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Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben

  • Es dunkt mich nur im Dunkeln
  • Wenn Sie in der Schweiz leben, lernen Sie nicht nur die Dunkelheit zu deuten, nein, Sie lernen auch, dass „es dunkt mich“ oder „es dünkt mich“ nichts mit Dunkelheit zu tun hat, sondern durchaus häufig vorkommende Ausdrucksmöglichkeiten des Schweizers im Alltag sind. Für „Es dunkt mich“ findet Google-Schweiz 161 Belege. Versuchen wir es hingegen bei Google Deutschland, so gibt es zwar zu „es dunkt mich“ auch 68 Textstellen, die ersten 10 Zitate gehen aber bereits zurück auf Angelus Silesius , dem Dichter des deutschen Barock (1624-1677).

  • Den Schweizern dünkt es oft
  • Hingegen in der Schweiz „dünkt es“ mal mit und mal ohne Umlaut recht häufig. Für „Es dünkt mich“ fanden wir bei Google-Schweiz 189 Einträge. Beispiel für „es dünkt mich„:

    Es dünkt mich, dass je länger ich danach suche, desto unklarer werden sie.
    (Quelle: undsoweiter.ch)

    Oder hier:

    Es dünkt mich, als käme das, was ich andern gegeben habe, auf verschiedenen Wegen wieder zurück.
    (Quelle: textalacarte.ch)

    Noch viel häufiger „deucht“ es in der Schweiz, Google-Schweiz findet 224 Belege . Beispiel:

    Es deucht mich, dass Waffen jenseits und diesseits der Staatsgewalt keinerlei Daseinsberechtigung haben.
    (Quelle: Metropolitans)

  • Warum mehr „deucht“ als „dünkt“?
  • Das verrät uns der Duden. Der behauptet wie immer steif und fest, dass diese Wörter „veraltet“ sind. Wir dachten immer, der Duden sei das Wörterbuch für den gesamten deutschen Sprachraum, wertfrei und rein deskriptiv-beschreibend? Wie kommt es dann nur immer wieder zu diesen krassen Fehleinschätzungen, eine Verbform sei veraltet, wenn sie doch täglich von vielen Schweizern praktisch verwendet wird?

    dü.n|ken (unr. V.; dünkte/(veraltet:) deuchte, hat gedünkt/(veraltet:) gedeucht)
    [mhd. dünken, dunken, ahd. dunchen, eigtl. = den Anschein haben, zu denken] (geh. veraltend):
    a) jmdm. so vorkommen, scheinen:
    mich/(seltener:) mir dünkt/(veraltet:) deucht, wir werden scheitern/dass wir scheitern werden; ihr Verhalten dünkte ihn/(seltener:) ihm seltsam; Wen das Leben herrlich dünkt, der gestaltet es am gründlichsten um (Brückner, Quints 272); (…)
    b) (d. + sich) sich zu Unrecht etw. einbilden, sich für etwas halten:
    du dünkst dich/(seltener:) dir etwas Besseres/ein Held [zu sein].
    (Quelle duden.de)

  • Dünkel ist keine Biermarke
  • Das einzige Überbleibsel, dass wir im Hochdeutschen von dieser wunderbaren Verbform noch kennen, ist der

    Dü.n|kel, der; -s [für mhd. dunc = Meinung, zu dünken] (abwertend):
    übertriebene Selbsteinschätzung aufgrund einer vermeintlichen Überlegenheit; Eingebildetheit, Hochmut: ein intellektueller, akademischer Dünkel; es steckt da ein Dünkel, fast etwas wie Snobismus dahinter (A. Kolb, Daphne 87).

    Leicht verwechselbar mit „Dinkel“, den wir alle von der schwäbischen Biermarke „Dinkel-Acker“ kennen, benannt nach der Getreideart Dinkel, die im ökologischen Landbau verstärkt angebaut wird. Da diese Sorte auch raueres Klima verträgt, wächst sie gut auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb.

    Eins zum Schluss: Liebe Schweizer, lasst Euch vom Duden den Gebrauch der Deutschen Sprache nicht vorschreiben. Wenn es nur weiterhin kräftig „dunkt“ und „dünkt“ in der Schweiz und anderswo, dann werden die Herren in Mannheim ihre Zitatesammlung bald ausweiten müssen und diese Wortformen wieder auf „nicht mehr veraltet“ zurück stellen müssen. Es dunkt mich nun, dass dieses Thema ganz ohne Dünkel genug ausgedeutet ist.

    

    5 Responses to “Dunkt es Ihnen oder deucht es mehr? — Neue alte Schweizer Verben”

    1. rogerrabbit Says:

      Der Artikel dünkt mich sehr gut geschrieben.

      😉

    2. Michael Staub Says:

      Nun, die Stellung des Dudens dünkt mich nun doch etwas überbewertet. Seit zwei Jahren sind zahlreiche Helvetismen offiziell autorisiert, und das erst noch von einem Verlag, der in meinen Augen einiges mehr an Sprachgefühl besitzt (bzw. eben verlegt) als die rechthaberischen Duden-Mannschaft. Die Rede ist vom «Variantenwörterbuch des Deutschen», erschienen im De Gruyter-Verlag:

      http://www.degruyter.de/rs/bookSingle.cfm?id=IS-3110165759-1&l=D&ad=hd

    3. Administrator Says:

      @Michael
      Danke für den Hinweis. Du wirst das hervorragende Variantenwörterbuch von mir in fast jedem Posting zitiert finden. Suche doch einfach mal auf der Hauptseite der Blogwiese über die Suchfunktion nach dem Begriff „Variantenwörterbuch“, dann wirst du sehen, wo ich alles aus diesem tollen Buch zitiere.
      Gruss, Jens

    4. Christian Says:

      Natürlich stammt diese für teutonische Ohren und Augen übermäßige Verwendung von „dünken“ aus dem Dialekt, wo das Verb noch sehr lebendig ist. Dort ist die (ältere) Form mit Umlaut und ohne /n/ „mi tüecht“ allerdings eher typisch für die westliche Deutschschweiz (Kanton Bern). Hierzulande, d.h. im sympathischen Kanton Zürich, dünkte mich sowas eher befremdlich.

    5. sirdir Says:

      naja, viele dieser Wörter werden halt eigentlich auch in der Schweiz in der Schriftsprache nicht verwendet (wir wollen uns ja auch nicht outen…), sondern nur im Dialekt. Und die reinen Dialektwörter will der Duden ja wohl nicht erfassen.

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