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Abrotzen ganz ohne Schleim — Schweizerdeutsch für Unerschrockene

  • Schnodder an der Nase
  • Wenn das Kind mit einer Rotznase durch die Gegend läuft, wird es von der Mutter herbeigerufen, sie drückt ihm ein Papiertaschentuch, das in der Schweiz immer „Kleenex“ und in Deutschland immer „Tempo“ heisst, an die Nase und gibt den Befehl: „Einmal kräftig abrotzen“!
    Rotz, das ist etwas, was wir hier nicht näher beschreiben möchten.

    So schreibt unser Lieblingskabarettist Frank Baumann, sonst begnadeter „Tätschmeister“ der Schweizer Version von „Genial Daneben“, seit kurzem für die humorige Kolumne „Schlagseite“ im Tages-Anzeiger auf Seite 3 zuständig, am 11.01.08

    Ruedi Muggli hat in Aussicht gestellt, dass er seine Weihnachtsbeleuchtung am Wochenende nun doch abrotzen werde.

    Wer Ruedi Muggli ist, wissen wir nicht. Bei Google-CH finden sich 154 Beweise seiner Existenz, die sich laut Schweizer Telefonbuch auf mindestens 18 Namensträger verteilen. Ein bekannter Mensch also. Bekannter als Frank Baumann, den man nur 13fach im Telefonbuch der Schweiz findet.

    Mein Duden reagiert auf die Frage nach „abrotzen“ eher verschnupft mit der Rückfrage: „Meinten Sie vielleicht eher die ‚Abruzzen‘ oder ‚abprotzen‘?“ Unter der italienischen Gebirgsregion „Abruzzen“ konnte ich mir noch was vorstellen, aber dass das protzige „abprotzen“ so im Duden steht:

    „abprotzen (Milit.; derb auch für seine Notdurft verrichten)

    war mir neu. Leider nicht beim Militär gewesen und die Not gedurft. Immerhin kennt der Duden den „Rotz“, und weiss noch ein paar appetitlich klingende Varianten dazu:

    Rotz
    1. [Nasen]schleim; (ugs.) Popel; (derb): Schnodder; (nordd.): Kodder; (nordd. salopp abwertend): Qualster; (landsch.): Schnuddel; (landsch. derb): Aule, Rotze; (Fachspr.): Abscheidung; (Med.): Auswurf, Expektoration, Nasensekret, Sputum; (Med., Biol.): Sekret.

    Hat es etwas zu bedeuten, dass die meisten der Varianten aus dem Norddeutschen stammen? Läuft da die Nase etwas häufiger oder hässlicher?

    „Abrotzen“ findet sich hingegen in der Schweiz auch im hochpolitischen Umfeld. So fanden wir ein Zitat in der Weltwoche.

    Erst Samuel Schmid hat den Befehl gegeben: «Abrotzen
    (Quelle: Weltwoche.ch)

    Auch die 54 anderen Fundstellen bei Google-CH haben nichts mit Schnodder zu tun. Beispiel:

    Am Riemen nehmen müssten sich da die US-Amerikaner. Heulen rum wegen ein paar Irren, die ihre fetten Kinder abrotzen, aber tun politisch einen Dreck dagegen.
    (Quelle: zorg.ch)

    Unser Lieblingswörterbuch von Grimm kennt nur „abprotzen“, allerdings in einer anderen Bedeutung als die im Duden verzeichnet ist:

    ABPROTZEN, franz. démonter, ein geschütz vom protzwagen heben, gegensatz von aufprotzen: das stück ist abgeprotzt, demontiert.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Wäre es möglich, dass das Schweizerische „abrotzen“ ohne „p“ doch vom „abprotzen“ stammt? Man hat vielleicht einfach nur, Schweizerisch bescheiden, dem „Protz“ das „p“ entfernt, um es weniger prahlerisch und protzig erscheine zu lassen. Oder ist es eine dieser erhaltenswerten starken Nebenform vom Verb „abreissen“, die sich hinter „abrotzen“ versteckt? Nun denn, das Wort gehört in unseren Duden und in Zukunft wird in unserem Hause nichts mehr demontiert, nur noch abgerotzt. Auch ohne Tempo-Taschentuch.

    

    17 Responses to “Abrotzen ganz ohne Schleim — Schweizerdeutsch für Unerschrockene”

    1. Peter Says:

      Das Grimm-Wörterbuch-Zitat ist das richtige. Bei uns zu Hause heisst es immer noch „abprotzen“ und nicht „abrotzen“. Der Begriff kommt aus der Artillerie und passt demzufolge nicht wirklilch zu einer Weihnachtsbeleuchtung.
      Der Waffenplatz Bülach-Kloten war früher übrigens ein Artilleriewaffenplatz, wo das auf- und abprotzen kräftig geübt wurde.

    2. Vogelliesi Says:

      Das heisst Papiernastuech und schnüüze. Unter abrotzen kommt man bei Gugl auf ziemlich schlimme Seiten!

    3. Marroni Says:

      Ist auch gute alte Schweizer Militärsprache und bedeutet “ volleinsatz“, also die Kampfbahn „durchrotzen“ oder etwas sehr schnell, speditiv, unter Einsatz aller Kräfte erledigen, eben „rotzen“. Im obigen Beispiel eine Weihnachtsbeleuchtung in kürzester Zeit abräumen.

    4. Ostwestfale Says:

      In meinen nordwestdeutschen Ohren klingt abrotzen ziemlich derb, vielleicht wegen der inhaltlich-klanglichen Verwandschaft zu „abkotzen“ und wegen des abwertend gebrauchten „Rotzbengels“.
      „Schnauben“ und „schnäuzen“ gefällt mir besser.

    5. Thomas Says:

      Das abrotze ist – zumindest in meinem Umfeld – jüngeren Ursprungs. Als Kind wurde abprotzt (für abreissen). Sandburgen, Häuser und solche Sachen.
      Das verschliffene ‚abrotze‘ fiel mir erst in den letzten 15 Jahren mehr und mehr auf. Denke, das ist so ne Sprachentwicklung wie funktionieren und ‚funzen‘
      Rotzen ist dann wieder etwas anderes, rotzen ist rennen ohne Rücksicht, durchbrechen, wie ne Kampfsau eben. Ab durch die Kampfbahn, mitten durch die Wildniss oder wie Winkelried in die Speere rein.

    6. Simone Says:

      Unabhängig davon, wie man es nennt, habe ich schon öfter beobachtet, wie es die Leute beim Essen überkam. Man schnappt sich dann die Papierserviette, rotzt oder protzt hinein und platziert das Knäuel dann direkt neben dem Teller. Pfui Teufel, ich brauche dann die nächsten beiden Stunden nichts mehr zu essen. Tischmanieren, ins Besondere auch das Essen mit Messer und Gabel bereiten vielen Menschen grosse Mühe. Ich ernte immer wieder grosse Anerkennung, wenn ich mich beim Spaghettiessen nicht verkleckere.

    7. Phipu Says:

      Nein Jens,
      Euer Haus wird in (hoffentlich ferner) Zukunft höchstens „abge+p+rotzt“. Definitiv „abprotzen“ ist richtig. Im Dialekt muss man fast einen hörbaren Bindestrich zwischen diese b-p setzen, da bei im Dialekt üblicher fehlender p- und t-Aspiration beide Laute fast gleich tönen. Und genau so, mit deutlichem Absetzer habe ich das als Kind gelernt. Es klingt schliesslich auch dem hochdeutschen Wort „abbrechen“ ähnlich (vergiss „abreissen“) .

      Allerdings war mir dieser Sinn nach Grimms Wörterbuch bekannt, noch bevor ich wusste, was „Artillerie“ und „démonter“ heisst. Für mich bedeutet das einfach „rückbauen“ (wie der heutige politisch korrekte Ausdruck lautet). Das schliesst also alle Arten Hoch- und Tiefbauten ein. Am häufigsten gehört bei Festbühnen für Zelte, Bühnen für Open-Airs, Brücken, Häuser, Strom- und Beleuchtungsmasten (womit wir in die Nähe der Weihnachtsbeleuchtung kämen).

      Die Weltwoche hat es da ganz klar „schnuderig“ (rotzig) äh schludrig geschrieben. Samuel Schmid wollte aufgrund des Zusammenhangs gewisse militärische Einsätze „abbrechen/aufhören“.

      Das mit den fetten Ami-Kindern könnte eine Anspielung auf „töten“ anlässlich der High-School-Killer-Vorfälle sein. Aber diese Slang-Sprache ist mir etwas zu sehr von meinen eigenen Gebrauch entfernt, um da mit Sicherheit das eigentlich gemeinte Verb identifizieren zu können.

      Soll meinetwegen das Hochdeutsch nach Duden alle Ausscheidungen aus Nase und weiter hinten/unten darunter verstehen, für mich ist und bleibt das ein harmloses Dialektverb. Da althergebracht, kann es sehr wohl auch Sinne erfüllen, die nicht unbedingt mit „prahlen“ zu tun haben. Siehe dazu in Grimms Wörterbuch auch „aufprotzen, protzen, Protz“ und „Protze“.

    8. Doro Says:

      Wenn (ab)rotzen von (ab)protzen kommt, dann heisst der hiesige (Wiler) Mega-Autohändler „von Rotz“ eigentlich „von Protz“? Zur Größe seines Unternehmens und zur Vielzahl der von ihm gehandelten Automarken und Autos würde es auf jeden Fall gut passen! Wie clever: Ganz bescheiden und dezent das „P“ unter den Tisch fallen zu lassen…
      Wobei ich mich schon gefragt habe, ob ich hier wirklich mein nächstes Auto kaufen möchte. Man stelle sich vor: „Von Rotz“ prangt permanent am Nummernschild-Rahmen. Wie peinlich bei einer Fahrt in die alte Heimat. Aber jetzt bin ich beruhigt: Es ist einfach nur ein weiterer charmanter Beleg für Schweizer Bescheidenheit. Also vor Ort keinesfalls unanständig oder gar unappetitlich. Und „zu Hause“ für eine amüsante kleine Geschichte gut.

    9. AnFra Says:

      @Jens

      Nicht nur Du bist ungedient, auch bei den Brüdern Grimm merkt man, dass sie „Ungediente“ gewesen sind.

      Denn „abprotzen“ ist tatsächlich nicht das „Geschütz“ vom Protzwagen heben, sondern die Kanone, welche auf einer Lafette montiert ist, vom „Protzwagen“ abkuppeln.
      Die reitende Artillerie hatte i.d.R. folgenden Aufbau: Pferdegespann, den Protzwagen (mit aufsitzender Artilleriemannschaft, „Protzkasten“ mit inliegender Munition, Zubehör wie Ladestock, Pitsche, Lappen , Wassereimer uam) sowie die Lafette mit der montierten Kanone.
      Siehe: Einfaches Beispiel: http://www.napoleon-online.de/phpBB2/download.php?id=727&sid=cb72e57be37dd8272d908c0d3796bc02

      Etymologisch hat der „rotzen“ und „protzen“ nichts miteinander zu tun.

      Die Quelle von „protzen“ müssen wir in der ital. Bezeichnung „ birozza“ ((aus. lat. bi-rotus (rota : Rad)) für einen zweirädrigen Karren sehen. Da die berittene Artillerie wie oben beschrieben aufgerüstet ist, wurde der zweirädrige, einachsige Munitionskasten bei den Artilleristen eben germanisiert „Protzwagen“ genannten.
      In der Barockzeit bis Ende des 19. JH wurden diese Protzwagen auf das Äußerste mit Wappen, Girlanden und buntem Schnickschnack geschmückt. Von all diesem Kram ist der heutige Begriff „Protzwagen“ noch übriggeblieben. Das „protzen“ erklärt sich dann von selbst.

      Als alter Raketenartillerist haben wir unsere Raketenstartvorrichtungen, die Raketentransporthänger und die Gefechtskopfhänger auch „abgeprotzt“, obwohl die ca. 700 Pferde nur Diesel gesoffen haben und jedes Fahrgarnitur fünf Achsen hatte.
      Das „abprotzen“ für die Notdurft soll artilleristisch heißen, der Kanonier entledigt sich seines ihn drückenden Anhängsels. Dieser Begriff ist in die allgemeine Soldatensprache übergegangen.
      Das „rotzen“ ist aus rasseln, schnarchen, geräuschvoll, tönen abgeleitet.

      Wenn zur Schlacht also die Kanoniere ihr Geschütz „abgeprotzt“, den Beschuss und den feindlichen Angriff überstanden und ihre triefende Nasen „abgerotzt“ hatten, mussten sie sicherlich dann ihre Angstnotdurft hinterm Busch „abprotzen“.

    10. Phipu Says:

      An Doro

      Wie wenig „Protz“ mit „Rotz“ zu tun hat, haben die Kommentare ja schon dargelegt. Deshalb hier noch der Praktiker-Hinweis für deinen Autokauf, eine regelrechte Win-Win-Lösung:

      Dennoch Auto bei dem Geschäft, mit dem unglücklichen Familiennamen („von Schnuder“ oder „von Blöffer“ – wie auch immer du das verstehen willst) kaufen und dann im Bau- und Hobbymarkt ein Set neutrale hintere und vordere Nummernrahmen ohne Beschriftung kaufen. Die Nummern sind ja nicht auf das Auto selbst, sondern auf den Halter eingelöst, und sind daher aus dem Rahmen klickbar und spätestens der Rahmen ist abschraubbar. Siehe auch: http://www.blogwiese.ch/archives/687

      Ein neutraler Rahmen dürfte grob etwa CHF 15.- kosten. Etwas teurer geht’s auch, wenn es verchromt sein muss für deinen Oldtimer. Falls du aber gefärbtes Alu für deine getunte, verspoilerte und tiefergelegte Exzessiv-PS-Sammlung willst, musst du das über den Spezialhandel oder über Internet einen passenden (und natürlich um einiges teureren) Nummernrahmen suchen. Z.B. http://www.auto-teile.ch/

      Für letztere Art Fahrzeuge empfehle ich dir jedoch eher wieder eine selbst gestaltete Beschriftung auf dem originalen Rahmen mit ungefährem Wortlaut „Echt Protz“.

    11. Solanna Says:

      In der Deutschschweiz sagen meines Wisssens nur die Lozärner (Luzerner) Schnodder oder Schnoder, alle andern Schnudder oder Schnuder bzw. in Basel „Schnuudr“. diesen platzieren sie anständigerweise – seit man selten Stoffnastücher benutzt – in einem Papiertaschentuch. Wenn man denn schon gleich einen Markennamen dranhängen will, scheint mir auch für die Schweiz „Tempo“ die richtige Bezeichnung.

      „Kleenex“ sind die dünnen Papiertücher in der Schachtel, die man zum Abschminken, zum Tränenabtrocknen oder für was auch immer braucht – ausser zum Naseputzen. Dafür sind die Kleenex ausgesprochen schlecht geeignet, weil sie zu dünn sind und man gleich eine Schnudderhand bekäme.

    12. pit vo lissabon Says:

      hallo maroni,
      früher sagte man in basel „rötzen“ ¨(nicht rotzen) für schnell fahren oder laufen. dünkt mich aber etwas obsolet, ich habs seit rund 20 jahren nicht mehr gehört.

    13. Doro Says:

      @phipu
      War ja auch nur eine kleine Wortspielerei…
      Wobei die Kommentare und der Blowiesetext durchaus eine Verballhornung durch schludrige Aussprache von „abprotzen“ nach „abrotzen“ nahelegen!
      Aber Danke für den Tipp für mein künftiges Exzessiv-Mobil! 🙂

      Da es das bei „von Rotz“ (auch eine schöne Diskussion zum in der Schweiz nicht vorhandenen Adelstitel auf heidiswelt.blogspot) aber leider nicht gibt, werde ich auf jeden Fall ein Nummernschild mit „von Protz“ wählen: Könnte ich mir ja in Österreich kaufen!?!

    14. sylv Says:

      Interessant dass niemand eine Verbindung zum ‚Schnuderbueb‘ macht :),der auch diverses ‚abprotzt‘

    15. Peter Says:

      Hier noch mein Protzwagenlink:
      http://www.egghof.com/weblog/2008/01/weihnachtsbeleuchtung-abrotzen.html

    16. solanna Says:

      Vor zwei Tagen habe ich da behauptet, in der Schweiz sei Tempo quasi Synonym für Papiertaschentücher, während dünne Kleenex Allerweltstüchlein und für Rotz zu dünn seien.

      Heute lese ich im K-Tipp die Testergebnisse für Papiertaschentücher und – Asche über mein Haupt – was sehe ich: Zwar sind die wohlbekannten Tempo an bester Stelle, aber gleich gefolgt von Kleenex.

      Was mich aber mehr einfuhr, ist die Tatsache, dass ich deutlich häufiger Linsoft (seis blau aus zertifiziertem FSC-Holz oder braun Recycling) brauche als Tempo. Aber gespeichert, ja offenbar verinnerlicht, habe ich das Erscheinungsbild der Tempo.

      Das erinnert mich an meinen Vater, der noch heute jedes Putzmittel als VIM bezeichnet und jedes Abwaschmittel als VEL.

    17. Carlle Says:

      Finde es ja auch immernoch etwas unappetittlich, dass das „Mineral“ (= Saurer Sprudel) bei der Migros „Aproz“ heisst…

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