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Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon

  • Neu alte Schweizer Redewendungen
  • Wir lasen im Blick-Online vom 7.4.06

    Die Schweizer „gügeln“ weniger als auch schon

    (Quelle Blick-Online)

    Über das „gügeln“ hatten wir uns gestern geäussert (vgl. Blogwiese), wenden wir uns nun der wunderschönen Formulierung „weniger als auch schon“ zu.

  • Is auch schön!
  • Es handelt sich hier um ein sprachliches Kuriosum der ganz besonderen Art. Die Bestandteile sind reines Schriftdeutsch, allein die Kombination der Wörter gibt uns Rätsel auf. Rätsel, die sich mit den üblichen Nachschlagewerken wie Duden oder Variantenwörterbuch nicht knacken lassen. Leider haben wir unseren wiederaufgelegten Duden-Schweiz (von Kurt Meyer) noch nicht erhalten, obwohl er ab dem 1. April ausgeliefert werden sollte. Vielleicht war es doch nur ein Aprilscherz? Wie schrieb der Leser MaxH noch zum nicht mehr lieferbaren alten Duden-Schweiz:

    Das ist ein echtes Schätzchen… dieser Duden, den gibt es gebraucht bei Amazon uk! Und kostet (ist als “low price” ausgewiesen!) 58,60 PFUND! Für ein Duden Taschenbuch! Ich denke, das Buch gibt es nicht, weil alle Schweizer sich eines in ihr Bankschließfach gelegt haben. Ca. 150% Wertzuwachs in drei bis vier Jahren, das macht kaum eine andere Anlageform! Link zum gebrauchten Duden bei Amazon hier
    (Quelle: Kommentar MaxH)

    Versuchen wir doch einmal, uns dem Satz „weniger als auch schon“ analytisch zu nähern. Das „schon“ am Ende ist der merkwürdige Teil. Vielleicht ist es eine abgekürzte Form von „zu Schonzeiten“ (des zu jagenden Wildes) oder „schon früher Mal“, oder „als auch schon wieder weiss ich nicht, wann das war“. Jedenfalls gibt es 235 Belege für diese Formulierung bei Google-Schweiz.

    Darunter der Tages-Anzeiger:

    Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher.
    (Quelle tagesanzeiger.ch vom 17.8.2005)

    Die Aargauer Zeitung v. 6.12.2005

    Dass Drogen konsumiert werden, wissen wir. Die gefundene Menge ist aber um einiges tiefer als bei der letzten Razzia im April. Ich habe nichts anderes erwartet: Dass Drogen im Umlauf sind, aber weniger als auch schon.
    (Quelle: züristyle.ch)

    Sogar die NZZ, sonst immer vorsichtig bei der Verwendung von Helvetismen:

    40 000 Zuschauer, weniger als auch schon, drohten am Samstag in kollektive Trauer zu versinken, weil Andreas Buder als Siebenter der Beste des ÖSV-Teams war.
    (Quelle: nzz.ch vom 23.01.06)

  • Spielen Schweizer auch mit Sprache?
  • Wir fragen uns langsam, warum wir diese Formulierung nicht früher entdeckt haben. Ob es einfach nur eine „Verballhornung“ von Sprache ist? Ein Wortspiel, das sich irgendwann verselbständigt hat? Es erinnert stark an so hübsche Ausrufe wie „je höher des fall“, oder „je tiefer desto platsch“, die auch mit radikaler Sprachreduktion arbeiten. Ausserdem denken wir bei dem Satz „als auch schon“ schnell an die qualitativ und quantitativ hochgradig wertvollen Urteile von alten Damen aus dem Ruhrgebiet, die auf die Frage, wie ihnen ihr letzter Urlaubsort gefallen hat, stets die Antwort parat haben: „Da is auch schön!?“, wobei die Stimme am Ende des Satzes leicht fragend und empört angehoben werden muss.

  • Von weitem näher als von schön
  • Auch dieser hübsche Ausdruck würde in die erwähnte Reihe passen. Natürlich ist das hier eine einfache Verdrehung des Satzes: „Von weitem schöner als von nah“, geäussert als höflich verklausulierte Beurteilung der Schönheit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Doch der Witz besteht gerade darin, die Verdrehung und nicht das Original zu äussern. Jetzt müssen wir passen und das Feld den gewieften Schweizer Linguisten und Sprachlehrern überlassen, denn wir „kommen einfach nicht draus“, ob es sich bei „weniger als auch schon“ um einen grammatikalisch und semantisch vollständigen Nebensatz handelt, oder ob es eine neue Entwicklung ist, mit Sprache zu spielen, die sich einfach verselbstständigt hat. Beobachten kann man das bei der häufig geäusserten Floskel „in keinster Weise“. Ursprünglich ein Witz, dann als „Elativ“ vollkommen akzeptiert, wie wir beim werten Kollegen Zwiebelfisch Bastian Sick hier nachlesen dürfen.

    

    5 Responses to “Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon”

    1. Christian Says:

      Vielleicht müsste man den p.t. LeserInnen aus Deutschland noch verraten, was dieses ominöse „weniger als auch schon“ überhaupt bedeutet: nämlich ungefähr soviel wie „weniger als üblich/als bei anderer Gelegenheit“.
      Wenn du nach der Herkunft fragst, so deucht mich eine stufenweise Verkürzung aus einem Nebensatz à la „weniger, als (wir das) auch schon einmal (gesehen haben)“ o. ä. am wahrscheinlichsten.
      Übrigens: Die NZZ enthält sehr viel mehr Helvetismen als man denken würde, und zwar nicht nur im Inland- und im Züriteil. Das fängt schon an mit den penetrant-umständlichen Relativsätzen mit dem Relativpronomen „welcher“…

    2. Fiona Says:

      Aus dem Zürichdeutschen Wörterbuch (herausgegeben vom Bund Schwyzertütch, Schweizer Spiegel Verlag, Zürich 1961) S. 15:

      au, ä
      1. auch. S isch nüme wie au scho : Es ist nicht mehr wie früher.

      2. wohl. Isch es ämel au waar? : Ist es wohl wahr?

      3. halt, eben. Er wiirt au ha müese: Er musste eben.

      4. Ausdruck des Erstaunens, der Ungeduld.
      Säg men au! Ja wool au! Näi au! Chum au emaal (endlich)!
      Nu au! (hör auf)

      P.S. In gleicher Ausstattung erschienen
      – Luzerndeutsche Grammatik
      – Grammatik und Wörterverzeichnis der Mundarten von Zug und Umgebung

      Jedem Kanton ein eigener Band! Kaum zu fassen.

      P.S. Nebenbei, incidentally:
      Auch die Schotten haben ihre Mundart behalten (können). Ich war einmal Uni Cambridge Examiner in der Deutschschweiz und einmal kam (zur Oral Exam) ein junger D-Schweizer der englisch mit sehr starkem schottischem Akzent sprach. Ich war neugierig. Weiter auf E – I asked him „Where did you learn your English?“ He said he’d gone to Edinburgh on vacation, liked it there, met two lassies (girls) in a pub and had a wee (little) chat with them, said he’d like to stay longer in Edinburgh. They invited him to share their apartment and they found a job for for him (in a resto). So I said (to test his Scottish Mundart) „What’s the Scottish word for trousers?“. He replied immediately & correctly „Breeks“.

      Fiona

    3. peter Says:

      „weniger als auch schon“ (es gibt übrigens auch die Varianten „mehr als auch schon“, „besser als auch schon“, „schlechter als auch schon“ etc.) ist in keinster Weise eine Sprachspielerei – sondern wirklich nur ein (grammatikalisch vermutlich etwas verkürzter) Vergleich mit einer früher schon mal eingetretenene Situation.

    4. Phipu Says:

      Ergänzend zu Peter:
      Auf Google.de (Seiten aus Deutschland) habe ich Hinweise zu

      – besser als auch schon
      http://www.google.de/search?hl=de&q=%22besser+als+auch+schon%22&meta=cr%3DcountryDE

      – mehr als auch schon
      http://www.google.de/search?hl=de&q=%22mehr+als+auch+schon%22&btnG=Suche&meta=cr%3DcountryDE

      gefunden. Die Bedeutung ist zwar durch die Interpunktion nicht in jedem Beispiel die gewünschte. Dennoch scheint es auch in Deutschland oder Österreich bekannt sein.

    5. Cello Says:

      Und um noch ein einfaches Beispiel anzufügen

      Seit einigen Jahren besuche ich mit Anna die Konzerte von Eros Ramazotti , dieses Jahr ging ich alleine hin. Eine Woche nach dem Konzert traf ich
      Anna:

      Anna: „Hey ischs Konzärt abgangä und häts vill Lüüt gha?“ (Wie war das Konzert? Hatte es viele Leute?)

      Ich: „Weniger als au scho…(-> nicht so viele wie wir es gewohnt sind…) aber s’Konzert isch besser gsi als au scho“ (Aber das Konzert war besser als in den vergangenen Jahren)

      LG Cello

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