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Hahnenburger sind keine Chickenburger — Die Ressourcen der Schweiz

  • Mögen Sie Hahnenburger?
  • Wir lasen in 20minuten die Schlagzeile

    „Hahnenburger so beliebt wie noch nie“.
    (Quelle: 20minuten, 22.06.06)

    Hat die Schweiz die McBurger Kultur revolutioniert und nach dem „Chickenburger“ und dem Vogelgrippe-Skandal ganz umgeschwenkt auf eigenproduziertes eidgenössisches Hühnerfleisch? Werden die Burger, von denen wir gelernt haben, dass es lange dauern kann, als solcher anerkannt zu werden (vgl. Blogwiese Wie wird man ein Burger?) jetzt vielleicht nicht mehr aus mit BSE verseuchtem Rinderfleisch, sondern vermehrt aus „poulet“ hergestellt, bei dem auch die männlichen Hähne verarbeitet werden können?

  • Was hat die Schweiz im Überfluss?
  • Doch es geht gar nicht um Geflügel, es geht um edles Mineralwasser.
    Hahnenburger ist beliebt
    (Quelle: 20minuten vom 22.06.06)

    In der Schweiz gehört dies zu den Ressourcen, die man in grosser Menge zur Verfügung hat und auch locker als Eigenproduktion exportieren könnte. Wasser ist also eine grosse Ressource in der Schweiz. Die anderen beiden sind Steine und Elektrizität, aus Wasserkraft gewonnen.

  • Steine und Kies:
  • Die Tiefdruckgebiete lassen ihre Wassermassen an den Alpenhängen, das Wasser fliesst bergab, wobei es jede Menge Geröll löst und mit sich führt. Es sind immerhin acht LKW-Ladungen voll mit Kies, die allein der Vorderrhein jeden Tag als „Geschiebe“ von den Alpen herab zum Bodensee befördert, und die dort gleich wieder aus dem Flussbett gebudelt werden, damit nicht auf die Dauer der See zugeschüttet wird.

  • Strom aus Wasserkraft:
  • In der Schweiz bildet die Wasserkraft mit ihrem Anteil von rund 60% an der gesamten Stromproduktion das Rückgrat der Elektrizitätsversorgung. Wasserkraft ist erneuerbar, emissionsfrei und einheimisch.
    (Quelle: Swissworld.org)

    Die Speicherbecken in den Alpen sammeln das Wasser, welches durch Röhren und Tunnel im Fels zu den Turbinen der Kraftwerke schiesst, wo diese Energie für die Stromerzeugung genutzt wird.
    Speicherkraftwerk Vorderrhein
    (Foto: poweron.ch)
    Hier noch eine schöne animierte Grafik von der Poweron.ch Seite, welche die Funktionsweise eines solchen Speicherkraftwerks erläutert.

    Die natürliche Ressource „Wasser“ lässt sich freilich auch als Mineralwasser in Flaschen abfüllen und verkaufen. Es ist ja genug da. Valser Mineralwasser zum Beispiel.

    Mineralwasser
    Die Schweizer verbrauchen im Jahr über 876 Mio Liter Wasser, nur 600 Mio davon sind im Land abgefüllt, 7.4 Mio werden exportiert, und tatsächliche 284 Mio werden importiert (!).
    (Quelle mineralwasser.ch)

    Was hier passiert, kann man ruhig als „ Eulen nach Athen“ tragen bezeichnen. Wer schafft das Kunststück, den Schweizern ausgerechnet Mineralwasser zu verkaufen, wo sie doch selbst so zahlreiche und augezeichnete Quellen im Land haben? Marktführer beim Import ist die Sanpellegrino AG, auch als S.Pellegrino oder San Pellegrino bekannt.

    2001 ist die Sanpellegrino S.p.A. mit über 2 Millarden Füllungen im Jahr und 13 Marken größter Getränkehersteller Italiens.
    2004 Integration der Sanpellegrino Deutschland GmbH, in die Nestlé Waters Deutschland AG.
    (Quelle)

    Gehört also zum Nestlé Konzern, ist darum ein Stück Schweiz, wir können beruhigt sein.

  • Wie schafft es ein Importeur, den heimischen Abfüllern so Konkurrenz zu machen?
  • Mineralwasserabfüllen ist ein unkompliziertes Geschäft. Man braucht die Flaschen, eine Quelle, eine Abfüllanlage um das Wasser mit Kohlensäure zu versetzen, rein in die Flasche und fertig. Für die eingesetzte Ressource muss man nichts bezahlen, wenn man direkt an der eigenen Quelle abfüllt. Komplizierte Gesetze wie in Deutschland, die Einweg-Petflaschen verbieten oder dafür ein Pfand-Rückgabesystem vorschreiben, von Deutschen Umweltministern ausgedacht, kennt die Schweiz nicht.

    Es gibt sogar Abfüller wie die Coca Cola GmbH, die für ihre Marke „Bonaqua“ einfaches Leitungswasser verwenden, mit Mineralen und Salzen versetzt, damit der Kunde auch schön durstig bleibt beim Trinken.

    Die Frage nach dem Grund, warum importiertes Mineralwasser häufig billiger ist als schweizerisches, beantwortet die Website des Zweckverbands mineralwasser.ch:

    Zur Verbilligung tragen die tieferen Herstellungskosten bei (billigere Arbeitskräfte, Verpackungen, Energiekosten usw.)

    Bekannt ist, dass einige schweizerische Handelsunternehmen bei ausländischen Mineralquellen grosse Mengen Mineralwässer zu Tiefstpreisen kaufen. Würden Schweizer Produzenten gleichermassen „tauchen“, würden sie bald in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, da sie entsprechend geringere Mengen von korrekt kalkulierter Ware absetzen könnten.
    (Quelle: Mineralwasser.ch)

    Es gibt also keine Hochpreisinsel, es gibt nur „korrekt kalkulierte Ware“. Muss ich mir merken für den nächsten Einkauf. Werde dann fragen, ob es noch ein bisschen „falsch kalkulierte Ware“ zum Mitnehmen gibt.

  • Und warum nennen die Schweizer ihr Leitungswasser „Hahnenburger“?
  • Dieser geläufige Übernamen „Hahnenburger“ für Leitungswasser stammt höchstwahrscheinlich von der Mineralquelle Weissenburg im Simmental ab. Wir erfuhren, dass man noch vor etwa 20 Jahren oft im Restaurant Weissenburger Citro („Wiisseburger Zittro“) erhielt. Heute können wir im Internet nur noch spärliche Hinweise auf Weissenburger Mineralwasser finden. Es verlor seine Markposition, bevor es im Internet Spuren hinterlassen konnte.

    Mögliche Entstehung des Namens:
    „Was hast denn du für ein Wasser in deiner Flasche?“ – „Hahnenburger“ (klingt eher nach Mineralwassermarke als „Hahnenwasser“)

    (Teil 2 morgen: Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken und warum Harras kein Schäferhund ist)

    

    14 Responses to “Hahnenburger sind keine Chickenburger — Die Ressourcen der Schweiz”

    1. sylv Says:

      ja das Weissenburger kannte ich auch noch ,genau so wie das Elmer Citro das es glaub ich auch nict mehr gibt 🙁
      Du hast recht mit dem Beschrieb woher der Name kommt!

      Hahnen= Wasserhahn
      Burger = eben vom Weissenburger im Simmental, wovon es auch Orangina gab:)

    2. Katia Says:

      Elmer Citro gibt es noch: http://www.pomdor.ch/elmercitro.htm.

      Zum Thema Strom aus Wasserkraft wäre noch anzumerken, dass dieser Strom zwar tatsächlich „erneuerbar, emissionsfrei und einheimisch“ ist, Speicherkraftwerke aber oftmals einfach als Akku für „anderen“ Strom – Kohle, Atom etc. – dienen, und insofern nicht soooo sauberen Strom liefern, wie man meinen könnte. Ausserdem sind die Auswirkungen auf die Gewässer (Restwasser z.B., etc.), und auf die Landschaft (Staudammprojekte) gross.

    3. Franzi Says:

      Wir sagen hier in Teilen NRWs , wenn wir denn dann Leitungswasser trinken, Krahnenburger Quellwasser.

    4. Thomas W. Says:

      Ich kenne Hahnenburger als „Kranenburger“.
      Ansonsten trinkt man in München sehr wohl aus der Leitung. Das gute „M-Wasser“ kommt schließlich direkt aus den Alpen und hat eine höhere Qualität als vieles des in Flaschen abgefüllten Wassers namhafter Hersteller. Chlor kommt natürlich auch keines rein.
      Besonders beliebt sind hier auch Sprudelmaschinen, die das Leitungswasser mit Kohlensäure versetzen. Kästen schleppen ist in München unnötig. Und einen „Harras“, den gibt es hier in München auch. Ätsch.

    5. Michael Says:

      Und wer Hahnenburger trinkt, hat länger Wasser. Eulen nach Athen tragen ist nun wirklich nicht der Bringer…Siehe auch:
      http://www.ignoranz.ch/item/leitungswasser-ist-bis-1000-mal-umweltfreundlicher-als-mineralwasser/

      Allerdings lässt mich die Macht der Gewohnheit auch noch 1,5 l PET-Flaschen kaufen. Hat ja sooo viel Mineralien drin, die im Hahnenburger nicht vorhanden sind.
      Wäre vielleicht doch besser eine Mineralstofftablette in einem Glas Hahnenburger aufzulösen, aber wer macht das schon…

    6. Gerald Says:

      @ Thomas W.

      Nur dürfte es äusserst schwierig werden den Münchner Harras zun tragen 😉

      Gerald

    7. Sauschwob Says:

      Juchu!

      Endlich noch andere die auch mit der Bezeichnung KRANENwasser vertraut sind!
      Ich geriet damit schon allzu häufig in Erklärungsnot weil alle Welt (na ja, Schweizer und Süddeutsche – ist ja eh fast dasselbe 😉 ) mir eintrichtern wollte es müsse HAHNENwasser heißen, da es ja aus dem Wasserhahn käme und ich hätte das mein Leben lang falsch verstanden.

      Dabei:

      „In einigen Teilen Deutschlands (z.B.: Köln, Münster, Essen) nennt man den Wasserhahn auch Wasserkran.“

      „Umgangsprachliche und regionale Bezeichnungen für Leitungswasser:
      Hahnwasser, Hahnewasser, Hahnenwasser
      Kranwasser, Kranewasser, Kranenwasser, Kraneberger, Kranenburger“
      (Quelle: Wikipedia)

    8. helveticus Says:

      Es gab eben früher noch andere Burger…Schwarzenburger etc. Alles eingegangen unter der Marketingwucht von Coca-Cola.

    9. Bruno R. Says:

      Wasser ist auch Emotion. Nebenbei: Wasser ist die Zukunft, siehe auch Wasserkriege. Viele Leute mit italienischen Wurzeln kaufen San Pellegrio als ein Stück Heimat, obwohl die Alpen für alle mehr oder weniger gleich sind. In vielen Pizzerien gibts nicht anders. In der Westschweiz ist aus demselben Grunde Evian so beliebt.
      Valserwasser gehört heute zum CocaCola Konzern -> Coci nature
      Hahnenburger wurde nach meiner Meinung im umgangsprachlichen Ton wie zB Gerstensaft, Hopfentee etc. eingeführt. Its cool, so zu reden. Vermutlich angelehnt an Burg vom damals beliebtesten Weissenburger (wie oben erwähnt, heute Arkina, resp. Feldschlösschen, resp. Carlsberg) und den Hamburgern (heute Mac, damals auch Burgerking) und Vivikola, (Coke war als zu amerikanisch und zu schädlich eher abgelehnt) etc.

    10. Fiona Says:

      Valser ist von Coca-Cola übernommen worden. A smart move!

      Re Leitungswasser: In der Schweiz stammen 39% des Trinkwassers aus Quellen, 42% aus unterirdischen Wasserläöufen, und 18% aus Seen. Diese 18% müssen aufbereitet weren. Die mikrobiologischen und hygenischen Anforderungen an das Trinkwasser sowie Bestimmungen hinsichtlich Aussehen, Geschmack und Geruch sind in der Lebensmittelverordnung festgehalten.

      Ich mag diese drei Sorten:
      Eptinger (Gesamt-Mineralisation mg/l = 2692 davon SO4 1630, Ca 555, Mg 127)
      Valser mg/l 1918 (davon wie oben 990 436 54)
      Aproz 1907 1118 454 67

      Quelle: Optima Juli ’98

      Da die Schweiz über fast keine Ressourcen verfügt, musste die Wirtschaft stark auf Dienstleistungen und „Added-Value“ Sektoren (Banken, Tourismus, Versicherungen, Uhren, Gastronomie….) fokussieren.
      Und da ausgerechnet Migros und Coop Pionierarbeit im Sektor Bio-Foods geleistet haben, ist sehr lobenswert und ein Glücksfall für das Land.

    11. schampar Says:

      wer es etwas gediegener mag:

      Chateau neuf du robinet

    12. daniel Says:

      Nebenbei: Wer in der Westschweiz Leitungswasser trinken will, bestellt augenzwinkernd einen „Chateau-Neuf La Pompe“, also quasi einen guten Wein „von der Pumpe“, also Wasser, das durch verschiedene Leitungen gepumpt worden ist, bis es aus dem Hahnen fliesst (vulgo Hahnenburger).

    13. Goofy Says:

      „Eulen nach Athen tragen“, in dem Fall würde „Wasser in den Rhein tragen“ besser passen…. 😉

    14. hel.lo Says:

      Ja, das Weissenburger ist mir auch noch in bester Erinnerung, als wir in den Fünfziger Jahren in Zürich über einer Getränkehandlung wohnten und uns deshalb diesen „Luxus“ leisteten. Nachher zogen wir ins Oberland und da gab es dann Hahnenburger mit Sirup.
      Den „Chateau neuf du robinet“ habe ich noch nie gehört, gefälllt mir aber ausnehmend gut und wird sofort adaptiert…
      Was man doch nicht alles durch die Deutschen in der Schweiz lernen kann 🙂
      Super-Blog, witzig und subtil, ich lege ihn jedem Deutschen, den ich kenne, ans Herz.

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