Deutsch am Rande der tunesischen Wüste

August 14th, 2009

(reload 8.8.06)

  • Deutsch am Rande der tunesischen Wüste
  • Die Geschichte mit den Deutschen in Strasbourg erinnerte mich an einen Aufenthalt auf der Ferieninsel Djerba, im Süden von Tunesien, welches zu den Maghrebstaaten in Nordafrika gehört. Dort kam in einem Strassencafe der tunesische Kellner und fragte mich sofort auf Deutsch nach meinen Wünschen. Hatte ich denn das grosse „D“ auf die Stirn tätowiert, oder einen Schwarz-Rot-Goldenen Schminkstift benutzt? Nicht einmal ein Versuch wurde auf Französisch gestartet, obwohl Djerba auch eine bei den Franzosen beliebte Insel ist. Als Deutscher zu Gast im Norden von Afrika löste das bei mir gemischte Gefühle aus. Ist es wirklich nur eine Minderheit von Deutschen, die im Ausland ihr Schulfranzösisch zu sprechen wagt? Wer mit einem Billigflieger für 349 Euro nach Djerba fliegt, gehört wahrscheinlich nicht dazu und erwartet für sein Geld, dass er sich nirgends auf die Anstrengung gefasst machen muss, eine Fremdsprache zu sprechen.

  • Der Wüstenfuchs war auch schon hier
  • Generalfeldmarschall Erwin Rommel, von den Engländern „desert fox“ genannt wurde, Vater des späteren Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel, zog hier im Februar 1941 durch Tunesien auf dem Weg nach Ägypten:

    Die britische Großoffensive Crusader am 19. November 1941 zwang Rommel zum ersten Mal zum Rückzug. Daraufhin verkürzte er die Nachschublinien, führte Verstärkung herbei und bluffte die Engländer. Er ließ Panzerattrappen auf Volkswagen montieren, die ständig im Kreis fuhren. Die dabei aufgewirbelten Staubwolken sollten das Herannahen eines großen Panzerverbandes anzeigen, woraufhin die Briten ihren Kampf abbrachen und sich zurückzogen. Dadurch stand er im Januar 1942 wieder in dem Gebiet, von dem aus sein Afrikafeldzug Anfang 1941 begonnen hatte.
    (Quelle: Wikipedia Rommels Afrikafeldzug)

    Im „ordentlich Staub aufwirbeln“ waren Deutsche also auch schon früher ganz gut.

  • Mercedes Benz und Judenvernichter
  • Deutsche, die in Tunesien, Marokko oder Ägypten tatsächlich mal mit älteren Einheimischen ins Gespräch kommen, können heute noch merkwürdige „Zeugnisse der Hochachtung“ vor den Deutschen zu hören bekommen. Es ist eine Mischung aus Bewunderung für die Erfinder von Mercedes Benz, den Bekämpfern der Ex-Kolonialherren aus England, Frankreich und Italien, sowie den Organisatoren der Judenvernichtung. Für die Araber sind wir ein tolles Volk. Was die selbsternannten „germanischen Herrenmenschen“ nach einem Sieg in Europa mit den Völkern des Maghrebs und des Vorderen Orients angestellt hätten, wurde offensichtlich im Geschichtsunterricht dort nicht genauer erklärt.

    Sind Deutsche unhöflicher? — Wie Deutsche in Strasbourg nach dem Weg fragen

    August 13th, 2009

    (reload vom 7.8.06)

  • Ein Volk von Unhöflichen?
  • Vorweg eine Einschränkung: Wir sprechen oft und gern von „den Deutschen“ als ein Volk. Natürlich wissen wir, dass es sich hier um 75 Millionen Individuen handelt, die unterschiedlicher nicht sein können. Höfliche und Unhöfliche gibt es unter ihnen sicherlich gleichermassen. Es ist schwierig, hierfür einen objektiven Massstab festzulegen. Den Schwaben und Badener wird eine gewisse Scheu und Zurückhaltung nachgesagt, was den Umgang mit Zugezogenen angeht.

    Berliner sagt man ihre „Berliner Schnauze“, eine sehr direkte und unverfrorene Art nach, die Dinge auf den Punkt zu bringen und keinen ausserordentlichen Respekt gegenüber Fremden zu haben. Lässt sich daraus ableiten, dass „die Deutschen“ unhöflich sind?

  • Weniger Höflichkeitsrituale
  • Sie sind sicherlich um einiges direkter in ihrer Art, und pflegen weniger „Höflichkeitsrituale“, wie sie in der Schweiz üblich und vorgeschrieben sind. Zum Beispiel die formalisierte Begrüssung per Handschlag unter gleichaltrigen Arbeitskollegen ist garantiert etwas, was wir in Deutschland noch nicht erlebt haben.

  • Wie Deutsche in Strasbourg nach dem Weg fragen
  • Wir erlebten an einem verschlafenen Sonntagnachmittag in der Elsässisch-Französischen Stadt Strasbourg, der „Hauptstadt Europas“, wie ein Auto aus Deutschland mit Tagesbesuchern bei einem französischen Polizisten am Strassenrand anhielt, der Fahrer das Fenster herunterkurbelte und den verdutzten Staatsbeamten sofort auf Deutsche fragte: „Wie kommen wir zur Kathedrale?

    Keine Begrüssung, kein „Entschuldigen Sie bitte“, kein „Sprechen Sie Deutsch?“, kein „Könnten Sie uns bitte erklären“. Einfach nur die direkte Frage nach dem Zielort. Der Polizist war überfordert, und erklärte wiederholt auf Französisch, dass er leider kein Deutsch versteht, bis ein Kollege hinzukam und die Auskunft geben konnte. Wir hätten diese Geschichte nicht notiert, wenn nicht exakt zwei Minuten später das Gleiche nochmals passierte: Die Deutschen waren kaum weitergefahren, da hielt ein Auto an derselben Stelle, wieder Deutsche, wieder die Frage. „Zur Kathedrale?“

    Diesmal war der Französische Kollege mit den Deutschkenntnissen schon dort, um zu antworten. Die Deutschen waren wahrscheinlich Urlauber aus dem nahen Schwarzwald, einer deutschen Ferienregion, die sich die wunderschöne Stadt Strasbourg mit ihrer Kathedrale anschauen wollten. Man wird ihnen in ihrer badischen Pension erklärt haben, dass dort im Elsass garantiert jeder Deutsch oder zumindest Elsässisch spricht, was leider nicht ganz der Wahrheit entspricht.

    Fasziniert und sprachlos stand ich zweimal daneben, ohne mich einzumischen, und konnte beobachten, wie deutsche Direktheit im Ausland wirkt. Meine Güte, was sind wir doch für ein unhöfliches Volk! Eine Erkenntnis, die jedem Deutschen nach einigen Jahren Schweizaufenthalt unweigerlich kommt. Wären Schweizer dort so aufgetreten? Hätten sie überhaupt nach dem Weg gefragt oder ihn lieber gleich selbst gesucht?

    Zur Ehrenrettung der Deutschen Urlauber möchte ich noch erklärend anfügen, dass sie im touristischen Teil Strasbourgs sehr wohl ohne Französischkenntnisse zurecht kommen können und diese Erfahrung vielleicht bereits früher gemacht haben.

    (2. Teil Morgen: Deutsche in Tunesien und im Maghreb)

    Zur Rente nach Deutschland — Migration in die andere Richtung

    August 3rd, 2009

    (reload vom 29.7.09)

  • Das dritte Lebensalter
  • Ein „Rentier“ ist nicht nur ein Tier bei den Lappen
    Rentier
    (Quelle Foto: angeln-und-jagen.de)

    sondern auch ein Mensch, der überwiegend von seinen Renten lebt. Wir dürfen daher auch „Rentner“ zu ihm sagen.

    Rentier [], der; -s, -s [frz. rentier, zu: rente, Rente]:
    1. (veraltend) jmd., der ganz od. überwiegend von Renten (b) lebt: ein wohlhabender Rentier

    Die Franzosen haben den hübschen Euphemismus „Troisième Age“ dafür geprägt, wenn jemand im „dritten Lebensalter“ angekommen ist. Die Deutschen Volkshochschulen, die uns stets an Volkswagen, Volkskundler und Volksmusik erinnern, heissen dort oftmals „Université du troisième âge“, denn sie werden bevorzugt von Hausfrauen, Arbeitslosen und eben Rentnern besucht.

  • Für die Rente Steuern zahlen
  • In der Schweiz endet die Steuerpflicht nicht mit dem Eintritt ins Rentenalter. Das ist in Deutschland ein wenig anders:

    Alle Renten aus der gesetzlichen Rentenversicherung gehören zu den sonstigen Einkünften und sind steuerpflichtig. Zwar ist meistens tatsächlich keine Einkommensteuer zu zahlen; bezieht der Rentner bzw. sein Ehegatte außer der Rente weitere Einkünfte, kann es zu einer Besteuerung der Rente kommen. Dies wird vom Finanzamt geprüft, vom Rentenversicherungsträger werden keine Steuern von der Rente einbehalten.

    Die Renten sind nicht in voller Höhe, sondern nur mit dem sogenannten „Ertragsanteil“ steuerpflichtig. Die Höhe dieses Ertragsanteils richtet sich nach dem Lebensalter des Rentners zu Beginn der Rente. Er bleibt – vorbehaltlich gesetzlicher Änderungen – für die weitere Dauer des Rentenbezuges bestehen. Bemessungsgrundlage für den steuerpflichtigen Ertragsanteil ist die Bruttorente (vor Abzug der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung).
    (Quelle: finanztip.de)

  • Im Alter nach Deutschland
  • Wer während der Lebensarbeitszeit seine Rentenbeitrage einzahlte, muss seine Pension im Alter nicht nochmals versteuern. Grund genug für viele Schweizer, sich einen Altersruhesitz ausserhalb der Schweiz zu suchen. Beliebt ist der Südschwarzwald, denn von der Sprache her fühlen sich die Schweizer dort fast wie daheim, der Weg zur Migros nach Lörrach ist nicht weit, und die Steuer fällt wesentlich geringer aus:

    Kapitalflucht verkehrt: Schweizer Rentner ziehen ins Steuerparadies Deutschland
    Mit 66 Jahren, da fängt für die Schweizer offensichtlich die Umzugslust an: Immer mehr Rentner verleben den Lebensabend im benachbarten Deutschland. Gerade bei geringen Alterseinkommen ist hier das Leben wesentlich günstiger. Wichtiger Kostenpunkt: In Deutschland müssen die Renten wesentlich geringer versteuert werden als in vielen Kantonen der Schweiz. Pensionen sind bis jetzt im Steuerparadies Deutschland zudem noch komplett von der Steuer befreit. Zudem sind die Lebenshaltungskosten in Deutschland wesentlich günstiger als im Hochlohnland Schweiz.
    (Quelle: shortnews.stern.de, nach Blick)

    Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken — Ein Erklärungsversuch

    Juli 3rd, 2009

    (reload vom 29.6.06)

  • Kein Leitungswasser im Deutschen Restaurant
  • Wer gern in Frankreich oder Spanien Urlaub macht, wird es gewohnt sein (Schweizer Leser dürfen es auch „sich“ gewohnt sein), dass dort zu jeder Mahlzeit neben dem obligatorischen Weissbrot auch eine Karaffe mit (gekühltem) Leitungswasser auf dem Tisch steht. Gehen Sie in ein französisches Strassencafe und bestellen einen „grand crème“ (Deutscher Jargon: „ön Kaffee Olé„), können Sie den Keller gleichfalls bitten, Ihnen dazu „un verre d’eau“ zu bringen. Versuchen Sie dies einmal in Deutschland. Der Keller wird sie mitleidig anschauen, vermuten, Sie leiden an Kopfweh und möchten ein Aspirin einnehmen, wozu er Ihnen höchstwahrscheinlich ein nur halb bis dreiviertel gefülltes Glas Leitungswasser bringen wird. Bestellen Sie zum Essen einfach nur Wasser, wird es garantiert Mineralwasser in einer Flasche sein, still oder mit Kohlensäure.

    Die Deutschen offerieren äusserst ungern Leitungswasser, schon gar nicht im Restaurant. Am „Offerieren“ merken Sie, das wir schon lange in der Schweiz leben. Ein „Anbieten“ geht uns kaum mehr über die Lippen.

    Es gehört zu den letzten ungelösten Geheimnissen der Deutschen Trinkkultur, warum das so ist. Ob es an der Hitze und den südlichen Temperaturen Frankreichs liegt? Unmöglich, denn in Nordfrankreich ist es im Schnitt sicher kälter als im Süden Deutschlands, und dennoch werden Sie dort stets eine Karaffe Wasser zum Essen serviert bekommen, nicht aber in Bayern oder Schwaben.

  • Ist gekauftes Wasser in Flaschen gesünder?
  • Eine Theorie besagt, dass die Deutschen ihrem eigenen Leitungswasser misstrauen, dass es nicht so gesund sei, wie abgefülltes Wasser zum kaufen. Als die Rohre noch aus Blei bestanden oder ziemlich verrostet waren, hatte diese Skepis ihre Berechtigung. Aber das ist lange vor dem Krieg gewesen. Heute ist es natürlich Quatsch, denn kein Nahrungsmittel wird in Deutschland so ausgiebig und permanent überprüft wie das Hahnenwasser, das dort auch „Kranwasser“ genannt wird

  • Die psychologischen Spätfolgen der Notzeit
  • Eine andere Theorie behauptet, die Deutschen seien heutzutage einfach „zu reich“ um einfach nur Wasser aus der Leitung zu trinken. Es sei ein Überbleibsel aus der Zeit der Not und der Entbehrung, als es kein Fleisch, keine Butter und keinen Kaffee gab. Als nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fünfzigern die Versorgung wieder funktionierte, erlebte Deutschland eine beispiellose Fresswelle. Fleischloses Essen oder Margarine statt Butter haftete fortan das Attribut an, „Essen für Notzeiten“ zu sein. Ähnliches gilt für Leitungswasser: Das trinkt man nur wenn man sich gar nichts anderes mehr leisten kann.

  • L’eau gazeuse macht Bauchweh
  • In Frankreich und in der Romandie hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man von Mineralwasser MIT Kohlensäure immer starkes Bauchgrimmen bekommt. Sie müssen explizit drauf bestehen, ein Wasser „avec des bulles“ serviert zu bekommen, und man wird Sie als Wunder der Verdauungstechnik bestaunen, wie Sie es schaffen, dieser gefährlichen Bläschen in Ihrem Magen Herr zu werden.

  • Sprudeln tut es in der Schweiz nur im Sprudelbad
  • Eines der hübschesten Sprachmissverständnisse zwischen Deutschen und Schweizern ist das Wort „Sprudel“. Während die Deutschen dies als Synonym für „Mineralwasser mit Kohlensäure“ sehen, denken die Schweizer an Wellness und kitzelnde Luftblässchen am ganzen Körper, wenn sie sich ein „Sprudelbad“ leisten. In Süddeutschland darf man dazu auch „saurer Sprudel“ sagen, weil der ja nicht süss ist, auch wenn er eigentlich nach nichts schmeckt. So nannten wir den früher: „Sprudel ohne Geschmack„.

  • Der Wandel kam mit Sodastream
  • Erst in den letzten 10-12 Jahren, mit dem Aufkommen von preisgünstigen Sodastream „Sprudelmaschinen„, hat sich der Trend in Deutschland ein wenig gewandelt. Es wurde schnell populär, dass man mit dem guten Leitungswasser den Sprudel auch selbst herstellen kann, und sich das Kistenschleppen damit spart. Was jedoch noch lange nicht heisst, dass es jetzt auch Leitungswasser im Restaurant zum Essen gibt.

  • Der Harass ist kein Schäferhund
  • Die Schweizer kaufen ihr Mineralwasser in Kästen, die sie „Harass“ nennen. Deutsche würden bei dieser Bezeichnung eher an einen scharfen Polizeihund denken, und nicht an Leergut. Unser Variantenwörterbuch meint dazu:

    Harass CH der, -es, -e ( aus frz. harasse “ Korb zur Verpackung von Glas“
    1. Kiste AD (ohne nordost) Kasten D „offenes Behältnis aus Kunststoff mit Unterteilung für Transport und Aufbewahrung von Getränkeflaschen: „Ich bin ein richtiger Festbruder… Ich arbeite mit Bier und trinke den Saft auch gern. Bis Mitternacht habe ich einen Harass geschafft (Blick 11.7.1994,8)
    (Quelle: Variantenwörterbuch DeGruyter, S. 332)

    Es gibt auch den Bierharass oder den Getränkeharass
    Bierharasse
    (Foto: schneider-weisse.ch)

    Der Duden führt den Begriff auch als „Lattenkiste“:

    Harass, der; -es, -e [frz. harasse, H. u.] (Fachspr.):
    Lattenkiste, Korb zum Verpacken zerbrechlicher Waren wie Glas, Porzellan:
    Täglich werden 8 000 Harasse Vollgut ausgeliefert, 7 000 Harasse Leergut zurückgenommen (NZZ 25. 10. 86, 38).
    (Quelle: Duden.de)

    Alte Harasse für Coca Cola
    (Foto: route66store.ch)

    Diese Getränkekisten wurden übrigens in Deutschland während der WM gerade extrem knapp, weil der Bierverbrauch zwar stieg, aber niemand Zeit hatte, das Leergut wieder zurückzutragen. Die Brauereien mussten regelrecht dazu aufrufen, weil die Flaschenproduktion mit dem Verbrauch nicht mithalten konnte.

  • Auch des Teufels General war ein Harras
  • Ältere Deutsche kennen den Begriff „Harras„, mit zwei „r“ und einem „s“, als Figur aus Carl Zuckmayers Stück „Des Teufels General“:

    Das Stück handelt vom Luftwaffen-General Harras, der seine Fähigkeiten wegen seiner Flugleidenschaft den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt hat, obwohl er im Grunde anderer politischer Meinung ist. Als er in seinem Umfeld eine Sabotage-Aktion des Widerstands an einem neu entwickelten Flugzeugtyp aufdeckt, wird ihm das Ausmaß seiner Schuld bewusst. Zur Desertion unfähig, nimmt er sich das Leben, indem er mit einer derart sabotierten Maschine, mit der auch schon sein Freund Eilers abstürzte und starb, in den Tod fliegt.
    Der Held erinnert an den mit Zuckmayer befreundeten Flieger Ernst Udet. Dieser hatte 1941 Freitod verübt.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn Sie in Deutschland Ihr Leergut loswerden wollen, dürfen Sie also nicht fragen, ob es für Ihren „Harass“ auch „depot“ (vgl. Blogwiese) zurück gibt, sondern Sie müssen die „Leergutannahmestelle“ aufsuchen, um dort Ihre „Getränkekiste“ oder Ihren „Bierkasten“ abzugeben. Dass es sich beim „Bierkasten“ nicht um einen gut gefüllten Schrank mit Gerstensaft handelt, versteht sich hoffentlich von selbst. Ein „Küchenkasten“ ist ja auch keine Kuchenkasse.

    Wer mag eigentlich die Deutschen? Die Franzosen finden uns romantisch

    Juli 1st, 2009

    (reload vom 27.6.06)

  • Wer mag eigentlich die Deutschen?
  • Ist Deutschland wirklich nur von Nachbarländern umgeben, die mit Ablehnung reagieren, wenn sie das Wort „Deutschland“ hören? Der Blogwiese Leser Dr. Schmidt schrieb:

    Ich würde mal gerne wissen, woher die ganze “Germanophobie” der dt. Nachbarländer kommt. Das kann doch nicht nur von der längst vergangenen Diktatur oder wegen einiger “lauter Deutscher” im Ausland kommen?! Ob Holland, Großbritannien, Österreich, Polen, Dänemark und auch Frankreich (siehe Börsenfusion mit den Amerikanern), kann sich mit Deutschland niemand richtig anfreunden.
    (Quelle: Kommentar Blogwiese)

    Wir meinen, dass dieses Urteil falsch ist. Die Schweizer „Germanophobie“, die wohl eher eine „Germanen-Phobie“ ist, braucht hier nicht weiter erörtert werden. Auch das Verhältnis der Niederländer zu uns Deutschen haben wir schon abgehakt (vgl. Blogwiese). Wie steht es mit dem „Erzfeind“ Frankreich?

  • Erfolgsmodell Deutsch-Französische Freundschaft
  • Seit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags über die Deutsch-Französische Zusammenarbeit am 22.01.1963 und der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks DFJW vom 5.7.63 haben es die beiden Nachbarländer in einer historisch beispiellosen Weise geschafft, sich auf allen Ebenen anzunähern, kennen zu lernen, zu kooperieren und die alte „Erbfeindschaft“, die immerhin in drei Kriegen (1870-71, 1914-18, 1939-45) blutig ausgelebt wurde, endgültig zu begraben. De Gaulle hielt seine Rede bei der Unterzeichnung des Vertrags sogar auf Deutsch!

    Zahlreiche Städtepartnerschaften wurden gegründet und sorgten für eine Aussöhnung und für ein praktisches gegenseitiges Kennenlernen der Deutschen und Franzosen auf der Ebene der Gemeinden und Städten:

    Die Idee der Verschwisterung von Gemeinden in Deutschland und Frankreich entstand bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und zwar im Jahr 1950, als der ehemalige Widerstandskämpfer Lucien Tharradin – ein Überlebender von Buchenwald, der nun Bürgermeister von Montbéliard (zwischen Elsaß und Burgund) war – erstmals die Grundzüge einer Partnerschaft mit dem Baden-Württembergischen Ludwigsburg entwarf.
    (Quelle: dfjw.org)

  • Was lieben die Franzosen an den Deutschen?
  • Das Deutschlandbild der Franzosen war lange Zeit geprägt durch die üblichen Klischees von den Bier trinkenden und Kartoffel essenden, fleissigen und disziplinierten aber dabei ziemlich humorlosen Deutschen. Man fand heraus, dass ein Grossteil dieser Klischees auf veralteten Deutsch-Lehrwerken für Franzosen beruhten. (Quelle: Das französische Deutschlandbild)

    Deutsch-Französische Verständigung
    (Quelle für die drei Karikaturen: germanistik.uni-freiburg.de)

    In ihnen gab es einen deutschen Familienvater, der den Kindern Gisela und Klaus (welch zeitlose Vornamen!) abends „Marsch marsch, ab ins Bett. Jetzt aber zack-zack.“ befiehlt. Das Problem mit den verzerrten Deutschlandbild in Schulbüchern hat sich in Frankreich in der Zwischenzeit relativiert. Nein, die Bücher sind nicht etwas besser geworden, aber es lernen sowieso von Jahr zu Jahr weniger Franzosen die deutsche Sprache. Englisch gilt als leichter und wichtiger. Deutsch wird neben Mathematik und Griechisch nur noch benötigt, um bei den jährlichen „concours“, den harten Auswahlprüfungen für die Aufnahme an einer der renommierten staatlichen Eliteschulen (Grandes Ecoles), die Spreu vom Weizen zu trennen und die Besten der Besten herauszufinden. Schüler dieser Eliteuniversitäten können daher meistens fantastisch Deutsch, wenn auch nur passiv. Man will ja schliesslich seinen Kant oder Hegel im Original lesen können. Sich in Deutschland ein Bier bestellen zu können gehört da nicht unbedingt zum praktischen Wortschatz.
    Sie und wir
    (c) Fritz BEHRENDT

  • Industrienation mit romantische Burgen
  • Das Deutschlandbild der Franzosen ist zweigeteilt: Sie sehen uns als eine erfolgreiche Hightech-Industrienation voller Mercedes- und BWM-Fahrer, gleichzeitig aber auch als hoffnungslos unberechenbar weil „romantisch-verträumt“ im Land der Burgen (Rheintal) und der Schubert-Lieder. Sich selbst sehen sie als rationalistisch-aufgeklärt und vom Verstand gesteuert, gleichzeitig haben sie eine grosse Sehnsucht nach der Deutschen Romantik und gehören zu den häufigsten Besuchern von Heidelberg und Neuschwanstein.

  • Am liebsten zwei Deutschland
  • Vor der Wiedervereinigung gab es eine gewisse Sympathie der französischen Kommunisten und Sozialisten für die DDR, und noch kurz vor der Wiedervereinigung soll der damalige Präsident François Mitterand gesagt haben. „Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich am liebsten zwei davon hätte“. Es gehört auf die Liste der grossen politischen Fehleinschätzungen, dass Mitterand die sich anbahnende Wiedervereinigung nicht sah und sogar herauszuzögern versuchte:

    Wollte der Staatspräsident die deutsche Einheit hinauszögern, wenn nicht sogar behindern? Wie ist in diesem Zusammenhang sein Staatsbesuch in der DDR zu werten, zu dem er am 20. Dezember 1989 in Berlin-Schönefeld eintraf?
    (Quelle: )

    Heute haben die Franzosen ein entspanntes Verhältnis zu Deutschland. In den Urlaub würden nur 14% nach Deutschland fahren, da bleibt man als Franzos traditionell lieber im eigenen Land und trifft sich regelmässig am 1. Juli auf der l’autoroute du soleil im Stau mit alten Bekannten. Anderseits fahren die meisten Deutschen lieber nach Spanien oder Italien. Nur eine gewisse Gruppe von „Bildungsbürgern“, meist Lehrer oder Beamte mit guten Französischkenntnissen, bereist auch das französische Inland, vor allem die Provençe, und hat dabei das Buch Peter Mayles „Mein Jahr in der Provençe“ im Reisegepäck. Paris ist ein Dauerhit für deutsche Städtereisende, genau wie Berlin sich grosser Beliebtheit bei französischen Jugendlichen erfreut.
    So sehen wir uns gern
    (c) Regis Titeca, Stuttgart

  • Schule nur bis Mittag und Diskutieren erwünscht
  • Die jungen Franzosen, die ins „disziplinierte und humorlose“ Deutschland reisen, staunen gewöhnlich Bauklötze, wenn sie erleben, wie entspannt Deutscher Schulunterricht sein kann, der nur bis 13.00 Uhr geht, wodurch am Nachmittag noch Zeit für das Schwimmbad und das Sozialleben mit den Kumpels ist. Sie kennen aus Frankreich fast nur lehrerzentrierten Unterricht, bei dem es mehr ums Mitschreiben und effektive Auswendiglernen der Fakten geht, als um Diskussion und persönliches Einbringen in das Unterrichtsgeschehen. Deutsche Austauschschüler in Frankreich hingegen sind erschrocken über das System der bezahlten Aufpasser (la surveillance), die für die Pausenaufsicht genauso zuständig sind wie für die Disziplin beim Mittagessen in der Schulkantine. Anderseits mussten die deutschen Bundeswehrsoldaten der „Deutsch-Französischen Brigade“ auch erst lernen, dass ihre französischen Kollegen zum Mittag sehr wohl ihren „quart de rouge“ trinken dürfen, auch wenn sie im Dienst sind.

    Es sind die Austauschprogramme des Deutsch-Französischen Jugendwerks und die zahlreichen Städtepartnerschaften, die für Normalität zwischen den Nachbarn gesorgt haben.
    Gibt es eigentlich Deutsch-Schweizer Städtepartnerschaften?

    Die alten Stereotypen sind damit aber nicht ganz aus der Welt. Ein jeder braucht sie, so scheint es, um wenigstens in manchen Situationen gut dazustehen:

    “Im Himmel sind die Humoristen Briten, die Liebhaber Franzosen und die Mechaniker Deutsche. In der Hölle sind die Deutschen die Humoristen, die Briten die Liebhaber und die Franzosen die Mechaniker.“
    (Newsweek vom 14.05.1990)

    Wobei wir fürs Protokoll festhalten wollen, dass die Franzosen erfolgreich Autos bauen und das gut funktionierende Hochgeschwindigkeitsnetz der T.G.V.s betreiben. Ach, und Robbie Williams ist im Nebenberuf ein bekannter britischer Liebhaber. Dass die Deutschen keinen wirklichen Humor haben, sehen wir ja an Harald Schmidt und Konsorten. Da schalten wir doch lieber direkt rüber zum Schenkelschlagen auf SF2 zu Giacobbo & Müller.