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Morgenessen oder Frühstück — Wie Dürrenmatt diese Streitfrage löste

February 16th, 2010

(reload vom 1.6.06)

  • Was klassisches Latein ist
  • Hugo Loetscher schrieb in seinem wunderbaren Büchlein „Der Waschküchenschlüssel oder: Was wenn Gott Schweizer wäre“ (Diogenes ´83) über Friedrich Dürrenmatts Stück „Romulus der Grosse“:

    Bei den Proben zu “Romulus der Große” verlangte in einer Szene der römische Kaiser das “Morgenessen“. Der Darsteller des Romulus wand sich: Sicher ein großartiges Stück, aber “Morgenessen” ist nun einmal nicht deutsch, das heißt “Frühstück“. Wütend setzte sich Dürrenmatt hin und schrieb die Szene um. Nach wie vor verlangt Romulus das “Morgenessen“. Der Zeremonienmeister korrigiert: Exzellenz, es heißt Frühstück. Da erklärt Romulus der Große: “Was klassisches Latein ist in diesem Haus, bestimme ich.

    Der Text stammt von 1983. Heute sind wir da ein Stückchen weiter. Wir haben das Variantenwörterbuch aus dem DeGruyter Verlag vor uns liegen und wissen, dass das „Morgenessen“ in Wirklichkeit die Schweizer Variante vom „Frühstück“ ist. Das Morgenessen ist im Übrigen bei Google-CH 62′600 Mal vertreten, bei Google-DE nur klägliche 5230 Mal

  • Viermal Essen macht tüchtig satt
  • Im herkömmlichen Duden hat das “Morgenessen” noch keinen Eintrag erhalten. Dennoch würde es in Deutschland jeder verstehen. Wer das „Abendessen“ kennt, kann sich unter einem „Nachtessen“ etwas vorstellen. Dann schläft er ein paar Stunden und freut sich auf das „Morgenessen“. Später geht es weiter mit dem traditionellen „Mittagessen“. Haben Sie mitgezählt? Das waren vier lange und vollständige Essen, über den Tag verteilt in Deutschland. Denn das Land ist gross und hat Platz für lange Wörter. Wörter zum Essen erst recht. Selbst eine Stadt im Ruhrgebiet wurde in Deutschland schon danach benannt, so wichtig ist den Deutschen diese Tätigkeit.

  • Kürzer aber dafür öfter in der Schweiz
  • In der Schweiz wird auch den ganzen Tag über gegessen, nur nicht immer solche langen Wörter. Hier wird aus Platz- oder Zeitnot gern verkürzt zum „Zmorge“ in aller Herrgottsfrühe, danach einem „Znüni“ um 10:00 Uhr, bis schliesslich um die 12:00 Uhr das „Zmittag“ naht. Am Nachmittag geht es weiter mit dem „Zvieri“, wie der Name schon sagt um 15:00 Uhr, und kaum geht die Sonne unter und legen sich die Hühner schlafen, wird schon an das „Znacht“ gedacht.

    Wer jetzt gut aufgepasst hat wird festgestellt haben, dass das eine Mahlzeit mehr im Tagesablauf war. Fünf kleine Mahlzeiten sind besser als vier grosse Essen, sagen sich die Schweizer und bleiben gesund.
    Heu und Stroh beim Buurezmorge
    (Foto: Buurezmorge bei der SVP. Motto: “Heu und Stroh macht uns auch zum Zmorge froh”)

    Wer immer noch Hunger hat, der variiert einfach mit einem „Buräzmorgä“ oder „Buurezmorgä“ mit Burebrot, Bure-Fleischkäse, Bure-Metzgete, Burespeck oder Bureschüblig, einer

    „leicht geräucherte(n) Wurst aus magerem Kuh- oder Bullenfleisch, meist gekocht gegessen“
    (Zitat Schweizer Wörterbuch S.78),

    die es sogar in den Roman „Stiller“ von Max Frisch schaffte.

  • Doch keine Kapholländer
  • Mit den „Weissafrikanern“ oder „Kapholländern“ haben in der Schweiz die Buren nur die Herkunft ihres bäuerlichen Namen gemein:

    Als Buren (Afrikaner, Afrikaander, Kapholländer oder Weißafrikaner) werden etwa seit Ende des 18. Jahrhunderts die teilweise Afrikaans sprechenden europäischen Einwohner Südafrikas und Namibias bezeichnet. Die Bezeichnung Buren leitet sich vom niederländischen Wort boer für Bauer her
    (Quelle: Wikipedia)

    Ohne Zweifel — Jetzt kommt Zweifel

    December 14th, 2009

    (reload vom 20.10.06)

  • Ennet der Grenze wird “eh net” alles verkauft
  • Wir alle kennen die regelmässigen „Migrationsbewegungen“ der Schweizer am Wochenende über die Grenze ins befreundete „Europäische Ausland“. Der Umsatz, der von allen Supermärkten auf der anderen Seite der Grenze (die Schweizer sagen kurz und präzise „ennet der Grenze“ zu diesem Satzungetüm) gemacht wird, steht bereits seit einiger Zeit an dritter Stelle hinter den Umsätzen von Migros und Coop, und noch vor dem von Denner.

    Doch im Herbest 2006 kam der Gegenangriff. „The empire strikes back“, „macht kaputt was euch kaputt macht“, hätte man in den wilden 68ern skandiert.

    Die Rede ist von Zweifel, dem Schweizer Quasi-Monopolisten für die eidgenössisch lizenzierte, subventionierte und durch Schutzzöllen am Leben erhaltene Produktion von Kartoffelchips. Die lässt sogar die grosse Migros für sich von Zweifel produzieren, denn was man nicht nachmachen kann, das kauft man ein, heisst dort die Devise.

    Zweifel versuchte sich auf dem Deutschen Markt und hatte das schweizerische Grüezi und die Schweizerflagge gleich mitgebracht:
    Zweifel in Deutschland
    Foto: Was ist das da für ein weisses Ding auf dieser Flagge?

  • Weg mit Hammer&Zirkel, her mit dem Schweizerkreuz
  • War das nicht genial? Und wie vortrefflich sich das weisse Schweizerkreuz in den roten „Blut-Balken“ der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge schmiegt! Als ob es nie woanders zu Hause gewesen wäre. Offiziell wird dieses Rot übrigens “Verkehrsrot” genannt, vielleicht weil diese Rot bei Unfällen im Verkehr häufig zu sehen ist? Was bedeuten eigentlich diese drei Farben?

    Die Farbzusammenstellung ergibt sich aus einem (historisch verbürgten) Ausspruch in den Befreiungskriegen:
    Aus der Schwärze (schwarz) der Knechtschaft durch blutige (rot) Schlachten ans goldene (gold) Licht der Freiheit.
    (Quelle: Wikipedia)

    Können wir auch heute gut nachvollziehen, da blutige Schlachten täglich auf den Autobahnen ausgefochten werden.

  • Was könnte man als Werbegimmik in die Packung legen?
  • Wir finden es klasse, was Zweifel da unternahm, und drücken den Herstellern alle vorhandenen Daumen für den Erfolg im Chio-Chips Land. Vielleicht sollten Sie auf die Packung noch Gutscheine verstecken, für eine Grundkurs Schweizerdeutsch an der Clubschule Migros in Zürich, oder Coupons für die Teilnahme an der Verlosung von 100 permanenten C-Bewilligungen für die Schweiz. Als Hauptpreis vielleicht das Heimatrecht in einer Gemeinde ihrer Wahl plus einem hübschen druckfrischen Schweizerpass? Das würde den Absatz sicher steigern helfen.

    Die Deutschen sind neugierige Konsumenten von Chips, ich habe da keine Zweifel. Ob sie auf die Dauer das hübsche weisse Kreuz auf ihrer Flagge akzeptieren, nach dem dort vor ein paar Jahren erst Hammer & Zirkel raus und der Adler reinmontiert worden sind, gilt abzuwarten. Wahrscheinlich halten sie es sowieso für einen Flagge vom Internationalen Roten Kreuz. Rot und Weiss und Kreuz, wir kennen das ja zu genüge (vgl. Blogwiese).

    Und wenn die Schweizer am Wochenende im “befreundeten Ausland”, zufällig wie immer bei der Warenkontrolle und beim “Einkauf minderer Qualität” bei Aldi anzutreffen, freuen sich sicherlich, jetzt völlig subventionsfrei und höchstwahrscheinlich billiger die beliebten Zweifel-Chips einkaufen zu können. Und “erst noch” mit Mehrwertsteuerrückerstattung. Später dann nicht mehr.

    Fleisch oder Käse? — Verwirrungen beim Probewochenende

    October 26th, 2009

    Probewochenende mit Fleisch
    Am letzten Wochenende waren wir auf einem Probenwochenende mit der Neuen Bülacher Kantorei zu Gast in Dietikon. Nein, nicht Dintikon oder Dietlikon, sondern „Dietikon“. Die Welschen haben ihren Spass daran, dass man in der Deutschschweiz gern Orte bewohnt, die auf „-kon“ enden, was wie „con“ klingt und auf Französisch so viel wie „Depp“ heisst. In ihren Ohren klingt das dann wie „Deppenhausen“ (einem hübschen Ort im Schwäbischen).

  • Was ist ein Fleischteller?
  • Es wurde fleissig geprobt, und anders als der Name des Probenortes vermuten lässt, wurde bei den Mahlzeiten nicht auf „Diät“ geachtet. Wir durften vorab wählen, ob wir zum Mittag einen Fleisch- oder einen Käseteller essen wollten. Ein Fleischteller, das klingt wie ein Berg Fleisch mit Speck und Würsten, ist aber in der Deutschschweiz nichts anderes als ein Teller mit „Aufschnitt“.

    Fleischteller mit Käse
    (Quelle Foto: brotmacher.ch)

    Eine Sangesschwester, die aus Lyon stammt, mit einem Ostfriesen verheiratet ist und schon lange in Dietikon lebt, zeigte deutlich ihre Enttäuschung, denn das was da vor ihr stand und als „Fleisch“ angekündigt war, hatte sie sich als „de la viande“ übersetzt. Bei genauer Betrachtung konnte es für sie aber allenfalls als eine „assiette de charcuterie“ durchgehen, also als einen „Wurst- und Aufschnittteller“ mit drei „t“.

  • Bitte immer ohne Butter
  • Nicht so bei den „Suisse-Toto“. Da ist das „Fleisch“, wenn Wurst auf den Tisch kommt. Kredenzt mit Brot, aber ohne Butter, Verzeihung „Anker“ wollte ich schreiben. Wurst aufs Brot geht auch ohne Butter, so wie Gipfeli am Morgen auch ohne Konfitüre oder Anker genossen wird, ganz puristisch. „Ist ja schon Butter drin im Gipfeli“, lautet die Begründung, und wahrscheinlich Fett genug in den Wurstwaren. Nun, es hat uns gleichwohl geschmeckt.

    Kaffee Complet und Fleischteller als Abend Menü
    (Quelle Foto: sunnewies.ch)

  • Kaffee Complet und du bist vollständig
  • Am Abend gab es dann nach dem warmen „Nachtessen“, das wir Deutsche „Abendbrot“ nennen, auch wenn es kein Brot gibt, noch Kaffee. Auch dies ist eine typisch Schweizerische Erfindung und wird als „Kaffee Complet“ bezeichnet, d. h. sogar Milch und Zucker sind dabei, muss man nicht extra bestellen, selbst mitbringen oder bezahlen, alles komplett! Wir fragen uns immer, wie Menschen am Abend nach einer Portion Kaffee noch einschlafen können. Entweder ist das für sie Gewohnheitssache, oder der Kaffee ist so dünn, dass jeder Schweizer danach perfekt träumen kann. Träumen konnten wir gut nach dem Chorwochenende, und die ganze Nacht probten wir weiter fleissig im Schlaf A. Vivaldis Magnificat und Gloria, permanent und ohne Unterbruch, quasi in der Endlosschleife. Barockmusik klebt schön im Ohr.

    Die Aufführung ist am Sonntag den 13.12.09 um 17:00 Uhr in der Ref. Kirche Bülach. Der Vorverkauf beginnt am Freitag, 30.10.09, in der Altstadtbuchhandlung Bülach.

    Vom Abfallprodukt zum Kultgetränk — Welche Farbe hat Dein Durst?

    October 16th, 2009

    (reload vom 26.09.06)

  • Mögen Sie Molke? Was ist das eigentlich?
  • Milch ist eine äusserst vielseitige Flüssigkeit. Frisch von der Kuh gemolken, wird sie kurz darauf mit hohem Druck homogenisiert, um die in der Milch enthaltenen Fett und Eiweisspartikel zu zerkleinern.

    Hierbei wird die Rohmilch unter hohem Druck (150-300 bar) durch eine feine Düse gegen eine Stahlwand gespritzt, wodurch die ursprünglich relativ großen Fetttröpfchen (Chylomikronen) so stark zerkleinert werden (unter 1 µm Durchmesser), dass die Trennung von Fett und Wasser (Rahmbildung) nach diesem Verfahrensschritt ausbleibt.
    (Quelle Wikipedia)

    Täte man dies nicht, würde die Milch das tun, was sie in unbehandeltem Zustand tut, wenn man sie in die Wärme stellt und ihr ein bisschen Zeit lässt: Sie wird fest. „Dickmilch“ nennt man das Ergebnis, welches sich neben später mit Früchten angereichert in Plastikbechern verkaufen lässt. Das macht auch gar nicht dick, man, anders als die Dinger von Dickmann.

    Schöpft man diese gebundene Masse ab in ein sauberes Handtuch, so löst sich nun die „kleine Milch“ („le petit lait“ in Frankreich), d. h. die „Molke“ von der Fett und Eiweissmasse. Molke ist ein Abfallprodukt. Früher haben die Käsereien sie an die Kälber verfüttert, natürlich aus der Flasche, oder weggeschüttet. Bisweilen findet man in Bioläden die Molke als besonders wertvolles Getränk, gleich neben der Stuten- und Ziegenmilch.

    Molke (Milchserum, auch Sirte genannt) ist die wässrige grünlich-gelbe Restflüssigkeit, die bei der Käseherstellung entsteht. Sie besteht zu 94 % aus Wasser, zu 4–5 % aus Milchzucker und ist nahezu fettfrei. Außerdem enthält sie Milchsäure, die Vitamine B1, B2 (dies bewirkt die grünliche Farbe) und B6, Kalium, Kalzium, Phosphor und andere Mineralstoffe, doch vor allem 0,6–1 % Molkenprotein. Das ist deutlich weniger Eiweiß als in der Milch. Dort ist das Kasein Haupteiweiß.
    Es gibt zwei Sorten von Molke, die Lab- oder Süßmolke, die entsteht, wenn man Milch mit Lab zur Käseherstellung dicklegt. Die zweite Sorte, die Sauermolke, entsteht, wenn Milch mit Milchsäurebakterien behandelt wird. Nachdem das Eiweiß (der Käse oder Quark) abgetrennt wurde, bleibt die Molke übrig.
    Molke wirkt abführend. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Molke als Lebenselixier entdeckt und angepriesen. Es sind zahlreiche Kuranstalten entstanden, um die Zivilisationskrankheiten zu heilen. Die Molkekur war ein Programm und ein Teil der damaligen Lebensreform-Bewegung.
    Molke wird heute hauptsächlich in der Schweinezucht verwendet, vor allem als Molkepulver. Viele Molkereien arbeiten daher eng mit Schweinemästereien zusammen.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Vom Abfallprodukt zum Kultgetränk
  • Die Schweizer hatten eine andere Idee zur Verwertung. Sie machten daraus ein Kultgetränk mit Namen „Rivella“, erhältlich in den Farben Rot, Blau und Grün.
    Rivella gibt es in drei Farben
    (Quelle: nezrouge-biel.ch)

    Seitdem heisst es in der Werbung: „Welche Farbe hat Dein Durst?“, und jeder Schweizer weiss was gemeint ist.
    Farbe bekennen. Wie schmeckt denn Rot?
    Wie schmeckt eigentlich Rot?

    Bei der Migros heisst Rivella übrigens „Mivella“. Mal wieder ein Markenklau? Von wegen, es ist einfach eine andere Abfüllung:

    Rivella ist ein kohlensäurehaltiges Tafelgetränk mit 35 % Milchserum, das in der Schweiz hergestellt wird. Rivella wird, wie auch die günstigere Kopie der Migros namens Mivella, von der gleichnamigen Rivella AG in Rothrist abgefüllt. Diese ist bis heute im Besitz der Familie des Gründers Robert Barth.
    (Quelle: Wikipedia)

    Die Rezeptur wurde für die Migros leicht geändert, damit sich Mivella von Rivella unterscheiden lässt.

  • Rivella ist nichts bei LI
  • Laktose-Intoleranz, kurz „LI“ ist ein weit verbreitetes und selten erkanntes Fehlen eines Enzyms, welches der Mensch normaler Weise zum Aufspalten von Milchzucker, d. h. von „Laktose“ benötigt. Ohne dieses Enzym, dass vor allem älteren Menschen und/oder Asiaten häufig fehlt, kann der Milchzucker nicht zerlegt, und somit nicht vom Körper verarbeitet werden. Er sammelt sich im Darm an und bereitet jede Menge Bauchweh. Da Rivella einen sehr hohen Anteil an Laktose enthält, ist dieses Getränke genau wie normale Milch natürlich für LI-Patienten äusserst unbekömmlich.

  • Laktose freie Milch gibt es bei der Migros und beim COOP
  • Die Problematik der Laktose-Intoleranz ist so verbreitet und bekannt, dass die grossen Lebensmitteldistributoren sich auf die steigende Nachfrage an laktosefreien Produkten eingestellt haben. Sie bieten laktosefreie Milch an, deren Milchzucker bereits aufgespalten ist. Handelsketten wie Edeka sind da ein Stück weiter, weswegen viele unter LI leidende Schweizer eine Reihe weiterer laktosefreier Produkte wie Joghurt, Butter oder Käse in Deutschland einkaufen. Es nützt übrigens gar nichts, bei LI auf Ziegen- oder Schafsmilch auszuweichen, in der Hoffnung, damit das Problem zu umgehen. Milchzucker enthalten die genauso. LI kann übrigens auch nur vorübergehend z. B. durch eine Stoffwechselerkrankung auftreten und dann wieder verschwinden. Hauptproblem bei diesem Krankheitsbild ist die grosse Ahnungslosigkeit vieler Ärzte, was dieses fehlende Enzym und die daraus folgende LI angeht.

  • Einmal Rivella gelb bitte
  • Wenn Sie also in die Schweiz kommen und so schweizerisch sein wollen wie die Schweizer, dann bestellen Sie sich demnächst eine Rivella. Nur die richtige Farbe müssen Sie sich vorher noch überlegen. „Rivella Gelb“ war zum Beispiel lange Zeit ganz falsch. Das dürfte man höchstens zu einem Feldschlösschen (Schweizer Edelbiermarke) sagen. Erst spät wurde begonnen, diese Sorte auf Basis von Soja- anstatt Milchserum zu produzieren.

    Und falls Sie von Rivella Rot oder Blau Bauchweh bekommen, weil Sie keine Laktose oder kein Milchserum vertragen, dann sagen Sie bitte nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

    Für alle diejenigen, die wirklich Bauchweh von Milch oder Milchprodukten bekommen, hier noch das ernsthaftes Lebenshilfeforum zum Thema Laktoseintoleranz: www.libase.de.

    Nur nicht an Schwellkörper denken — Gschwellti in der Schweiz

    August 20th, 2009

    (reload vom 12.8.06)

  • Was schwillt denn da?
  • Im heissen Sommer 2006 konnten wir in einer Zürcher Kantine zur Mittagszeit unseren kulinarischen Schweizerdeutschen Grundwortschatz (vgl. Schweizer Essen) um eine weitere Vokabel ergänzen, die sich, nur so vom Lesen, ohne praktisches Beispiel oder Foto, einem Deutschen nicht leicht erschliesst. Die Rede ist von „Geschwellti“.
    Gschwellti sind Pellkartoffeln in der Schweiz
    Nein, geschwollen brauchen wir jetzt nicht daher reden, und auf die Pelle rücke ich Ihnen jetzt nicht, auch wenn die Dinger in Deutschland „Pellkartoffel“ heissen. Unser Variantenwörterbuch hilft weiter:

    Gschwellti CH nur Plur. (Grenzfall des Standards):
    Erdapfel: Erdapfel in der Schale / Montur A
    Schelfeler A-West(Tir.)
    Kartoffel: Geschwellte Kartoffel CH;
    Gekochte Kartoffel D-mittelost/süd;
    Gesottene Kartoffel D-südost
    Pellkartoffel D-nord/mittel „ in der Schale gekochte Kartoffel als Speise“. Vorgestern gab’s Gschwellti mit selbst gemachter Mayonnaise (Blick 28.1.1998,7)
    (Quelle: Variantenwörterbuch DeGruyter Verlag)

    Dennoch haben wir keine Ahnung, was „geschwellen“ mit Kochen zu tun haben könnte, oder mit „schwellen“. Eine Eisenbahnschwelle heisst der Holzbalken, über den die Tür gebaut wird, oder über den man Schienen verlegt.

    Der Duden meint:

    schwellen (st. V.; ist) [mhd. swellen, ahd. swellan, H. u.]:
    1. [in einem krankhaften Prozess] an Umfang zunehmen, sich [durch Ansammlung, Stauung von Wasser od. Blut im Gewebe] vergrößern: ihre Füße, Beine s.; die Adern auf der Stirn schwollen ihm; die Mandeln sind geschwollen; sie hat eine geschwollene Backe, geschwollene Gelenke; Übertragung: die Knospen der Rosen schwellen; die Herbstsonne ließ die Früchte s.; schwellende (volle) Lippen, Formen, Moospolster.
    2. (geh.) bedrohlich wachsen, an Ausmaß, Stärke o. Ä. zunehmen:
    der Fluss, das Wasser, die Flut schwillt; der Lärm schwoll (steigerte sich) zu einem Dröhnen; während der Donner … verhallte, schwoll (steigerte sich) der Wind zum Sturm (Schneider, Erdbeben 105).

  • Ist es schwelen und nicht schwellen?
  • Ob die Kartoffeln in der Schweiz anschwellen, wenn sie in heissem Dampf gegart werden? Oder hat es gar nichts mit diesem Wort zu tun, sondern kommt von “schwelen“:

    schwelen (sw. V.; hat) [aus dem Niederd. < mniederd. swelen = schwelen; dörren; Heu machen, verw. mit schwül]:
    1. langsam, ohne offene Flamme [unter starker Rauchentwicklung] brennen:

    Ob man in der Schweiz die Pellkartoffeln nicht gekocht, sondern über “schwelendem Feuer” gedörrt hat?
    Aber das dauert doch viel länger als kochen über dem Feuer.

    Auf jeden Fall bringt es das Wort auf 4950 Erwähnungen bei Google-CH, das meiste sind Rezepte.

    Die Lösung des Geheimnisses verdanken wir, wie so oft, dem alten Wörterbuch der Brüder Grimm, denn darin steht:

    im oberdeutschen ist schwellen sehr gewöhnlich in der bedeutung ‘etwas im wasser sieden, bis es weich wird, in siedendem wasser kochen,’ bes. erdäpfel (kartoffeln), s. STALDER 2, 363. HUNZIKER 235. SEILER 267a. SCHM. 2, 630: o sprach Bruno, du wirst sie (die frau) swellen und essen mit dein czen. STEINHÖWEL decam. s. 565 Keller (9, 5); (man soll einer mastgans) trei mal im tage gersten, und inn wasser geschwöllten weytzen … zuessen geben. SEBIZ feldbau 111; er hat viel tag nichts dann einen geschwelten weitzen zu essen gehabt. RIVANDER 2, 222b. so auch (?): sawer und murrecht sehen, gleich als wann er ein pfann voller geschwelter teuffel gefressen hett. HÖNIGER narrensch. 30b.

    7) in Nürnberg bedeutet schwellen (schwach) auch fest schlafen und schnarchen. SCHM. 2, 630.
    (Quelle: Grimm)

    Dann wollen wir mal tun, was Bruno verlangt und unsere Frau essen, bzw wie in Nürnberg einfach tief schwellen.

    Na dann: En Guete!