wirklich in ein anderes Land als die Schweiz fahren werden bleibt abzuwarten. Die Wahrnehmung ist geschärft, auch ohne RTL-Explosiv Bericht.

    Sie sprechen jetzt Hochdeutsch, Herr Mörgeli — Über die Soziolekte „Oxford English“ und „Hochdeutsch“

    Februar 21st, 2007
  • Sprechen Sie Nuscheldeutsch?
  • Die Mär vom „geschliffenen Hochdeutsch“, das angeblich so viele Deutsche aus dem Norden sprechen, steht im krassen Gegensatz zum häufig gehörten „Nuscheldeutsch“. Hyperkorrekt zu sprechen ist lernbar, Sprache „richtig“ zu verschleifen wie es eine existierende Sprechgruppe praktiziert, ist schon schwieriger. Wer noch Probleme mit dem korrekten Nuscheln oder Nuscheln verstehen hat, kann dies trainieren beim „schlecht gelaunten Nuschel-Orakel“ des südbadischen Senders SWR3.

  • Gibt es im Englischen eine „Hochsprache“?
  • Das viel zitierte und gerühmte „Oxford-English“ ist in Wirklichkeit ein „Soziolekt“, der mit kunstvoll angestotterten Konsonanten ebenso umgeht wie merkwürdig exotischen Aussprachregeln von Namen. Das „Magdalen-College“ in Oxford, in dem u. a. J.R.R. Tolkien Mitglied der Fakultät war, spricht sich zum Beispiel [ˈmɔːdlɪn] „mudlin“, was schon an Geheimsprache grenzt.

    Die Sprache der Oxford-Absolventen hat als „Gruppensprache“ auch die Funktion, einen Angehörigen dieser Elite leicht an seiner Rede identifizieren zu können.

    Eine andere Bezeichnung für dieses Englisch ist „Received Pronunciation“, kurz „RP“:

    RP ist ein Akzent, der mitunter, aber immer seltener, auch als „Queen’s English“, „King’s English“, „Oxford English“ oder „BBC English“ bezeichnet wird. Dieser Akzent geht auf Merkmale der Aussprache im Südosten Englands zurück und galt bis vor einigen Jahren als diejenige englische Aussprachevariante, wie sie für gebildete Sprecher empfohlen wurde.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wir lesen weiter:

    Bei seiner Beschreibung über die Aussprache des Englischen bezog sich der englische Phonetiker Daniel Jones auf RP als Referenzsystem. Er selbst sprach diese Sprachvariante und bezeichnete sie als eine Aussprache, die mit keiner bestimmten Region assoziiert werden könne. RP ist in dieser Hinsicht ein Soziolekt.
    In seinem „English Pronouncing Dictionary“ vermerkt Daniel Jones, dass die in seinem Buch benutzten Ausspracheregeln der Aussprache entsprechen, wie man sie in der Alltagssprache südenglischer Familien antrifft, deren Söhne die bekannten Internatsschulen (public boarding schools) besucht haben. Diese Aussprache hätten auch viele Sprecher angenommen, die nicht aus dem Süden Englands kommen und an diesen Schulen unterrichtet wurden. Auch die Mehrzahl der nicht an diesen Schulen ausgebildeten Sprecher aus den angesehenen Gesellschaftschichten würden RP benutzen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Zeig mir wie Du sprichst, und ich sag Dir wer Du bist
  • Die Angehörigen einer bestimmten Gesellschaftschicht finden so über die Sprache zu einander und erkennen sich in bei jeder Gelegenheit. Könnte im Süddeutschen Schwabenland nicht passieren. Niemand würde auf Hochdeutsch ausweichen, um seine Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsschicht zu demonstrieren. Es sei denn, er sitzt als einziger Süddeutscher in der Redaktionskonferenz beim Hamburger SPIEGEL mit am Tisch und bekommt das Wort zugeteilt. Oder es handelt sich um ein Vorstellungsgespräch für eine Lehre bei der Sparkasse Ludwigsburg und gute Kenntnisse der Standard-Hochsprache gelten als Bildungsnachweis.

  • „Herr Mörgeli, jetzt sprechen Sie Hochdeutsch“
  • Als Herr Mörgeli im Zischtigs-CLUB plötzlich auf Hochdeutsch über ein historisches Sachthema weitersprach, demonstrierte er unterbewusst „Schaut her, ich bewege mich sicher in der Schriftsprache der Wissenschaft, womit ich meine Fachkompetenz unterstreichen möchte“. Schön zu beobachten im Video-Stream an der Stelle 29:38 . Doch dann wurde er von der wunderbaren Christine Maier, Tochter Deutscher Eltern, mit dem Satz „Jetzt sprechen Sie Hochdeutsch, ist das Ihnen bewusst?“ zurückgepfiffen und sprach geradezu verschämt wie ertappt auf Züridütsch weiter. Er spricht wunderbar beide Varianten des Deutschen, die Standardsprache gleich wie sein Züridütsch. Die Wahl der Variante ist in diesem Moment die Wahl des richtigen Soziolekts. Will ich Teil meiner Wählerschaft bleiben, von ihnen als einen der ihren erkannt und anerkannt werden, oder will ich im Studio des Schweizer Fernsehens Teil der Gruppe „Wir sind doch alle Historiker“ sein. Die Wahl der richtigen Variante bei zweisprachigen Menschen wie Herrn Mörgeli ist immer zugleich die Frage: „Zu welcher Sprechergruppe möchte ich gehören?“.

  • Jeder Mensch ist vielsprachig
  • Das Phänomen der Soziolekte lässt sich bei der Schweizer Diglossie „Schweizerdeutsch- Hochdeutsch“ besonders gut beobachten. Aber auch in Deutschland verfügt jeder Sprecher in der Regel, je nach Bildung, über mehrere Soziolekte. Auf dem Fussballplatz redet der Herr Professor mit den Fans in der Südkurve anders als mit seinen Studenten in der Sprechstunde oder seiner Mutter aus dem tiefsten Schwarzwald am Telefon. Für mich ist es bei der Begegnung mit den Schweizer besonders spannend zu beobachten, wann sie „switchen“ und mit welcher unbewussten Absicht dies geschieht. Es ist nicht immer die „Ich bin jetzt mal höflich und rede auf Hochdeutsch weiter“ Begründung, die mich überzeugt. Es laufen viel mehr unbewusste Prozesse dabei ab, wie „ich demonstriere jetzt meinen Bildungsstand“, oder „ich demonstriere jetzt meine Gruppenzugehörigkeit“, wie am Beispiel von Herrn Mörgeli in der Sendung CLUB zu sehen.

    Dann war da eine Pause — Erlebnisse an der Deutschen Serviceline

    Februar 15th, 2007
  • Die Schweizer Telefon-Codes sind rasch gelernt
  • Schweizerische Telefonkommunikation läuft nach einem ganz bestimmen Schema ab, das man als Deutscher in der Schweiz tunlichst bald erlernt und verinnerlicht. Es sind spezifische „codes“, die es zu lernen gilt, um nicht unangenehm aufzufallen. Angenommen Sie möchten von Ihrer Schweizer Krankenversicherung eine Auskunft. Also rufen Sie dort an und geraten nach einigen Minuten in der Warteschleife an eine freundliche Serviceperson. Sie hören z. B.: „Mein Name ist Regula Mayer, wie kann ich ihnen helfen?“ Sie antworten: „Grüezi Frau Mayer, mein Name ist XY“. Dann machen Sie eine Pause und warten, dass Frau Mayer von der Serviceline ebenfalls „Grüezi“ zu Ihnen sagt, bevor Sie langsam auf den Punkt kommen und Ihr Anliegen vortragen.

    In einem vergleichbaren „Kunden-Lieferanten“ Gespräch, bei denen sich beide Seiten vielleicht schon von früheren Anlässen her kennen, wäre noch ein Smalltalk über das Wetter oder das allgemeine Befinden angebracht, bevor es zur Sache geht.

  • Immer schön die Pause beachten
  • Die Abfolge bei der Gesprächseröffnung inclusive der wichtigen Pause ist leicht erlernbar und auch als neu zugezogene Deutsche werden rasch gar nicht mehr anders können, als so am Telefon zu kommunizieren. Die „codes“ werden also bald Teil des Alltags und sie nehmen sie kaum mehr bewusst wahr.

  • In der Pause trat eine Pause ein
  • Vor kurzem musste ich mit diversen Versicherungen und Banken in Deutschland telefonieren. Auch hier waren stets trainierte Service-Mitarbeiter an der Leitung, auch hier wurde Hilfsbereitschaft und der Servicegedanke gross geschrieben. Und doch liefen diese Gespräche anders ab, denn ich tappte stets in die gleiche merkwürdige Pause. Ein Mitarbeiter sagt: „Guten Tag, mein Name ist Peter Müller, was kann ich für Sie tun?“. Ich antwortet: „Mein Name ist Jens Wiese“ und wartete. Pause. Nichts, kein Gegengruss, kein „Guten Tag Herr Wiese“. Erstauntes Warten und Harren darauf, dass ich zum Ausdruck bringe, was den mein Anliegen sei.

    Die Franzosen sagen dann „un ange passe“ = „ein Engel geht durch den Raum“, wenn die Gesprächspause besonders peinlich ist. Das passierte mir einmal, es passierte mir mit einer anderen Versicherung ein zweites Mal, und beim dritten Gespräch mit einer freundlichen Bankangestellten erkannte ich: Du musst schneller zur Sache kommen! Die Schweizer Kommunkations-Codes gelten hier nicht. Doch so schnell konnte ich die auch nicht wieder ablegen.

  • Das freundliche Ende hinterlässt glückliche Mitarbeiter
  • Die rituelle Verabschiedung im Gespräch, das Bedanken für die erhaltene Auskunft, das freundliche „Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag“ Äussern, all das gilt in der Schweiz als selbstverständlich und wird überhaupt nur wahrgenommen, wenn es fehlen sollte. Bei den deutschen Serviceline-Mitarbeitern meine ich in dieser Situation ein erstauntes Lächeln durch das Telefon gesehen zu haben. Soviel Dankbarkeit und Nettigkeit ist nicht alltäglich und wird nicht erwartet. Andere Codes, andere Effizienz, andere Präsenz.

    Nachtrag: Gerade hatte ich ein Gespräch mit einer Bank in Stuttgart. Ich meinte an einen Schweizer geraten zu sein, aber es war ein waschechter Schwabe. Alle codes wurden perfekt eingehalten, auch die Verabschiedung ging nach den Regeln kommunikativer Höflichkeit. Was lernen wir daraus? Verallgemeinere niemals drei Erfahrungen zu einer Gesetzmässigkeit!

    Unter der Woche heimfahren verboten — Der Wochenaufenthalter

    Februar 12th, 2007
  • Vom Einwohnermeldeamt zur Einwohnerkontrolle
  • Beliebte Deutsche Universitätsstädte wie z. B. Tübingen oder Freiburg im Breisgau kämpfen alle mit dem gleichen Problem: Viele Studenten sind zu faul, ihren „Hauptwohnsitz“ bei den Eltern in einen „Zweitwohnsitz“ umzumelden und sich beim zuständigen „Einwohnermeldeamt“, denn so heisst die „Einwohnerkontrolle“ in Deutschland, korrekt anzumelden. So leert sich das schwäbische Tübingen am Rande der Schwäbischen Alb jeden Freitag gegen 16:00 Uhr schlagartig und verringert seine Einwohnerzahl um einige tausend Bewohner, die erst am Sonntagabend aus Stuttgart und dem dicht besiedelten mittleren Neckarraum wieder eintrudeln. Eine typische Wochenend-Heimfahrer Uni eben.

    Wer jedoch „die überwiegende Zeit der Woche“ in einer Uni-Stadt zwecks Studium verbringt und nur am Wochenende heimfährt, muss diesen Ort gemäss Deutschem Meldegesetz als „Hauptwohnsitz“ angeben. Dahinter steckt die Not der Kommunen, nur für gezählte und registrierte Einwohnernasen vom Land oder Bund Zuschüsse zu bekommen. Wenn also 10‘000 nicht registriert und gemeldet sind, geht das richtig ins Geld. Es haben sogar schon Deutsche Gemeinden Prämien gezahlt für jeden Studenten, der sich ummeldet, um so einen Anreiz zu schaffen.

    In den letzten Jahren wollten viele Städte die Studenten mit Gutscheinen, Präsent-Tüten oder Begrüßungsgeld dazu bewegen, ihren Erstwohnsitz an den neuen Studienort verlegen. Die Idee kursierte vor allem in ostdeutschen Städten, die unter sinkenden Einwohnerzahlen litten. So gab es in Leipzig ab 1999 das Projekt „Zuzugsbonbons für Studierende“, bei dem jeder Student, der sich in der Stadt meldete, mit 49 Euro belohnt wurde.
    (Quelle: Spiegel-Online vom 13.02.07)

    Die Schweizer haben für diese Pendler ein hübsches eigenes Wort: Den „Wochenaufenthalter“. Es ist eine

    Wochenaufenthalter Person, die an den Arbeitstagen am Arbeitsort übernachtet und die arbeitsfreie Zeit (in der Regel Wochenenden) regelmässig an einem andern Ort (sog. Familien- oder Freizeitort) verbringt.
    (Quelle: steueramt.zh.ch)

  • Der Wohnort ist wichtig für die Höhe der Steuern
  • Da die Schweizer anders als die Deutschen in Deutschland nicht an jedem Wohnort gleich viel Steuern bezahlen, geht es bei den Eidgenossen weniger um entgangen Zuschüsse aus Bern als um das Recht seine Steuern dort zu bezahlen, wo man die Hauptwohnung hat und sich jedes Wochenende aufhält.
    Die Daten über die Wochenaufenthalter wurden in der Vergangenheit via Fragebogen erfasst. Eine Praxis, die auf berechtigte Kritik der Datenschützer trifft:

    Verschiedene Gemeinden unterbreiten Personen, die sich nur als Wochenaufenthalter anmelden, Fragebogen zu ihrem Aufenthaltsstatus. Diese Formulare enthalten teilweise Fragen, die weit über das hinausführen, was zur Abklärung der Steuerpflicht notwendig ist, wie z.B. Fragen nach den Gründen des Aufenthalts, der Art des Domizils (Wohnung oder Zimmer, möbliert oder unmöbliert), der Art des Zusammenlebens mit einer anderen Person (Konkubinat) und deren Personalien, dem Wohnort und den Personalien der Familienangehörigen, dem Ort des Wochenendaufenthalts, einer Vereinsmitgliedschaft, der Stellung im Beruf und dem Arbeitgeber.
    (Quelle: datenschutz.ch)

    Was die Vereinsmitgliedschaft und die Art des Zusammenlebens mit einer anderen Person mit der Steuerpflicht zu tun hat, fragten sich auch die Schweizer Datenschützer:

    Aus datenschutzrechtlicher Sicht sind in einer allgemeinen, d.h. alle Wochenaufenthalter betreffenden Erhebung nur Fragen zulässig, die mit der grundsätzlichen Beurteilung zusammenhängen, ob ein Wochenaufenthalter als Steuerpflichtiger in Frage kommt oder nicht. Das datenschutzrechtliche Problem liegt hier darin, dass es um eine Erhebung mittels Fragebogen geht, wobei von jeder Person alle Fragen beantwortet werden müssen. Dabei werden auch in einfachen Fällen klaren Wochenaufenthalts viele sehr persönliche Daten erhoben, die in dieser Menge nicht erforderlich sind; es findet gleichsam ein übermässiges Datensammeln auf Vorrat statt. Man könnte sogar durchaus von der Erstellung eines Persönlichkeitsprofils sprechen (§ 2 lit. e DSG), deren Zulässigkeit sich aus einer klaren gesetzlichen Grundlage ergeben müsste (§ 5 DSG).
    (Quelle: datenschutz.ch)

  • Zwischendurch heimfahren aus steuerrechtlichen Gründen verboten
  • Kompliziert wird es, wenn ein Wochenaufenthalter doch mal auf die verbotene Idee kommt, schon unter der Woche seine Lieben daheim zu besuchen. Rein steuerrechtlich darf er das nicht. So schrieb uns eine Leserin aus Solothurn zu diesem Thema:

    Inzwischen haben wir 2 Kinder, ein Haus, ein Zwangsferienstudio in Zweisimmen (mein Mann arbeitet dort und pendelt 2 mal die Woche zwischen Zweisimmen und Solothurn, 115 km). Er ist ein sogenannter „halber Wochenaufenthalter“, was für ein Wort! (…)
    Steuerlich gesehen muss man die ganze Woche dort bleiben, darf nicht mit dem Auto zwischendurch nach Hause fahren UND man muss sein „Domizil“ (auch so ein CH-erdeutsches Wort) mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Auto gilt nicht (lt. Wegleitung) Sowie ich es aus der Steuererklärung verstanden habe…
    (…)
    Und Pendeln ist zum Glück steuerlich erlaubt, da die Zeitersparnis über 1 Std. beträgt…. deshalb ist mein Mann eben kein Wochenaufenthalter, denn er unterbricht jeden Mittwoch seinen „Wochenaufenthalt“ ….
    (Quelle: Private E-Mail=

  • Leite mich auf dem Weg
  • Mit „Wegleitung“ meint die Leserin übrigens nicht jemanden, der sie aus dem Weg leitet oder sie „weg“ leitet. So nennen die Schweizer schlichtweg die Anleitung zum Ausfüllen des Steuerformulars. Man wird also hierzulande nicht „angeleitet“, sondern „weggeleitet“.
    Wegleitung zur Steuererklärung
    (Quelle Foto: Wegleitung zur Steuererklärung)

  • Und wie funktioniert das nun mit dem Wochenaufenthalt?
  • Ehrlich gesagt haben wir das auch noch nicht so richtig verstanden. Vermutlich muss dieser Deutsche entweder in Zweisimmen seine Steuern bezahlen, extrem niedrig und günstiger als in Solothurn, darf aber dafür unter der Woche nicht nach Solothurn zu seiner Familie fahren. Oder die Sache funktioniert anders herum, und er soll in Zweisimmen versteuern, will das aber nicht, weil Solothurn günstiger ist. Dann muss er nachweisen, dass er von Solothurn fünf Mal die Woche die 115 Km hin und zurück pendelt, mit der SBB selbstverständlich.

  • Und der Fragebogen?
  • Ob der gute Mann dieser Leserin den Fragebogen zum Wochenaufenthalter auch richtig und ehrlich ausgefüllt hat? Ob es Schweizer Steuerfahnder gibt, die am Mittwoch aufpassen, dass er nicht doch heimlich von Zweisimmen nach Solothurn fährt?
    Wir wissen es nicht, begreifen aber langsam, dass die Sache mit dem Schweizer „Steuerwettbewerb“ zwischen den Gemeinden ganz schön komplizierte Nebeneffekte produziert.