Alle Schweizer sprechen so wie Emil

März 24th, 2009

(reload vom 18.04.06)

  • Alle Schweizer sprechen so wie Emil in der ARD
  • Es begann alles mit dem klassischen Missverständnis der Deutschen, die in den 70er und 80er Jahren Emil Steinberger am Fernsehen erlebten:

    Im Jahr 1977 stand er für neun Monate in der Manege des Circus Knie. Die in der ARD ausgestrahlten Emil-Aufzeichnungen machten ihn auch in Deutschland bekannt. Es folgten diverse Tourneen durch die Bundesrepublik und die Schweiz, auch in der DDR trat er mehrmals auf. Wegen dieser überaus erfolgreichen Tourneen entschloss er sich ab 1980 nur noch „Emil“ zu sein.
    (Quelle: Wiki über Emil)

    Daraus schlussfolgerten die Deutschen, die noch niemals gesprochenes Schweizdeutsch im Fernsehen gehört hatten: „Aha, so klingt also Schweizerdeutsch“. Kein Schweizer hatte bis dahin irgend etwas öffentlich auf Dialekt im Deutschen Fernsehen gesagt. Lilo Pulver sprach Hochdeutsch, oder manchmal auch leicht eingefärbtes Bairisch-Österreichisch, je nach Filmrolle. Von Bruno Ganz wusste ich lange gar nicht, dass er Schweizer ist. Er sprach ebenfalls in allen Filmen Hochdeutsch. Nur als Hitler, da sprach er Österreichisch.

  • Warum äffen Deutsche Comedians so blöd Schweizerdeutsch nach?
  • Noch heute wirkt das künstliche „Schweizerische Hochdeutsch“ von Emil nach bei vielen deutschen Comedians. So auch in der Sendung Genial Daneben auf SAT1: Liest Hugo Egon Balder eine Frage aus der Schweiz vor, dann ereifern sich alle sofort und verfallen in die „Emil-Sprechweise“, die sie von den ARD-Aufzeichnungen kennen. Sie mochten diese Sprechweise und halten das ohne Arglist tatsächlich für typisches Schweizerdeutsch!

    Viele Comedians in Deutschland können auf Knopfdruck ihre Vorbilder, mit denen sie aufgewachsen sind, rezitieren und imitieren: Otto Walkes Liveplatten, Sketche der Ulkserie „Klimbim“ (mit Ingrid Steeger), Didi Hallervorden und eben auch EMIL aus der Schweiz. Was anderes aus der Schweiz haben diese Comedians nie erlebt. Es wurde ihnen niemals Mani Matter gezeigt, Lorenz Keiser kam nie im Deutschen Fernsehen. Marco Rima hat in seiner Glanzzeit bei der Wochenschau niemals Schweizerdeutsch gesprochen, und wenn, dann nur in besagter „Emil-Sprechweise“.

    Woher sollen die Deutschen dann wissen, wie Schweizerdeutsch klingt? Selbst Ursus&Nadeschkin haben ihre Programm „Hailights“, das sie lange und mit grossem Erfolg in Deutschland spielten, in einer angepassten Schweizer-Hochdeutschen Version präsentiert. Man wollte dem Deutschen Publikum nicht zumuten, sich wirklich mit Dialekt auseinanderzusetzen.

  • Dialekte kennen die Deutschen auch, nur keine Schweizerdeutschen
  • Die Ignoranz der Deutschen, was die Schweizerdeutschen Dialekte angeht, ist also wirklich nicht ihr Verschulden. Die Deutschen würden auf Anhieb eher Sächsisch, Bairisch, Hessisch, Schwäbisch oder Plattdeutsch als Mundarten aufzählen können, als auch nur einen einzigen Schweizer Dialekt. Woher sollten sie die denn auch kennen. Sie werden ihnen in Film und Fernsehen einfach vorenthalten. Die erfolgreiche Komödie „Achtung, Fertig Charlie!“ wurde auch in Deutschen Kinos gezeigt, allerdings nur in einer auf Schweizer-Hochdeutsch synchronisierten Fassung. Solange wir in Deutschland immer nur den ewigen EMIL als Referenz für „typisches Schweizerdeutsch“ zitieren können, wird sich wohl nie was ändern an der Ahnungslosigkeit der Deutschen. Ob die von den Schweizern vielleicht so gewollt ist?

    Schon mal das Geld vergessen am Bankautomat? — In der Schweiz können Sie ihren PIN ändern

    März 23rd, 2009
  • Karte nehmen und Geld stecken lassen
  • Neulich ist mir etwas widerfahren, das mir unmissverständlich gezeigt hat, dass das Alter und seine normalen Begleiterscheinungen auch bei mir langsam anfängt zu wirken. Und das kam so: Ich stand im Glattzentrum an einem Bargeldautomaten der Schweizer Post, die in Wirklichkeit gar keine Bank ist, sondern nur in „Finance“ macht, was aber niemand wissen darf, und hatte soeben 200 Franken abgehoben. Dann schnappte ich meine Maestro-Karte und ging, ohne das Geld einzustecken. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert? Herzlich willkommen im Club! Falls nicht, na dann sollten Sie einfach „zuwarten“, denn der Tag wird kommen. Es passiert jedem irgendwann.

  • Keine Geldbörse aber ein Portemonnaie
  • Ich bemerkte mein Missgeschick erst, als ich 2 Minuten später mit dem frisch gezogenen Geld etwas bezahlen wollte und feststellte, dass meine Geldbörse, exgüse, mein „Portemonnaie“ wollte ich natürlich sagen, genauso leer war wie vor dem Automatenbesuch. „Du hast das Geld stecken gelassen!“ kam mir sofort in den Sinn, und ich spurtete zurück um zu retten, was noch zu retten war. Wahrscheinlich hatte die Dame hinter mir in der Warteschlange das Geld in der Zwischenzeit schon längst an sich genommen. Doch die stand vor einem geschlossenen Schalter. „Ausser Betrieb“ war der Automat, kaum dass ich ihn verlassen hatte. Von den Franken hat sie nichts gesehen.

    Da kam auch schon ein Angestellter aus der Post herausgelaufen und fragte, wer hier eben sein Geld vergessen hatte mitzunehmen. Fünf Leute zeigten auf. Nein, das war ein Scherz, nur ich gab mich zu erkennen. Er überprüfte meine Kartennummer mit der Abbuchung und händigte mir sofort das Geld aus. Dann erklärte er mir, dass es praktisch unmöglich für den Nachfolgenden in der Schlange ist, das Geld abzugreifen. Ein Bewegungsmelder am Geldautomaten stellt fest, dass der berechtigte Geldbezieher das Geld nicht genommen ist und die Frontseite verlassen hat. Sofort macht es „schwupps“, das Geld wird wieder eingezogen und der Automat gesperrt. Beruhigend zu wissen. Ein paar Tage später war ich Zeuge wie die gleiche Geschichte einem nur wenig älteren Freund widerfuhr. Auch er stand nur mit der Karte und ohne Geld vor mir, weil wir während des Abhebevorganges gequatscht hatten, und er dabei vergessen hatte, die Scheine an sich zu nehmen. Auch bei ihm gab es keinen Verlust, das Geld wurde einfach wieder eingezogen. Das ist Schweizer Sicherheitsstandard!

  • Der PIN ist sechsstellig in der Schweiz
  • Wussten Sie übrigens, dass in Deutschland ein PIN-Code nur 4 Stellen hat und nicht einfach geändert werden kann, so wie in der Schweiz? Ob das allerdings ein wirklicher Sicherheitsvorteil ist, wage ich manchmal zu bezweifeln, wenn an der Migros-Kasse die Kundin neben mir offensichtlich 123456 oder 666666 als Code in den Kasten tippt. Nun ja, immer noch besser als das Geburtsdatum oder den auf der Karte notierten PIN.

  • Es gibt nur vier Sorten von Passwörtern
  • Ein Sprachwissenschaftler hat vor Jahren erforscht, was Menschen am liebsten als PIN oder Passwort verwenden, wenn sie die freie Wahl haben. Er befragte anonym einige tausend Computernutzer und bekam so heraus, dass es im Grunde nur vier Gruppen von Passwort-Benutzer gibt. Die erste Gruppe ist die grösste. Sie verwendet Familiennamen, den Namen der Freundin oder den eines Haustieres als Codewort. So denken Sie an den Liebsten oder die Liebste bei der Passworteingabe. Die zweite Gruppe, immer noch beachtlich gross, sind die „heimlichen Fans“, die den Namen einer verehrten Sängerin oder eines Fussballvereins als Kennwort benutzen. Die dritte Gruppe möchte sich selbst einen Kick verschaffen, wenn sie das Passwort eingibt, denn bei denen sind Wörter wie „Geiler Hengst“ oder „Toller Hecht“ oder „Du Schweizer!“ gefragt. Merkt ja keiner, wenn man sich bei der Passworteingabe so ein bisschen lobt oder anfeuert.

  • Sind Sie ein Kryptologe?
  • Die letzte und kleinste Gruppe der Benutzer, das sind die „kryptischen“, die Passwörter wie „xZ3%x_)8“ ohne Probleme eingeben, und dabei zweimal nach links und rechts schauen, ob auch niemand zuguckt. Als ob sich das jemand nur beim Zuschauen merken könnte. Diese „Kryptologen“ arbeiten meist in der Computerbranche und sind auch sonst gern ein wenig paranoid.

    Ein guter Trick für so ein komplexes Passwort besteht darin, sich einen ganzen Satz zu merken und dann nur die Anfangsbuchstaben zu schreiben. Beispiel: „Ie4*pWPmK“ = „Ich esse vier Mal pro Woche Pizza mit Käse“. Das kann man sich doch leicht merken, oder? Und Sie, gehören Sie auch zur Gruppe der heimlichen Fans? Oder doch mehr zu den Paranoikern?

    Warum wissen die Deutschen so wenig über die Schweizer?

    März 20th, 2009

    (reload vom 17.4.06)

  • Warum sind Deutsche arrogant und ignorant?
  • Eines der Vorurteile der Schweizer gegenüber den Deutschen bezieht sich auf deren angebliche Arroganz, gepaart mit der Ignoranz der Deutschen, was die Lebenswirklichkeit in der Schweiz angeht. Die Deutschen wissen nichts oder wenig über die Schweizer, das stimmt. Doch ist das ihre Schuld?

  • Warum brauchen die Deutschen eine Gebrauchsanweisung für die Schweiz?
  • Thomas Küng sagte in der Sendung QUER am 24.03.06 auf die Frage von Patrick Rohr „Haben die Deutschen eine Gebrauchsanweisung für die Schweiz nötig? Wissen sie nicht, wie man umgeht mit den Schweizerinnen und Schweizern?“

    Ja, ganz eindeutig. Für die Deutschen sind ja die Schweizer ein Volk, dass sie irgendwie zu kennen glauben, aber sie sind für sie völlig exotisch, und wenn sie dann zu uns kommen, sind sie überrascht, dass sie die Schweizer eben doch nicht kennen. Also wir schauen regelmässig das Deutsche Fernsehen, wir wissen wie die Deutschen Politiker sich gegenseitig nieder machen, und wir völlig konsterniert dasitzen und denken, das kann doch nicht sein, das auf der einen Seite nur die Idioten sitzen, und auf der anderen Seite nur die Cleveren. Also das man irgendwie was zusammen machen muss. Also wir kennen Euch sehr gut, aber die Deutschen haben von uns eigentlich keine Ahnung, deshalb brauchen Sie eine Gebrauchsanweisung.
    (Quelle: Transkript vom Videostream)

    Thomas Küng hat Recht bei seinen Ausführungen, aber er sagt auch nicht die ganze Wahrheit. Die Schweizer können tatsächlich via Kabel oder Satellitenschüssel die Deutschen Sender ARD, ZDF sowie die zahlreichen Privatsender empfangen. Und wie ist es umgekehrt?

  • Schweizer Fernsehen nur für die Schweiz
  • Was die wenigsten Schweizer wissen: Es gibt keine Schweizer Sender im Deutschen Fernsehen, auch nicht via Satellit oder Kabel! Nur im grenznahen Bereich ist der Empfang über die Hausantenne und über Kabel möglich. Will ein Auslandsschweizer in Deutschland auch dort SF1 und SF2 über Satellit empfangen, kann er dies kostenlos bei der Schweizer Botschaft beantragen. Ausserdem muss er seine Sateliten-Schüssel auf den richtigen Sateliten ausrichten, und das ist nicht ASTRA. [Dank für den Hinweis an SU nach Osnabrück]. Es ist der klassische Trugschluss: „Wenn ich alles über Deutschland sehen kann, müssen die doch auch alles über die Schweiz empfangen“.

    Deutsche können also gar kein Schweizer Fernsehen empfangen, bis auf wenige ausgewählte Sendungen, die meistens synchronisiert oder zumindest untertitelt auf 3SAT gezeigt werden. So z. B. in der Sendung „Schweizweit“. Es gibt keine Schweizer Tagesschau in Deutschland, kein 10 vor 10, keine Arena, kein QUER mit Patrick Rohr. Wenn dieser in Deutschland unterwegs ist, wird er nur im grenznahen Lörrach auf der Strasse angesprochen, und zwar von Schweizern. Sonst kennt ihn niemand.

  • Billige Sendelizenzen für nur 7 Millionen Zuschauer
  • Patrick Rohr hat es mir nach der Sendung erläutert. Es hängt einfach mit den Lizenzkosten zusammen, die in der Schweiz für die Ausstrahlung von Spielfilmen gezahlt werden müssen. Sie sind im Vergleich zu Deutschland sehr niedrig, weil das potentielle Zielpublikum nur aus den 7 Millionen Einwohner der Schweiz besteht. Würde das Schweizer Fernsehen auch in Deutschland oder via Kabel oder Satellit zu empfangen sein, müssten wesentlich höhere Lizenzkosten bezahlt werden. Darum kommt es manchmal zu der absurden Situation, dass teure Spielfilme in der Schweiz gleichzeitig auf ORF, SAT1 und SF zu sehen sind, mit gleicher Startzeit und unterschiedlichem Ende, wegen unterschiedlich langer Werbeeinspielungen. Deutsche Zuschauer sehen nur die SAT1 Fassung, SF wird nicht ausgestrahlt in Deutschland.

    Die Ausführungen von Thomas Küng klangen ein wenig vorwurfsvoll:

    „Also wir kennen Euch sehr gut, aber die Deutschen haben von uns eigentlich keine Ahnung, (…)“

    Durch das Fernsehen, das ist richtig, kennen uns die Schweizer oder meinen uns jedenfalls zu kennen. Und weil in Deutschland kein Schweizer Fernsehens empfangen werden kann, haben die Deutschen oft keine Ahnung von der Schweiz. Es ist ihnen deswegen aber auch weiss Gott kein Vorwurf deswegen zu machen.

  • Was lernt man aus dem Fernsehen über sein Nachbarland?
  • Natürlich stellt sich die Frage: Was kann man aus dem Fernsehen über sein Nachbarland lernen? Eine ganze Menge, vor allen Dingen über den Alltag. Während Deutsche Telenovelas in der Schweiz empfangen werden können, die Schweizer also auch seit ewigen Zeiten das sozialtherapeutische Dauerexperiment der „Lindenstrasse“ verfolgen können, herrscht anders herum absolute Funkstille. Kein „Lüthi & Blanc“ für die Deutschen. Kein Einblick in den Schweizer Alltag für Deutsche. Ganz ganz selten kommen Spielfilme ins Deutsche Fernsehen, natürlich auf Hochdeutsch, die in der Schweiz gedreht wurden und ein ganz kleines Stück Lebenswirklichkeit der Schweiz widerspiegeln. Beispiel: Joachim Król in „Tod eines Keilers“. Der Film wurde erst in der Schweiz gezeigt, auf Schweizerdeutsch (Król wurde synchronisiert!), dann auf Hochdeutsch in Deutschland.

    Deutsche, die gern Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche oder Die Zeit lesen, sind in der Regel ein bisschen besser informiert über die Schweiz, denn alle grossen Tageszeitungen haben Korrespondenten in der Schweiz. So berichtet Konrad Mrusek für die FAZ aus der Schweiz, und Jürg Altwegg schreibt ebenfalls regelmässig für die FAZ aus der Schweiz. Der Schweizer Publizist Roger de Weck war 1997 bis 2001 Chefredakteur der ZEIT und schreibt auch heute noch ab und an für deutsche Zeitungen. Natürlich ist der Einfluss und die erreichte Zielgruppe einer Tageszeitung nicht zu vergleichen mit dem Fernsehen.

  • Schweizer Zeitungen und Schriftsteller in Deutschland
  • Ganz abgesehen davon haben Schweizer Zeitungen wie die NZZ oder die Weltwoche auch eine ganz ordentliche Leserschaft in Deutschland! Schweizer Autoren wie Urs Widmer, Markus Werner oder Martin Suter haben sicherlich mehr Leser in Deutschland als in der Schweiz, es kann also nicht viel dran sein an dem Vorwurf, dass wir Deutsche uns nicht für den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Schweizer interessieren würden. Wieso werden sonst solche Bücher wie „Die dunkle Seite des Mondes“ (Martin Suter) gekauft, die in Zürich spielen und gespickt sind mit Lokalkolorit und Beschreibungen der Schweizer Alltagsgesellschaft?

  • Schweizer in Deutschland verheimlichen ihre Sprache
  • Fazit: Liebe Schweizer, hört auf uns Deutschen unsere Unwissenheit bezüglich der Schweiz und ihrer wundervollen Sprachvielfalt vorzuwerfen. Wer können zum Grossteil nichts dafür, denn Eure Fernsehsender werden uns in Deutschland einfach vorenthalten.

    Nur wer sich für die Schweiz interessiert, Zeitungen liest oder Bücher von Schweizer Autoren, wird sich mühsam sein eigenes Bild der Schweiz bereits in Deutschland machen können. Dabei fehlt natürlich die Erfahrung mit dem Schweizerdeutschen, denn jeder Schweizer, der nach Deutschland kommt und dort arbeitet (und das sind immerhin 72.000 Schweizer zur Zeit!), lässt sein heimatliches Idiom daheim. Wir kennen nur Emils Schweizerdeutsch, und das wird wohl für alle Ewigkeiten so bleiben.
    (Dazu morgen mehr).

    Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon

    März 19th, 2009

    (reload vom 16.4.06)

  • Neu alte Schweizer Redewendungen
  • Wir lasen im Blick-Online vom 7.4.06

    Die Schweizer „gügeln“ weniger als auch schon

    (Quelle Blick-Online)

    Über das „gügeln“ hatten wir uns gestern geäussert (vgl. Blogwiese), wenden wir uns nun der wunderschönen Formulierung „weniger als auch schon“ zu.

  • Is auch schön!
  • Es handelt sich hier um ein sprachliches Kuriosum der ganz besonderen Art. Die Bestandteile sind reines Schriftdeutsch, allein die Kombination der Wörter gibt uns Rätsel auf. Rätsel, die sich mit den üblichen Nachschlagewerken wie Duden oder Variantenwörterbuch nicht knacken lassen. Leider hatten wir beim Schreiben dieser Zeilen den wiederaufgelegten Duden-Schweiz (von Kurt Meyer) noch nicht erhalten, obwohl er ab dem 1. April 2006 ausgeliefert werden sollte. Vielleicht war es doch nur ein Aprilscherz? Wie schrieb der Leser MaxH noch zum nicht mehr lieferbaren alten Duden-Schweiz:

    Das ist ein echtes Schätzchen… dieser Duden, den gibt es gebraucht bei Amazon uk! Und kostet (ist als “low price” ausgewiesen!) 58,60 PFUND! Für ein Duden Taschenbuch! Ich denke, das Buch gibt es nicht, weil alle Schweizer sich eines in ihr Bankschließfach gelegt haben. Ca. 150% Wertzuwachs in drei bis vier Jahren, das macht kaum eine andere Anlageform! Link zum gebrauchten Duden bei Amazon hier
    (Quelle: Kommentar MaxH)

    Versuchen wir doch einmal, uns dem Satz „weniger als auch schon“ analytisch zu nähern. Das „schon“ am Ende ist der merkwürdige Teil. Vielleicht ist es eine abgekürzte Form von „zu Schonzeiten“ (des zu jagenden Wildes) oder „schon früher Mal“, oder „als auch schon wieder weiss ich nicht, wann das war“. Jedenfalls gibt es 235 Belege für diese Formulierung bei Google-Schweiz.

    Darunter der Tages-Anzeiger:

    Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher.
    (Quelle tagesanzeiger.ch vom 17.8.2005)

    Die Aargauer Zeitung v. 6.12.2005

    Dass Drogen konsumiert werden, wissen wir. Die gefundene Menge ist aber um einiges tiefer als bei der letzten Razzia im April. Ich habe nichts anderes erwartet: Dass Drogen im Umlauf sind, aber weniger als auch schon.
    (Quelle: züristyle.ch)

    Sogar die NZZ, sonst immer vorsichtig bei der Verwendung von Helvetismen:

    40 000 Zuschauer, weniger als auch schon, drohten am Samstag in kollektive Trauer zu versinken, weil Andreas Buder als Siebenter der Beste des ÖSV-Teams war.
    (Quelle: nzz.ch vom 23.01.06)

  • Spielen Schweizer auch mit Sprache?
  • Wir fragen uns langsam, warum wir diese Formulierung nicht früher entdeckt haben. Ob es einfach nur eine „Verballhornung“ von Sprache ist? Ein Wortspiel, das sich irgendwann verselbständigt hat? Es erinnert stark an so hübsche Ausrufe wie „je höher des fall“, oder „je tiefer desto platsch“, die auch mit radikaler Sprachreduktion arbeiten. Ausserdem denken wir bei dem Satz „als auch schon“ schnell an die qualitativ und quantitativ hochgradig wertvollen Urteile von alten Damen aus dem Ruhrgebiet, die auf die Frage, wie ihnen ihr letzter Urlaubsort gefallen hat, stets die Antwort parat haben: „Da is auch schön!?“, wobei die Stimme am Ende des Satzes leicht fragend und empört angehoben werden muss.

  • Von weitem näher als von schön
  • Auch dieser hübsche Ausdruck würde in die erwähnte Reihe passen. Natürlich ist das hier eine einfache Verdrehung des Satzes: „Von weitem schöner als von nah“, geäussert als höflich verklausulierte Beurteilung der Schönheit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Doch der Witz besteht gerade darin, die Verdrehung und nicht das Original zu äussern. Jetzt müssen wir passen und das Feld den gewieften Schweizer Linguisten und Sprachlehrern überlassen, denn wir „kommen einfach nicht draus“, ob es sich bei „weniger als auch schon“ um einen grammatikalisch und semantisch vollständigen Nebensatz handelt, oder ob es eine neue Entwicklung ist, mit Sprache zu spielen, die sich einfach verselbstständigt hat. Beobachten kann man das bei der häufig geäusserten Floskel „in keinster Weise“. Ursprünglich ein Witz, dann als „Elativ“ vollkommen akzeptiert, wie wir beim werten Kollegen Zwiebelfisch Bastian Sick hier nachlesen dürfen.

    Gügeln, googeln oder kübeln?

    März 18th, 2009

    (reload vom 15.04.06)

  • Gügeln Sie auch manchmal?
  • Uns wurde von einem Aussendienstmitarbeiter ein sensationeller Aufmacher aus dem BLICK zugeschickt:
    Gügeln oder Googeln?
    (Quelle: blick.ch vom 7.4.06)

    Natürlich sticht in diesem Aufmacher sofort das Verb „gügeln“ ins Auge, es wird ja sogar durch original Schweizer «Anführungszeichen» als „nicht ganz schriftfähig“ gekennzeichnet. Wir denken bei dem Wort gleich an unsere Lieblingsbeschäftigung. Nein, die ist nicht „Saufen“, so wie sie jetzt meinen, sondern „Googeln“, welches mit 827.000 Einträgen bei Google selbst gar nicht so schlecht vertreten ist . Könnten wir doch gleich mal die Häufigkeit gewisser Tätigkeitsverben bei Google untersuchen:
    Saufengibt es 1.63 Millionen Mal, nur damit Sie beruhigt sind.
    Bumsenkommt 1.14 Mill. Mal vor, das synonyme Wort mit fi.. am Anfang 6 Mill. Mal
    Denken“ finden wir 31 Mill. Mal,
    Arbeiten“ 52 Mill. und
    Lernen“ 41 Mill. Soviel zum intellektuellen Anspruch von Webseiten. Wie oft „Sex“, „Liebe“ und „Computer“ bei Google vorkommt, müssen Sie jetzt selbst nachschauen. Sie wissen ja, wie man googelt.

  • Gügeln heisst googeln?
  • Wir finden nur 28 Belege für „gügeln“, alle scheinen eine Eindeutschung von „googeln“ zu bezeichnen. Nur ein Beleg bei Google-Schweiz weisst eindeutig in die Richtung „saufen“, so wie sie der BLICK-Aufmacher meinte.

    Das heisst für uns, dass nur die Schweizer dieses Wort im Sinne von „saufen“ gebrauchen, und dass diese Verbform mächtig unter Druck kommt durch die Neuschöpfung „googeln-gügeln“. Rein lautlich erinnert uns das Wort an „kübeln“, und das ist auch in Deutschland eine salopper Ausdruck für „schnell viel trinken“. Es kann ausserdem „wie aus Kübeln schütten“, und wenn jemand nicht trinkt sondern „kübelt“, dann verwendet er dazu meist ein etwas grösseres Glas, vielleicht sogar einen Kübel, damit es schneller geht, bis er keinen Bock mehr hat aufs Kübeln und zum Küblböck wird. „Kübeln“ ist nämlich in Deutschland auch die Gegenbewegung, wenn das soeben Getrunkene wieder nach draussen will. Aber jetzt wird das irgendwie unästhetisch.

    Nur in der Schreibung „gügele“ finden sich mehr 70 Belege bei Google-Schweiz.

  • Gugeln ist sehr alt
  • Diese Schreibweise findet sich bereits im Wörterbuch von Grimm:

    GUGELN, vb., um sich schlagen: mit den geberden, mit dem rauhen scharren, poltern, drowen, sawr sehen, mit händen und füszen guglen und zittern vor zorn C. HUBERINUS viertzig predig (1567) G 1a, wohl dasselbe wort, das heute noch als gügeln im schwäbischen gebräuchlich ist, besonders in der verbindung das herz gügelet mir hüpft vor freude; unklar ist der einmal belegte reflexive gebrauch: also (wie beim turmbau zu Babel) tuend vil der layen hie, die gügeln sich gar hoch enbor und wissend nit die rechte spor HERMAN V. SACHSENHEIM mörin 4378 Martin; das wort begegnet auch in den nachbarmundarten: gügelen vor zorn zittern STAUB-TOBLER 2, 159; gügeln schaukeln HALTER Hagenau 155; als gugen schwanken, schaukeln SEILER Basel 153; MARTIN-LIENHART 1, 204.
    (Quelle: Grimm)

    Die Schwäbische Variante „das Herz gügelet mir vor Freude“ finden wir besonders appart.

    Der eigentlich Fund für uns in diesem Artikel auf Blick-Online ist jedoch der Teil nach dem Wörtchen «gügeln»: Weniger als auch schon. Das erklären wir dann morgen!