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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 4) — Eine glatte Sache

(Reload vom 19.11.05)

  • Das ist eine glatte Sache
  • Ziemlich häufig bekommt man in der Schweiz das Wörtchen „glatt“ zu hören. Muss man nun deswegen permanent auf Wollsocken oder mit Spikes unter den Schuhen unterwegs sein, mit dem Salzstreuer oder einem andern Streugut bereit in der Hand (Schweizerdeutsch: „parat“)? Es scheint so, dass die Schweiz, speziell das Zürcher Unterland extrem Glatteis gefährdet ist. Denn hier ist alles glatt:

    Der Fluss, der vom Greifensee bis zum Rhein durch das Unterland fliesst, heisst „die Glatt„.

    Das Einkaufzentrum bei Wallisellen ist das „Glattzentrum„, und dort gibt es das Restaurant „Glattdörfli„.

    Fährt man mit der S-Bahn weiter in Richtung Schaffhausen, kommt man durch „Glattbrugg„, „Oberglatt„, „Niederglatt„, und um die Ecke im Glatttal liegt dann auch noch „Glattfelden„.

    Alles in allem eine rutschige Angelegenheit.

  • „Glatt“ heisst „lustig“
  • Aber „glatt“ kann in der Schweiz vieles heissen. Fragen sie doch mal die Schweizer in ihrer Umgebung, wie sie das übersetzen wüden. „Lustig“ werden sie wahrscheinlich an erster Stelle hören. Also geht es wohl ziemlich lustig zu, hier im Unterland, wenn einfach alles so „glatt“ ist?

  • Unser Herkunftswörterbuch verrät zu „glatt“:
  • Mhd. glat „glänzend, blank; eben; schlüpfrig“, ahd. glat „glänzend“, niederl. glad „glatt, schüpfrig“, engl. glad „fröhlich“ (eigtl. „strahlend, heiter“), schwed. glad „heiter, fröhlich; angeheitert“ gehören zu der vielfach weitergebildeten und erweiterten idg. Wz. „*ghel- „glänzend, schimmernd, blank“ (vgl. gelb). Mit dem altgerm Adjektiv sind z. B. eng verwandt lat. glaber „blank; glatt; kahl“ und russ. gladkij „glatt“. (Quelle Duden 7)

    Das erklärt doch alles: Sie waren glücklich und heiter, wahrscheinlich auch ein wenig „angeheitert“, die Schweizer im Glatttal, als sie ihre Dörfer und den Fluss nach diesem hübschen Wörtchen benannten.

  • Die glatte Stadt Freiburg im Breisgau
  • Auch im Südbadischen Freiburg im Breisgau, eine Hochburg des Alemannischen, geht es „glatt“ zu. Zum einen, weil dort die „Bächle“ kreuz und quer durch die Stadt fliessen

    Niemals hineintappen in ein Freiburger Bächle

    und wenn man da hineintappt, kommt man nie wieder fort aus Freiburg. So will es die Sage, und so geschieht es jedes Jahr wieder. Als Student kommen sie nach Freiburg, die jungen Norddeutschen, tappen aus Versehen in ein Bächle, und schon ist es passiert. Sie kleben an der Stadt wie die Daunenfeder am frisch geteerten Delinquenten.

    Hier fährt die Müllabfuhr mit einem gross aufgedruckten Zitat des allemanischen Dichters Johann Peter Hebel durch die Gegend: „z’Friburg in der Stadt, wo’s sufer isch un glatt„.

    Die Freiburger sind mächtig stolz auf dieses Lob eines Dichters, obwohl das Gedicht noch weitergeht:

    Z’Friburg in der Stadt,
    sufer ischs und glatt;
    richi Here, Geld und Guet,
    Jumpfere wie Milch und Bluet,
    z’Friburg – z’Friburg –
    z’Friburg in der Stadt

    Jetzt sind die alemannischen Hobby Linguisten wieder gefragt: Was um alles in der Welt heisst nun „jumpfere„? Hat es was mit dem Englischen „to jump“ zu tun?

    

    21 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 4) — Eine glatte Sache”

    1. DaniDo Says:

      Nichts einfacher als das:-) Jumpfere sind Jungfrauen… oder eben einfach feine Damen.

      fühle mich als Basler gerade etwas verraten, da Hebel ein ganz ähnliches GEdicht für Basel geschrieben hat. (zbasel, zbasel, zbasel a mim rhy!).

    2. Thomas Says:

      Also erstens mal heisst der Dichter Hebel und nicht Hebbel, zweitens könnte ich wetten dass er „Herre“ geschrieben hat, wenn es um Geld und Gut geht, sind wohl eher die Herren gemeint. Und drittens, mit „Jumpfere“ (es ist groß geschrieben, also schonmal kein Verb und damit nix zum springen) sind meines Erachtens Jungfrauen gemeint, das g wird hier wohl zwecks aktzentuierterer Aussprache zu einem p.

      Nüt für unguet, meint ein echter Hochallemanne 😉

      [Antwort Admin: Wie das zweite B in den Hebel rutschte, ist mir unerklärlich. Danke für den Hinweis! Ist schon korrigiert.]

    3. Tellerrand Says:

      off-topic aber irgendwie doch interessant, Tagesanzeiger von heute:

      […] In der 6. Minute scheiterte Yakin, von Barnetta lanciert, am herausstürzenden Ejide. Sekunden nach der Pause blieb der Berner, von Gygax eingesetzt, wieder am nigerianischen Goalie hängen. Und in der 56. Minute tauchte Djourou nach Nkufos Kopfballvorlage allein vor dem Tor auf, war dabei aber der Verteidiger ohne Instinkt eines Stürmers und vergab. […]

      Hier wird über die Schweizer Fussball-Nati und deren Gegner Nigeria geschrieben. Macht Spass zu raten, wo nigerianische und wo schweizer Spieler gemeint sind. Wenn die Intergration nur überall so gut funktionieren würde, wie auf dem Fusballplatz. Leider hört’s auf den Tribünen meist wieder damit auf.

      Und Trainer der Nigerianer ist der gute, alte Bundesberti 😉

    4. Simone Says:

      Jetzt gibt es da schon wieder ein Wort, das irgendwie skandinavisch anmutet. „Nei“ hört man ebenfalls in N, S, DK und eben auch in CH. Wenn ich so darüber nachdenke, gibt es noch sehr viele mehr. Die zahlenmässig etwas kleineren Völker in Europa sprechen alle ähnlich. Ob es da sonst noch Gemeinsamkeiten gibt?
      Vielleicht tun sich die Norweger ja irgendwann mit den Schweizern zusammen und präsentieren sich als Einheit gegen die EU. Wird es dann zu einer neuen Form der Monarchie kommen? Am Ende wird Herr Blocher noch „Königliche Hoheit“.

    5. sylv Says:

      Auso…

      wie schon erwähnt Jumpfere ist Jungfrau,aber der Ausdruck hat/te noch eine kleine weitere Bedeutung,so war es absolut üblich noch vor wenigen Jahrzehnten eine ledige ältere Frau als Jumpfer zu titulieren,in etwa.: „Gang hurti i Lade vo dr Jumpfere Meier go Fade hole!“
      Der Ausdruck wurde,so vile ich weiss, aber nicht benutzt in der direkten Anrede der Person.

      Jumpfere ist für mein Sprachverständins genau das was im Englischen Spinster heisst:)

      http://en.wikipedia.org/wiki/Spinster

    6. neuromat Says:

      bei uns heisst dat

      (aule) Juffer

      http://de.wikipedia.org/wiki/Juffer

    7. Roland Says:

      @Tellerrand. Für mich (nicht Fussballfan) und viele andere Schweizer (Fussbalfans) war’s wohl keine Überraschung, die Schweizer „Nati“ verlieren zu sehen. Ich frage mich, ob dies (das ewige Verlieren) ein Grund für die typisch schweizerische Antipathie gegenüber der deutschen Fussballmannschaft sein könnte.

    8. neuromat Says:

      @ Roland

      Nein.

      Dann müsstet Ihr in den letzten Jahren begonnen haben, die Oesterreicher zu hassen.

      Es ist diese nervige Tiefstapelei, die die Schweizer nicht im mindesten nötig haben.

      Wisst Ihr, manchmal reicht es, in die Hände zu spucken, die Ärmel hochzukrempeln und „ran an den Speck“ – dann gibt man auch nicht mehr so ein peinliches Bild nach Aussen ab, dass man es nötig hat nicht selbst errungene Siege über andere oder gar Foulspiele zu beklatschen.

      Zugegeben ist eine nicht ganz bequeme Variante. Aber im Leben können einem nicht immer die Italiener die Tunnel bauen und die Stufen in die nationalen Erhebungen schlagen, die Deutschen in den Spitälern krampfen und der Balkan die Büros putzen und an den Bändern sich die Finger wund schrauben.

      Schlussendlich fühlt sich jeder besser, man braucht sein Hirn nicht über jeden Blödsinn zu zermartern und schläft abends besser ein.

      Dann sieht man seine Mitwelt auch bei komischen Ballsportarten mit Respekt.

    9. Tellerrand Says:

      @ Roland

      So oft spielen wir (ich bin Fussballfan) ja nicht gegen Euch und meist sind die Ergebnisse so, dass eigentlich niemand beleidigt sein muss. Dass Deutschland insgesamt auf die grösseren Erfolge im Fussball zurückblickt, hat doch wohl hauptsächlich damit zu tun, dass Fussball in Deutschland mit einigem Abstand Volkssport Nr. 1 ist und folglich aus einem ziemlich grossen Fundus geschöpft werden kann. In anderen Sportarten ist die Schweiz überlegen: Skifahren (ja, immer noch) und Eishockey zum Beispiel. Ganz bestimmt auch im Curling und Orientierungslauf. Sogar im Tennis ist die Schweiz derzeit. Ich kann’s mir nicht verkneifen: niemand hegt deswegen in Deutschland eine Aversion oder gar Antipathie gegen die Schweiz.

    10. Schnägge Says:

      Wenn die Schweizer Nati-Spieler wirklich gut wären, dann würden sie ja nicht alle in der deutschen Bundesliga spielen. 🙂

      Ich bin übrigens Fan der Supereagles. Weiß jemand von euch zufällig mit welcher Aufstellung der Nigerianer gespielt haben?

    11. space-dream Says:

      Hmmmm… wieso freuen sich eigentlich die Deutschen immer, wenn Holland im Fussball verliert? Minderwertigkeitskomplex? Sprachliche Unterlegenheit? Rassismus?
      Aber natürlich ist das in keinster Weise mit dem Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen zu vergleichen.

    12. Tellerrand Says:

      @ space-dream

      Hier beruht das Verhältnis auf gleich langen Spiessen und echter Gegenseitigkeit: Holland gröhlt, wenn Deutschland fliegt und umgekehrt. Das ist spätestens seit dem WM Endspiel von 1974 so und das Spuckspiel bei der WM in Italien 1990 hat das Verhältnis nicht besser gemacht.

      Meines Wissens gab es bisher nie wirklich wichtige Spiele zwischen Deutschland und der Schweiz. Naja und Deutschland ist fussballmässig eben so arrogant, dass man sich mehr um das eigene Abschneiden kümmert als um das der Schweiz.

      Da die Schweiz eher selten an internationalen Fussballmeisterschaften teilnimmt, muss eben Deutschland als Spündenbockherhalten. Oder so…

    13. space-dream Says:

      @Tellerrand

      Ahhhhjaaaa, das erklärt natürlich alles… dass die Deutschen die Holländer nicht ausstehen können und umgekehrt (ich weiss, eine viieeel zu harte Wortwahl) ist natürlich etwas völlig anderes als das Verhältnis Deutschland – Schweiz.

    14. Roland Says:

      @Tellerrand (Comment 21.11.04 4.06pm)
      Klasse Kommentar! Damit rennst Du bei mir offene Türen ein. Ich hab’zwar auch den „roten Pass“, trotzdem habe ich oft Mühe mit dem „Bünzliverhalten“ mancher Schweizer. Auch wenn ich mich nun bei einigen Landsleuten unbeliebt mache, so gestehe ich doch: ICH LIEBE MULTIKULTI. Selbst meine Frau stammt aus einem anderen Kulturkreis. Und was die Deutschen (zumindest die in unserer Firma) anbelangt: Sie sind weder arrogant, noch zu laut. Und sollte tatsächlich mal einer arrogant sein, so liegt es wohl eher an seinem Charakter, jedoch sicherlich nicht an seiner Nationalität.

      @admin: Bin kein sehr eifriger Comment-Schreiber, deshalb nutze ich die Gelegenheit, mich bein Ihnen Herr Wiese für Ihren interessanten & kurzweiligen Blog zu bedanken. Wusste gar nicht, dass es sooo viele Helvetismen gibt. Ihre Beobachteungen bringen mich oft zum Schmunzeln.
      Schade, dass einige Schweizer diesbezüglich keinen Humor zu haben scheinen.

      Gruss
      Roland

    15. Simone Says:

      @Space-dream:
      Ich liebe Holländer!

    16. Neuromat Says:

      @ space-dream

      mir ist zumindest nicht bekannt, dass irgendwann einmal deutsche Studenten einer Technischen Hochschule grölend vor einer Videoleinwand gesessen hätten und jedes Foul einer „völlig unwichtigen“ Mannschaft gegen die Holländer beklatschten.

      Noch sind mir Schlagzeilen deutscher Zeitungen erinnerlich, die bei passender Gelegenheit sinngemäss getitelt hätten „Zum Glück, nicht die Holländer.“

    17. Schnägge Says:

      Ich hätte beim Schweizer Elfmeterverschießen bei der letzten WM beinahe einen Stuhl zerlegt vor lauter Frust.

      Achja, ohne England fahrn wir zur EM… 🙂

    18. Martin aus Zürich Says:

      Roland Says:

      „…habe ich oft Mühe mit dem “Bünzliverhalten” mancher Schweizer…ICH LIEBE MULTIKULTI….dass einige Schweizer diesbezüglich keinen Humor zu haben scheinen.“

      Warum gehen Sie nicht zum Beispiel nach Köln neben die künftige Ehrenfeld-Moschee?

      Was machen Sie hier?

    19. Martin aus Zürich Says:

      Tellerrand Says:
      „Meines Wissens gab es bisher nie wirklich wichtige Spiele zwischen Deutschland und der Schweiz.“

      An der Olypmiade 1938 in Paris gewann die Schweiz gegen Grossdeutschland 4:2.

      Am 21. April 1941 (hübsches Datum) gewann die Schweiz im Wankdorf 2:1 gegen Grossdeutschland. Es gibt dieses berühmte Foto, alle grüssen mit Deutschem Gruss, auch der Schiedsrichter und die Linienrichter haben den rechten Arm oben.

      11 Schweizer grüssen nicht.

      Vor dem Matsch kam General Guisan auf den Platz und machte Appell.

      Dafür spielte die Schweiz als erstes Land nach dem Krieg wieder gegen Deutschland.

    20. Roland Says:

      @Martin aus Zürich
      Was hat meine Liebe zu Multikulti mit der Ehrenfeld-Moschee in Köln zu tun? Ist sie gefährlich für mich?
      Ach Sie möchten über die Probleme zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften bzw. Glaubensgemeinschaften sprechen?
      Nun – meiner Meinung nach soll, kann und darf jeder glauben was er will, solange er nicht andere zu überzeugen bzw. zwingen versucht, dass sein Glauben der einzig Wahre sei.
      Also weshalb soll ich nach Köln? Relegionsfanatiker -sowie auch Nationalisten- gibt es (leider) in jedem Land. Um mir dessen bewusst zu werden, brauch ich nicht nach Köln zu fahren.
      Oder habe ich irgendwie Ihren Kommentar falsch verstanden?

    21. Tellerrand Says:

      @ Martin aus Zürich

      Wenn ich meines Wissens schrieb, meinte ich damit die Zeit, die ich selbst fussballinteressiert verfolgt habe und das ist seit der WM 1974 der Fall. Aber toll, dass die Schweiz den Nazis auch fussballerisch Paroli geboten hat. Es soll aber auch Länder gegeben haben, die gar nicht gegen Nazi-Deutschland angetreten sind…

      Wie kann man eigentlich stolz darauf sein, dass die Schweiz nicht in den nationalsozialisten Strudel gezogen wurde und kurz darauf oder davor einen Moschee-Kommentar verfassen, der einen selbst in gefährliche Nähe rassistischen Gedankenguts zeigt?

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