Wenn das Essen lange hält — Pommeskultur in Bülach

September 2nd, 2006
  • Eine Pommesbude auf 7.500 Einwohner
  • Bülach, die Lifestyle Metropole des Zürcher Unterlandes, entwickelt sich. Die Einwohnerzahlen explodieren. Im letzten Jahr hatte die Gemeinde den höchsten Prozentsatz an Neubürgern in der gesamten Schweiz zu verzeichnen. Unter den Neubürgern sind auch zahlreiche Deutsche, denn irgendwo müssen die 40.000 ja unterkommen. Es tut sich was in dieser Stadt. Ausser einem Kebab-Lokal unweit des Bahnhofs gibt es mittlerweile auch ein Eiscafé, was sich hier freilich als Café mit „Glace-Verkauf“ anpreist, und einen weiteren Imbiss mit „Absitzmöglichkeit“ unweit der Altstadt.

  • Erst die Matura, dann die Mayonnaise
  • Jetzt sind zwei ehemaliger Kantonsschüler von Bülach das Wagnis eingegangen, dieses überaus dichte Angebot an Pommes und Kebab (2 Lokale für 15.000 Einwohner) weiter zu steigern und haben eine Pommesbude neben Landi aufgemacht. Das liegt in strategisch günstiger Nähe zur grossen Kantonsschule, zur (Kotz)-Brockenstube und zu den Berufsschulen Bülachs. Die Versorung in der Mittagspause der ehemaligen Schulkollegen ist also gesichert. Wir sehen, dass das Bildungssystem der Schweiz auch Unternehmergeist wecken kann. Mit der Matura kam die Mayonnaise auf die Pommes für 4 Franken, obwohl die hierzulande eher nur mit Ketchup genossen werden.
    Ässheld in Bülach

  • Essen, das lange hält?
  • Etwas rätseln mussten wir über den Namen des neuen Etablissements: „ÄSSHELD“ nennen es die Jungunternehmer. Das ist doch keine Schweizer Variante von amerikanisch „asshole“? Oder ist es möglicherweise wörtlich zu nehmen: „es hält“? Wahrscheinlich „hält es“ lange vor, wenn man dort isst. Einmal Pommes Frites und Du bist 3 Tage satt und so.

    Nein, die Erklärung findet sich auf dem Werbezettel: „Held des Essens“ steck in dem Wort, ein „Essheld“ also. So wie in der Ostdeutschen Vergangenheit der „Held der Arbeit„. Braucht es heldenhaften Mut, um sich an die Portionen zu wagen? Wir werden es ausprobieren und berichten.

    P.S.:
    Oder ist es viel leicht doch Ruhrpottdeutsch, was wir da lesen? „Eh Mann, ess halt.. auch wenn dat fettisch is.., tu oardentlisch Butter bei die Fische“

    P.P.S: Das obige Zitat war getürkt. Das kleine Wörtchen „halt“ als Verstärkungselement werden sie im Ruhrpott niemals hören, ausser in der Formulierung: „Halt das Maul“.

    P.P.P.S: Wir warten noch auf auf www.pommes-in-buelach.ch in der Tradition von
    Ein jeder muss ins Internet

    Nur nicht an Schwellkörper denken — Gschwellti in der Schweiz

    August 12th, 2006
  • Was schwillt denn da?
  • Im heissen Sommer 2006 konnten wir in einer Zürcher Kantine zur Mittagszeit unseren kulinarischen Schweizerdeutschen Grundwortschatz (vgl. Schweizer Essen) um eine weitere Vokabel ergänzen, die sich, nur so vom Lesen, ohne praktisches Beispiel oder Foto, einem Deutschen nicht leicht erschliesst. Die Rede ist von „Geschwellti“.
    Gschwellti sind Pellkartoffeln in der Schweiz
    Nein, geschwollen brauchen wir jetzt nicht daher reden, und auf die Pelle rücke ich Ihnen jetzt nicht, auch wenn die Dinger in Deutschland „Pellkartoffel“ heissen. Unser Variantenwörterbuch hilft weiter:

    Gschwellti CH nur Plur. (Grenzfall des Standards):
    Erdapfel: Erdapfel in der Schale / Montur A
    Schelfeler A-West(Tir.)
    Kartoffel: Geschwellte Kartoffel CH;
    Gekochte Kartoffel D-mittelost/süd;
    Gesottene Kartoffel D-südost
    Pellkartoffel D-nord/mittel „ in der Schale gekochte Kartoffel als Speise“. Vorgestern gab’s Gschwellti mit selbst gemachter Mayonnaise (Blick 28.1.1998,7)
    (Quelle: Variantenwörterbuch DeGruyter Verlag)

    Dennoch haben wir keine Ahnung, was „geschwellen“ mit Kochen zu tun haben könnte, oder mit „schwellen“. Eine Eisenbahnschwelle heisst der Holzbalken, über den die Tür gebaut wird, oder über den man Schienen verlegt.

    Der Duden meint:

    schwellen (st. V.; ist) [mhd. swellen, ahd. swellan, H. u.]:
    1. [in einem krankhaften Prozess] an Umfang zunehmen, sich [durch Ansammlung, Stauung von Wasser od. Blut im Gewebe] vergrößern: ihre Füße, Beine s.; die Adern auf der Stirn schwollen ihm; die Mandeln sind geschwollen; sie hat eine geschwollene Backe, geschwollene Gelenke; Übertragung: die Knospen der Rosen schwellen; die Herbstsonne ließ die Früchte s.; schwellende (volle) Lippen, Formen, Moospolster.
    2. (geh.) bedrohlich wachsen, an Ausmaß, Stärke o. Ä. zunehmen:
    der Fluss, das Wasser, die Flut schwillt; der Lärm schwoll (steigerte sich) zu einem Dröhnen; während der Donner … verhallte, schwoll (steigerte sich) der Wind zum Sturm (Schneider, Erdbeben 105).

  • Ist es schwelen und nicht schwellen?
  • Ob die Kartoffeln in der Schweiz anschwellen, wenn sie in heissem Dampf gegart werden? Oder hat es gar nichts mit diesem Wort zu tun, sondern kommt von „schwelen„:

    schwelen (sw. V.; hat) [aus dem Niederd. < mniederd. swelen = schwelen; dörren; Heu machen, verw. mit schwül]:
    1. langsam, ohne offene Flamme [unter starker Rauchentwicklung] brennen:

    Ob man in der Schweiz die Pellkartoffeln nicht gekocht, sondern über „schwelendem Feuer“ gedörrt hat?
    Aber das dauert doch viel länger als kochen über dem Feuer.

    Auf jeden Fall bringt es das Wort auf 734 Erwähnungen bei Google-CH, das meiste sind Rezepte.

    Die Lösung des Geheimnisses verdanken wir, wie so oft, dem alten Wörterbuch der Brüder Grimm, denn darin steht:

    im oberdeutschen ist schwellen sehr gewöhnlich in der bedeutung ‚etwas im wasser sieden, bis es weich wird, in siedendem wasser kochen,‘ bes. erdäpfel (kartoffeln), s. STALDER 2, 363. HUNZIKER 235. SEILER 267a. SCHM. 2, 630: o sprach Bruno, du wirst sie (die frau) swellen und essen mit dein czen. STEINHÖWEL decam. s. 565 Keller (9, 5); (man soll einer mastgans) trei mal im tage gersten, und inn wasser geschwöllten weytzen … zuessen geben. SEBIZ feldbau 111; er hat viel tag nichts dann einen geschwelten weitzen zu essen gehabt. RIVANDER 2, 222b. so auch (?): sawer und murrecht sehen, gleich als wann er ein pfann voller geschwelter teuffel gefressen hett. HÖNIGER narrensch. 30b.

    7) in Nürnberg bedeutet schwellen (schwach) auch fest schlafen und schnarchen. SCHM. 2, 630.
    (Quelle: Grimm)

    Dann wollen wir mal tun, was Bruno verlangt und unsere Frau essen, bzw wie in Nürnberg einfach tief schwellen.

    Na dann: En Guete!

    Was den Kohl nicht fett und den Braten nicht feist macht

    Juli 20th, 2006
  • Kulinarische Redewendungen in der Schweiz und in Deutschland
  • Die Schweiz und Deutschland liegen definitiv in zwei unterschiedlichen Kulturkreisen. Nirgends ist dies so deutlich zu erkennen, wie bei der Esskultur und den Redensarten, die mit diesem äusserst wichtigen Teil des Lebens zu tun haben.

  • Tu Butter bei die Fische!
  • Tu ordentlich Butter bei die Fische“ pflegt man in Norddeutschland im Ruhrgebiet zu sagen, wenn man möchte, dass bei einer Sache nicht gespart wird, dass etwas grosszügig gehandhabt werden soll, oder wenn jemand endlich deutlich mit der ganzen Wahrheit rausrücken soll. Die Schweiz liegt zwar nicht am Meer, Fisch wird jedoch auch hier in rauen Mengen aus den Seen und Flüssen geholt und gegessen. Man munkelt, dass die in der Schweiz verzehrte Menge an „original Schweizer Eglifisch“ niemals in all den Seen Platz gehabt hätten, wären sie wirklich aus der Schweiz. Ein Wunder wie das der Fischvermehrung von Jesus am See Genezareth wird vermutet.

    Fisch war nicht immer rar und teuer. So lesen wir bei Wikipedia zm Thema „Lachs“:

    Allerdings war der Lachs im 19. Jahrhundert so billig, dass die Dienstboten sich weigerten, jeden Tag Lachs essen zu müssen. Schließlich gab es eine Übereinkunft, dass nur zweimal in der Woche Lachs zumutbar sei.
    (Quelle Wikipedia)

  • Fisch, Fleisch oder Vogel?
  • Während man in Deutschland und Österreich zu nicht bestimmbaren, nicht einzuordnenden Dingen sagt: „Das ist weder Fisch noch Fleisch“, ist es in der Schweiz der Vergleich mit dem Federvieh: „Das ist weder Fisch noch Vogel“:

    Ebenso abwegig scheint uns eine verbreitete Zwischenlösung, die weder Fisch noch Vogel ist (Rutishauser, Geschäftsbriefe 22; CH);
    (Quelle Variantenwörterbuch DeGruyter, S. 246)

    So ganz glauben können wir den Jungs und Mädels aus dem DeGruyter Verlag allerdings nicht, denn obwohl die Formulierung „Das ist weder Fisch noch Vogel“ schweizerisch sein soll, findet sie sich auch an zahlreichen Stellen bei Google-Deutschland. Wahrscheinlich sind das, wie meistens in solchen Fällen, alles ausgewanderte Schweizer, die sich kein ordentliches Steak sondern nur Chicken-Nuggets leisten konnten in Deutschland und dann mit Fischstäbchen böse hereingelegt wurden.

  • Fett, feist oder feiss?
  • Während „fett“ und „feist“ zum Standarddeutschen gehören, und folglich überall verstanden werden, ist „feiss“ mit oder ohne „ß“ geschrieben, alemannisch und damit auch in der Schweiz verbreitet. Wir finden im Duden:

    Feiss
    1. feiß [mhd. vei (e), urspr. = strotzend, schwellend] (alemann.): fett, feist.
    2. Feis, Feiss, Feiß, Feist: ober- und mitteldeutsche Übernamen zu mhd. veiz(e), veizt beleibt, feist, fett . Ulr. der Faist ist a. 1340 in Regensburg bezeugt.

    Dank dieser Hilfe wird uns auch klar, warum in der Schweiz der Braten nicht „fett“ sondern „feiss“ wird in der Redewendung: „Dass macht den Braten nicht feiss“.

    Google findet hierzu lediglich Stellen in der Schweiz (vgl. Google-CH)
    Kein Wunder, denn in Deutschland ist man keinen fetten Braten, sondern lieber Kohl, auch ohne Helmut davor. Die verstorbene Frau des Alt-Kanzlers Helmut Kohl erwähnte einst vor der Presse ihre Pläne, ein Kochbuch zu veröffentlichen. Sofort mutmasste man über einen möglichen Titel: „Das macht den Kohl auch nicht fett“, aber leider war es da schon zu spät. Der stete Genuss des „Pfälzer Saumagens“ hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

  • „Das macht den Kohl [auch]nicht fett — Das macht das Kraut [auch] nicht [mehr] fett
  • Unser Variantenwörterbuch meint dazu:

    D-nord/mittel „Das macht eine Sache nicht besser“: Natürlich kann man hie und da ein wenig in der Verwaltung einsparen, aber das macht das Kraut nicht fett. Kurier 6.3.2002, Internet
    Selbst die strukturellen Spar-Entscheidungen im öffentlichen Dienst … machen den Kohl nicht fett (TAZ 20.6.2001, Internet; D)

    Wenn das Kraut schon nicht fett wird, dann bekommt sicher sonst jemand „sein Fett ab“. Denn „ein Fett abbekommen / wegbekommen / wegkriegen“ ist nur in Deutschland (ohne südost) beliebt für „Recht für etw. bestraft oder getadelt werden

    Wir fragen uns dann natürlich, was die Schweizer abbekommen, wenn nicht ihr Fett?

    Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken — Ein Erklärungsversuch

    Juni 29th, 2006
  • Kein Leitungswasser im Deutschen Restaurant
  • Wer gern in Frankreich oder Spanien Urlaub macht, wird es gewohnt sein (Schweizer Leser dürfen es auch „sich“ gewohnt sein), dass dort zu jeder Mahlzeit neben dem obligatorischen Weissbrot auch eine Karaffe mit (gekühltem) Leitungswasser auf dem Tisch steht. Gehen Sie in ein französisches Strassencafe und bestellen einen „grand crème“ (Deutscher Jargon: „ön Kaffee Olé„), können Sie den Keller gleichfalls bitten, Ihnen dazu „un verre d’eau“ zu bringen. Versuchen Sie dies einmal in Deutschland. Der Keller wird sie mitleidig anschauen, vermuten, Sie leiden an Kopfweh und möchten ein Aspirin einnehmen, wozu er Ihnen höchstwahrscheinlich ein nur halb bis dreiviertel gefülltes Glas Leitungswasser bringen wird. Bestellen Sie zum Essen einfach nur Wasser, wird es garantiert Mineralwasser in einer Flasche sein, still oder mit Kohlensäure.

    Die Deutschen offerieren äusserst ungern Leitungswasser, schon gar nicht im Restaurant. Am „Offerieren“ merken Sie, das wir schon lange in der Schweiz leben. Ein „Anbieten“ geht uns kaum mehr über die Lippen.

    Es gehört zu den letzten ungelösten Geheimnissen der Deutschen Trinkkultur, warum das so ist. Ob es an der Hitze und den südlichen Temperaturen Frankreichs liegt? Unmöglich, denn in Nordfrankreich ist es im Schnitt sicher kälter als im Süden Deutschlands, und dennoch werden Sie dort stets eine Karaffe Wasser zum Essen serviert bekommen, nicht aber in Bayern oder Schwaben.

  • Ist gekauftes Wasser in Flaschen gesünder?
  • Eine Theorie besagt, dass die Deutschen ihrem eigenen Leitungswasser misstrauen, dass es nicht so gesund sei, wie abgefülltes Wasser zum kaufen. Als die Rohre noch aus Blei bestanden oder ziemlich verrostet waren, hatte diese Skepis ihre Berechtigung. Aber das ist lange vor dem Krieg gewesen. Heute ist es natürlich Quatsch, denn kein Nahrungsmittel wird in Deutschland so ausgiebig und permanent überprüft wie das Hahnenwasser, das dort auch „Kranwasser“ genannt wird

  • Die psychologischen Spätfolgen der Notzeit
  • Eine andere Theorie behauptet, die Deutschen seien heutzutage einfach „zu reich“ um einfach nur Wasser aus der Leitung zu trinken. Es sei ein Überbleibsel aus der Zeit der Not und der Entbehrung, als es kein Fleisch, keine Butter und keinen Kaffee gab. Als nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fünfzigern die Versorgung wieder funktionierte, erlebte Deutschland eine beispiellose Fresswelle. Fleischloses Essen oder Margarine statt Butter haftete fortan das Attribut an, „Essen für Notzeiten“ zu sein. Ähnliches gilt für Leitungswasser: Das trinkt man nur wenn man sich gar nichts anderes mehr leisten kann.

  • L’eau gazeuse macht Bauchweh
  • In Frankreich und in der Romandie hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man von Mineralwasser MIT Kohlensäure immer starkes Bauchgrimmen bekommt. Sie müssen explizit drauf bestehen, ein Wasser „avec des bulles“ serviert zu bekommen, und man wird Sie als Wunder der Verdauungstechnik bestaunen, wie Sie es schaffen, dieser gefährlichen Bläschen in Ihrem Magen Herr zu werden.

  • Sprudeln tut es in der Schweiz nur im Sprudelbad
  • Eines der hübschesten Sprachmissverständnisse zwischen Deutschen und Schweizern ist das Wort „Sprudel“. Während die Deutschen dies als Synonym für „Mineralwasser mit Kohlensäure“ sehen, denken die Schweizer an Wellness und kitzelnde Luftblässchen am ganzen Körper, wenn sie sich ein „Sprudelbad“ leisten. In Süddeutschland darf man dazu auch „saurer Sprudel“ sagen, weil der ja nicht süss ist, auch wenn er eigentlich nach nichts schmeckt. So nannten wir den früher: „Sprudel ohne Geschmack„.

  • Der Wandel kam mit Sodastream
  • Erst in den letzten 10-12 Jahren, mit dem Aufkommen von preisgünstigen Sodastream „Sprudelmaschinen„, hat sich der Trend in Deutschland ein wenig gewandelt. Es wurde schnell populär, dass man mit dem guten Leitungswasser den Sprudel auch selbst herstellen kann, und sich das Kistenschleppen damit spart. Was jedoch noch lange nicht heisst, dass es jetzt auch Leitungswasser im Restaurant zum Essen gibt.

  • Der Harass ist kein Schäferhund
  • Die Schweizer kaufen ihr Mineralwasser in Kästen, die sie „Harass“ nennen. Deutsche würden bei dieser Bezeichnung eher an einen scharfen Polizeihund denken, und nicht an Leergut. Unser Variantenwörterbuch meint dazu:

    Harass CH der, -es, -e ( aus frz. harasse “ Korb zur Verpackung von Glas“
    1. Kiste AD (ohne nordost) Kasten D „offenes Behältnis aus Kunststoff mit Unterteilung für Transport und Aufbewahrung von Getränkeflaschen: „Ich bin ein richtiger Festbruder… Ich arbeite mit Bier und trinke den Saft auch gern. Bis Mitternacht habe ich einen Harass geschafft (Blick 11.7.1994,8)
    (Quelle: Variantenwörterbuch DeGruyter, S. 332)

    Es gibt auch den Bierharass oder den Getränkeharass
    Bierharasse
    (Foto: schneider-weisse.ch)

    Der Duden führt den Begriff auch als „Lattenkiste“:

    Harass, der; -es, -e [frz. harasse, H. u.] (Fachspr.):
    Lattenkiste, Korb zum Verpacken zerbrechlicher Waren wie Glas, Porzellan:
    Täglich werden 8 000 Harasse Vollgut ausgeliefert, 7 000 Harasse Leergut zurückgenommen (NZZ 25. 10. 86, 38).
    (Quelle: Duden.de)

    Alte Harasse für Coca Cola
    (Foto: route66store.ch)

    Diese Getränkekisten wurden übrigens in Deutschland während der WM gerade extrem knapp, weil der Bierverbrauch zwar stieg, aber niemand Zeit hatte, das Leergut wieder zurückzutragen. Die Brauereien mussten regelrecht dazu aufrufen, weil die Flaschenproduktion mit dem Verbrauch nicht mithalten konnte.

  • Auch des Teufels General war ein Harras
  • Ältere Deutsche kennen den Begriff „Harras„, mit zwei „r“ und einem „s“, als Figur aus Carl Zuckmayers Stück „Des Teufels General“:

    Das Stück handelt vom Luftwaffen-General Harras, der seine Fähigkeiten wegen seiner Flugleidenschaft den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt hat, obwohl er im Grunde anderer politischer Meinung ist. Als er in seinem Umfeld eine Sabotage-Aktion des Widerstands an einem neu entwickelten Flugzeugtyp aufdeckt, wird ihm das Ausmaß seiner Schuld bewusst. Zur Desertion unfähig, nimmt er sich das Leben, indem er mit einer derart sabotierten Maschine, mit der auch schon sein Freund Eilers abstürzte und starb, in den Tod fliegt.
    Der Held erinnert an den mit Zuckmayer befreundeten Flieger Ernst Udet. Dieser hatte 1941 Freitod verübt.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn Sie in Deutschland Ihr Leergut loswerden wollen, dürfen Sie also nicht fragen, ob es für Ihren „Harass“ auch „depot“ (vgl. Blogwiese) zurück gibt, sondern Sie müssen die „Leergutannahmestelle“ aufsuchen, um dort Ihre „Getränkekiste“ oder Ihren „Bierkasten“ abzugeben. Dass es sich beim „Bierkasten“ nicht um einen gut gefüllten Schrank mit Gerstensaft handelt, versteht sich hoffentlich von selbst. Ein „Küchenkasten“ ist ja auch keine Kuchenkasse.

    Hahnenburger sind keine Chickenburger — Die Ressourcen der Schweiz

    Juni 28th, 2006
  • Mögen Sie Hahnenburger?
  • Wir lasen in 20minuten die Schlagzeile

    „Hahnenburger so beliebt wie noch nie“.
    (Quelle: 20minuten, 22.06.06)

    Hat die Schweiz die McBurger Kultur revolutioniert und nach dem „Chickenburger“ und dem Vogelgrippe-Skandal ganz umgeschwenkt auf eigenproduziertes eidgenössisches Hühnerfleisch? Werden die Burger, von denen wir gelernt haben, dass es lange dauern kann, als solcher anerkannt zu werden (vgl. Blogwiese Wie wird man ein Burger?) jetzt vielleicht nicht mehr aus mit BSE verseuchtem Rinderfleisch, sondern vermehrt aus „poulet“ hergestellt, bei dem auch die männlichen Hähne verarbeitet werden können?

  • Was hat die Schweiz im Überfluss?
  • Doch es geht gar nicht um Geflügel, es geht um edles Mineralwasser.
    Hahnenburger ist beliebt
    (Quelle: 20minuten vom 22.06.06)

    In der Schweiz gehört dies zu den Ressourcen, die man in grosser Menge zur Verfügung hat und auch locker als Eigenproduktion exportieren könnte. Wasser ist also eine grosse Ressource in der Schweiz. Die anderen beiden sind Steine und Elektrizität, aus Wasserkraft gewonnen.

  • Steine und Kies:
  • Die Tiefdruckgebiete lassen ihre Wassermassen an den Alpenhängen, das Wasser fliesst bergab, wobei es jede Menge Geröll löst und mit sich führt. Es sind immerhin acht LKW-Ladungen voll mit Kies, die allein der Vorderrhein jeden Tag als „Geschiebe“ von den Alpen herab zum Bodensee befördert, und die dort gleich wieder aus dem Flussbett gebudelt werden, damit nicht auf die Dauer der See zugeschüttet wird.

  • Strom aus Wasserkraft:
  • In der Schweiz bildet die Wasserkraft mit ihrem Anteil von rund 60% an der gesamten Stromproduktion das Rückgrat der Elektrizitätsversorgung. Wasserkraft ist erneuerbar, emissionsfrei und einheimisch.
    (Quelle: Swissworld.org)

    Die Speicherbecken in den Alpen sammeln das Wasser, welches durch Röhren und Tunnel im Fels zu den Turbinen der Kraftwerke schiesst, wo diese Energie für die Stromerzeugung genutzt wird.
    Speicherkraftwerk Vorderrhein
    (Foto: poweron.ch)
    Hier noch eine schöne animierte Grafik von der Poweron.ch Seite, welche die Funktionsweise eines solchen Speicherkraftwerks erläutert.

    Die natürliche Ressource „Wasser“ lässt sich freilich auch als Mineralwasser in Flaschen abfüllen und verkaufen. Es ist ja genug da. Valser Mineralwasser zum Beispiel.

    Mineralwasser
    Die Schweizer verbrauchen im Jahr über 876 Mio Liter Wasser, nur 600 Mio davon sind im Land abgefüllt, 7.4 Mio werden exportiert, und tatsächliche 284 Mio werden importiert (!).
    (Quelle mineralwasser.ch)

    Was hier passiert, kann man ruhig als „ Eulen nach Athen“ tragen bezeichnen. Wer schafft das Kunststück, den Schweizern ausgerechnet Mineralwasser zu verkaufen, wo sie doch selbst so zahlreiche und augezeichnete Quellen im Land haben? Marktführer beim Import ist die Sanpellegrino AG, auch als S.Pellegrino oder San Pellegrino bekannt.

    2001 ist die Sanpellegrino S.p.A. mit über 2 Millarden Füllungen im Jahr und 13 Marken größter Getränkehersteller Italiens.
    2004 Integration der Sanpellegrino Deutschland GmbH, in die Nestlé Waters Deutschland AG.
    (Quelle)

    Gehört also zum Nestlé Konzern, ist darum ein Stück Schweiz, wir können beruhigt sein.

  • Wie schafft es ein Importeur, den heimischen Abfüllern so Konkurrenz zu machen?
  • Mineralwasserabfüllen ist ein unkompliziertes Geschäft. Man braucht die Flaschen, eine Quelle, eine Abfüllanlage um das Wasser mit Kohlensäure zu versetzen, rein in die Flasche und fertig. Für die eingesetzte Ressource muss man nichts bezahlen, wenn man direkt an der eigenen Quelle abfüllt. Komplizierte Gesetze wie in Deutschland, die Einweg-Petflaschen verbieten oder dafür ein Pfand-Rückgabesystem vorschreiben, von Deutschen Umweltministern ausgedacht, kennt die Schweiz nicht.

    Es gibt sogar Abfüller wie die Coca Cola GmbH, die für ihre Marke „Bonaqua“ einfaches Leitungswasser verwenden, mit Mineralen und Salzen versetzt, damit der Kunde auch schön durstig bleibt beim Trinken.

    Die Frage nach dem Grund, warum importiertes Mineralwasser häufig billiger ist als schweizerisches, beantwortet die Website des Zweckverbands mineralwasser.ch:

    Zur Verbilligung tragen die tieferen Herstellungskosten bei (billigere Arbeitskräfte, Verpackungen, Energiekosten usw.)

    Bekannt ist, dass einige schweizerische Handelsunternehmen bei ausländischen Mineralquellen grosse Mengen Mineralwässer zu Tiefstpreisen kaufen. Würden Schweizer Produzenten gleichermassen „tauchen“, würden sie bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, da sie entsprechend geringere Mengen von korrekt kalkulierter Ware absetzen könnten.
    (Quelle: Mineralwasser.ch)

    Es gibt also keine Hochpreisinsel, es gibt nur „korrekt kalkulierte Ware“. Muss ich mir merken für den nächsten Einkauf. Werde dann fragen, ob es noch ein bisschen „falsch kalkulierte Ware“ zum Mitnehmen gibt.

  • Und warum nennen die Schweizer ihr Leitungswasser „Hahnenburger“?
  • Dieser geläufige Übernamen „Hahnenburger“ für Leitungswasser stammt höchstwahrscheinlich von der Mineralquelle Weissenburg im Simmental ab. Wir erfuhren, dass man noch vor etwa 20 Jahren oft im Restaurant Weissenburger Citro („Wiisseburger Zittro“) erhielt. Heute können wir im Internet nur noch spärliche Hinweise auf Weissenburger Mineralwasser finden. Es verlor seine Markposition, bevor es im Internet Spuren hinterlassen konnte.

    Mögliche Entstehung des Namens:
    „Was hast denn du für ein Wasser in deiner Flasche?“ – „Hahnenburger“ (klingt eher nach Mineralwassermarke als „Hahnenwasser“)

    (Teil 2 morgen: Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken und warum Harras kein Schäferhund ist)