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Vom richtigen psychologischen Umgang mit gefühlter sprachlicher Unterlegenheit

  • Allein unter Schweizern
  • Kurz nach unserem Umzug in die Schweiz arbeitete ich bei einer Schweizer Firma in Zürich als einziger Deutscher. Alle Kollegen waren Schweizer und sprachen im Geschäftsalltag mit mir Schweizerdeutsch oder Französisch, wenn sie aus der Westschweiz stammten. Der Firmeninhaber war Deutscher und lebte bereits seit 20 Jahre im Land. Er sprach eine drollige Mischung aus Honoratiorenschwäbisch und Züridütsch. Er hatte beide Sprachen zu etwas einmalig Neuem verschmolzen, das er bei offiziellen Firmenanlässen gern laut und flüssig vortrug.

  • Mit dir rede ich nur Hochdeutsch
  • Doch es gab da einen Techniker, der weigerte sich standhaft, mit mir auch nur einen Satz auf Schweizerdeutsch zu wechseln. Mit allen Kollegen sprach er Züridütsch, aber mit mir ausschliesslich Hochdeutsch. Er konnte es gut, war überhaupt sprachlich sehr begabt. Dank seiner marokkanischen Mutter konnte er auch perfekt Französisch und IT-Englisch sowieso.

    Wie es der Alltag so ergibt, hatten wir die ein oder andere fachliche Diskussion miteinander, manchmal auch etwas heftiger. Und bei einer solchen Gelegenheit erlebte ich es zum ersten Mal, dass sich ein Schweizer Gesprächspartner offen darüber äusserte, wie sehr ihn seine von ihm selbst so empfundene „sprachliche Unterlegenheit“ ankotzte. Es erzeugte bei ihm Aggression, Wut darüber, sich nicht schnell und schlagfertig im Disput wehren zu können. Er brach daher oft die Diskussion ab.

    Mein Angebot (fast hätte ich jetzt „Offerte“ geschrieben), doch einfach weiter Schweizerdeutsch zu sprechen, oder gemeinsam auf Englisch zu wechseln, in dem wir gleichstark sprachlich „behindert“ wären, schlug er aus. Er wolle erst wieder diskutieren, wenn er mich fachlich „an die Wand“ spielen könne. Dazu kam es nie. Hingegen stand ich fortan unter Beobachtung, ob mir mal ein Fehler unterläuft etc. Wurde richtig unangenehm mit der Zeit.

  • Wenn sich da eine Wut aufstaut
  • In den nächsten Jahren habe ich diese Situation mehrfach erlebt: In einer heissen Diskussion auf Standarddeutsch merke ich plötzlich, wie sich bei meinem Gegenüber eine unterdrückte Wut aufbaut, und mitunter auch zum Ausdruck kommt. Immer mit dem Hintergrund, dass der andere sich nicht fachlich unterlegen fühlt, aber sein Wissen nicht adäquat rüberbringen kann, um zu überzeugen. Mir geht es ähnlich, wenn ich meinerseits auf Englisch argumentieren muss und merke, dass mich ein Amerikaner rhetorisch locker an die Wand spielt, auch wenn er die schlechteren Argumente besitzt.

  • Wie geht man mit Schweizern um, die einen „Minderwertigkeitskomplex“ entwickeln?
  • Diese Situation lässt einen als Deutschen in der Schweiz irgendwie hilflos. Alle Angebote, die Diskussion in Mundart weiterzuführen, werden ausgeschlagen, weil sich diese Variante für fachsprachlich geführte Dialoge als nicht so effizient erwiesen hat. Gleichzeitig möchte man aber nicht immer der Buhmann sein, der anderen seine Sprachvariante als Norm aufzwingt. Ein Deutscher Schüler, der ins Emmental gezogen war, löste das Problem so: „Ich hielt fortan lieber den Mund“.

    Man kann sich noch so bemühen, langsam zu sprechen, ruhig und sachlich beim Diskussionsthema zu bleiben. Früher oder später ist der Frust darüber zu spüren, nicht „geschliffen“ oder „gestochen“ sprechen zu können, obwohl mündliches Ausdrucksvermögen nicht etwas ist, das Deutschen einfach so in die Wiege gelegt wird, sondern selbstverständlich auch etwas mit der genossenen Schulausbildung zu tun hat.

    Als im März 2004 Deutschland die Grenzen zur Schweiz plötzlich verschloss und die Grenzer ohne ersichtlichen Grund auf „Dienst nach Vorschrift“ umstiegen, wurde über dieses Ereignis in der Sendung „ARENA“ diskutiert. Eingeladen war der ehemalige SPD-Bundesgeschäftsführer und damalige Gastprofessor an der Uni SG,
    Peter Glotz
    Peter Glotz, (gestorben 2005 in Zürich).

    Die Teilnehmer diskutierten auf Schweizerdeutsch, ob das damals extrem angespannte Verhältnis zu Deutschland die Ursache für diese „Schikane an der Grenze“ sei. Die Diskussion war lebhaft und laut. So lange, bis Peter Glotz dann auf Hochdeutsch das Wort ergriff. Danach war in dieser sonst sehr lebendigen Runde erst mal zwei Minuten Funkstille. Ob es an den guten Argumenten von Peter Glotz lag oder an der ausgefeilten Rhetorik, niemand traute sich recht danach weiterzusprechen. (Ein eindrückliches Video dieser Sendung kann hier angeschaut werden, doch z. Z. ist beim SF leider der Video-Server down).

    Wie soll man sich als Deutscher verhalten, um solche Reaktionen zu vermeiden bzw. bei den Schweizern keinen sprachlichen „Minderwertigkeitskomplex“ auszulösen? Ja ich weiss: Maul halten oder besser noch abreisen.

    

    40 Responses to “Vom richtigen psychologischen Umgang mit gefühlter sprachlicher Unterlegenheit”

    1. DaniDo Says:

      Erstens ist festzustellen, dass Schweizerdeutsch sehr wohl für hoch fachliche Diskussionen zu brauchen ist. Man kann wirklich praktisch alles in Schweizerdeutsch diskutieren, von Politologie über Computerprobleme, Germanistik, Philosophie bis zu Rechtsfragen und Kunst. Das ist einer der grossen Unterschiede zum „deutschen“ Umgang mit Dialekten.

      Daher ist wohl die Weigerung, auf Schweizerdeutsch zu diskutieren eher mit der Erfahrung verbunden, dann von Deutschen nicht ganz ernst genommen zu werden, (ich geb es zu, unfundierte These), zumindest aber nicht verstanden zu werden.

      Das Gefühl der ungenügenden Rhetorik gegenüber Deutschen kenne ich aber…das ist grausam!

    2. Lieschen Müller Says:

      Ich sehe nicht ein, dass man in dieser Situation überhaupt etwas an seinem Verhalten ändern sollte, denn wie man es auch dreht und wendet, ob du dich anpasst oder nicht, ob du „das Maul hälst“ oder nicht, du bist immer der Verlierer, wenn du dich durch solche Gedanken in deinem Verhalten leiten lässt.

      Was du auch machst, du bist und bleibst der Deutsche, du sprichst bis an dein Ende immer ein wenig anders, und selbst bei perfekter Anpassung und noch nach 30 Jahren wirst du Situationen erleben, in denen man gerne nach dem Strohhalm „der ist ja anders als wir“ greifen wird. Natürlich immer nur von bestimmten Leuten.

      Ich würde mich lieber natürlich geben, an meinen bilateralen Beziehungen zu denen feilen, die mir nicht mit offener Feindschaft begegenen, ausschliesslich auf der Sachebene streiten, auch mal „alle Fünfe gerade sein lassen“ obwohl du Recht hast, und mich jeglicher Auseinandersetzung auf der Metaebene demonstrativ entziehen. Warum nicht auch mal einfach die Diskussion mit den Worten abbrechen, dass dich das Thema der Sprach- und Kulturunterschiede im Moment nicht interessiert?

    3. Tellerrand Says:

      Ich habe die Arena-Sendung mit Peter Glotz noch in guter Erinnerung, besonders deshalb, weil hier ganz offen zu Tage trat, was Jens Wiese meint und was ich selber auch schon häufiger erlebt habe. Mehr als ein Diskutand wiess auf die Eloquenz des Herrn Glotz hin und wollte damit wohl sagen, dass man sich dieser gefühlten sprachlichen Überlegenheit nicht gewachsen sah.

      Nun war Peter Glotz in Sachen Rhetorik wohl so etwas wie deutscher Meister und es gab sicher auch in Deutschland einige politischen Gegner, die nicht unbedingt öffentlich ausgetrage Diskussionen mit ihm gesucht haben. Es bleibt aber dabei, dass ich aus dieser Situation nur einen Schluss ableiten würde: lerne die Fähigkeiten des Gegners und mach Dich ihm ebenbürtig. Und wenn das nicht zur Debatte steht: einfach nicht auf Hochdeutsch wechseln und mit den eigenen Worten klar sagen, was man meint. Wenn die Argumente schlecht sind, werden sie auch durch geschliffene Sprache nicht besser.

      Spannend ist noch folgender Vergleich: Man hört zum Beispiel auch jedem österreichischen Politiker seine Herkunft an, doch würde es eine ähnliche Situation in einer ähnlichen Diskussion zwischen deutschen und österreichischen Poltikern wohl nie geben. Sind die Österreicher weniger stolz auf ihre Land und ihre Sprache. Nein, wohl eher nicht.

    4. neuromat Says:

      @ DaniDo

      … man kann ueber alles reden – auch in Zeichensprache … aus meiner Sicht sitzt das Problem hier viel tiefer und das müssen die Schweizer alleine für sich lösen.

    5. Fiona Says:

      Eine gemeinsame Sprache zu suchen ist nichts aussergewöhnlich. Ich spiele gern Bridge und haben in der Deutschschweiz gegen eingelandene Romands gespielt. Wir haben ein Buffet-Lunch arrangiert und langsam haben die Romands und die Deutschweizer sich voneinander getrennt und sich in zwei Gruppen neu formiert. Warum so? Es ist zu anstrengend sich in einer „Fremdsprache“ ausdrücken zu müssen…

      Es gibt auch eine andere Variante – in Athen z.B. wo viele Leute englisch können. Dort bei Partys wird häufig nach Geschlecht getrennt – die Frauen bleiben unter sich chatten und die Männer auch.

    6. Phipu Says:

      Hier ist noch einmal Gelegenheit, DaniDo zuzustimmen. Ich teile Jens Meinung immer noch nicht, dass für hochstehende Diskussionen Hochdeutsch angebrachter sei. Aber das schreib ich ja auch schon: http://www.blogwiese.ch/archives/716#comment-181435 , http://www.blogwiese.ch/archives/670#comment-153437 und das geht auch in Richtung der Überlegung, welchen Stellenwert der Dialekt hat http://www.blogwiese.ch/archives/95 , und auf welche Sprache man über Kant diskutieren müsse http://www.blogwiese.ch/archives/386 .

      Meine Vermutung, weshalb der entsprechende Kollege mit hochdeutsch sprechenden konsequent auch hochdeutsch spricht, geht eher in der Richtung, dass sprachbegabte (und zusätzlich eher anpassungsfähige) Menschen sich enorm anstrengen müssten, nicht in der gleichen Sprache zu antworten, die man hört, vor allem wenn man sie ja kann, wenn auch nicht bis zum Schlagfertigkeitsstadium. Diese Diskrepanz schaffen höchstens Bieler. Eine Person spricht Berndeutsch, der Gesprächspartner französisch, siehe hier: http://www.blogwiese.ch/archives/666#comment-148550

      Da es in den zitierten Situationen eben gerade um Streitgespräche geht (ich warte noch darauf, mir bald das Video anschauen zu können), bin ich überzeugt, dass die schweizerische Reaktion des Schweigens trotz „Fuscht im Sack“ (Faust in der Tasche) auch etwas mit dem Unwohlsein in Konfliktsituationen oder gar Unvermögen, Konflikte offen auszutragen, zu tun hat. Vergleiche dazu „harmoniesüchtige Schweiz“ http://www.blogwiese.ch/archives/41 , „seien Sie nicht so direkt mit den Schweizern“ http://www.blogwiese.ch/archives/169 , „deutsche Motzkultur versus Schweizer Harmoniebedürfnis“ http://www.blogwiese.ch/archives/286 . Ausserdem stimme ich Lieschen zu, dass man oft auch unabhängig von der angewandten Sprache ohne Ehrverlust weiterleben kann, wenn man „die Fünf mal gerade sein lässt“. Siehe dazu unten einen weiteren Spruch.

      Auch diese Aussage ist natürlich nicht gemünzt auf „immer“ und „alle“ und „die Deutschen/Schweizer“ zu verstehen, kann aber helfen, die obige Situation zu entschlüsseln.

      Die einheimische Politik kämpft heute auch mit harteren Bandagen as noch or wenigen Jahren. Es kann sein, dass sich diese Tendenz in der Politik „süferli“ (langsam, vorsichtig) auch auf die gesamte Bevölkerung überträgt, und angestaute Wut sich bei unseren Nachfolgegenerationen eher mit explosionsartigen Ausbrüchen entladen wird – und im von Jens angeführten Sinne eher allfällig nicht verstandener Argumentation auf Schweizerdeutsch statt hochdeutschem Stammeln oder Schweigen der Vorzug gegeben wird.

      Möglicherweise muss man abwarten, bis die Generationen, die in einer zunehmend „egoisierten Ellbögli“-Gesellschaft (Hoffnung für Jens, Arroganz könnte so sogar zum Lob werden) heranwachsen, und denen nicht mehr „De Gschiiter git nah und de Esel blibt stah“ (Der Gescheitere gibt nach, der Esel bleibt stehen“; reimt sich eben nur im Dialekt, deshalb kennen das Deutsche sicher nicht) in die erzieherische Wiege gelegt wurde.
      Um nun auch diesen Spruch auf die oben zitierten Beispiele umzumünzen, bedeutet das, dass man sich auch nach unilateralem Diskussionsabbruch überlegen fühlen kann. Da der Schweigende der Gescheitere ist, der nicht mehr weiter streitet auch wenn der andere auf seine Position stehen bleibt. (Für diese Überlegung kann man auch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ verwenden.)

    7. Simone Says:

      „Nicht was du bist,
      ist das dich ehrt.
      Wie du es bist,
      bestimmt deinen Wert.“

      Ich weiss nicht, wie oft ich diesen Spruch in Poesiealben geschrieben habe, das war ja früher so der Renner unter den Schülerinnen. Sorry, ich weiss nicht, von wem der Spruch ist. Auch, wenn er anders gemeint ist, versuche ich mich davon zu lösen, in eine bestimmte Schublade eingeordnet zu werden. Ich spreche weiterhin Hochdeutsch und bitte die Schweizer, Schweizerdeutsch weiterzusprechen. Entweder sie tun es und freuen sich, oder sie tun es nicht, weil sie Variante B bevorzugen. So können sie selbst entscheiden, was sie mögen.
      Verstellen werde ich mich sicher nicht, nur, damit offene, verdeckte oder in einigen Fällen auch gar nicht vorhandene Minderwertigkeitskomplexe in irgendeiner Form ausgelebt werden können.
      Wer anderen ständig etwas neidet, sollte an sich arbeiten, um etwas mehr von dem zu bekommen, was er sich so sehnlich wünscht.

    8. neuromat Says:

      @ Phipu und @ Danido

      wie gesagt – das Problem liegt oder die Probleme liegen ganz woanders.

      Gerade habe ich entdeckt, wo es sich wieder einmal versteckt hat:
      Quote DaniDo: „Das ist einer der grossen Unterschiede zum “deutschen” Umgang mit Dialekten.“

      nur dazu: wat de schwyzer mors … (manchmal gut, wenn man nicht verstanden wird) es geht auch in anderen deutschen Dialekten, oder in anderen Sprachen wie Friesisch … Landtagsdebatten fanden schon in Friesisch statt.

      selten hat es eine Sprachgemeinschaft nötig immer wieder so auf ihre Einzigartigkeit und Besonderheit hinweisen zu müssen. Das scheint mir doch eines von Euren vielen rhetorischen Problemen zu sein. Das andere ist der Isolationismus. Menschen ziehen von Düssledorf nach Nordfriesland und von Schleswig nach Bayern, von Köln nach Berlin – da einigt man sich wahrscheinlich auf eine Sprache, um miteinander reden zu können – wenn man denn miteinander reden will. Und siehe letzter Satz von Simone.

      Und jetzt DaniDo wie wäre es denn mit dem Beweis, dass dies in anderen deutschen Dialekten nicht möglich ist. Wir warten …. wir warten ja auch noch auf zweitens

    9. spielmaus Says:

      Ich denke, dass ein Gefühl der Unterlegenheit jedem widerfährt, der gewohnt ist in seiner Umgebung Dialekt zu sprechen. Das ist kein schweizerisches Phänomen. Wenn jemand aus dem großen Vaterland mich gekonnt bequatscht, muss ich mich auch zusätzlich noch anstrengen um „richtig“ zu sprechen. Wer mag das schon, sich zusätzlich noch anzustrengen, wenn die Diskussion schon alle Aufmerksamkeit erfordert.

    10. Docu Says:

      Ha, auch typisch, man „werweisst“, die Schweizer haben einen Minderwertigkeitskomplex. als gäbe es nicht auch Deutsche, die des geschliffenen Ausdrucks nicht mächtig sind, so behäbige,die bei uns aber manchmal als Denker durchgehen. Irgendwo habe ich jüngst gelesen, stockende Sprache wecke eher das Interesse des Zuhörers als flüssige Reden.
      Sprache ist Heimat. Manche Menschen sind in mehreren Sprachen zu Hause, das erweckt manchmal Neid. Vielleicht haben es deshalb Ausländerkinder schwerer, egal ob in Deutschland oder anderswo.

    11. neuromat Says:

      @ Docu

      mit „ihrem“ Minderwertigkeitskomplex kokettieren ja die SchweizerInnen selbst. Aus meiner Sicht völlig unnötig. Was ist denn das ueberhaupt für eine Art des Umgangs mit sich und mit anderen ständig auf das eigene Unvermögen in bestimmten Belangen hinzuweisen und im gleichen Atemzug die eigenen hervorragenden Fähigkeiten zu erwähnen – uebrigens eine Nähe zu den Sueddeutschen (wir können alles – nur kein Hochdeutsch).

      Auch hier wird nachgefragt, wer sind denn die „Behäbigen, die bei uns manchmal als Denker durchgehen“. Schnelles Sprechen hat nichts mit besonders qualifiziertem Denken zu tun, langsames Sprechen jedoch auch nicht.

      Der zweite Teil ist ungeheuer interessant – also ist man dann entgegen der von Ihnen eingangs gemachten Behauptung betreffend den Minderwertigkeitskomplex in der Schweiz doch neidisch auf Kinder von Deutschen, die hier aufgewachsen, Dialekt, Hochdeutsch und möglicherweise auch noch weitere Fremdsprachen durch den Besuch internationaler Schulen sprechen …

    12. Simone Says:

      @Docu:
      Was ist „werweisst“? Mutmassen?
      Keine Sorge, in Deutschland gibt es die Diskussion Dialekte versus Hochdeutsch ebenfalls. Zu den Dialekten treten Soziolekte und Vorurteile verbreiten sich schnell. Letztlich möchte niemand auf Grund seiner Sprache verurteilt werden. Und eben auch nicht wegen seiner hochdeutschen.

      [Anmerkung Admin: Zum Thema „Werweissen“ siehe hier.]

    13. Phipu Says:

      An Neuromat

      Ich weiss, es geht am Thema der Sprachkomplexe vorbei, aber ich muss aufgrund deines Artikels einfach wieder reagieren. Du hast eben genau mit deinem Satz einen Unterschied aufgezeigt. Zitat: „Menschen ziehen von Düsseldorf nach Nordfriesland und von Schleswig nach Bayern, von Köln nach Berlin – da einigt man sich wahrscheinlich auf eine Sprache, um miteinander reden zu können – wenn man denn miteinander reden will.“ – Genau das ist in der Schweiz eben nicht nötig. Für dich wiederhole ich dieses verfälschte Zitat gern nochmal: Bei uns ist eben alles „e chli chliner“ Die binnenhelvetische Variante deines Satzes, immer unter Auslassung der nicht-deutschen Landessprachen wäre: „Menschen ziehen von Interlaken ins St.-Galler Rheintal und von Uri ins Baselbiet, von Chur nach Bern – da kann jeder weiterhin seinen angeborenen Dialekt sprechen (der zwar mit den Jahren normalerweise etwas verwaschen wird) – auch wenn man vertiefter miteinander reden will.“

      Bei diesem Satz geht es wohlgemerkt nicht um lesen und schreiben sowie Hochdeutsch erfordernde Situationen (Schulsprache, Sprechen mit Touristen, etc). Aber die Tatsache, dass innerhalb der Schweizer Dialekte keine Hochsprache nötig ist, scheint mir anhand einiger Kommentare immer wieder aufs Neue unbekannt zu sein, deshalb erwecke ich wohl den Eindruck, dass ich „immer wieder“ auf diese „Besonderheit hinweisen“ muss. Soviel also zum „dass es so ist“.

      Nun zum „wie gut das ist“, da bist du nicht der Einzige, der in Frage stellt, wie praktisch, sprachkompetenzfördernd, bzw. hinderlich es in der heutigen globalisierten Zeit ist, wo auch Landesgrenzen keine Hindernisse mehr darstellen, dass man zum Sprechen nie auf eine internationale Sprache wie Hochdeutsch ausweichen muss. Diese Diskussionen sind ja erfahrenen Blowieselern weitgehend bekannt und haben gerde heute wiederein neues Kapitel angetö.. angeschnitten.

      Dein folgendes Beispiel: „…Es geht auch in anderen deutschen Dialekten, oder in anderen Sprachen wie Friesisch … Landtagsdebatten fanden schon in Friesisch statt“ zeigt mir auf, dass der Dialekt auch in Deutschland einen vielleicht doch nicht so als minderwertig betrachteten Stellenwert haben kann als die Angaben der in meinen Links wiederum verlinkten Links glauben machen. Z.B. http://heidiswelt.blogspot.com/2005/11/dialekt-ist-unsittlich-aber-nur-fr.html
      http://www.sueddeutsche.de/,tt5m2/kultur/artikel/407/64343/
      http://www.faz.net/s/Rub501F42F1AA064C4CB17DF1C38AC00196/Doc~E36C1C8D3C5DF47B5AE3D024D8891C156~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    14. Solanna Says:

      Vorgestern war ich an einer Sitzung. Nicht ganz 20 Personen, davon ein Neuer, ein Deutscher. Er sprach leise und meistens gegen das Präsidium hin und somit von mir abgewandt, aber ich hatte ziemlich Mühe, ihn zu verstehen. Und bei welchem Gedanken ertappte ich mich: „Für einen Deutschen spricht er schlecht deutsche Standardsprache.“ Dass auch wir Schweizer in ganz unterschiedlichen Dialekten sprachen, schien mir selbstverständlich. Aber als Deutscher, so meine Bauchmeinung, hätte er eigentlich allgemein verständliche Standardsprache zu sprechen.

      Möglicherweise war ich ihm tatsächlich sprachlich unterlegen??? Jedenfalls fühlte ich mich keinesfalls so, sondern fand, er, der Deutsche, spreche suboptimal.

    15. Marroni Says:

      @ Phipu @ DaniDo Absolut richtig! Auch ich kann NICHT simultan übersetzen. Mir passiert das auch immer wieder, sogar dann, wenn ich mit meiner eigenen Frau spreche. Wenns beim Ohr “ Züritüütsch“ reinkommt, gehts so beim Mund raus, wenn Deutsch-Ohr, dann Deutsch-Mund. Ich kann mir noch so Mühe geben, wenn ich Schweizerdeutsch spreche und beim Ohr Hochdeutsch reinkommt, schalte ich um, OHNE DASS ICH DAS SELBER MERKE!

    16. Neuromat Says:

      @ Phipu

      „bei uns ist das nicht nötig“ … Sorry, aber träume weiter

    17. Simone Says:

      @Neuromat:
      Wir haben uns gerade überschnitten. Ich finde es ebenfalls total sinnlos, ständig mit einem vermeintlichen Mangel zu kokettieren. Das macht den Gegenüber kampfunfähig, ständig hat er das Gefühl, trösten zu müssen. Solche Diskussionen enden meist ohne Ergebnis. Entweder sollte man zu seinem „Mangel“, sofern es denn tatsächlich einer ist, stehen, oder etwas daran ändern. Sprechunterricht ist ebenso erhältlich wie Klavierunterricht. Ich hatte beides, Klavier kann ich allerdings nicht mehr spielen.

    18. Schnägge Says:

      „De Gschiiter git nah und de Esel blibt stah“
      @Phipu: Doch, das kennt man in D auch, da heißt es: Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. 😉

      Ich kann doch nichts dafür, wenn Schweizer oder Süddeutsche meine muttersprachliche norddeutsche Umgangssprache mit Hochdeutsch verwechseln. Was soll ich denn machen?

      @Marroni: Das ist ja auch völlig ok. Zum Problem wird es nur, wenn es ungerechtfertigterweise Wut und Aggressionen hervorruft.

    19. vorgestern Says:

      @Phipu
      Was ich nach ein paar Jahren Welschland problemlos schaffte, gelingt mir in der Deutschschweiz offensichtlich nicht: Einen etwas komplizierteren Sachverhalt im Dialekt auszudrücken. Beim Arzt bekomme ich dann zum Beispiel eine Antwort, die etwa so lautet: „Tüendsi Gnaagi assä, gueti Frau…“ Wenn ich jedoch auf Standarddeutsch spreche, ist es als ginge ein Ruck durch den Arzt und er schildert mir in bestem Hochdeutsch die Ergebnisse einer neuen amerikanischen Studie. Er nimmt mich für voll, endlich.

    20. Neuromat Says:

      @ phipu

      nochmals sorry, aber den ganzen Text habe ich mir weggelöscht.

      Also wir waren beim weiter träumen… im Grunde vertrete ich ja auch eine „pro helvetische“ Position: Sicher ist es möglich im Dialekt auch über Wittgensteins Sprachphilosophie zu sprechen. Sicher wäre ein derartiger Diskurs im Dialekt unter Philosophieprofessoren und Sprachwissenschaftlern fundierter als der einer 11ten Klasse eines Gymnasiums in Bochum mit Grundkurs Philosophie.

      Sicher gilt auch die „e chli chliner“ Situation, die dazu führt, dass sich diese oben beschriebene Situation hat länger bewahren lassen.

      Ich denke aber, dass der „small effect“ sich aufbraucht. Und auch hier im Grunde wieder pro helvetisch: Es braucht diesen „Minderwertigkeitskomplex“ nicht, es braucht einen gewissen „Neid“ nicht. Es ist unnötig und auch nicht produktiv immer in einem „small BUT …“ zu denken.

      Mittlerweile ist es gesetzlich verankert zumindest in meinem Wohnkanton, dass ab dem Kindergarten Standarddeutsch gesprochen wird (natürlich war ich froh, dass dies zunächst einfach nicht umgesetzt wurde, umso besser lernten meine Kinder noch Dialekt. Hochdeutsch können die aus irgendeinem Grund ganz gut). Aus meiner Sicht ist dies unter Bewahrung des Dialekts richtig in der Ausrichtung auf „eine kleiner werdende Welt“. Entfernungen können wir heute in rassigem Tempo überbrücken, unterschiedliche Nationalitäten werden in vielen Firmen zur Regel…

      um es abzukürzen: Das Problem, wie ich es empfinde ist, das der Dialekt immer wieder als bewusst eingesetzter Gegenpol verwendet wird zur nun gegebenen Standardsprache, dass die deutsche Schriftsprache ein „Uebel“ ist, dass man eben am liebsten nicht deutsch sprechen möchte, weil es nicht möglich ist, gewisse Ressentiments von der Sprache fern zu halten. Das führt zu der selbst auferlegten geringeren Sprachkompetenz betreffend des Standarddeutschen, die und das jetzt noch einmal laut: NICHT EXISTIERT. Diese ist selbst gewählt, manchmal kokett verpackt, manchmal einfach mit einem „des ische so“, Fremdsprache für mich und so weiter erklärt.

      Vielleicht wäre es besser Italienisch … nur um eine Standardsprache, die auch gesprochen wird, werden die Deutschschweizer nicht herum kommen, es sei denn man isoliert sich weiter.

      Die deutsche Sprache zu sprechen, heisst nicht automatisch „Deutscher zu sein“. Ich zum Beispiel bin in erster Linie AUSgewandert, natürlich wandert man da auch irgendwo ein. Es hätte auch Schweden sein können und für einen Wimperschlag bestand in Honolulu eine verlockende Option (für Honolulu bekam ich aber dann von der Familie die rote Karte).

      Ich kann diese deutsche Sprache jedoch einfach benutzen, ohne nationale Identitätsempfindungen. Eine Zeitlang hatten wir einmal eine kleine Runde aus einem Österreicher, Schweizer (Halb-Secondo) und dem Deutschen, da empfinde ich keinerlei sprachliche Überlegenheitsgefühle. Daher besteht auch für niemanden die Notwendigkeit eine sprachliche Unterlegenheit zu empfinden.

      Sorry auch Simone jetzt überschneiden wir uns schon wieder, aber das muss ich mal los werden.

    21. Sam Says:

      @Neuromat & Simone

      Hier, d. h. innerhalb der Grenzen der Schweiz, i. e. S. meine ich die Deutschschweiz, wird Umgangssprache gesprochen, die heisst Schweizerdeutsch und wie Ihr auch schon gemerkt habt, spricht sogar ein Basler mit einem Walliser (Oberwalliser) seinen Dialekt und wechselt nicht auf Hochdeutsch…

      Und ob in Friesland bei Landtagsdebatten im Dialekt gesprochen wird ist für uns Schweizer irrelevant, da, wie gesasgt, bei uns ÜBERALL UND UNTEREINANDER Dialekt gesprochen wird.

      Soll heissen, wenn uns jemand nicht versteht, dann soll er’s lernen und nicht umgekehrt! Denn unsere Umgangssprache wird von uns Einheimischen auch als Muttersprache verstanden und so ist halt das Hochdeutsche für uns eine fremde Zunge, in die wir uns REINDENKEN müssen und uns aus diesem Grunde holpriger (für unsere und für die deutschen Ohren) artikulieren, als wir eigentlich könnten.

    22. Phipu Says:

      An Neuromat

      Ich hoffe, du hast mich schon richtig verstanden. Ich sage damit nur, dass sich die Schweizer Dialekte untereinander verstehen. Dass man nicht ein Leben lang ohne Hochdeutsch auskommt, (Kontakt mit Fremden, Schule, Medien, etc. ) war nicht meine Aussage. Oder kennst du ein Beispiel, wo Deutschschweizer miteinander eine ganze Diskussion auf Hochdeutsch sprechen mussten, weil sie sich nicht verstanden? Mir kommt au meinem ganzen Leben keines in den Sinn.

    23. Neuromat Says:

      Quote Sam:

      „Hier, d.h. innerhalb der Grenzen der Schweiz, i.e.S. meine ich die Deutschschweiz“ – ich bin Dir so ungeheuer dankbar für diese geographische Vision. Sie wurde bereits literarisch verarbeitet.

      Das Beispiel des Friesischen bezog sich auf den Umstand, dass weiter oben behauptet wurde, zumindest kam das so rüber als wäre es das Spezifische des Schweizerdeutschen Dialektkonglomerats, dass auch philosophische Themen abgehandelt werden könnten. Es dient dazu zu illustrieren, dass dies auch in anderen nicht hoch- sondern niederdeutschen Dialekten oder auch in anderen „Kleinstsprachen“ wie Friesisch möglich ist.

      Dann aber kommt es noch besser ..“und uns aus diesem Grunde holpriger artikulieren, als wir eigentlich könnten“. Das ist doch Schwumm. (Schwumm ist Berner Dialekt und wurde letztens von keinem Schweizer entsprechend kommentiert.) Wenn Du Dich eigentlich weniger holprig artikulieren könntest – das bedeutet, Du kannst es also – dann stellt sich die Frage – warum tust Du es nicht.

      Du beantwortest das so, dass dies etwas mit Deinem Denken zu tun habe.

      Ich bin da völlig anderer Meinung. Ich glaube nicht, dass Schweizer nicht ausreichend gut oder schnell genug denken können. Die Holprigkeit kommt vermutlich eher aus einem Gefühl des Angespanntseins, einer Art Prüfungssituation oder Wettkampfempfinden. Wenn der strenge Pädagoge hinter dem Schüler steht und bei jeder nicht richtigen Vokabel Kopfnüsse verteilt, wird er so mit Sicherheit Stottern und Poltern erzeugen

      Was ich auch nicht glaube, ist dass die Grenzen der Schweiz sich im eigentlichen Sinne auf den Sprachraum der Hochdeutschen Dialektformen des Schweizerischen beziehen.

      Was das Erlernen der Sprachform betrifft, da stimme ich Dir zu, wenn jemand das Sprechen nicht versteht, dann soll er es lernen. Was dann das eigene Sprechen dieser Sprachform anbelangt, hätte ich gerne noch gewusst, ob wir dies auch sehr holprig tun dürfen – gewissermassen als Ausgleich für die oben erwähnte eigene Holprigkeit. Denn auch wir werden das Gefühl nicht los, dass wir es nie hinbekommen werden, schon aus dem Grund weil Dialekt Dialekt ist.

      Kommen wir damit zur Romandie, zum Tessin und zu seinem Dialekt: Chi déév far là esàm par diventà Svizzar, pò stüdià tranqillament sü ’sto libar cont i òli Sant in sacocia…ja so sprechen sie die Landsleute in der Sonnenstube der Schweiz mit den meisten Regentagen.

      @Phipu

      das „Untereinander Verstehen“ habe ich verstanden. Ich glaube nur, dass diese Zeiten bald der Vergangenheit angehören. Das Bewahren des Dialekts, der Helvetismen – bei mir alles offene Türen … aber ich bezog mich mehr auf eine grundlegend ablehnende Haltung gegenüber dem Standarddeutschen in Verbindung mit dem unnötigen Gefühl der Unterlegenheit. Angstgefühle sind hier nicht angebracht. Deutsche reden auch nur mit Worten. Überflüssig hier alles noch einmal aufzuschreiben, was ich zum Thema „Umgangssprache“ vor kurzem hier eingestellt habe. Aber es gehört in diesen Rahmen.

      @ solanna

      interessante Wahrnehmung. Aus meiner Sicht „bezeichnende“ Wortwahl „schlecht“ … „unterlegen“ … von diesen Kategorien müssen wir versuchen uns zu lösen.

    24. Neuromat Says:

      gerade noch einen interessanten Link gefunden:

      http://www.ilpaese.ch/default.asp?titolo=Deutse+Sprak%2C+swere+Sprak&sezione=Deutsche+Seite&articoloid=2119

    25. Simone Says:

      @Neuromat:
      Wir sind die Überschneider des Blogs!

      Generell frage ich mich, ob es sinnvoll ist, bei der Kommunikation ständig darüber nachzudenken, ob man sich über- oder unterlegen fühlt. Langjährige Freunde von mir sind Österreicher, da kommt so eine Diskussion gar nicht erst auf. Scheint also doch irgendwie eine Deutsch-Schweizerische Angelegenheit zu sein…

      In Nordfriesland gibt es jetzt übrigens in den Schulen wieder Arbeitsgemeinschaften in Friesisch…

    26. Frank Says:

      Ich bin da anderer Meinung. Schweizer SIND sprachlich unterlegen, und zwar im Dialekt wie im Hochdeutschen. Ich erlebe das hier an der Uni (die Leute sind also nicht IQ-beschränkt) immer wieder. Schweizer können sich aufgrund des beschränkten Wortschatzes des „Buuredütsch“ weder im Dialekt noch auf hochdeutsch präzise und gewandt ausdrücken. Feine semantische Unterschiede zwischen ähnlichen Wörtern sind unbekannt, so kann man sich dann auch noicht präzise ausdrücken. Verstanden werden solche Unterschiede auch nicht, was dann in Diskussionen immer wieder zu Mißverständnissen führt.

    27. Graggsel Says:

      Zitat Marroni: „OHNE DASS ICH DAS SELBER MERKE!“

      Diese Situation ist mir noch so bekannt. Obwohl mich meine Freundin immer wieder bittet, Dialekt mit ihr zu sprechen, damit sie die Chance hat, mal ihr Ohr daran zu gewöhnen, fall ich immer wieder ins Standarddeutsch zurück: Gewohnheiten sitzen tief.

    28. Maru Says:

      Ich bin Oberwalliserin und lebe seit 20 Jahren im Ausland, zuerst in Japan, jetzt in Brasilien. Sprache(n) bewegt mich…
      Ich haette da ja auch einiges an Erfahrungen einzubringen, moechte diesmal aber nur empfehlen, sich folgendes anzusehen:

      http://www.youtube.com/watch?v=BavYOk18U5A&feature=related

      Ist es nicht absolut faszinierend, zu hoeren, wie der waehrschafte Oberwalliser Bauer in der Auseinandersetzung mit dem Deutschschweizer (Zuercher?) Tierschuetzer ploetzlich auf ein improvisiertes Zueri (?)-Tuetsch umstellt?
      (Das Filmchen ist lang, sorry, es geht nur um den Teil, wo der Walliser sich gegenueber dem Deutschschweizer zu rechtfertigen versucht.)

    29. Brun(o)egg Says:

      Ich seh Euer Problem nicht, denn ihr scheint eines zu haben mit dem angeblichen, sprachlichen Minderwertigkeitskomplex der Schweizer.
      Ist ja eigentlich unseres, nicht wahr?

    30. tee Says:

      Und um es ganz kompliziert zu machen, wobei neuromat ja schon von Friesisch als Sprache schrieb:

      Friesisch, Dänisch, Sorbisch, Romanes und Niederdeutsch (Plattdeutsch) sind in Deutschland seit 1999 anerkannte Minderheitensprachen bzw. Niederdeutsch gilt als Regionalsprache. Dagegen sind zum Beipiel Schwäbisch, Hessisch, Sächsisch Dialekte.

      Niederdeutsch hat im Gegensatz zum Schwäbisch-Alemannischen die zweite germanische Lautverschiebung nicht mitgemacht (es liegt also in seiner Entwicklung hinter dem Schweizerdeutsch zurück ;-)) und gilt deshalb als Sprache, die jedoch wiederum verschiedene regionale Dialekte hat. Und als anerkannte Sprache ist es in den Regionen in denen es gesprochen (und auch geschrieben) wird parallel zum Hochdeutschen auch eine anerkannte Amtsprache. Gleiches gilt für das Friesische, welches wie das Englische zum Westgermanischen gehört. Wenn im Parlament friesisch gesprochen wird, versteht es also nur eine kleine Minderheit, der örtliche norddeutsche Dialekt wird von weit mehr verstanden.

      Reist der Friese nach Bayern outet er sich mit seinem norddeutschen Dialekt allenfalls als „Fischkopf“. Aber es stört sich niemand daran, dass er keinen örtlichen Dialekt spricht und auch nicht alles versteht, notfalls wechselt der Einheimische zum Hochdeutschen. Gefällt es dem Friesen in Bayern (sowas soll durchaus vorkommen) und siedelt dort an, wird er irgendwannn bayrisch verstehen und selber bayrische Ausdrücke in seinen Wortschatz aufnehmen.
      Der Umgang mit den verschiedenen Dialekten erscheint mir in Deutschland und Österreich wesentlich unkomplizierter zu sein. In der Schweiz werden von vielen Probleme gesehen wo keine sind. Sprache ist jedoch auch eine Art sich abzugrenzen und mein Eindruck ist die Friesen haben da etwas was einige Schweizer statt Deutsch gerne hätten – eine eigene Sprache…

    31. Peter Says:

      Hallo Jens,

      muss es nicht heissen: Diese Situation lässt einen als Deutschen(!) in der Schweiz irgendwie hilflos?

      Soviel zum Thema Überlegenheit ;-))

      P.S. Bin seit kurzem auch in die Schweiz gezügelt …

      [Anmerkung Admin: Danke für den Hinweis, ist schon korrigiert. Hier war übrigens nie von irgendeiner „Überlegenheit“ die Rede, sondern nur von „gefühlter sprachlicher Unterlegenheit“ der Schweizer. Das die Deutschen alles andere als vorbildlich Hochdeutsch sprechen, eher nuscheln und keinen Satz zu Ende bringen, war hier schon oft Thema. Ich erkenne Hochdeutsch sprechende Schweizer immer an der Hyperkorrektheit, jedes Wort und jede Endung bis zum Schluss auszusprechen. Darum regt mich auch der Ausdruck „geschliffenes“ oder „gestochenes Hochdeutsch“ so auf. Niemand spricht wirklich so, und selbst Schauspieler sprechen die künstliche „Bühnensprache“. ]

    32. Simone Says:

      @tee:
      Respekt vor diesem Beitrag!
      Ich kann zwar kein Friesisch sprechen, verstehe es aber recht gut. Ein Friese hat es kürzlich mir gegenüber als „Geheimsprache“ verwendet. Das hat mich ziemlich „gluschtet“.

    33. Guggeere Says:

      @ Frank

      „Schweizer können sich aufgrund des beschränkten Wortschatzes des ‘Buuredütsch’ weder im Dialekt noch auf hochdeutsch präzise und gewandt ausdrücken.“
      So ein Quatsch! Von wegen Puuretütsch*! Du würdest dich noch wundern, wie gross der Wortschatz ist und wie zahlreich „feine semantische Unterschiede“ in den hochalemannischen Mundarten sind, wenn du dich damit beschäftigen würdest. Vorurteile gegen angeblich bäurisches Deutsch (und das in einem hochindustrialisierten Land) wären dabei allerdings nicht hilfreich… Und sonst? Ich behaupte mal: Der Anteil jener, die in ihrer eigenen Muttersprache nur über einen beschränkten Wortschatz verfügen, ist wohl in allen vergleichbaren Ländern/Sprachen/Kulturen gleich hoch.
      (* Hat jetzt nichts mit dem Thema zu tun: Der Puur wird in fast allen Deutschschweizer Dialekten mit „P“ ausgesprochen. Weshalb man dennoch praktisch ausschliesslich Schreibweisen wie „Buur“ oder „Bur“ begegnet, ist mir schleierhaft. Buren gibts meines Wissens nur in Südafrika.)

    34. AnFra Says:

      @Guggere

      Du würdest Dich noch wundern, wie groß der Wortschatz ist und wie zahlreich „feine semantische Unterschiede“ in der hochdeutschen Standartsprache sind, wenn Du Dich damit beschäftigen würdest. Vorurteile gegen angeblich arrogantes Deutsch wären dabei allerdings nicht hilfreich….
      Du siehst, die Sprache und ihre Ausdrucksarten haben verschiedenartige inverse Möglichkeiten.
      Wg. dem „Puur / Buur“ bitte bei unseren Sprachheiligen Grimm nachlesen.
      Der Bur ist sprachhistorisch sicherlich der ältere Begriff. Buren (holländische Auswanderer sprachen und sprechen die mittl.-niederdeutsche Sprache, platdt. Bur).

      1.) Bauer

      2.) Bur

    35. Neuromat Says:

      @ Guggeere

      nein, das darf nach dem Blog mit dem „Schwumm“ von niemandem mehr behautet werden. Da haben sich alle geoutet – von wegen wundern, wie viele und bla bla bla… die Chance war da – sie wurde vertan und jetzt ist das ganze durch

    36. Guggeere Says:

      @ AnFra
      Eigentlich habe ich Bill Gates angewiesen, er solle seine Compis so bauen lassen, dass sie immer gleich abstürzen, wenn jemand das Wort „Arroganz“ eingibt. Aber auf mich hört man ja nicht.
      Ich unterstelle niemandem sprachliche Arroganz, und Vorurteile gegenüber dem Standarddeutschen habe ich keine. Ebenso wenig gehe ich davon aus, dass mir jemand so etwas unterstellen will. Aber falls sich jemand aufregt, wenn ich etwas Falsches als Quatsch bezeichne: Denn isch ä chlini Welt veruggt.
      Zum Puur: Es geht mir nur um die Aussprache. Du kannst in Helvetien sämtliche Drucksachen nach dem Wort durchforsten, du findest fast nur Buur/Bur, v. a. in Begriffen wie Püürli, Puurebrot, Puurezmorge usw. (Mach mal den Google-Test: Bürli/Pürli bzw. Burebrot/Purebrot.) Dialektwörter schreiben ist doch nur dann sinnvoll, wenn sie den Unterschied zur Standardsprache wiedergeben. – Die Rätoromanen habens besser gemacht. Sie haben das Wort vor langer Zeit von den Deutschschweizern übernommen und sagen/schreiben heute noch „pur“ oder „paur“.
      @ Neuromat
      Die Sache ist durch? Dann bin ich wohl wieder mal zu langsam. Dieses verflixte bernische Erbgut!

      [Anmerkung Admin: Es gab eine Zeit, da stürzte die Deutsche Version von Winword 2.0 verlässlich ab, wenn die Rechtschreibprüfung das Wort „Realitätsverlust“ überprüfen sollte. ]

    37. Simone Says:

      Neutomat schrieb: „Was das Erlernen der Sprachform betrifft, da stimme ich Dir zu, wenn jemand das Sprechen nicht versteht, dann soll er es lernen. Was dann das eigene Sprechen dieser Sprachform anbelangt, hätte ich gerne noch gewusst, ob wir dies auch sehr holprig tun dürfen – gewissermassen als Ausgleich für die oben erwähnte eigene Holprigkeit. Denn auch wir werden das Gefühl nicht los, dass wir es nie hinbekommen werden, schon aus dem Grund weil Dialekt Dialekt ist.“

      Ich stimmte Dir da voll und ganz zu. Würde ich beispielsweise nach Holland auswandern, würde ich selbstverständlich Niederländisch lernen. Und das so gut wie möglich. Durch das Erlernen einer Fremsprache verlernt man die Muttersprache nicht automatisch, es sei denn, man spricht sie jahrelang überhaupt nicht.
      Würde ich dagegen richtig Schweizerdeutsch lernen (von einigen Redewendungen mal abgesehen), hätte ich Bedenken, mir die deutsche Muttersprache zu ruinieren. Neben den dialektal geprägten Wörtern ist mir eine ganze Reihe an Redewendungen aufgefallen, in der Wörter aus der Standardsprache schlichtweg anders verwendet werden. Will ein Schweizer aus dem Grossraum Zürich fluchen, ruft er nicht „Scheiße!“, sondern eben „Scheibe!“. Da muss man erst einmal dahinterkommen. Zum Nachfragen benutzt man gerne „Ehrenwort?“ statt „ehrlich?“ oder „tatsächlich?“. „Ein Telefon machen“ statt „telefonieren“ rutscht mir mittlerweile häufig raus. Meine deutschen Gesprächspartner wundern sich dann häufig über diese Beschäftigung, die sie bei mir nicht kennen. „Seit wann stellst du denn Telefone her?“ Und für jemanden, der diese Bühnensprache tatsächlich gelernt hat, erscheint der aktive Gebrauch eines Dialekts, der nichts mit dem Heimatdialekt zu tun hat, ungewohnt.
      Trotzdem beschleicht mich das Gefühl, mich zu wiederholen…

    38. Neuromat Says:

      @ Guggeere

      Buuredütsch – Bauerndeutsch – bäurische Deutsch??

      http://www.unilu.ch/files/flyer-kultur_def.pdf

      für mich war das immer eine Bezeichnung von Dialekt in der Innerschweiz.
      Es gibt eben kein Schweizerdeutsch.

    39. Phipu Says:

      Ach, der mit dem „Buredütsch“ (Transkription nach meiner Solothurner Aussprache, obwohl es eigentlich vorwiegend in der Innerschweiz gebraucht wird) ist gar nicht etwa neu. Schaut hier, vor fast zwei Jahren auf der Blogwiese: http://www.blogwiese.ch/archives/95#comment-1077 und dann wurde es vor über einem halben Jahr nochmals verwendet, ohne dass jemand darauf reagierte: http://www.blogwiese.ch/archives/531#comment-33905 . Unterdessen sind wir aber bei ganz neuen Aspekten dieses Ausdrucks gelandet.

    40. Mattheff Says:

      @ all

      Die Bibel, die bekanntlich immer Recht hat, sagt ja nicht umsonst: „Seid schnell zum Hören und langsam zum Reden.“ (Jakobusbrief 1,19)

      Eine unbefriedigende Diskussionskultur gibt es oft nicht nur zwischen Menschen mit unterschiedlichen Spachen bzw. Dialekten. Was Rainer mit „Mund halten“ umschreibt, ist häufig wirklich nicht die schlechteste Variante. Viele Probleme lösen sich, wenn man einfach mal still abwartet (resp. zuwartet).

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