Kämpfen nach Strich und Faden — Was ist ein „Strichkampf“?

Januar 18th, 2008
  • Kämpfen auf dem Strich?
  • Uns wurden wichtige Informationen aus dem Schweizer „Iiis-hockey“ zugespielt, dort geht es ab nach Strich und Faden:
    So auf 20Min:
    Strichkampf
    (Foto: Strichkampf 20Min)

    und auf den nachrichten.ch:

    Strichkampf nachrichten.ch
    (Foto Nachrichten.ch )

    einen Stichkampf kannten wir, aber was ist ein „Strichkampf“? Ein Schreiber mit Krampf im Strich?

    Auch beim Fussball auf FCKickers.ch wird der Strichkampf durchgeführt:

    Strichkampf FCKickers.ch
    (Foto Fckickers.ch)

  • Der Duden kennt nur den Stichkampf
  • Mein Duden weigert sich standhaft, den Strichkampf zu akzeptieren und beharrt stets auf „Stichkampf“. Ist es wirklich ein Schreibfehler, der sich verselbständigt hat? Ein „r“, was aus dem „Krampf“ nach vorn wanderte im Wort zum „Strich-kampf“?
    Das Wörterbuch der Uni-Leipzig weiss besser Bescheid, es liefert zwei Belegstellen und weisst darauf hin, dass das Wort „schweizerisch“ ist:

    Wort: Strichkampf
    Beispiel(e):
    Im Golf nennen sie es Cut, in der Schweiz „Strichkampf“ – nur in Deutschland fehlt ein griffiges Wort.
    (Quelle: fr-aktuell.de vom 04.03.2005)
    Prompt liegen die Nerven blank, der Strichkampf forderte sein erstes Opfer: Am Mittwochabend haben die Hamburger ihren kanadischen Trainer Dave King beurlaubt, der noch im Vorjahres-Halbfinale nur knapp am späteren Meister Frankfurt gescheitert war. (Quelle: fr-aktuell.de vom 04.03.2005)
    (Quelle: wortschatz.uni-leipzig.de)

    Viel weiter bringen uns diese Zitate jedoch nicht, also wird der freundliche Schweizer Nachbar in der S-Bahn um Rat gefragt. Das sei ein Wort für den „Abstiegskampf“ in einer Liga, wenn irgendwo im unteren Bereich ein Strich gezogen wird, und jede Mannschaft, die in der Tabelle „unter dem Strich“ liegt, fliegt raus. Auch gäbe es einen weiteren Strich an der Tabellenspitze. Wer über diesem Strich liegt, darf am Ende der Saison in der Championsleague mitspielen.

    Nun, sehr genau war die Erklärung noch nicht. Und warum gibt es das Wort in Deutschland nicht? Weil „Abstiegskampf“ genauso beeindruckend klingt? Wir werden gleich einen Brief an die Duden-Redaktion aufsetzen mit der Bitte, dieses Wort mit genauer Erklärung und ohne Zusatz „Schweizerisch“ ins Wörterbuch aufzunehmen.

    Blogwiese auf NZZVotum

    Januar 17th, 2008
  • Hubschrauber und Krankenhäuser, wir kommen
  • Als Gastblogger wurde ich gebeten, in den nächsten zwei Wochen auf der Plattform NZZVotum über die Situation der Deutschen in der Schweiz zu bloggen. Nicht täglich, aber am Donnerstag (heute), Samstag und Dienstag. Darum heute nur dieser Hinweis auf das NZZVotum. Alle Blogwiese-Leserinnen und Leser sind herzlich eingeladen, dort mitzulesen und zu kommentieren. Lasst es krachen! „Für einmal“ muss ich die Kommentare nicht selbst freischalten.

  • Mit der Strassenbahn zur Bücherei
  • Besondere Freude wird es mir machen, die vielen auf der NZZ verbotenen Wörter wie „Krankenhaus„, „Hubschrauber“ oder „Bücherei“ dezent dort fallen zu lassen. Natürlich nur, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Gern auch mal eine „Strassenbahn„. Die Blogwiese läuft natürlich weiter, wahrscheinlich aber mehr aus Reload.
    Blogwiese auf NZZVotum
    (Quelle Foto: NZZVotum)

  • Harte Konkurrenz
  • Die Blogger-Konkurrenz dort ist übrigens knallhart. Parallel wird auf den anderen Gäste-Blogs über das Thema „Unternehmensteuerreform II“ und über das „Zürcher Polizeigesetz“ (Abstimmung am 24.02.08) gestritten. Also werden wir uns sehr ins Zeug legen müssen, um da mithalten zu können.

    Le canton de Zurich est le canton des cons — Marie-Thérèse Porchet erklärt die Schweiz

    Januar 16th, 2008
  • Marie-Thérèse Porchet über die Schweiz
  • Dieser kleine kulturelle Beitrag ist leider nur auf Französisch verfügbar. Die Westschweizerin Marie-Thérèse Porchet erklärt uns darin „Une leçon de géographie de la Suisse„. Auch wer kein Französisch versteht, wird die wesentlichen Jokes verstehen, die in der Westschweiz übrigens „les witz“ genannt werden. Ebenfalls in der Romandie bekannt und in Gebrauch ist das Wort „putzen„, geschrieben „poutzer„.

  • La région des cons
  • Besonders hübsch finde ich die Erklärung, warum rund um Zürich die Heimat aller geistig unterbelichteten Schweizer sein muss. Man hört es schon an den Ortsnamen. „Un con“ heisst auf Deutsch „ein Dummkopf, ein Idiot„. Genüsslich liest Marie-Thérèse dann vor: „Pfaffikon, Effretikon, Dietikon, Dietlikon, Zollikon…. ja, die sind zahlreich in der Gegend um Zürich.“


    Marie-Thérèse Porchet – La Leçon de Géographie (SOLEIL)

    Gespielt wird Marie-Thérèse vom genialen Schweizer Kabarettisten Joseph Gorgoni :

    Marie-Thérèse ist eine Frau in den fünfziger Jahren die in Gland, Kanton Waadt, Schweiz lebt. Sie telefoniert häufig mit ihrer Freundin Jaqueline, hat einen Hund namens Bijou und einen homosexuellen Sohn mit Namen „Christian-Christophe“. Er hat ein Freund mit dem Namen „Quentin“. Sie ist eine Verkäuferin für Tupperware und war in einer Sekte „Les amis du Soleil“ (Auf Deutsch: Die Freunde der Sonne). Porchet war liiert mit einem Basler-Läckerli-Verkäufer „Rüdi“.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wer noch nicht genug hat von der genialen Marie-Thérèse, hier noch ein Nachschlag: La Séance Tupperware

    Zaubern auf Hochdeutsch — Ein Kindergarten in Winterthur macht es vor

    Januar 15th, 2008
  • Hochdeutsch auch in Winterthur
  • Der Sprachkreis Deutsch setzt sich ein für

    Für die Erhaltung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Europas.
    Für die Landessprachen der Schweiz.
    Für gutes Deutsch und weniger Anglizismen.
    (Quelle: Sprachkreis Deutsch)

    In seiner aktuellen Mitteilung wird dort ein gekürzter Artikel der NZZ vom 12.01.2008 wiedergegeben:

    Sprachförderung mit allen Mitteln — Auf Hochdeutsch setzen
    Im Kindergarten Steig in Winterthur Töss ist gerade noch eines von 28 Kindern deutscher Muttersprache. Die Kindergärtnerinnen unterstützen deshalb die Sprachentwicklung in ihren Klassen seit Jahren systematisch und setzen jetzt auch Computer ein. Die gemeinsame Sprache im Kindergarten Steig wäre eigentlich Albanisch, denn 17 der 28 Kinder wachsen zu Hause damit auf. Im Kindergarten reden sie aber hochdeutsch, fliessend und unverkrampft. Mit kunterbunten Kärtchen und Versen gewinnt (die) Kindergärtnerin [ … ] spielend das Interesse der Gruppe. Dass [ … ] Mundart flüsternde Fachleute und Journalisten um sie herumstehen, kümmert sie nicht; mit der bei Kindern üblichen Leichtigkeit finden sie sofort zu grösster Konzentration. Dass man auf Hochdeutsch sogar zaubern kann, begeistert sie besonders.Am Rande fällt auf, dass die Kindergärtler […] diskrete Anweisungen in Hochsprache problemlos verstehen.

    Die Hochsprache wird im Kindergarten Steig bewusst vorgezogen, um damit Integration und späteren Schulerfolg zu fördern. Die Methoden sind vielfältig, auf dem Fensterbrett stehen zwei Computer zur Anwendung pädagogisch erprobter Sprachlernprogramme. Die Geräte dienen hier wie Bücher oder Farbstifte als Hilfsmittel und sollen nicht im Mittelpunkt stehen. Ihre Nutzung ist auf 10 Minuten pro Kind und Tag beschränkt. […]
    (Quelle: Neue Zürcher Zeitung 12.08.07, zitiert nach SKD)

    Spontan fällt uns bei diesen Sprachprogrammen das Lernprogramm eines Schweizer Primarlehrers ein, das unser Kind in der 4. Klasse durcharbeiten musste. Stets blieb sie bei der Frage nach dem korrekten Artikel für „Foto“ hängen. „Das Foto“ wurde nicht akzeptiert von dem Programm, „Die Foto“ war die korrekte Form (im Duden ist beides verzeichnet, „die Foto“ ist die schweizerische Variante). Der erwähnte Lehrer sprach grundsätzlich nur Schweizerdeutsch mit den Kindern in der dritten Klasse, egal aus welchem Land sie kamen. Auch mit den Eltern.

  • Standarddeutsch sprechen auch in der Primarschule
  • Wir hatten bereits am 13.10.06 über einen Kindergarten in Schlieren berichtet, in dem auch Hochdeutsch als „Beziehungssprache“ eingesetzt wird. Doch was tun mit all den Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr in den Kindergarten gehen und die permanent eingeschärft bekommen, wie sich richtiges „Schweizerhochdeutsch“ zu intonieren haben? Erst kürzlich erzählte mir eine Deutsch-Schweizerin, die als halbe Deutsche sowohl in Thalwil als auch in Deutschland aufwuchs, wie sie in der Primarschule zusätzlich zum gewohnten Standarddeutsch, das sie mit ihren Eltern sprach, noch die Schweizer Intonation lernte, um nicht aufzufallen. Erst auf der weiterführenden Kantonsschule habe sie dann stets Standardsprache gesprochen, mit deutscher Betonung, und fiel damit immer noch negativ auf, aber da war es ihr dann egal.

    Abrotzen ganz ohne Schleim — Schweizerdeutsch für Unerschrockene

    Januar 14th, 2008
  • Schnodder an der Nase
  • Wenn das Kind mit einer Rotznase durch die Gegend läuft, wird es von der Mutter herbeigerufen, sie drückt ihm ein Papiertaschentuch, das in der Schweiz immer „Kleenex“ und in Deutschland immer „Tempo“ heisst, an die Nase und gibt den Befehl: „Einmal kräftig abrotzen“!
    Rotz, das ist etwas, was wir hier nicht näher beschreiben möchten.

    So schreibt unser Lieblingskabarettist Frank Baumann, sonst begnadeter „Tätschmeister“ der Schweizer Version von „Genial Daneben“, seit kurzem für die humorige Kolumne „Schlagseite“ im Tages-Anzeiger auf Seite 3 zuständig, am 11.01.08

    Ruedi Muggli hat in Aussicht gestellt, dass er seine Weihnachtsbeleuchtung am Wochenende nun doch abrotzen werde.

    Wer Ruedi Muggli ist, wissen wir nicht. Bei Google-CH finden sich 154 Beweise seiner Existenz, die sich laut Schweizer Telefonbuch auf mindestens 18 Namensträger verteilen. Ein bekannter Mensch also. Bekannter als Frank Baumann, den man nur 13fach im Telefonbuch der Schweiz findet.

    Mein Duden reagiert auf die Frage nach „abrotzen“ eher verschnupft mit der Rückfrage: „Meinten Sie vielleicht eher die ‚Abruzzen‘ oder ‚abprotzen‘?“ Unter der italienischen Gebirgsregion „Abruzzen“ konnte ich mir noch was vorstellen, aber dass das protzige „abprotzen“ so im Duden steht:

    „abprotzen (Milit.; derb auch für seine Notdurft verrichten)

    war mir neu. Leider nicht beim Militär gewesen und die Not gedurft. Immerhin kennt der Duden den „Rotz“, und weiss noch ein paar appetitlich klingende Varianten dazu:

    Rotz
    1. [Nasen]schleim; (ugs.) Popel; (derb): Schnodder; (nordd.): Kodder; (nordd. salopp abwertend): Qualster; (landsch.): Schnuddel; (landsch. derb): Aule, Rotze; (Fachspr.): Abscheidung; (Med.): Auswurf, Expektoration, Nasensekret, Sputum; (Med., Biol.): Sekret.

    Hat es etwas zu bedeuten, dass die meisten der Varianten aus dem Norddeutschen stammen? Läuft da die Nase etwas häufiger oder hässlicher?

    „Abrotzen“ findet sich hingegen in der Schweiz auch im hochpolitischen Umfeld. So fanden wir ein Zitat in der Weltwoche.

    Erst Samuel Schmid hat den Befehl gegeben: «Abrotzen
    (Quelle: Weltwoche.ch)

    Auch die 54 anderen Fundstellen bei Google-CH haben nichts mit Schnodder zu tun. Beispiel:

    Am Riemen nehmen müssten sich da die US-Amerikaner. Heulen rum wegen ein paar Irren, die ihre fetten Kinder abrotzen, aber tun politisch einen Dreck dagegen.
    (Quelle: zorg.ch)

    Unser Lieblingswörterbuch von Grimm kennt nur „abprotzen“, allerdings in einer anderen Bedeutung als die im Duden verzeichnet ist:

    ABPROTZEN, franz. démonter, ein geschütz vom protzwagen heben, gegensatz von aufprotzen: das stück ist abgeprotzt, demontiert.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Wäre es möglich, dass das Schweizerische „abrotzen“ ohne „p“ doch vom „abprotzen“ stammt? Man hat vielleicht einfach nur, Schweizerisch bescheiden, dem „Protz“ das „p“ entfernt, um es weniger prahlerisch und protzig erscheine zu lassen. Oder ist es eine dieser erhaltenswerten starken Nebenform vom Verb „abreissen“, die sich hinter „abrotzen“ versteckt? Nun denn, das Wort gehört in unseren Duden und in Zukunft wird in unserem Hause nichts mehr demontiert, nur noch abgerotzt. Auch ohne Tempo-Taschentuch.