Im Kino schön die Klappe halten — Über den Frust einer Deutschen Kinogängerin in der Schweiz

Januar 11th, 2008
  • Frust im Kino
  • Wir bekamen Post von einer frustrierten Deutschen, die so ihre ganz eigenen Beobachtungen und Regeln beim Kinobesuch in der Schweiz aufstellte:

    Nun war ich mit Schweizern im Kino und habe nach meinen Erlebnissen folgende Regeln aufgestellt (bisschen sarkastisch, ihr versteht schon).

    REGELN FÜR EINEN KINOBESUCH IN DER SCHWEIZ (für deutsche und ähnliche Ausländer)
    Während des Films: kein offenes, und vor allem: kein lautes Lachen
    Kein Klatschen bei Szenen der Zustimmung
    Kein Teilen von Popcorn, Chips und Prosecco mit anderen Nebensitzern
    Kein Applaus bei Ende des Films, wenn‘s gefallen hat
    Kein anschliessender persönlicher Dank an die Kinobetreiber
    wenn man sich an diese Regeln hält, kann man in Schweizerischem Wohlverhalten einen Kinobesuch wagen.
    es ist ganz einfach: man muss nur so tun, als sei man eigentlich gar nicht vorhanden. sozusagen: ein Schatten seiner selbst sein.
    dann könnte es gehen …
    (schade um das, was möglich wäre.)
    (Quelle: Private Elektropost)

  • Chips mit Prosecco
  • Nun, wir wissen nicht in welche traurige Tropfsteinhöhle es unsere Deutsche Freundin hier verschlagen hat. Welch spiessiges Arthouse-Ambiente mit einem Japanischen Film in Originalfassung, natürlich nur mit russischen Untertiteln. Wir wissen auch nicht, wie Popcorn (süsses?) und Chips (ohne Zweifel die von Zweifel?) und Prosecco (ist das ne neue Champus-Marke?) zusammen schmecken. Popcorn und Chips machen Krach, und je mehr Leute die gleichzeitig mampfen, desto mehr Krach macht das. Ich habe einmal in einer Filmvorführung in Madrid kein Wort vom Ton des Filmes verstanden, bis nach 20 Minuten der gröbste Hunger im Publikum gestillt war und das allgemeine Gekrache beim Kauen und Popcorn (raschel-raschel) Nachfassen sich gelegt hatte.

  • Dank an den Kino-Inhaber
  • In unserem Bülacher Lieblings-Vorstadtkino ABC und Bambi darf man sich sehr wohl mit Handschlag beim Kinobesitzer für die gute Technik und das nette Ambiente bedanken. Der heisst Stephan und steht an der Tür, um jeden Besucher persönlich zu verabschieden. Wie am Sonntag am Ausgang der Kirchen beim Pfarrer aus Deutschland. Man darf sogar wiederkommen. Wer gern klatscht um seinen Beifall zu bekunden, dem lege ich einen Besuch im Theater nahe, z. B. im grandiosen Zürcher Schauspielhaus oder im Schiffbau, unweit der grossen Kinos an der Hardbrücke. Dort darf man sogar mit den Füssen trampeln, wenn es einem gefallen hat, oder Blumen auf die Bühne werfen, laut „Bravo“ rufen und dabei in glückliche, entspannte Gesichter der fleissig agierenden Stars auf der Bühne blicken.

  • Am lauten Lachen sollt ihr sie erkennen
  • Das mit dem lauten Lachen im Kino, das ist allerdings praktisch in der Schweiz, weil man daran unschwer Deutsche Landsleute erkennt, mit denen man nach der Vorstellung noch gemütlich in der nächsten Eckkneipe über den Film klönen kann. Aber auch hier gibt es ein Zuviel, dass den Spass am Film trüben kann. Als die Klamotte „Männer“ von Doris Dörrie im Kino lief, gingen viele Menschen mehrmals in den Film, und lachten dann in der Folge an den besten Stellen im Voraus so laut, dass man als Neuling keine Chance mehr hatte, überhaupt die Witze zu hören. Aber lustig war es auf jeden Fall.

    Ich ziehe, ich zog, ich bin überzogen — Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene

    Januar 10th, 2008
  • Die Eurovision ist ein Schweizerprodukt
  • Neulich war wieder der Gottschalk im Deutschen Fernsehen, bzw. auf „Eurovision“ zu sehen.

    Falls Sie es verpasst haben, hier das absolute Highlight aus der letzten Sendung. Ein österreichischer Kandidat aus der Schweiz pustet Kerzen aus. Gottschalk treibt ihn an, bis er „immer mit der Ruhe“ entgegnet:

    (Quelle: Wetten Dass am 8.12.07, Kerzenauspust-Wette: „Norbert Lienhart aus Lengau in der wunderschönen Schweiz wettet, dass er aus drei Metern Entfernung mit einem Christbaumständer 14 Kerzen ausblasen kann.“
    Millionen schauen zu, wie 3 Minuten nichts passiert, ausser das ein bisschen – nicht mal heisse – Luft verpustet wird. Genial. Und wieder wissen wir, warum wir unser TV-Gerät verschenkt haben.

  • Geburtsort der Eurovision
  • Das ist die „Vision von Euroland“, da macht die Schweiz fleissig mit. Ganz visionär, und das Deutsche Fernsehen ist bei diesen Events fest im Blick, bzw. gelegentlich auch zu Gast im eigenen Land. Schliesslich wurde „Eurovision“ 1954 in Genf gegründet, ist damit quasi ein Schweizerprodukt, weil 100% in der Schweiz erzeugt. Damals dachte man noch lange nicht an die Einführung des Euros und an Visionen von Europa.

  • Sind sie auch überzogen?
  • Der liebe Thomas Gottschalk hat bei „Wetten dass…“ Mühe, die geplante Sendezeit einzuhalten, und so überzieht er manches mal, bis zu 40 Minuten wurde schon „überzogen“. Aber das ist für Schweizer kein ungewöhnlicher Zustand, denn neulich belauschte ich zwei S-Bahn Pendler im Gespräch, und so erfuhr ich, wovon der eine Fahrgast völlig „überzogen“ war. Jedenfalls nicht von „Wetten Dass…“

    Schon wieder was gelernt, diesmal eine interessante Variante des Partizips von „überzeugen“: Ich überzeuge, ich überzog, ich habe /bin überzogen. Sonst war uns das nur vom Girokonto bekannt. Obwohl, so einfach kann das in der Schweiz gar nicht überzogen werden, denn anders als in Deutschland werden sie nur mit grosser Mühe oder fetten Geldreserven beim privaten Geldinstitut einen nennenswerten Überziehungskredit bekommen. Es sei denn, Sie besorgen sich eine CoopSupercard oder die MigrosCard. Bei diesen Instituten ist man davon überzogen, dass ihre Kundenkreditkarte ruhig auch überzogen sein darf.

  • Verzogen oder gezügelt?
  • „Verzogen“ sind in der Schweiz, wenn überhaupt, nur ganz selten ein paar Kinder, niemals deren Eltern, denn die „haben gezügelt“, somit sind sie danach „gezügelt“, was an schwarze Lederklamotten incl. Peitsche und Zügel denken lässt.

    Immerhin fanden sich 153 Belegstellen bei Google-CH für „ich bin überzogen“ gegenüber nur vier Stellen bei Google-DE. Das hat uns völlig überzogen.

    Wir gehen auf Deutschland – Oder doch lieber „auf Schalke“?

    Januar 9th, 2008
  • Auf Deutschland gehen
  • In der Maturitätsarbeit von Philipp M. und Verena F. fand sich der Satz:

    “…genauso gehen auch Schweizer auf Deutschland um zu arbeiten.”

    Dazu schrieb der Blogwiese-Leser Daniel:

    Dieses “auf Deutschland gehen” kommt noch ein zweites Mal vor. Das ist natürlich ver-hochdeutsch-te Mundart, aber keinesfalls Deutsch, repräsentiert aber sehr gut, welche Schwierigkeiten wir Schweizer manchmal mit der hochdeutschen Sprache haben und dass wir sie regelrecht als Fremdsprache ansehen.
    (Quelle: Kommentar zur Blogwiese)

  • Auf Schalke und auffem dritten Stock
  • Lieber Daniel, ich kann Dich beruhigen. Es ist Deutsch, auch wenn es vielleicht nicht im Duden für „Richtiges Deutsch“ zu finden ist. In meiner Heimat, dem Ruhrgebiet, geht man ständig „auf“ irgendetwas. Nicht nur „auf’s Land“. Man besucht die „Oma auffe Grenzstrasse“, geht sogar hoch zu ihr bis „auffem dritten Stock“. Und zum Fussball geht man „auf Schalke“. Kein Wunder, ist doch dieses „auf“ für die ehemaligen Bergleute im Kohlenpott ein Zeichen des Überlebens. „Glück auf“ heisst der Gruss der Bergleute, womit angedeutet ist, dass die Ungewissheit, es nach der täglichen Arbeit in mehr als 1‘000 Meter Tiefe wieder nach oben an die Erdoberfläche zu schaffen, immer mit einem Restrisiko behaftet bleibt. „Habe Glück und fahre wieder auf“, nach oben.

    Fahrstuhl und nicht Aufzug

  • Aufzug vs. Auffahrt
  • Dennoch heisst „Himmelfahrt“ nicht „Auffahrt“ in Nord-Westdeutschland. Die Französische Version „Ascension“ darf auch nicht mit dem „Ascenseur“ verwechselt werden, dem Aufzug. Ein solcher Aufzug schaffte es sogar in den Debut-Film von Lois Malle, einen französischen Kriminalfilm-Klassikers aus dem Jahr 1958 klassischen Krimis: Ascenseur pour l’échafaud oder zu Deutsch „Fahrstuhl zum Schafott“. Tödlich war dieses nächtliche Steckenbleiben nach einem Mord allemal, also quasi doch ein „Himmelfahrtskommando“ .

    Die Grenze des Erträglichen — Wieviel Deutsche erträgt die Uni Zürich?

    Januar 8th, 2008
  • Furcht vor „Germanisierung“
  • Unter diesem Aufmacher brachte die Süddeutsche am 28.12.07 einen Artikel über die Deutschen in der Schweiz:

    Schweizer beklagen die Welle deutscher Einwanderer. Nach Ärzten und Managern stehen jetzt die deutschen Wissenschaftler in der öffentlichen Kritik: Vielen Schweizern sind sie zu dominant.
    (Quelle für dieses und alle folgenen Zitate: Sueddeutsche.de)

    Der Autor Gerd Zitzelsberger reagiert damit auf die Berichterstattung des Tages-Anzeigers kurz vor Weihnachten:

    25 Schweizer, 24 Deutsche
    Auslöser der jüngsten Diskussion sind Entscheidungen der Universität Zürich. Kurz vor Weihnachten hat sie acht neue Professoren berufen. In allen acht Fällen kamen deutsche Bewerber zum Zuge. Im Jahr 2007 hat die Universität 57 Professoren-Stellen neu besetzt. Bei 25 Auswahlverfahren kamen Schweizer zum Zuge, in 24 Fällen Deutsche, und acht Stellen wurden mit Ausländern aus anderen Staaten besetzt. Jeder dritte Hochschullehrer an der Uni Zürich stammt mittlerweile aus „dem großen Kanton im Norden“, wie die Schweizer Deutschland ironisch titulieren.

    Die Ironie muss erklärt werden. Dass Schweizer einfach so Ironie verwenden, wenn sie über Deutschland sprechen, erwartet dort tatsächlich niemand.

    Ausgangspunkt der Diskussion war ein Interview mit Stefan Fischer, dem Präsidenten des Studentenrates der Uni Zürich:
    Wir erreichen – zumindest in einzelnen Fächern und Instituten – die Grenze des Erträglichen„. An manchen Instituten werde praktisch nur noch hochdeutsch gesprochen. Die Studenten fühlten sich arrogant behandelt und es sei frustrierend, wenn die Professoren kein Schwyzerdütsch verstünden oder verstehen wollten.

    Im ursprünglichen Interview konnte Stefan Fischer noch so oft betonen, dass der Studentenrat grundsätzlich migrationsfreundlich und weltoffen eingestellt sei, und dass die meisten Deutschen sich wunderbar anpassen in Zürich. Das Zitat von der „Grenze des Erträglichen“ wurde dennoch mehrfach wiederholt.

    Wurde im Januar noch vom BLICK gefragt „Wieviele Deutsche verträgt die Schweiz“, sind sie nun nicht mehr „erträglich“, obwohl sie fleissig am Ertrag und Bruttosozialprodukt des Landes Anteil haben. Gerd Zitzelsberger bringt noch ein weiteres Beispiel aus Bern:

    Umgekehrt klagen auch die Deutschen in der Schweiz mittlerweile über ein ruppiges Klima und Schwierigkeiten, private Kontakte zu finden. Die Ärztin Bettina Wild etwa beschwerte sich per Leserbrief, dass die Uniklinik Bern ihre Stellenverlängerung abgelehnt habe, weil sie eine „dütsche Frau“ sei. Sie habe bereits auf verschiedenen Kontinenten gearbeitet und sich überall willkommen gefühlt, nur in der Schweiz nicht.

    Kann man nur hoffen, dass die Uniklinik Bern aus dem reichhaltigen Angebot von Schweizer Bewerbungen eine passende neue Ärztin gefunden hat, die keine „dütsche Frau“ sei. Soll zur Zeit immer noch ziemlich schwierig sein.

    Interessant an der ganze Debatte der „Erträglichkeit“ von Deutschen finden wir, dass sie gleich postwendend in Deutschland sprich in einer grossen Deutschen Tageszeitung reflektiert wurde. Aufhalten wird es den Zustrom aus dem Nachbarland kaum. Der Akademikernachwuchs geht dorthin, wo er die besten Konditionen findet. Das ist für Deutsche auf dem Weg in die Schweiz nicht anders wie für Schweizer, die sich an einer Hochschule in Deutschland bewerben. Vielleicht sollten sie zuvor ein Seminar für Verkaufstraining besuchen, um besonders erfolgreiches „self-marketing“ zu betreiben, denn auch dieses Argument wurde erneut zitiert. So stand in einem Leserbrief:

    Die Deutschen könnten sich einfach nur „besser verkaufen“. Schweizer Nachwuchswissenschaftlern werde „aus fadenscheinigen Gründen die Professur verweigert“, behauptete einer.

    Klar, die eidgenössischen Hochschullehrer, die in der Auswahlkommission sitzen, sind eben leicht zu blenden und mit ein bisschen hochdeutscher Rhetorik sofort über den Tisch gezogen:

    Offizielle Stellen betonen zwar, dass es geradezu ein Qualitätsmerkmal sei, wenn eine Universität ausländische Akademiker anziehe, und dass man keinesfalls Ausländerquoten einführen wolle. „Für uns steht die Qualität der Lehre und Forschung im Vordergrund, nicht die Nationalität der Professoren“, betonte etwa Kurt Reimann, der Generalsekretär der Universität Zürich.

    Vielleicht ist „Qualität“ gar nicht mehr so gewünscht, wenn sie nicht „Swiss Quality“ ist, und vielleicht ist heute „Swissness“ viel angesagter? Wo hatte ich noch gleich den Bauplan für die Zugbrücken hingelegt?

    Blocher plays the guitar — Neue Töne in der Opposition

    Januar 7th, 2008
  • Huckabee war Vorbild
  • Der Republikaner Mike Huckabee gewann letzte Woche die Vorwahlen in Iowa. Er überzeugte seine Wähler unter anderem durch Live-Auftritte an der Bassgitarre. Musik eröffnet einfach ein ganz anderes Publikum, muss sich der Schweizer Politiker Christoph Blocher gesagt haben und begann Western-Gitarre zu spielen, wie dieses Foto belegt:

    Blocher spielt Gitarre
    (Quelle Foto: Doris Fanconi im Tages-Anzeiger vom 5.01.08, S. 11)

    Auf das erste Album sind wir gespannt! Um nicht gleich mit seinem bekannten Namen erkannt zu werden und nur über die Musik seine Botschaft zu verbreiten, legte sich Blocher den Künstlernamen „Toni Vescoli“ zu, wie im Tages-Anzeiger vom 5.1.08 zu lesen war.