Geiz ist nicht geil — Sind Deutsche geizig?

April 6th, 2006
  • Geiz ist geil
  • Die „Geiz ist geil“ Werbung des Saturn-Markts in Deutschland drückt für viel Schweizer genau das aus, was sie schon immer über die Deutschen dachten: Deutsche sind geizig und kleinlich beim Geldausgeben. Was stimmt an dieser Behauptung und was nicht?

  • Sehen sich die Deutschen selbst als geizig?
  • Interessant ist vielleicht zunächst mal die Selbstwahrnehmung der Deutschen. Sie sprechen zwar von „geizigen Schotten“, oder von „sparsamen Schwaben“, aber sich selbst mit dem Wörtchen „Geiz“ in Verbindung bringen, auf diese Idee würde sicherlich kein Deutscher kommen. Das Phänomen der sparsamen Schwaben, die den privaten „Häuslesbau“ anstreben, ist ein Faktum, das man nicht nur im Musterländle Baden-Württemberg beobachten kann. Auch die Friesen in der Norddeutschen Tiefebene bauen an ihrem Eigenheim, sofern es finanziell irgendwie machbar ist.

    Arm sind die Deutschen schon, im Vergleich zu den Schweizern. Denn es herrscht eine wesentlich höhere Arbeitslosigkeit, dementsprechend natürlich auch Unsicherheit und Zukunftsangst. Vielleicht ist darum eine Werbung wie „Geiz ist geil“ so erfolgreich. Denn nun kann man seine persönlichen Finanzprobleme damit kaschieren, dass man sich offiziell als „geizig“ bezeichnet und damit erst auch noch ein positives Image gewinnt.

  • Schnäppchenjäger beidseits des Rheins
  • Die Jagd nach Billigangeboten bei Aldi, Plus und Edeka ist eine Beschäftigung, die nicht nur die Deutschen lieben. Auch in der Schweiz ist es grosse Mode, nur „Aktion“ oder „Budget“ bei Migros zu kaufen. Was wir jedoch als Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz beobachtet haben, ist die Höhe der Lock-Rabatte: In der Schweiz sind 5% – 10% Rabatt schon ein Argument, einen weiten Weg in Kauf zu nehmen, in Deutschland müssen es schon 20% – 50% sein, die einen Käufer locken. Konkretes Beispiel dazu: Unser altes Fitnesscenter in Süddeutschland verlangte für den Ehepartner nur noch 50% der Jahrsbeitrags, in Zürich waren maximal 10% Ermässigung denkbar.

  • Beim Essengehen für alle bezahlen
  • Etwas, das die Deutschen nicht kennen, was wir aber in Frankreich kennengelernt haben, ist die Gewohntheit, beim Essen nicht „getrennte Kasse“ zu machen, sondern einen für alle zahlen zu lassen. Mit der Gewissheit, dass es beim nächsten Mal andersherum sein wird.

    Nun, vielleicht gehen Deutsche nicht so oft essen, und wenn, dann mit der Familie und nicht mit Freunden, wo sie in diese Situation kommen könnten. Das „Essengehen“ ist in Deutschland etwas für den Sonntag, wenn man Familienbesuch hat, oder sich die Küchenarbeit sparen möchte. Ein Ding der Unmöglichkeit in der Zürcher Agglomeration, denn Sonntags haben fast alle Restaurants geschlossen.

    Darum beobachten wir in der Schweiz das grosse Staunen, wenn plötzlich Freunde aus Deutschland jeder für sich im Restaurant zu zahlen beginnen. Es fehlt die Gewohnheit, es fehlt die Erfahrung: Beim nächsten Mal werde ich dann eingeladen. Deutschschweizer haben unserer Beobachtung nach diese Angewohnheit von den Romands und damit den Franzosen übernommen. Geht es aber um das gemeinsame Mittagessen unter Kollegen im Stammrestaurant um die Ecke, dann ist es völlig normal, dass jeder selbst für sich zahlt: „Sali-z’amme“ für „Das zahl ich jetzt alles zusammen“ hatten wir schon erläutert (vgl. Blogwiese)

  • Das geht auf meinen Deckel
  • In Deutschen Kneipen gibt es für so was einen Bierdeckel, auf dem die getrunkenen Biere per Strich notiert werden, und wenn jemand eine Runde ausgeben möchte, sagt er einfach „das geht auf meinen Deckel“. Ist ein Deutscher knapp bei Kasse, bekommt der Deckel seinen Namen und wird vom Kneipenwirt verwahrt bis zum nächsten Besuch. Das klappt aber nur, wenn man sehr guter Stammkunde ist.
    Die Engländer pflegen ihre Biere direkt an der Theke mit Bargeld zu kaufen. So ist jeder mal dran, eine Runde für alle zu besorgen und keiner bezahlt nur sein eigenes Bier.

  • Die Schweizer mögen keine Preisvergleiche
  • Es nervt die Schweizer an den Deutschen das ständige Gerede über Preise, Preisvergleiche und ihr Entsetzen, wie teuer alles in der Schweiz ist. Die Schweizer stören die Nachteile der „Hochpreisinsel“ Schweiz aber auch selbst, weil hier durch künstliche Importzölle und einem ausgeklügelten Reglement bei der Einfuhr von Waren der Binnenmarkt geschützt werden soll. Nimmt man alle Einkäufe, die Schweizer in grenznahen Supermärkten durchführen, zusammen als eine fiktive Handelskette, dann ist diese heute bereits mit ihrem Umsatzvolumen an dritter Stelle nach Migros und Coop, zu finden, gefolgt vom Denner. Vor ein paar Jahren war Denner noch auf Platz Drei.

  • Dann bin ich halt blöd und kaufe bei Volg
  • Auffallend ist die Anti-Media-Markt Werbung von der Handelskette Volg: „Dann bin ich halt blöd„, mit der für den Einkauf im vergleichsweise teuren aber nahen Schweizer Einzelhandel geworben wird. Sie spielt damit direkt an auf den Media-Markt-Slogan „Ich bin doch nicht blöd“. Die Aussage „dann bin ich halt blöd“ auf den Werbeplakaten für den Einkauf bei Volg ist übrigens ironisch gemeint, nur falls das hier ein Leser aus Deutschland nicht mitbekommen haben sollte. In Wirklichkeit ist der Einkauf bei Volg nämlich für einen Schweizer eine extrem clevere Angelegenheit: Kurze Weg (es gibt fast überall in der Deutschschweiz einen Volg) und gute Preise, die das Bruttosozialprodukt steigern helfen. Blöd ist das bestimmt nicht.

    „Volg“ ist übrigens kein falsch geschriebenes „Volk“, sondern steht urprünglich für „Verein Ostschweizerischer Landwirtschaftlicher Genossenschaften“.

  • In Zürich fährt man schwarze und dunkle Autos
  • Wir glauben, dass die Ausgabefreudigkeit oder der Geiz von Deutschen und Schweizern gleichermassen direkt mit der persönlichen finanziellen Situation gekoppelt ist. Beide geben zum Beispiel gern ordentlich Geld für ein attraktives Auto aus, ob sie es sich nun leisten können oder nicht, um an Selbstwertgefühl und Prestige bei den Kollegen und Nachbarn zu gewinnen. Spötter meinen, im Raum Zürich müssen solche Autos grundsätzlich Schwarz oder Dunkelblau sein, um etwas zu gelten. Wir können das nicht beweisen, fanden aber in zahlreichen Firmengaragen überwiegend diese Farben.

  • Nur die Schwaben sind wirklich sparsam
  • Dort im Schwabenland lernten wir die „Schwäbische Einladung“ kennen:

    „Kommen Sie doch einfach nach dem Kaffee zu uns, damit Sie zum Nachtessen wieder daheim sind!“

    Und wussten Sie auch schon, was die Schwaben mit dem Opa machen, wenn er verstorben ist? Na ganz einfach: Der wird eingeäschert und kommt in eine Sanduhr, damit er noch „ebbes schafft“.

    Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben

    April 5th, 2006
  • Es dunkt mich nur im Dunkeln
  • Wenn Sie in der Schweiz leben, lernen Sie nicht nur die Dunkelheit zu deuten, nein, Sie lernen auch, dass „es dunkt mich“ oder „es dünkt mich“ nichts mit Dunkelheit zu tun hat, sondern durchaus häufig vorkommende Ausdrucksmöglichkeiten des Schweizers im Alltag sind. Für „Es dunkt mich“ findet Google-Schweiz 161 Belege. Versuchen wir es hingegen bei Google Deutschland, so gibt es zwar zu „es dunkt mich“ auch 68 Textstellen, die ersten 10 Zitate gehen aber bereits zurück auf Angelus Silesius , dem Dichter des deutschen Barock (1624-1677).

  • Den Schweizern dünkt es oft
  • Hingegen in der Schweiz „dünkt es“ mal mit und mal ohne Umlaut recht häufig. Für „Es dünkt mich“ fanden wir bei Google-Schweiz 189 Einträge. Beispiel für „es dünkt mich„:

    Es dünkt mich, dass je länger ich danach suche, desto unklarer werden sie.
    (Quelle: undsoweiter.ch)

    Oder hier:

    Es dünkt mich, als käme das, was ich andern gegeben habe, auf verschiedenen Wegen wieder zurück.
    (Quelle: textalacarte.ch)

    Noch viel häufiger „deucht“ es in der Schweiz, Google-Schweiz findet 224 Belege . Beispiel:

    Es deucht mich, dass Waffen jenseits und diesseits der Staatsgewalt keinerlei Daseinsberechtigung haben.
    (Quelle: Metropolitans)

  • Warum mehr „deucht“ als „dünkt“?
  • Das verrät uns der Duden. Der behauptet wie immer steif und fest, dass diese Wörter „veraltet“ sind. Wir dachten immer, der Duden sei das Wörterbuch für den gesamten deutschen Sprachraum, wertfrei und rein deskriptiv-beschreibend? Wie kommt es dann nur immer wieder zu diesen krassen Fehleinschätzungen, eine Verbform sei veraltet, wenn sie doch täglich von vielen Schweizern praktisch verwendet wird?

    dü.n|ken (unr. V.; dünkte/(veraltet:) deuchte, hat gedünkt/(veraltet:) gedeucht)
    [mhd. dünken, dunken, ahd. dunchen, eigtl. = den Anschein haben, zu denken] (geh. veraltend):
    a) jmdm. so vorkommen, scheinen:
    mich/(seltener:) mir dünkt/(veraltet:) deucht, wir werden scheitern/dass wir scheitern werden; ihr Verhalten dünkte ihn/(seltener:) ihm seltsam; Wen das Leben herrlich dünkt, der gestaltet es am gründlichsten um (Brückner, Quints 272); (…)
    b) (d. + sich) sich zu Unrecht etw. einbilden, sich für etwas halten:
    du dünkst dich/(seltener:) dir etwas Besseres/ein Held [zu sein].
    (Quelle duden.de)

  • Dünkel ist keine Biermarke
  • Das einzige Überbleibsel, dass wir im Hochdeutschen von dieser wunderbaren Verbform noch kennen, ist der

    Dü.n|kel, der; -s [für mhd. dunc = Meinung, zu dünken] (abwertend):
    übertriebene Selbsteinschätzung aufgrund einer vermeintlichen Überlegenheit; Eingebildetheit, Hochmut: ein intellektueller, akademischer Dünkel; es steckt da ein Dünkel, fast etwas wie Snobismus dahinter (A. Kolb, Daphne 87).

    Leicht verwechselbar mit „Dinkel“, den wir alle von der schwäbischen Biermarke „Dinkel-Acker“ kennen, benannt nach der Getreideart Dinkel, die im ökologischen Landbau verstärkt angebaut wird. Da diese Sorte auch raueres Klima verträgt, wächst sie gut auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb.

    Eins zum Schluss: Liebe Schweizer, lasst Euch vom Duden den Gebrauch der Deutschen Sprache nicht vorschreiben. Wenn es nur weiterhin kräftig „dunkt“ und „dünkt“ in der Schweiz und anderswo, dann werden die Herren in Mannheim ihre Zitatesammlung bald ausweiten müssen und diese Wortformen wieder auf „nicht mehr veraltet“ zurück stellen müssen. Es dunkt mich nun, dass dieses Thema ganz ohne Dünkel genug ausgedeutet ist.

    Nicht die Hessen, sondern die „Hässigen“ kommen

    April 4th, 2006
  • Vorsicht, die Hessen kommen
  • In Deutschland pflegt man scherzhaft zu sagen: „Vorsicht, die Hessen kommen“ wenn Besuch aus Kassel oder Frankfurt naht. Die Hessen trinken „Äppelwoi“, also Apfelwein, aus Behältern, die sie „Bembel“ nennen, waren früher bekannt durch die Sendung „Zum Blauen Bock“ und heute durch den Schillerstrassen-Stammgast „Maddin“ Martin Schneider. Google-Deutschland verzeichnet 916 Belege für den Satz „Die Hessen kommen„, es scheint also häufiger in Deutschland zu geschehen, dass die Hessen kommen.

  • Was haben die Hessen mit Chaträumen zu tun?
  • Die Hessen siedelten rund um Kassel, legten sich schon früh mit den Römern an, und haben schon lange vor der Internetzeit einen interessanten Namen gehabt, sie hiessen nämlich die „Chatten“:

    Die Chatten [ˈxatən] (lat. Chatti) (auch Katten geschrieben) waren ein germanischer Volksstamm, der im Bereich des Oberlaufes der Lahn und den Tälern von Eder, Fulda und Werra ansässig war, was zu großen Teilen dem heutigen Niederhessen und Oberhessen, bzw. Nordhessen und z.T. Mittelhessen entspricht. Hessen ist eine spätere Abwandlung des Stammesnamens der Chatten, und die Chatten sind damit die Namensgeber des modernen Hessen.
    (Quelle: Wiki)

    Doch zurück zu den „Hässen“ mit „ä“, den Hässigen. Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 24.03.06 auf Seite 57:

    „Die Rückkehr der Hässigen im Sportwagen“

    die Hässigen

    Erst beim zweiten Lesen fiel uns auf, dass hier in der Überschrift die Vorsilbe „ge“ verloren gegangen sein muss. Heisst es nicht „gehässig“ sein auf Hochdeutsch?

    „Hässig“ kann ziemlich viel sein in der Schweiz, so zum Beispiel der Ton:

    Die Beiständin der Kinder verweigerte ihm in einem hässigen Ton die zusätzlichen 2 Stunden
    (Quelle: vev.ch)

    Oder ein Anführer:

    Das Drama wird zum eigentlichen, zum Konflikt zwischen dem kraftvoll hässigen Anführer,
    (Quelle: ifi.unizh.ch)

    Auch Worte können hässig sein:

    Nun ja, es gab da so ein Aufseher eines supermercatos, der nach zwei, drei hässigen italienischen Worten (…)
    (Quelle: twikeklub.ch)

    Sucht man hingegen das Wort „hässigen“ bei Google-Deutschland, landet man prompt bei den Gebrüder Grimm oder in einem Text von Thomas Müntzer, Theologe und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges.

    Und richtig, unser Duden bestätigt den Verdacht, hier eine typische alte schweizerische Kurzform gefunden zu haben:

    häs|sig [mhd. haec = voll Haß] (schweiz. mundartl.): mürrisch, verdrießlich: -e Verkäuferinnen.

    Und Grimms Wörterbuch erklärt uns:

    HÄSSIG, adj. und adv.
    wie mhd. haჳჳec, heჳჳec hasz habend, voll hasz und feindseligkeit: invidus heszig, nd. hatich DIEF. ; hassig A. V. EYBE, s. die stelle unten; hassig odiosus, exosus voc. inc. theut. i ; hessig, infensus DASYP.; hässig, der hasset, oder ein hasz tregt, exosus (…) LUTHER 1, 150b; das wir unser antwort nicht thun aus hessigem gemüthe.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch online)

    Darin steckt also kein „chatti“ aus dem Hessenland, sondern der „haec“ oder Haß.

  • Wie schreibe ich Scharf-ß auf der Schweizer Tastatur?
  • Falls Sie auch so ein schönes „Scharf-ß“ mit Bauch und langem Fuss schreiben wollen, auf ihrer Schweizer Tastatur, die dieses Zeichen nicht kennt, dann versuchen Sie doch mal Alt-225, wobei es notwendig ist, die Zahl auf der numerischen Tastatur rechts zu schreiben, welche dazu angeschaltet sein muss per NumLock Taste. Um das hier jetzt einmal für alle Zeiten klarzustellen: Von nichts nahmen wir leichter Abschied beim Umzug in die Schweiz, als von diesem merkwürdigen Buchstaben, den es nur in kleiner Ausgabe gibt. Liebe Leser aus Deutschland: Ja, es ist wahr, die Schweizer haben überhaupt kein Scharf-ß auf ihren Tastaturen, dieser Laut war schon immer abgeschafft. Man wollte es wahrscheinlich den Ticinos und Romands nicht zumuten, neben ihren vielen Akzenten und den Umlauten auch noch dieses Sonderzeichen auf der Tastatur führen zu müssen.

  • Nicht hässig, aber Hässler
  • Auch der häufige Name „Hasler, Häsler, Hässler“ etc. hat nichts mit Hass oder hässig zu tun, sondern leitet sich vom Hasel ab:
    Hassler, Hässler, Hasler:

    Herkunftsname zu den Ortsnamen Hasel (Baden), Haselau (Schleswig-Holstein, Ostpreußen), Haslau (Niedersachsen, Bayern, Österreich), Hasla (Thüringen), Hasle (Schweiz, Österreich) u.a.
    Wohnstättenname für jemanden, der an einer Stelle mit Haselnusssträuchern siedelte.
    (Quelle: duden.de)

  • Gehässig oder hässig
  • Ob wir in Zukunft auch eher „gehässig“ sind oder einfach „hässig“? Nun, von Hass wollen wir uns auf keinen Fall leiten lassen. Haben wir doch schon genug mit dem Vorurteil der Arroganz zu kämpfen. Für „der arrogante Deutsche“ finden sich bei Google prompt 86 Belege, für „arroganter Schweizer“ kein einziger. Nach „herziger Schweizer“ haben wir lieber nicht gegoogelt.

    Wie man den Schweizer am „Detail“ erkennen kann

    April 3rd, 2006
  • Was alles ein „Detail“ ist in der Schweiz
  • Bei Goggle-Schweiz finden wir 132 Belege für „Das ist ein Detail“. Die Schweizer lieben das Detail. Dieses eigentlich aus dem Französischen stammende Wörtchen hat in der Schweiz einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Was heisst es eigentlich genau? Fragen wir dazu den Duden:

    De|tail, das; -s, -s [frz. détail, zu: détailler = abteilen, in Einzelteile zerlegen,
    zu: tailler, Taille] (bildungsspr.): Einzelheit:
    ein unwichtiges, wesentliches Detail; Ein interessantes Detail
    (Quelle: duden.de)

    Die Aufzählung von Verwendungsbeispielen ersparen ich uns, das wäre nämlich nur ein Detail. Wichtig scheint uns der Zusatz „bildungssprachlich“. Das ist vielleicht im Gemeindeutschen so, wenn jemand nicht „Einzelheit“ sondern „Detail“ sagt. Anders hingegen in der Schweiz. Hier können Sie den perfekt Hochdeutsch sprechenden Schweizer unweigerlich an der Formulierung „das ist jetzt ein Detail“ entlarven. Auch im Dialekt sehr häufig: „Das isch jetzt es detail“.

    Details gibt es in vielen Varianten in der Schweiz. So in der „Detailberatung“, wie die Beratung der Einzelheiten einer Vorlage im Parlament nach der Eintretensdebatte genannt wird.

    „Das Parlament beschloss, auf die Vorlage einzutreten. Eines wurde aber klar: In der Detailberatung wird die Vorlage arg zerzaust werden“
    (Quelle: Blick 10.3.94 S. 2, nach Variantenwörterbuch des Deutschen S.176-177)

    Dann fanden wir noch das „Detailgeschäft“, welches in Deutschland ein „Einzelhandelsgeschäft“ ist, dort arbeitet ein „Detaillist“ oder eine „Detaillistin“, die wir in Deutschland als „Einzelhändler“ bezeichnen.

    Bei welcher Bestellart erhält die Detaillistin sofort eine Kommissionskopie vom Lieferanten?
    (Quelle: Betriebskunde Verkaufspersonal 2000, nach Variantenwörterbuch S. 177)

    Verkaufen diese netten Menschen nun Ware direkt an den Endverbraucher, sprechen wir in der Schweiz nicht vom „Einzelverkauf“, sondern vom „Detailverkauf“.

  • Vorsicht vor ironischen Schweizern
  • Sie merken schon, da können wir in der Schweiz ganz schön „ins Detail“ gehen, wenn wir alle Einzelheiten aufzählen. Was uns ausserdem noch auffiel, ist die häufige ironische Verwendung dieser Formulierung, wenn jemand einen ganz schlimmen Fehler bemerkt hat. Jawohl, auch zur Ironie sind sie fähig, die Schweizer! Was für ungeübte deutsche Ohren besonders schwer zu verstehen ist. Gerade der Satz: „Das isch jetzt es Detail“ ist meistens ein Hinweis dafür, dass hier in den meisten Fällen soeben von einem gar nicht so unwichtigen Umstand abgelenkt, dass hier die Fakten klammheimlich „unter den Teppich gekehrt“ werden sollen. Gekehrt, und nicht gewischt wohlgemerkt. Aber das ist wieder ein anderes Thema…

    Was die Schweizer nicht gern essen — Eine „mastige“ Sauce

    April 2nd, 2006
  • Eine mastige Sauce
  • Wir finden im Tages-Anzeiger vom 04.02.06 in einem Artikel von Monique Rijks

    „Was machen Leute ab 45, die ein Gegenüber suchen?
    Fein essen. Kontaktinserate sind gespickt mit dieser Formulierung“

    Das Thema kommt uns irgendwie bekannt vor. Hatten wir nicht neulich erst festgestellt, das die Schweizer grundsätzlich immer nur „etwas Feines Znacht“ essen? (vgl. Blogwiese)
    Egal. In dem ausgezeichneten Artikel findet sich ein Adjektiv, das wir bisher noch nicht kannten: Die „mastige“ Sauce
    Die mastige Sauce

  • Was heisst den hier „mastig“?
  • Google-Schweiz hat dafür immerhin 151 Belege:
    In allen dreht es sich ums Essen und Trinken:

    mastig körperreich, fett
    (Quelle: wine-online.ch)

    Oder über Bier:

    Hopfenperle ist extrem mastig, willst du es verkaufen geht nix weg.
    (Quelle: skilled.ch)

    Auch bei einer Nachspeise kann es stören:

    Einzig die Schoggimousse mit Caramelschaum geriet zu mastig und zu süss
    (Quelle: zueritipp.ch)

    Das Wort ist alt, denn schon Grimms Wörterbuch zitiert zwei Bedeutungen:

    MASTIG, adj. mit einem mast versehen, vgl. dreimastig, einmastig, hochmastig.
    MASTIG, adj. wie mast, feiszt, fett: mastig, schweinfeiszt,
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Ausserdem finden wir noch einen Ort, der so heisst:

    Mastig (Mostek) liegt in der Tschechischen Republik, am Rande des Riesengebirges, etwa zwei Autostunden nordöstlich von Prag.
    (Quelle: meer-fritz.de)

    Sogar der alte Goethe verwendete es in der „Italienischen Reise“:

    Am Meere habe ich auch verschiedene Pflanzen gefunden, deren ähnlicher Charakter mir ihre Eigenschaften näher kennen ließ; sie sind alle zugleich mastig und streng, saftig und zäh, und es ist offenbar, daß das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft ihnen diese Eigenschaften gibt;
    (Quelle: textlog.de)

    Unser Duden bringt es auf den Punkt, sagt aber gleichzeitig, dass dieses Adjektiv „landschaftlich“ sei. Welche Landschaft er damit wohl meint? Den Süden? Die Schweiz?

    ma.s|tig (Adj.) (landsch.):
    a) (von Menschen) fett, dick;
    b) (von Speisen) fett [u. reichlich], schwer verdaulich:
    ein -es Essen; die Speisen hier sind zu m.;
    c) (von bestimmten Pflanzen, Wiesen o. Ä.) feucht, fett, üppig:
    -e Wiesen; das Gras ist sehr m.
    (Quelle: duden.de)

    Wir fassen zusammen: Fettes Essen, gemästete Schweine, guter Wein, feuchtes Grass, aber auch ein Dreimaster und ein Ort in der Tschechischen Republik, alle können sie „mastig“ sein, und wir müssen erst in die Schweiz fahren und den Tages-Anzeiger lesen, um das zu erfahren. Wunderbar.