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Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon

(reload vom 16.4.06)

  • Neu alte Schweizer Redewendungen
  • Wir lasen im Blick-Online vom 7.4.06

    Die Schweizer „gügeln“ weniger als auch schon

    (Quelle Blick-Online)

    Über das „gügeln“ hatten wir uns gestern geäussert (vgl. Blogwiese), wenden wir uns nun der wunderschönen Formulierung „weniger als auch schon“ zu.

  • Is auch schön!
  • Es handelt sich hier um ein sprachliches Kuriosum der ganz besonderen Art. Die Bestandteile sind reines Schriftdeutsch, allein die Kombination der Wörter gibt uns Rätsel auf. Rätsel, die sich mit den üblichen Nachschlagewerken wie Duden oder Variantenwörterbuch nicht knacken lassen. Leider hatten wir beim Schreiben dieser Zeilen den wiederaufgelegten Duden-Schweiz (von Kurt Meyer) noch nicht erhalten, obwohl er ab dem 1. April 2006 ausgeliefert werden sollte. Vielleicht war es doch nur ein Aprilscherz? Wie schrieb der Leser MaxH noch zum nicht mehr lieferbaren alten Duden-Schweiz:

    Das ist ein echtes Schätzchen… dieser Duden, den gibt es gebraucht bei Amazon uk! Und kostet (ist als “low price” ausgewiesen!) 58,60 PFUND! Für ein Duden Taschenbuch! Ich denke, das Buch gibt es nicht, weil alle Schweizer sich eines in ihr Bankschließfach gelegt haben. Ca. 150% Wertzuwachs in drei bis vier Jahren, das macht kaum eine andere Anlageform! Link zum gebrauchten Duden bei Amazon hier
    (Quelle: Kommentar MaxH)

    Versuchen wir doch einmal, uns dem Satz „weniger als auch schon“ analytisch zu nähern. Das „schon“ am Ende ist der merkwürdige Teil. Vielleicht ist es eine abgekürzte Form von „zu Schonzeiten“ (des zu jagenden Wildes) oder „schon früher Mal“, oder „als auch schon wieder weiss ich nicht, wann das war“. Jedenfalls gibt es 235 Belege für diese Formulierung bei Google-Schweiz.

    Darunter der Tages-Anzeiger:

    Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher.
    (Quelle tagesanzeiger.ch vom 17.8.2005)

    Die Aargauer Zeitung v. 6.12.2005

    Dass Drogen konsumiert werden, wissen wir. Die gefundene Menge ist aber um einiges tiefer als bei der letzten Razzia im April. Ich habe nichts anderes erwartet: Dass Drogen im Umlauf sind, aber weniger als auch schon.
    (Quelle: züristyle.ch)

    Sogar die NZZ, sonst immer vorsichtig bei der Verwendung von Helvetismen:

    40 000 Zuschauer, weniger als auch schon, drohten am Samstag in kollektive Trauer zu versinken, weil Andreas Buder als Siebenter der Beste des ÖSV-Teams war.
    (Quelle: nzz.ch vom 23.01.06)

  • Spielen Schweizer auch mit Sprache?
  • Wir fragen uns langsam, warum wir diese Formulierung nicht früher entdeckt haben. Ob es einfach nur eine „Verballhornung“ von Sprache ist? Ein Wortspiel, das sich irgendwann verselbständigt hat? Es erinnert stark an so hübsche Ausrufe wie „je höher des fall“, oder „je tiefer desto platsch“, die auch mit radikaler Sprachreduktion arbeiten. Ausserdem denken wir bei dem Satz „als auch schon“ schnell an die qualitativ und quantitativ hochgradig wertvollen Urteile von alten Damen aus dem Ruhrgebiet, die auf die Frage, wie ihnen ihr letzter Urlaubsort gefallen hat, stets die Antwort parat haben: „Da is auch schön!?“, wobei die Stimme am Ende des Satzes leicht fragend und empört angehoben werden muss.

  • Von weitem näher als von schön
  • Auch dieser hübsche Ausdruck würde in die erwähnte Reihe passen. Natürlich ist das hier eine einfache Verdrehung des Satzes: „Von weitem schöner als von nah“, geäussert als höflich verklausulierte Beurteilung der Schönheit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Doch der Witz besteht gerade darin, die Verdrehung und nicht das Original zu äussern. Jetzt müssen wir passen und das Feld den gewieften Schweizer Linguisten und Sprachlehrern überlassen, denn wir „kommen einfach nicht draus“, ob es sich bei „weniger als auch schon“ um einen grammatikalisch und semantisch vollständigen Nebensatz handelt, oder ob es eine neue Entwicklung ist, mit Sprache zu spielen, die sich einfach verselbstständigt hat. Beobachten kann man das bei der häufig geäusserten Floskel „in keinster Weise“. Ursprünglich ein Witz, dann als „Elativ“ vollkommen akzeptiert, wie wir beim werten Kollegen Zwiebelfisch Bastian Sick hier nachlesen dürfen.

    

    6 Responses to “Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon”

    1. Phipu Says:

      Hier noch ein paar interessante Kommentare aus dem Pre-Reload:
      http://www.blogwiese.ch/archives/246

      Es lohnt sich, ganz einfach nach „als auch schon“ zu googeln. Dabei entdeckt man, dass „weniger“ in „keinster“ Weise integraler Bestandteil dieser Formel sein muss.
      Da stösst man z.B. auf „optimistischer …, sauberer …, positiver …, mehr/weniger (igendwas) …, gefragter …, höher …, leichter…, besser …, knapper als auch schon“. Eher umständlich sind die dennoch korrekt angewendeten substantivischen Formeln wie „seinen Stuhl wackliger machen als auch schon, mehr Teilnehmer verzeichnen als auch schon, etwas besser im Griff haben als auch schon, eher ins Bett gehen als auch schon“. Den Rest dürft selber ergoogeln.
      http://www.google.ch/search?hl=de&q=%22als+auch+schon%22&btnG=Suche&meta=cr%3DcountryCH

      Das Mysterium über die Herkunft dieser Wortstellung habe ich jedoch nicht erforschen können. Andererseits bin ich in Grimms Wörterbuch auf eine Verwendung des „schon“ gestossen, die mir bisher besonders Zürichdeutsch schien. Braucht man in irgendeiner Deutschen Region auch heute noch die Fragestellung „schon?“, um seine Verwunderung auszudrücken?

      c) einer aussage gegenüber, die vollendung oder eintritt einer handlung, eines zustandes betrifft, drückt man die verwunderung über die schnelligkeit derselben oft durch ein einfaches fragendes schon? aus KRAMER deutsch – ital. dict. 2 (1702), 639b: Louise. mir wird sehr übel .. Ferdinand. schon? …

    2. solanna Says:

      Hab ich einen Knopf (Knoten) in der Leitung? Mir fällt einfach nicht ein, wie man dieses vielseitige Vergleichskonstrukt „… als auch schon“ wohl in deutscher Standardsprache ersetzt.

      In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass vor allem Leute unter 30 „scho/schoo“ als Überraschungsfeststellung brauchen. Dabei beginnt das o ziemlich hoch und wird im zweiten Teil um etwa eine Quarte gesenkt.
      „Ältere sagen eher überrascht: „Ja?“ mit typischer Fragemelodie.

      [Anmerkung Admin: Versuchs doch mal mit „wie früher“. 🙂 ]

    3. AnFra Says:

      In dem Text des Tages-Anzeigers vom 18.08.2005: „Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher“ liegt m. E. ein sehr starker Hinweis auf den Lösungsansatz von „schon“.

      Dieses „schon“ kommt aus mhd. „schone“, ahd. „scono“ für „schön“ seiend, hatte im 13. JH. die Bedeutung von „geziemend, vollständig, schließlich“. Laut L. Mackensen hatte es Ende des 13. JH. die nun uns hierbei interessierende Bedeutung von „bereits“.

      Wenn man den TA-Text dann etwas umbaut, kann man diese Aussage besser durchleuchten: „Im Jahr zuvor war der Zuwachs größer als der heutige Zuwachs mit gut 1 %. Also war dann der vorletzte, also der letzte vor dem letzten Zuwachs, größer als die heutigen 1 %, der ja schon damals „bereits“ als größerer Wert (z.B. = 1,5 %) bekannt war“.

      Dieses „bereits“ früher gewesene, stattgefundene, seiende, abgelaufene oder bestehende erschließt den nichtalemannischen Deutschsprechenden viele schweizerartige Aussagen.

      Bei den Brüdern Grimm kann man diese Information vorfinden:
      „schon im sinne von ‚bereits‘. …..die v o l l e n d u n g einer handlung, eines zustandes hat früher stattgefunden, als erwartet wurde, erwartet werden sollte oder konnte. …..

    4. nadjag Says:

      @Admin: Der Begriff „früher“ ist nahe dran, aber doch knapp daneben. „als auch schon“ bedeutet nämlich nicht, dass es früher immer besser/weniger/mehr etc. war, sondern, dass es früher schon mal besser/weniger/mehr war, aber nicht immer. Die Redewendung beschreibt somit den Vergleich mit einem früheren Extrema.

    5. Phipu Says:

      Solanna,

      Tröste dich, wir Schweizer haben wohl alle denselben Knüppel (Knoten) in der Leitung. Aber auch die Deutschen stehen noch auf dem Schlauch. Es gibt wohl einfach gar keine kurze, prägnante Lösung, jedenfalls wurde weder 2006 noch heute eine solche vorgeschlagen. Wenn man exakt dasselbe ausdrücken will, muss man auf Standarddeutsch sagen: „… als dies auch schon (mal) der Fall gewesen war“. Nadjag sagt es richtig, „wie früher“ trifft es nicht, da damit die statistischen Schwankungen in der Vergangenheit unterschlagen werden.

      Ein typisches Beispiel wäre: „Heuer hatte es endlich wieder mal mehr Schnee als auch schon.“ Oder sogar mit der bisher unterschlagenen „Wie“-Formulierung: „… endlich wieder so viel Schnee wie auch schon“.

      Das soll eben nicht heissen, dass es in der ganzen Vergangenheit immer wenig Schnee gegeben hatte (das stimmt ja auch nicht; meines Wissens wurden diesen Winter keine Rekorde gebrochen). Es hatte aber mehr Schnee als in einzelnen Wintern der Vergangenheit.

      Vorschläge zu unserer Hochdeutsch-Bereicherung bleiben nach wie vor willkommen.

      An Anfra
      Stimmt, wir brauchen häufiger „bereits“ als andere Deutschsprecher. Aber übertreiben wollen wir ja nicht. Wer nun uns zuliebe sagt: „… weniger als auch bereits“ wird als Anbiederer ertappt.

      Zu siesem Thema verweise ich gerne noch auf andere Artikel der Blogwiese:
      http://www.blogwiese.ch/archives/411
      http://www.blogwiese.ch/archives/423

    6. solanna Says:

      @nadjag Du triffst es genau. „… als auch schon“ enthält viel mehr Optionen und Nuancen als das von Jens vorgeschlagene „wie früher“. Zudem müsste es für einen Vergleich heissen „als früher“.

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