Sind Sie auch manchmal auf der Kurve? Oder finden Sie den Rank?

Oktober 27th, 2010
  • Die Affen auf der Kurve
  • Anfang September 2010 waren aus dem Plättli-Zoo in Frauenfeld sechs Berberaffen ausgebrochen. Zwei von Ihnen blieben verschwunden:

    Zwei der aus dem Zoo in Frauenfeld ausgebüxten Berberaffen befinden sich noch immer auf der Kurve. Der Zoo-Besitzer hofft, dass sie bald freiwillig ins Gehege zurückkehren.

    Affe auf der Kurve
    (Quelle: www.thurgauerzeitung.ch)

  • Ausgebüxt oder ausgebüchst?
  • Der Artikel enthält eine interessante sprachliche Mischung: „ausgebüxt“ oder „ausgebüchst“ verzeichnet unser Variantenwörterbuch eindeutig als „D-nord/mittel“, genau wie „stiften gehen“ als Grenzwert des Standards, oder anders ausgedrückt: Ein Teutonismus, der in der Schweiz eher gelesen als geschrieben wird. Die Österreicher sagen dazu auch „abpaschen“. So ein Norddeutsches Wort in der Thurgauer Zeitung?

    Aber richtig stutzig wurden wir denn erst bei der Kurve: „Die Berberaffen befinden sich noch immer auf der Kurve“, was wohl mit „auf der Flucht“ zu erklären ist, vom Kontext. Ist „auf der Kurve sein“ nun speziell Schweizerdeutsch, oder noch ein zweiter versteckter Teutonismus?

  • Kurve kriegen oder Rank finden?
  • Die Kurve, das ist in der Schweiz sonst der „Rank“, und während man in Deutschland versucht „die Kurve zu kriegen“, würde man sich in der Schweiz eher bemühen, den „Rank zu finden“. Aber „auf der Kurve sein“ für „frei sein“? In Nordost und mittewest Deutschland kennt man da noch die „Trebe“, auf der man sein kann, wenn man unterwegs und frei ist. Ein Trebegänger ist der Clochard, Stadtstreicher, Penner oder Tippelbruder.

    Sie merken, so ganz einfach ist das mit den Varianten nicht. Vielleicht ist ja „ausgebüxt“ schon längst kein Grenzfall mehr, sondern Standard geworden, und „auf der Kurve sein“ gibt es überhaupt nicht, sondern sollte eigentlich „hat die Kurve nicht gekriegt“ heissen. Dann doch lieber den Rank finden, oder den Rand halten.

    Dialekt als „Sprache des Herzens“ zu sehen ist Kitsch — Peter von Matt im Tagesanzeiger

    Oktober 16th, 2010
  • Die gefährliche Abwertung des Hochdeutschen
  • Im Tages-Anzeiger vom 16.10.2010 äussert sicher Peter von Matt sehr gelassen über „Dialektwahn und die gefährliche Abwertung des Hochdeutschen“ (Quelle: Tagesanzeiger.ch). Ist Schweizerdeutsch eine „Sprache des Herzens“? Peter von Matt hält als Germanist und emeritierte Professor der Universität Zürich diese Vorstellung für Kitsch:

    Alles, was in der deutschen Schweiz geschrieben und gelesen wird, ist Hochdeutsch oder Standardsprache. Standardsprache ist ein so hässliches Wort, dass man seinen Erfinder aus der Sprachgemeinschaft ausschliessen sollte; ich verwende es an dieser Stelle nur, um öffentlich zu erklären, dass ich es nie mehr verwenden werde. Auch wenn viele Leute ihre SMS im Dialekt schreiben oder in irgendeinem Mundartgewurstel, gilt die Regel: Geschrieben und gelesen wird in der deutschen Schweiz das Hochdeutsche mit seinen schweizerhochdeutschen Eigenheiten, also eben etwa den Spargeln, den Türfallen und den Unterbrüchen.
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: Tagesanzeiger.ch)

  • Standarddeutsch oder Hochdeutsch?
  • Ich mag „Standarddeutsch“, weil wir bei diesem Ausdruck nicht immer erklären müssen, dass das „Hoch“ in „Hochdeutsch“ nichts mit hoher Qualität sondern den hohen, und nicht mittleren oder niederen Bereichen des deutschen Sprachraums zu tun haben. Hochdeutsch sollte besser „Süddeutsch“ heissen, oder „Neu-Süddeutsch“, aber die Sprachwissenschaftler haben das anders entschieden.

    „Türfallen“ und „Unterbrüche“ sind keine schweizerdeutschen Eigenheiten, sondern Varianten der Standardsprache, die in nördlichen Gebieten zwar verstanden aber nicht aktiv gebraucht werden.
    Nun hat sich aber in diesem Lande seit einiger Zeit der Wahn ausgebreitet, der Schweizer Dialekt sei die Muttersprache der Schweizer und das Hochdeutsche die erste Fremdsprache. Das ist Unsinn, führt aber zu einer chronischen Einschüchterung der Deutschen in der Schweiz, denen man unterstellt, dass sie «unsere Sprache» nicht beherrschten. In Wahrheit ist in der Schweiz der Dialekt nur für Analphabeten die ausschliessliche Muttersprache.

    Stimmt, sonst würde kein Kind, das im Schweizerdeutschen aufwächst, so rasch beim Ki.Ka alles verstehen, und bei der „Sendung mit der Maus“ sofort abschalten, denn die gibt es noch nicht auf Schweizerdeutsch.

    Unsere Muttersprache ist Deutsch in zwei Gestalten: Dialekt und Hochdeutsch, und zwar so selbstverständlich und von früher Kindheit an, wie das Fahrrad zwei Räder hat. Wir wachsen mit beiden Gestalten unserer Muttersprache auf, erfahren und erweitern unsere Welt in beiden Gestalten ein Leben lang, und unsere Autorinnen und Autoren schreiben, wenn sie etwas taugen, ein Hochdeutsch, das dem Ausdrucksreichtum keines deutschen oder österreichischen Autors nachsteht. Ist es doch ihre Muttersprache voll und ganz.

  • Zweisprachigkeit ist keine Schweizerfähigkeit
  • Diese Zweisprachigkeit findet sich auch in vielen Gegenden Deutschlands. Jeder Deutsche spricht Dialekt, sei es nun Rheinisch oder Hessisch oder Hanseatisch oder Schwäbisch. Selbst im viel bemühten Hannover wird nicht keine künstliche Bühnensprache gesprochen, sondern es wimmelt von Varianten wie „Berg“ und „Berch“, „Wurst“ und „Wurscht“.

    Nur haben sie noch deren zweite Gestalt daneben, in der sie sich mit den Landsleuten unterhalten und vielleicht auch gelegentlich ein Hörspiel schreiben. Der verbreitete Wahn, nur der Dialekt sei die Muttersprache der Deutschschweizer, beruht auf einer Mischung von Denkschwäche, Sentimentalität und Borniertheit. Und er hat bedenkliche Folgen. Er beschädigt die Liebe zum Deutschen und damit die Kulturfähigkeit vieler Schweizer. Denn wer seine Muttersprache nicht liebt, arbeitet auch nicht mit Lust daran sein Leben lang. Wer aber nicht sein Leben lang mit Lust an seiner Muttersprache arbeitet, rutscht langsam weg aus den schöpferischen Zonen seiner Kultur.

    Borniertheit ist hart, aber angemessen. „Liebe zum Deutschen“? Um Gotteswillen, das ist doch die Sprache von diesem arroganten Volk aus dem grossen Kanton!

  • Es leben die Varianten!
  • Die deutschschweizerischen Dialekte sind eine bunte Wunderwelt, die gerade deshalb so tausendfach blüht und wuchert, weil es keine schriftliche Form für sie gibt. Wer dennoch eine Postkarte, eine SMS oder, was schon viel seltener geschieht, einen ganzen Brief im Dialekt schreibt, kann dabei gegen keine orthografischen Regeln verstossen. Und was den Wortschatz anbelangt, variiert dieser fast von Dorf zu Dorf. Ein berühmtes Beispiel ist die Ameise. Die nennt sich in der Deutschschweiz so:
    Ämesse, Omeisele, Äbese,Aweissi, Ameisi, Uweisse,Wurmeissi, Wurmeisle, Wurmasle, Harmäusli, Ambeisse, Umbeisse, Hampeissi, Lombeisse, Empeisele, Ambitzli, Wumbitzgi, Humbetzgi, Ambessgi, Umbasle, Hobäsle,Wurmasle, Wambusle, Bumbeisgi

    Sagenhaft, diese Vielfalt! Aber dieses Phänomen der Varianten macht nicht an der Grenze zur Deutschland oder Österreich halt. Peter von Matt zitiert als weiteres Beispiel den „Brotanschnitt“, für den jeder Deutsche auch jeweils zwei Wörter kennt. Eins vom Vater und eins von der Mutter gelernt, z. B. „Knust“ oder „Knäuschen“ oder „Kanten“ oder „Knäusel“ oder „Ranft“ (vgl. Blogwiese)
    Wie sagen Sie zum Brotanschnitt?
    Aus der Schweiz listet Peter von Matt diese Varianten:

    Aaschnitt, Aahau, Aahäulig,Aahäueli, Obenäbli, Deckel,Gupf, Güpfi, Änggel, Münggel, Mürrgi, Mutsch, Bode, Chäppli,Aamündli, Gruschte, Chropf, Wegge, Zipfel, Scherbitz, Reifteli, Mugerli, Houdi, Gutsch, Götsch, Fux, Fuudi
    Angesichts der zwei lautmalerischen Litaneien wird auch deutlich, dass niemand je imstande sein wird, den deutschschweizerischen Dialekt als solchen zu lernen. Es gibt ihn als feste Grösse gar nicht, es gibt ihn nur als ungeheure, durcheinander wogende sprachliche Wolkenmasse. In dieser findet jeder Deutschschweizer seinen Winkel, in dem er besonders zu Hause ist, aus dem seine eigene Variante und Abschattierung der schweizerdeutschen Mundart stammt. Dass er diesen Winkel, diese Variante liebt, ist verständlich, und nichts ist dagegen einzuwenden. Aber wenn er deshalb jene Gestalt seiner Muttersprache abwertet, über die er mit der ganzen deutschen Sprachkultur verbunden ist und über die der geistige Austausch, das Geben und Nehmen denkender Köpfe wesentlich geschieht, verfehlt er sich gegenüber einem unersetzlichen Stück seiner Heimat.

    Traurig, aber wahr. Wer sich nicht öffnet für seine „zweite Muttersprache“ wird rasch abgetrennt von der ganzen deutschen Sprachkultur. Da hilft es auch nicht, fleissig Stefan Raab zu schauen.

  • Die Sprachfertigkeit schwindet
  • Der Wahn, der Dialekt sei die einzige und eigentliche Muttersprache, hat zur Folge, dass sich manch ein Deutschschweizer das Recht herausnimmt, auch mit Deutschen und Österreichern sofort und ausschliesslich im Dialekt zu sprechen. Das ist ungehobelt, bäurisch und stillos. Noch schlimmer aber ist, dass dieses Verhalten den blitzschnellen Wechsel zwischen den zwei Gestalten der Muttersprache, der in der Schweiz lange Zeit ganz selbstverständlich praktiziert wurde und die Sprachfertigkeit des Deutschschweizers ebenso bewies wie seine Sprachfreude, zusehends zum Verschwinden bringt.

    Dafür nimmt aber die Fähigkeit der zugewanderten Deutschen zu, die unterschiedlichsten Dialektvarianten zu verstehen. Ein Geben und Nehmen eben.

    Wenn zwei Schweizer miteinander plaudern, tun sie dies im Dialekt. Das ist gut so und richtig. Tritt ein Deutscher hinzu, schalten sie um ins Hochdeutsche. Auch das wäre gut so und richtig. Nur tun sie es heute immer weniger, die Jungen fast überhaupt nicht mehr. Der Deutsche soll bitte sehr die Mundart verstehen. Das ist schlicht arrogant. Und einfältig, weil es unterstellt, dass das Hochdeutsche nicht unsere Sprache sei. Die Folge ist eine schleichende Provinzialisierung, die man als solche nicht erkennen will, auf die man sich vielmehr noch etwas einbildet. Hier liegt ein echtes nationales Problem vor, auch wenn es nur für die Deutschschweiz gilt.

    Für mich ist diese Verhalten nicht „arrogant“, sondern es gibt mir das angenehme Gefühl, nicht anders als andere sprachlich behandelt zu werden und damit integriert zu sein. Traurig und arrogant wird es nur, wenn die Fähigkeit in der Standardsprache zu sprechen tatsächlich schwindet. Meist ist sie ja da, im Verborgenen zwar, doch leider oft ein bisschen eingerostet. Ich freue mich, wenn ein Schweizer Spass daran hat, souverän und ohne Mühe und Komplex mal kurz auf das Standarddeutsche umzuschalten, in jeder Situation des Alltags, nicht nur wenn er einem etwas verkaufen will oder wenn ich als deutscher Tourist hilflos durch die Landschaft irre.

    Bedenklich ist dabei nicht so sehr das schlechte Benehmen. Mangelnder Anstand bestraft sich ja in der Regel selbst. Bedenklich ist der Rückgang der sprachlichen Beweglichkeit, der Ausdrucksfreude und syntaktischen Eleganz. Der hochdeutsche Wortschatz friert auf dem Volksschulniveau ein. Und die Medien tun nichts dagegen, obwohl sie selbst immer noch ein sehr passables Deutsch schreiben und reden. Sie fürchten sich vor der Volksseele, vor den Leserbriefen, vor den Kitschgefühlen, wonach der Dialekt die Sprache des Herzens sei, das Hochdeutsche aber kalt und fremd.

  • Trösten kann man auch auf Norddeutsch
  • Ja, und keine Mutter in Niedersachsen vermag ihr Kind in dieser kalten Sprache zu trösten, keine Liebeslyrik funktioniert auf Hochdeutsch, und Bettgeflüster? Na, da schalten wir doch lieber gleich ganz auf stumm.

    Dass der Deutschschweizer gleichwohl rasch bereit ist, sich über den Dialekt schon des Nachbarkantons lustig zu machen und bestimmte Mundartfärbungen sogar offen zu verachten, passt da allerdings schon weniger ins Bild. Eine gefühlsmässige Abwertung der Sprache, in der Gottfried Keller und Robert Walser, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt geschrieben haben, ist heute weithin festzustellen. Natürlich führt dabei niemand gerade diese Beispiele an. Sie sind aber mitbetroffen. Würde man auch diese Konsequenz aussprechen, läge der Blödsinn sofort zutage.

    Ich denke da stets an die berühmte „Rangfolge“ der Dialekte, von sehr beliebt (Graubünden und Wallis) bis absolut unbeliebt. Am unteren Ende der Skala wird meist die Ostschweiz genannt, noch hinter Züridütsch (vgl. Blogwiese) Eine ähnliche Abstufung ist mir bei deutschen Dialekten noch nie vorgekommen.

    Fahren Sie Sie gern Auto-Scooter, Putschibahn, Box-Autos oder den Selbstfahrer? — Neues aus dem Reich der Varianten

    Oktober 11th, 2010

    (reload vom 19.3.07)

  • Es leben die Varianten!
  • Dass die Deutsche Alltagssprache nicht nur einen Standard besitzt, sondern als plurizentrische Sprache bei einer Vielzahl von Begriffen und Ausdrücken geradezu verschwenderisch mit Varianten um sich wirft, hatten wir schon am Beispiel des Brotanschnittes (=Knust, Kanten, Aahau, Gupf, Riebele) festgestellt. Jetzt wurde wir auf das Projekt „Atlas zur deutschen Alltagssprache“ der Phil-Hist. Fakultät der Uni Augsburg hingewiesen. Bereits in der siebten Runde wird von Sprachwissenschaftlern mit Hilfe eines Fragebogens erhoben, wie die Menschen im deutschen Sprachraum, von der Nordseeküste bis ins tiefste Wallis, von der Westgrenze Luxemburgs bis in die östlichste Ecke Österreichs, zu den Dingen sagen. Jeder ist aufgefordert, den Fragebogen hier ehrlich und genau zu beantworten.

    Autoscooter
    (Quelle Foto: ig-schoenenwerd.ch)

  • Vom Puff-Auto zum Selbstfahrer
  • Sehr hübsch z. B. die Erkenntnisse zu den „Auto-Scootern“, die die Schwaben „Box-Autos“ nennen und die Südtiroler „Puff-Autos“. Da stösst ganz schön was zusammen. Laut Erhebung schwanken die Schweizer zwischen Tätschäutele, Tütschibahn und Potzautos. In Westfalen und am Niederrhein hat man das „Auto“ mit „Selbst“ übersetzt und den Begriff „Selbstfahrer“ geprägt.

    Box-Autos oder Potzautos
    (Quelle Karte: philhist.uni-augsburg.de)

    Wir lesen auf der Webseite:

    In Baden-Württemberg und in der Pfalz sagt man tatsächlich Box-Auto, aus dem Moselgebiet wurde eine weitere Variante, nämlich Knupp-Auto, gemeldet. Die Karte zeigt sehr schön, dass es in den anderen deutschsprachigen Ländern jeweils eigene Varianten gibt: In Österreich fährt man, wie im Wörterbuch angegeben, Autodrom; dies kann aber auch eine ‘(ovale) Rennstrecke für Motorradveranstaltungen’ bezeichnen. Im Wörterbuch bisher nicht verzeichnet ist die Südtiroler Variante Puff-Auto. Aus der Schweiz wurde uns Putschauto gemeldet. Die Bezeichnung Putschi-Auto ist nach Auskunft unserer Gewährsleute etwa in Luzern, Küssnacht, Kerns gebräuchlich, Putschi-Bahn in Zürich, Zug, Staufen, Schwyz. Lautähnlich sind weitere Schweizer und Vorarlberger Varianten wie Tütschibahn und Tätsch-Äutele.
    (Quelle: phihist.uni-augsburg.de)

    Vielleicht ist ja dann der „Tätschmeister“ eine Michael Schumacher der Kirmes, Verzeihung, „Chilbi„?

    Das Wort „Auto-Scooter“ wird neben über 200 weiteren Begriffe und ihren Varianten auf der Webseite erläutert. Da kann unser Variantenwörterbuch einpacken. Das liefert zwar schöne Originalzitat, aber nicht so hübsche Karten wie diese Webseite aus Augsburg.

  • Estrich, Dachboden und Bühne sind nur ein Teil der Wahrheit
  • Endlich erfahren wir, dass die häufig zitierten Varianten für den Dachboden, der von den Schweizern „Estrich“ genannt wird und bei den Schwaben „die Bühne“, im Wallis und in Südtirol auch als „Unterdach“ bekannt ist, und am Niederrhein als „Söller“ aus der Mode kam.

    Dachboden, Bühne, Estrich oder Söller
    (Quelle: Karte Dachboden)

    Viel Spass beim Schmökern im Register und Danke für den Tipp an Schnägge!

    Sorgen Sie auch manchmal für Mais? — Nicht jeden Ärger kann man essen

    September 25th, 2010
  • Mais im Bundeshuus
  • Es ist schon ein paar Jahre her, dass wir den ausgezeichneten Schweizer Dokumentarfilm „Mais im Bundeshuus“ sehen durften, der für die Westschweiz den französischen Titel „Le génie helvétique“ bekam. Der Film führt eindrücklich vor, wie Lobbyisten im Berner Bundeshaus ihrer Arbeit nachgehen. Es ging damals um Gentechnik-Forschung, und der Titel war eine Anspielung auf den gentechnisch veränderten Mais, so meinten wir verstanden zu haben. Das wir dieses Verständnis heute, gut 7 Jahre nach Erscheinen des Films, noch einmal überdenken müssen, dafür sorgte unser Leib und Seelen Hausblatt für das moderne Schweizerdeutsch der Gegenwart, der Tagesanzeiger, in dem am 18.09.2010 zu lesen war

    „Couchepin sorgen schon bald für Mais“.

    Sorgten schon bald für Mais
    (Quelle: Tagesanzeiger vom 18.9.10)

  • Was alles für Mais sorgt
  • Schmeckt denn Mais so gut? Klar, ein goldig gedünsteter Kolben im Herbst, mit viel Butter und Salz genossen, ist wirklich nicht zu verachten. Auch in der Pendlerzeitung 20Minuten fanden wir die Schlagzeile:

    „Fluglärm sorgt für Mais“

    Fluglärm sorgt für Mais
    (Quelle: 20min)

    Immerhin diesmal in „Gänsefüsschen“, als ob sich die Zeitung nicht so ganz sicher ist, ob man das schreiben darf oder nicht.

    Und schnell waren weitere Mais-Fundstellen beisammen getragen:

    „Mais ums Putz-Personal im Bundeshaus“

    Mais ums Putz-Personal
    (Quelle: Tagi 27.03.2009)

    Blocher schlug vor einem Jahr vor, das man Polanski bei der Einreise in der Schweiz besser heimlich gewarnt als verhaftet hätte,

    „Und der Mais wäre uns erspart geblieben“

    Mais erspart
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Sogar Handys verursachen Mais:

    „Mais um Ökohandys“

    Mais um Handys
    (Quelle: Tages-Anzeiger 16.10.2008)

  • Knatsch oder Zoff?
  • Kurzum: Der Film von 2003 hätte auch „Knatsch“ im Bundeshaus, oder „Zoff im Bundeshaus“ heissen können, denn Mais ist in der Schweiz ein Synonym für Streit und Ärger. Doch warum? Das konnte uns niemand erklären. Mais ist doch so ein harmloses Gewächs. Als die Amerikaner nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Deutschen fragten, welche Güter sie dringend benötigten, baten diese: „Schickt uns Korn“ um es anzupflanzen, zu ernten, zu mahlen und Brot zu backen. Gedacht war an Roggen- und Weizenkorn. Doch die Amerikaner verstanden „You want to have corn!“ and sandten Säcke voll goldgelben Mais, so gab es monatelang Polenta und Maisbrot, statt Roggenbrot in Deutschland. Begann hier der Ärger um den Mais, der Mais um den Zoff?

    Wieder bleiben wir ahnungslos und hoffen auf sinnvolle Erklärungen von Phipu oder Anfra. Vielleicht hat der „Mais im Bundeshuus“ ja gar nichts mit dem Getreide zu tun sondern kommt von einem ganz anderen Wort?

    Was die Schweizer tun mögen — Sich erinnern

    September 17th, 2010

    (reload vom 13.03.07)

  • Magst Du Dich erinnern?
  • Bin ich eigentlich zu sprachempfindlich? Warum gibt es Redewendungen und Formulierungen, die mir auch nach Jahren in der Schweiz noch ungewohnt vorkommen? Vielleicht weil ich sie in den wichtigen Jahren der sprachlichen Prägung, der Kindheit und Jugend, nicht gehört habe.

  • Ich mag mich nicht erinnern
  • „Magst Du Dich erinnern?“ „Ich mag mich erinnern“. „Ich mag mich nicht erinnern“. Das sind sie, diese Sätze, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann, die ich sicherlich zum ersten Mal in der Schweiz oder im Süddeutschen Sprachraum gehört habe. Ist das extrem mundartlich gesprochene Sprache, die diese Formulierung verwendet, wenn man „eine Sache tun mag“ oder „nicht tun mag“?

    Oder hängt es vielleicht damit zusammen, dass das Verb „mögen“, welches eigentlich ein schwaches Synonym für „lieben“ oder „gern haben“ ist, hier ganz einfach als Ersatz für „können“ gebraucht wird? Das mag es sein. Und so stört es mich nicht, wenn etwas „sein mag“ oder „nicht sein mag“. „Mag sein, dass Du Recht hast“ ist eine wundervolle Variante für „kann sein, dass …
    Aber ich mag einfach nicht etwas „tun mögen“. Ich „kann“ lieber, oder „kann“ nicht.

  • Kannst Du Dich erinnern?
  • Vielleicht sind es ja doch frühkindliche Dialekterinnerungen aus dem bayrischen Fernsehen, wenn im Volkstheater der Satz „I mog dii“ fiel, die dazu geführt haben, dass das mit dem Mögen für mich plötzlich so merkwürdig besetzt war (Verschriftung nur nach Saupreussen-Gehör und garantiert nicht gemäss der letzten Bayrischen Verschriftungsordnung!).

    Der ersten Kalauer, an dem ich mich auf (Pseudo)Bayrisch erinnere, ging ungefähr so:

    Sie: „Liabsch mi?“
    Er: „Joo!“
    Sie: „Mogst mi hoiraten?“
    Er: „Naa!“
    Sie: „Runter.“

    Soviel zum Thema „mögen“.

    Der Google-Test fiel 2007 dazu schwach aus. Ganze 14 Stellen für „Magst Du Dich erinnern“ bei Google-CH und nur 7 Stellen bei Google-DE . Heute ist es anders herum, da Google.de die Belege aus der Schweiz mitanzeigt.

    Ich halte also fürs Protokoll fest, dass man im nüchternen Norddeutschland sich „nicht erinnern mag“, und den Satz „Magst Du Dich erinnern“ im Sine von „Weisst Du noch?“ oder „Kannst Du Dich daran erinnern?“ nie gebrauchen würde. Oder bin ich doch einfach ach zu lang schon fort und mag mich an nichts mehr erinnern? Mag sein.