Neues vom Türenaufhalten — Essen Sie auch gern ein Bütterken?

Januar 22nd, 2007
  • Die Sprache mit den längsten Wörtern
  • Eine der wunderbarsten Eigenschaften der Deutschen Sprache ist ihre Möglichkeit, aus jedem x-beliebigen Satz ein Wort machen zu können. Sie können also ruhig sagen: „Dein ewiges Türenaufundzuschlagen nervt mich ganz gewaltig“. Es ist zwar kein sehr kurzes Wort, mit ein paar Trennstrichen wäre es sicher leichter lesbarer, und so bleiben wir bei der Schreibweise des Schweizer „Tür-aufhalten-Phänomens“, weil uns das „Türenaufhaltenphänomen“ zu unförmig und sperrig daherkommt.

  • Sind Sie auch ein Türenaufhalter?
  • Wie haben viele Reaktionen auf diesen ersten Artikel der Blogwiese im September 2005 bekommen. Manche Schweizer „outeten“ sich mit dem Satz: „Ja, auch ich bin ein Türenaufhalter“. Fast hatten wir Lust, eine Selbsthilfegruppe zum „Ich-muss-ständig-Türen-aufhalten-Problem“ anzubieten. Codename „A-T-A“ = „Anonyme Tür Aufhalter“. Aber es ist ja nicht wirklich ein Problem, ausser Sie stehen vor einer Drehtür und möchten diese gern aufhalten. Fragt sich nur wie, die dreht sich einfach ständig weiter.

    Oder Sie befinden sich vor einem Fahrstuhl, Excüse, natürlich „Lift“ und haben Schwierigkeiten, dort den richtigen Knopf zu finden, der die Tür aufhält.

  • Fahrstuhltür auch offenhalten?
  • Ein Kollege kam neulich auf die ungute Idee, bei einem grossen Personenaufzug den Fuss zwischen die sich schliessenden Aufzugstüren zu stellen, um so die Tür für nachfolgende Kollegen aufzuhalten. Der Fuss wurde dabei eingeklemmt, die Hydraulik versagte, die Tür ging nicht mehr auf oder zu, der Fahrstuhl war ca. 40 Minuten ausser Betrieb, der Kollege wurde von uns mit Stullen versorgt, denn wir waren auf dem Weg zur Kantine.

  • Stulle, Knifte oder Bütterken?
  • „Stullen“ kennen sie nicht? Weil das bei Ihnen vielleicht eine „Kniffte“ ist? Oder ein „Bütterken“. Neudeutsch dürfen sie auch „Sandwich“ dazu sagen. Welche Varianten die Schweiz wohl für belegte Brote ausser dem Begriff „Veschpa“ haben? Mir fehlt mein Variantenwörterbuch im Krankenhaus zum Nachschauen. Doch, eine Bezeichnung scheint es hier zu geben: „Ein Eingeklemmtes„, auf Berndeutsch ist das „es iigchlömmts“ und in Zürich „es iigchlämmts“ (das „i“ am Anfang habe ich absichtlich klein geschrieben. Das Wort sollte man natürlich gross schreiben, aber dann sieht es aus wie ein „l“).

  • Wie sieht der Knopf zum Türaufhalten aus?
  • Zurück zum Aufzug und der entscheidenden Frage, ob man den auch aufhalten sollte. Wir bekamen viel Post von Menschen, die den Schweizern vorwerfen, sie würden extrem rasch die „Tür-Schliessen“ Taste im Fahrstuhl drücken. Keine Ahnung welche das sein soll, ich gehöre zu den Menschen die so etwas sowieso nicht unterscheiden können und höchstwahrscheinlich eher den Alarm auslösen würden als die richtige Taste zu finden.

  • Mein Freund, der Türaufhalter
  • Nun fand ein Leser der Blogwiese die Lösung, warum so viele Schweizer diese höfliche Angewohnheit des Türenaufhaltens pflegen. Er schickte uns diese Bild:
    Mein Freund der Türaufhalter
    und schrieb dazu:

    Ich habe heute herausgefunden warum wir Schweizer so gerne anderen Leuten die Türen aufhalten. Die Lösung liegt im Schülerkalender „Mein Freund“ von 1949. Das ist so ein kleines Jahrbüchlein im Hosentaschenformat, in dem allerlei Wissenswertes, Erstaunliches und Unterhaltsames zu finden ist. Unter anderem auch ein paar Seiten mit Benimmregeln… so wie diese.
    PS: Keine Ahnung wer „falsch“ und „recht so“ hingeschrieben hat, war wohl ein sehr aufmerksamer Schüler.
    (Quelle: Private E-Mail)

    Fragt sich, wie lange dieser Kalender nach 1949 noch aufgelegt wurde. Wir üben derweil den Grundsatz in dem wir alle gemeinsam 100 Mal nachsprechen: „Dem anderen die Ehre… dem anderen die Ehre.. dem anderen die Ehre“.

    Fondue im Ruhrgebiet — Wenn China noch wie Schiina klingt

    Dezember 20th, 2006
  • Frittieren wie in der Pommesbude
  • In meiner Kindheit im Ruhrgebiet, also in Nord-Westdeutschland gab es bei uns daheim nur an sehr besonderen Anlässe, z. B. an Silvester, „Fondue“ zu essen. Dazu wurde Öl auf dem Gasherd zum Sieden gebracht und dann mit einer heissen Spiritusflamme am Köcheln gehalten. Weniger gefährliche Brennpaste gab es nicht. In der Ecke stand ein Eimer mit einer nassen Decke, um im Notfall einen Zimmerbrand löschen zu können. In diesen Sud gab man auf Spiesse gesteckte Schweine- oder Rindfleischstückchen, die dann herrlich im Öl zischten und brodelten, bis sie so richtig schön nach Frittenbude schmeckten. Die Technik des Frittierens war uns Kindern wohl bekannt von den zahlreichen Pommesbuden, die es im Ruhrgebiet regelmässig im Abstand von 500 Meter in jeder belebten Strasse gibt. „Fleisch-Fondue“ war lecker, auch wenn uns regelmässig schlecht wurde von diesen Unmengen halb gegartem Fleisches, und der Fettgeruch und – geschmack danach tagelang in den Gardinen hing.

  • Schoko-Fondue am Kindergeburtstag
  • Dann gab es da noch die „Schoko-Fondue“ Variante an Kindergeburtstagen. Dazu wurde kein Fett, sondern Vollmilchschokolade kiloweise im Fondue-Topf zum Schmelzen gebracht, und nun mussten aufgespiesste Bananen- oder Ananas-Stückchen durch die Schokolade gerührt und dann verzehrt werden. Allen Gästen wurde unter Garantie auch hier nach maximal 20 Minuten „Schoko-Fondue“ ganz anders vom übermässigem Schokoladenverzehr. Das war recht und billig, denn so konnte das spätere Abendessen der Geburtstagsgesellschaft einfach wegfallen, es war sowieso allen kotzübel.

  • Asterix bei den Schweizern und Emil kennt jeder Deutsche
  • Schoko-Fondue war auch ein Abenteuer für uns Kinder, bei dem es galt, bloss nicht das Fruchtstückchen in der dunklen Masse zu verlieren. Denn für diesen Fall waren diverse Strafen vorgesehen. Nicht gerade die berühmten „Fünf Stockschläge“, oder „die Peitsche, sie ist aber noch nicht trocken“ oder „mit einem Stein an den Füssen in den See…“ wie wir sie sehr bald aus „Asterix bei den Schweizern“ lernten. Dieses bedeutende literarische Werk war für uns als Kindern neben den Auftritten von Emil Steinberger im Deutschen Fernsehen sicherlich die zweite wichtige Informationsquelle, aus der wir etwas über die Lebensweise und Eigenarten der Helvetier erfuhren.

    Asterix bei den Schweizern Fondue

    Viele Schweizer ahnen nicht, wie stark diese Zitate aus „Asterix bei den Schweizern“ bei den Deutschen präsent sind, wenn diese zum ersten Mal in die Schweiz kommen und hier zu einem Käse-Fondue eingeladen werden. Dass man auch Käse beim Fondue schmelzen und essen kann und die Bezeichnung Fondue von „fondre“ = Schmelzen (und nicht von „fonder“ = begründen, aufbauen eines Käseklotzes im Magen) kommt, das hatten uns unsere Eltern beim Fondue mit Brühe oder Öl und Schweine- oder Rindfleisch nicht erklärt. Die ersten Bilder dieser Käsefondues sind erst per Asterix-Lektüre in unser Bewusstsein gedrungen.

  • Wir schmelzen uns einen Chinesen
  • In der Schweiz angekommen wurden wir bald in die Feinheiten des Fondues eingeführt, die da sind: „schwer im Magen liegend“, „sehr schwer mit Magen“, „sauschwer im Magen liegend“. Nein, gemeint ist natürlich der Unterschied zwischen einem „Fondue Bourguignonne“ und einem „Fondue chinoise“. Bei der ersten Variante wird niemand aus dem Burgund und bei der zweiten Variante niemand aus China zum Essen eingeladen oder gar verspeist. Obwohl es ein beliebter Spass beim Fondue-Essen ist, nach der dritten Flasche Fendant zu fragen, wie man eigentlich „Bourguignonne“ buchstabiert, bzw. korrekt ausspricht.

    Es gehört neben dem französischen Wort für Blinker (am Auto, Amtsdeutsch „Fahrtrichtungszeiger“)= „Clignotant“ zu unseren Lieblingswörter, die sicher von eingewanderten Festlandchinesen nach Frankreich eingeführt wurden. Richtig betont klingen beide Wörter wie eine Provinz in Südchina. Doch zurück zu den Fondue-Sorten. Wiki belehrt uns:

    Spricht man von Fleischfondue, so meint man entweder das Fondue Bourguignonne oder das Fondue chinoise, als japanische Variante Shabu-Shabu genannt. Das „Chinesische Fondue“ ist auf Bouillongrundlage; in der heissen Fleischbrühe kocht jeder Teilnehmer selbst am Tisch seine Fleischstücke, feingeschnittenes Fleisch, Fisch und andere Meeresfrüchte, aber auch Gemüse. Ein typisches Gerät für die Zubereitung des „chinesischen Fondue“ ist der Mongolentopf. In der Variante Bourguignonne gart man die Zutaten im heissen Fett beziehungsweise Öl.
    Eine weitere Art ist das Fondue Bacchus. Dabei wird gleiches Fleisch und Würzmischung wie beim Fondue Chinoise, aber anstelle von Bouillon wird Weisswein verwendet. Diese Zubereitung ist vor allem im Wallis bekannt.
    Obwohl bei keiner dieser Arten etwas geschmolzen wird, spricht man dennoch von „Fondue“.
    (Quelle Wiki Fondue )

    Als wir früher Fleischfondue mit Brühe statt heissem Fett assen, hatten wir keine Ahnung, dass es hier ein „Fondue Chinoise“ war, dass uns vorgesetzt wurde. Es wäre dann eher ein „Schiinoise“ geworden, denn im Norden von Deutschland wird bekanntlich das „ch“ wie „sch“ gesprochen, also „Schina“, „Schemie“ und „Schemikalie“. Besucher aus dem Süddeutschen Raum, die in Norddeutschland plötzlich von „Khina“, „Khemie“ oder „Khemiekalie“ sprachen, machten sich unfreiwillig zum Gespött jeder Tischrunde.

    Es ist schon ziemlich diskriminierend, was hinsichtlich der Aussprache von „Ch“ bei diesen Wörter in Deutschland abgeht. In der Standardsprache wird es als „SCH“ gesprochen, also im Mitten und Norden von Deutschland, das Schwabenland und Bayern ist sich aber mit den Schweizern darüber einig, dass diese Wissenschaft mit einem gesprochenem „K“ beginnt. Auch „Kinakohl“ (Chinakohl) hat im Süden vorn und hinten ein gesprochenes „K“ und ist im Norden „Schinakohl“.

  • Schina oder Kina?
  • Die Diskriminierung und der Spott wird einem gleichfalls als Norddeutscher zugeteilt, wenn man naiv in den Süden reist, und meint, die korrekte Aussprache sowieso gepachtet und allgemeingültig für alle Zeit intus zu haben. Nirgend woran scheiden sich die Geister so leicht wie an der Aussprache dieser Wörter. „Toleranz für Varianten“? Nie gehört, jeder glaubt fest und bestimmt, dass nur seine persönliche Aussprache, ob „Schina“ oder „Kina“ richtig sei und amüsiert sich köstlich, wenn er etwas anderes hört. Ob Sie selbst mitlachen dürfen oder eher ausgelacht werden hängt davon ab, ob Sie in der sprachlichen Minderheit oder in der Überzahl sind, also als Norddeutscher in Zürich oder als Schweizer in Hamburg leben. So kann man auch mit kleinen Sachen den Menschen eine Freude machen.

    Kennen Sie auch einen Gummihals? — Neue hübsche Wörter für die Deutschen

    November 7th, 2006
  • Wer kennt heute noch Les Boches?
  • Die wenigsten Deutschen wissen, wie man so über sie spricht im Ausland. Und wenn sie es wüssten, müssten sie es erst noch verstehen. Von den Franzosen werden sie liebevoll als „Les Boches“ tituliert, was irgendetwas aus der Rinderzucht sein mag, zumindest hört es sich an wie in Salz eingelegtes Rindfleisch, zusammen mit dem Adjektiv „sales“. In Wirklichkeit ist das eine seit 1889 bekannte Verkürzung von „Alboche, Allemoche“, einem französischen Argo-Ausdruck für „Allemand“, gebildet nach „tête de boche“ = tête de bois (Holzkopf). Aber es gab auch „les Frisés“, „les Fridolins“ oder „le Fritz“ als hübsches Schimpfwort für die Deutschen, wenn wir unserem 3 kg schwerer „Petit Robert“ Glauben schenken wollen. Zumindest Fridolin ist schon längst wieder ein beliebter Vorname.

  • Deutsche nur in Ansammlungen vorkommend
  • Die Amerikaner und Briten pflegen das Klischee der Kräuterfrau, die mit ihren vielen Kräutern bei jedem Wehwehchen ein Kraut zur Hand hat. Drum nennen sie die Deutschen „Krauts“, oder sind es doch „Crowds“, weil sich die Deutschen so gern in den Ferien an der Hotelbar oder auf dem Campingplatz zusammenfinden, als „crowd of people“?

  • Woher stammt der Gummihals?
  • Kürzlich wurde uns ein weiterer Begriff zugetragen, der offensichtlich in der Schweiz gelegentlich über die Deutschen gesagt wird: „Gummihals“. Und nun suchen wir den Grund oder die Herkunft für diese aparte Bezeichnung.

  • Vom geschützten Vogel zum Karnevalsschlager
  • Sicherlich, wir kennen den „Wendehals“. Einst war er Vogel des Jahres, dann wurde er wegen seiner extrem guten Fähigkeit, den Hals zu verdrehen, eine Spottbezeichnung für alle Politiker, die bei einer „Wende“ unrühmlich den Hals jeweils in die richtige Richtung gedreht haben. Der Ex-Aussenminister und Meister aller Segelohren Hans-Dietrich „Genschman“ Genscher wurde genauso tituliert wie gewisse Staatsratsvorsitzenden, die noch schnell in „the wind of change“, im Wendewind ihren Hals drehten und langmachten wie aus Gummi.

    Als Wendekanzler wurde Helmut Kohl bezeichnet – vorwiegend ironisch von seinen politischen Gegnern, als die versprochene „geistig-moralische Wende“ ausblieb, respektive Formen wie die der Parteispendenaffären u.ä. annahm.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Berühmter Gummihals im Christ Church College
  • Eine Vorlage für langgezogene Gummihälse gibt es z. B. in den beiden Kaminfeuer Figuren der Dining Hall des Christ Church Colleges in Oxford.
    Dining Hall Christ Church College
    In diesem Speisesaal dinieren immer noch dreimal täglich die Stundenten mit ihren Lehrern, unter Aufsicht des Deans. Ein Anblick, der dann für den ersten Harry Potter Film fotografiert und computertechnisch vergrössert wurde. Der Speisesaal von Hogwarths ist mit Aufnahmen der Dining Hall des Colleges entstanden, genau wie auch das Rippengewölbe des Treppenaufgangs
    Treppe in Christ Church College
    als Treppe zu den Schlafgemächern in Hogwarths diente.

    Diese Kaminfiguren
    Kamin von Christ Church College
    mit den extrem langen, wie aus Gummi gezogenen Hälsen dienten schon Lewis Caroll, einst Lehrer an diesem Colleges, als Vorlagen für Figuren in seinem Meisterwerk „Alice im Wunderland“.
    Langer Hals von Alice im Wunderland
    (Quelle Foto: migraine-aura.org)

  • Ist ein Gummihals ein Wendehals?
  • Werden damit also Deutsche bezeichnet, die ihren Hals wie aus Gummi immer wieder in den richtigen Wind drehen, ihn damit verlängern und unschön missgestalten? Der einzige „Wendehals“, der darauf stolz war und zumindest eine kurze Zeit lang auch ganz gut verdient hat, war „Gottlieb Wendehals“ alias Werner Böhm, dem Sänger der Karnevalsklamotte „Polonäse von Blankenese“ (ja, das reimt sich sogar!) mit dem klasse Vers: „jetzt geht es los, mit ganz grossen Schritten, und Paul fasst der Erna von hinten an die Schultern… ja das gibt Stimmung“.

    Haben Sie Mitleid mit diesem Künstler, er musste das Lied noch Jahre lang singen, auf jeder Autohauseröffnung, bei jeder Altenfeier, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bis er als Ex-Promi 2004 in das Dschungelcamp einfuhr und auf den noch begnadeteren Star Daniel Kübelböck traf, bevor der mit dem Auto einen Gurkenlaster traf. Der fehlbare Lenker ohne Führerausweis beim Selbstunfall.

    Als Ehrenrettung dieses alternden Stars noch ein paar Fakts aus Wikipedia:

    Von 1970 bis 1971 war er Jazz-Pianist in Hamburg u.a. im „Jazz House“ (Knuds), „Riverkasematten“, „Logo“, „Dennis Swing Club“, „Cotton-Club“, „Remter“ und im legendären „Onkel Pö“, der Hamburger Szene. Er begleitete am Flügel Musikergrößen wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Erroll Garner. Ende 1974 startete er als selbständiger Musiker, Texter und Komponist und gründete das „Werner Böhm Quintett“ mit dem „Teufelsgeiger“ Lonzo Westphal, Udo Lindenberg am Schlagzeug (…)

    Der Mann hat 1. ) die Rentnerband mitgegründet und war 2.) von 1981-89 mit Mary Roos verheiratet (nein, nicht Marianne Rosenberg, das war die andere).

    Nach soviel Nostalgie zurück zum „Gummihals“, den Werner Böhm in Form eines Gummiadlers immer bei sich trug. Wir finden den Ausdruck belegt um umgarnt mit vielen anderen netten Bezeichnungen im Züri-Slängikon-Eintrag zum Stichwort „Deutscher“:

    E Bockwurscht, eine vom grosse Kanton, en Ballermann, en Bolle-Chopf, en Gummihals, en Günther, en Horscht, en Knutlinger, en Neckermann, en Prüüss (Preusse), en Schnäll-Schwätzer, en Schwab, en Storch (wegen der grossen Klappe und den ewigen Drang nach Süden), es Deutschländer Würstchen
    (Quelle: Züri-Slängikon

    Ja gibt es denn in der Schweiz keine Bockwurst? Den „Horscht“ und den „Storchen mit dem ewigen Drang nach Süden“ müssen wir uns merken. Schweizer Urlauber fahren bekanntlich lieber an die Nordsee.

  • Gibt es denn keine Schimpfwörter für Schweizer?
  • Momentan versuchen wir uns krampfhaft daran zu erinnern, ob uns in Deutschland jemals ein Schimpfwort für Schweizer genannt wurde. „Kuhschweizer“ jedenfalls nicht, das mag in historischen Texten vorkommen, aber nicht in der Gegenwart.
    Wir finden ein paar in einem Bericht über den Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft 1501:

    Schimpfwort «Schweizer»
    Schimpfworte wie «Milchsüfer, Milchstinker, Chuefigger oder Chueschnäggler» haben sich nicht nur von ungefähr bis in die heutige Zeit erhalten. Sie dürften um 1500 allgemein gebräuchliche Schimpfwörter gewesen sein, nicht nur innerhalb von Basel, sondern auch in der nichtschweizerischen Nachbarschaft, insbesondere im österreichischen Rheinfelden. «Nach 1501 hat sich die Bevölkerung von Basel auseinanderdividiert. Wer sich mit der Zugehörigkeit Basels zur Eidgenossenschaft nicht anfreunden konnte, ist in den Sundgau oder nach Rheinfelden ausgewandert», erzählt der Historiker Claudius Sieber-Lehmann. Die Schweizer hätten damals als geldgierige Emporkömmlinge mit rauem Charakter gegolten, und der Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft sei um 1500 stark umstritten gewesen.
    (Quelle: Basler Zeitung vom 8.1.2001)

    Geldgierige Emporkömmlinge mit rauhem Charakter? Kinders, wie die Zeit vergeht und sich die Menschen doch ändern können…

    Vom Abfallprodukt zum Kultgetränk — Welche Farbe hat Dein Durst?

    September 26th, 2006
  • Mögen Sie Molke? Was ist das eigentlich?
  • Milch ist eine äusserst vielseitige Flüssigkeit. Frisch von der Kuh gemolken, wird sie kurz darauf mit hohem Druck homogenisiert, um die in der Milch enthaltenen Fett und Eiweisspartikel zu zerkleinern.

    Hierbei wird die Rohmilch unter hohem Druck (150-300 bar) durch eine feine Düse gegen eine Stahlwand gespritzt, wodurch die ursprünglich relativ großen Fetttröpfchen (Chylomikronen) so stark zerkleinert werden (unter 1 µm Durchmesser), dass die Trennung von Fett und Wasser (Rahmbildung) nach diesem Verfahrensschritt ausbleibt.
    (Quelle Wikipedia)

    Täte man dies nicht, würde die Milch das tun, was sie in unbehandeltem Zustand tut, wenn man sie in die Wärme stellt und ihr ein bisschen Zeit lässt: Sie wird fest. „Dickmilch“ nennt man das Ergebnis, welches sich neben später mit Früchten angereichert in Plastikbechern verkaufen lässt. Das macht auch gar nicht dick, man, anders als die Dinger von Dickmann.

    Schöpft man diese gebundene Masse ab in ein sauberes Handtuch, so löst sich nun die „kleine Milch“ („le petit lait“ in Frankreich), d. h. die „Molke“ von der Fett und Eiweissmasse. Molke ist ein Abfallprodukt. Früher haben die Käsereien sie an die Kälber verfüttert, natürlich aus der Flasche, oder weggeschüttet. Bisweilen findet man in Bioläden die Molke als besonders wertvolles Getränk, gleich neben der Stuten- und Ziegenmilch.

    Molke (Milchserum, auch Sirte genannt) ist die wässrige grünlich-gelbe Restflüssigkeit, die bei der Käseherstellung entsteht. Sie besteht zu 94 % aus Wasser, zu 4–5 % aus Milchzucker und ist nahezu fettfrei. Außerdem enthält sie Milchsäure, die Vitamine B1, B2 (dies bewirkt die grünliche Farbe) und B6, Kalium, Kalzium, Phosphor und andere Mineralstoffe, doch vor allem 0,6–1 % Molkenprotein. Das ist deutlich weniger Eiweiß als in der Milch. Dort ist das Kasein Haupteiweiß.
    Es gibt zwei Sorten von Molke, die Lab- oder Süßmolke, die entsteht, wenn man Milch mit Lab zur Käseherstellung dicklegt. Die zweite Sorte, die Sauermolke, entsteht, wenn Milch mit Milchsäurebakterien behandelt wird. Nachdem das Eiweiß (der Käse oder Quark) abgetrennt wurde, bleibt die Molke übrig.
    Molke wirkt abführend. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Molke als Lebenselixier entdeckt und angepriesen. Es sind zahlreiche Kuranstalten entstanden, um die Zivilisationskrankheiten zu heilen. Die Molkekur war ein Programm und ein Teil der damaligen Lebensreform-Bewegung.
    Molke wird heute hauptsächlich in der Schweinezucht verwendet, vor allem als Molkepulver. Viele Molkereien arbeiten daher eng mit Schweinemästereien zusammen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Vom Abfallprodukt zum Kultgetränk
  • Die Schweizer hatten eine andere Idee zur Verwertung. Sie machten daraus ein Kultgetränk mit Namen „Rivella“, erhältlich in den Farben Rot, Blau und Grün.
    Rivella gibt es in drei Farben
    (Quelle: nezrouge-biel.ch)

    Seitdem heisst es in der Werbung: „Welche Farbe hat Dein Durst?“, und jeder Schweizer weiss was gemeint ist.
    Farbe bekennen. Wie schmeckt denn Rot?
    Wie schmeckt eigentlich Rot?

    Bei der Migros heisst Rivella übrigens „Mivella“. Mal wieder ein Markenklau? Von wegen, es ist einfach eine andere Abfüllung:

    Rivella ist ein kohlensäurehaltiges Tafelgetränk mit 35 % Milchserum, das in der Schweiz hergestellt wird. Rivella wird, wie auch die günstigere Kopie der Migros namens Mivella, von der gleichnamigen Rivella AG in Rothrist abgefüllt. Diese ist bis heute im Besitz der Familie des Gründers Robert Barth.
    (Quelle: Wikipedia)

    Die Rezeptur wurde für die Migros leicht geändert, damit sich Mivella von Rivella unterscheiden lässt.

  • Rivella ist nichts bei LI
  • Laktose-Intoleranz, kurz „LI“ ist ein weit verbreitetes und selten erkanntes Fehlen eines Enzyms, welches der Mensch normaler Weise zum Aufspalten von Milchzucker, d. h. von „Laktose“ benötigt. Ohne dieses Enzym, dass vor allem älteren Menschen und/oder Asiaten häufig fehlt, kann der Milchzucker nicht zerlegt, und somit nicht vom Körper verarbeitet werden. Er sammelt sich im Darm an und bereitet jede Menge Bauchweh. Da Rivella einen sehr hohen Anteil an Laktose enthält, ist dieses Getränke genau wie normale Milch natürlich für LI-Patienten äusserst unbekömmlich.

  • Laktose freie Milch gibt es bei der Migros und beim COOP
  • Die Problematik der Laktose-Intoleranz ist so verbreitet und bekannt, dass die grossen Lebensmitteldistributoren sich auf die steigende Nachfrage an laktosefreien Produkten eingestellt haben. Sie bieten laktosefreie Milch an, deren Milchzucker bereits aufgespalten ist. Handelsketten wie Edeka sind da ein Stück weiter, weswegen viele unter LI leidende Schweizer eine Reihe weiterer laktosefreier Produkte wie Joghurt, Butter oder Käse in Deutschland einkaufen. Es nützt übrigens gar nichts, bei LI auf Ziegen- oder Schafsmilch auszuweichen, in der Hoffnung, damit das Problem zu umgehen. Milchzucker enthalten die genauso. LI kann übrigens auch nur vorübergehend z. B. durch eine Stoffwechselerkrankung auftreten und dann wieder verschwinden. Hauptproblem bei diesem Krankheitsbild ist die grosse Ahnungslosigkeit vieler Ärzte, was dieses fehlende Enzym und die daraus folgende LI angeht.

  • Einmal Rivella gelb bitte
  • Wenn Sie also in die Schweiz kommen und so schweizerisch sein wollen wie die Schweizer, dann bestellen Sie sich demnächst eine Rivella. Nur die richtige Farbe müssen Sie sich vorher noch überlegen. „Rivella Gelb“ wäre zum Beispiel ganz falsch. Das dürfen Sie höchstens zu einem Feldschlösschen (Schweizer Edelbiermarke) sagen. Und falls Sie davon Bauchweh bekommen, weil Sie keine Laktose oder kein Milchserum vertragen, dann sagen Sie bitte nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

    Für alle diejenigen, die wirklich Bauchweh von Milch oder Milchprodukten bekommen, hier noch das ernsthaftes Lebenshilfeforum zum Thema Laktoseintoleranz: www.libase.de.

    Geheimnisse im Schweizer Alltag — Wüüde Wochen

    September 22nd, 2006
  • Nicht müde sondern wüüde
  • Wer erinnert sich noch an die perfekt spanische Werbung von McDonalds, dem Restaurant zu den drei goldenen Bögen, als dort für „Los Wochos“ geworben wurde?
    Los Wochos
    Foto Los Wochos
    (Quelle Foto: Roland-Barthel.de)

    Wir waren stolz auf unsere Spanischkenntnisse, als diese Werbung lief. „Me mucho“ konnten wir fliessend und akzentfrei übersetzen. Diese Fähigkeit verliess uns hingegen, als wir neulich an diesem Schild in Bülach vorbei kamen:

    Wüüde Woch’n

    Was sich dahinter verbirgt? Wir wurden nicht „müüde“, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Der Schlüssel für das Verständnis dieses Fotos ist der Name der Biersorte. „Schützengarten“, gepaart mit der Ikonographie der drei angedeuteten, aufstrebenden Pfeile mit Schaft am unteren Bildrand. Wir wissen ja, dass Schützen schiessen, vielleicht mit Pfeil und Bogen oder einer Armbrust oder sogar mit so einem Vorderlader wie bei der Biermarke.

    Oder sind das wohlmöglich gar keine Pfeile sondern Tannen eines dichten Waldes?

    Unsicher machte uns noch die Feststellung, dass für dieses geschriebene „Wüüdi“ keinerlei weitere Belege in der Schriftsprache zu finden sind. Es ist einzigartig. Wohl, einen Lehrer mit Spitznamen „Wüdi“ haben wir schon gefunden, aber keine Wochen oder Wörter mit zwei „ü“ in der Mitte. Es blieb uns als norddeutsche Flachländer nichts anderes übrig, als zu fragen, wer denn hier so „wütend“ auf die Wochen war, dass er das „e“ gleich wegliess?

  • In the wild wild west…
  • Siehe da, die „wüüde Woch’n“ entpuppten sich schnell und ganz einfach zu „wilden Wochen“, in denen es keine Kannibalen zu fressen gibt, sondern Wild, was denn sonst. Hirschragout und Wildschweinbraten, wer hätte das gedacht.