Was hat die Schweiz mit den Niederlanden gemeinsam? (2. Teil)

Juni 24th, 2009

(reload vom 20.6.06)

  • Die andere historische Erfahrung mit Deutschland
  • Anders als die Schweiz, die sich während des Zweiten Weltkriegs erfolgreich einigelte und Dank Milizarmee und hocheffektiver Grenzverteidigung nicht von den Deutschen eingenommen wurde, wurden die Niederlanden als ebenfalls neutraler Staat überrannt:

    Auch im Zweiten Weltkrieg versuchte die niederländische Regierung zunächst, sich aus dem Krieg herauszuhalten; anders lautende Warnungen wurde nicht geglaubt. Hitler jedoch befahl die Okkupation der Niederlande, um so Frankreich unter Umgehung der „Maginot Linie“ von Norden her einnehmen zu können. Nach dreitägigem Kampf zwangen die reichsdeutschen Truppen am Abend des 14. Mai 1940 die Niederlande mit dem Bombardement von Rotterdam zur Aufgabe. Die Innenstadt wurde durch Bomben und die anschliessenden Brände weitestgehend zerstört. Es war das erste Flächenbombardement im Zweiten Weltkrieg. Das Land wurde von Mai 1940 bis Mai 1945 von der Wehrmacht besetzt gehalten.
    (Quelle: Wikipedia)

    Der Deutsche Reichskommissar für die Niederlande, Reichsminister Dr. Seys-Inquart soll auf die Frage, ob er denn nun auch Niederländisch lernen würde, gesagt haben: „Ich kann doch nicht jeden deutschen Dialekt lernen„. Erinnert uns das nicht an die Aussage von manchen Deutschen in der Schweiz heutzutage? Nur das Niederländisch damals bereits eine lange verschriftete Sprache mit eigener Grammatik war, und kein Dialekt.

  • Die Niederländer waren nicht nur Opfer
  • Viele Niederländer arrangierten sich mit dem Besatzungsregime und viele Niederländer verinnerlichten auch die Ideologie eines grossdeutschen bzw. grossgermanischen Reiches, zu dem auch die niederdeutschsprachigen Niederländer gehören sollten. Die Judenverfolgung schlug in den Niederlanden besonders heftig zu: aus keinem anderen europäischen Land wurden so viele Menschen jüdischen Glaubens in die Vernichtungslager abtransportiert.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Was unterscheidet die Niederländer von den Schweizer?
  • Als Seefahrer und Handelsnation waren sie stets am regen Austausch mit allen Nachbarn interessiert. Als Export-Nation gehen sie nicht den Weg der Abschottung ihres Binnenmarktes und erheben keine Schutzzölle:

    Die moderne und hoch technologisierte Landwirtschaft ist ausserordentlich produktiv: neben Getreide-, Gemüse-, Früchte- und Schnittblumenanbau – die Tulpenzüchtung beeinflusste sogar die Geschichte des Landes – gibt es noch Milchviehhaltung in grossem Massstab. Letztere liefert die Grundlage für Käse als wichtiges Exportprodukt. Die niederländische Landwirtschaft beschäftigt knapp unter 4 % der Arbeitnehmer, trägt jedoch erheblich zum Export bei. Die Niederlande sind nach den USA und Frankreich der weltweit drittgrösste Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse.
    (Quelle: Wikipedia)

    Nun, da wir in der Schweiz leben, wissen wir natürlich auch, dass bei dieser Erfolgstory gewaltige Abstriche bei der Qualität gemacht werden. „Swiss made„ ist da doch ein ganz anderes Gütesiegel! Auch wenn dafür die Schweizer Tomaten und Gurken viel mehr kosten als die aus den Niederlanden und sich in der Folge nicht exportieren lassen. Kaufen wir einfach weiter original Emmentaler Käse aus Holland oder Schweizer Gouda, müssen wir nur noch die Löcher selbst hineinbohren.

    Heutzutage wurden die Herstellungsmethoden der Niederländer längst in alle Gemüseregionen Europas übertragen. Die Spanier haben dabei den Vorteil, dass bei ihnen die Sonne länger scheint als im Norden und sind munter dabei, den Holländern in Sachen Gemüseproduktion den Rang abzulaufen.

  • Holländischer Ballermann in Tirol
  • Niederländer, Schweizer, Deutsche, wer ist wem am ähnlichsten? Wir meinen, dass in vielen Dingen die Niederländer den Deutschen um einiges näher stehen. So durften wir im letzten Sommer in Tirol auf einem Campingplatz, der zu 97 % in niederländischer Hand war, erleben, wie bei einem abendlichen Grillfest mit Rumtata-Musik die massiv auftretenden holländischen Gäste die Sau rausliessen und bis drei Uhr in der früh den ganzen Platz mit Gegröhle beglückten.

    Eigentlich ein Wunder, wie man von Heineken-Bier so besoffen werden kann. Wir sind jedenfalls beruhigt, dass nicht nur Engländer oder Deutsche allein sich im Ausland manchmal tüchtig daneben benehmen können. Würde den Schweizern nie passieren, oder? Wie denn, mit Feldschlösschen?

    Zum Schluss ein bisschen Nostalgie für die Älteren unter uns, die sich vielleicht erinnern, wie Deutsche und Holländer den untenstehenden Song gemeinsam singen konnten, jeder in seiner Sprache. Zugleich ein wenig „Niederländisch für Anfanger“; es muss ja nicht immer Mani Matters Berndeutsch sein auf der Blogwiese.

    In den 80ern hatte die holländische Gruppe „bots“ einen Riesenhit mit Songs wie „Aufstehn-Opstan“ oder den auch in der Schweiz bekannten Song:

    Wat zullen we drinken, zeven dagen lang
    Wat zullen we drinken, wat een dorst [2x]
    Er is genoeg voor iedereen
    Dus drinken we samen,
    Sla het vat maar aan
    Ja, drinken we samen, niet alleen [2x]

    Dan zullen we feesten zeven dagen lang
    Dan zullen we feesten met elkaar [2x]
    Dan is er bier voor iedereen
    Dus drinken we samen, 7 dagen lang
    Dus drinken we samen, niet alleen [2x]

    Dan is er bier voor iedereen
    Dus drinken we samen, zeven dagen lang
    Dus drinken we samen, niet alleen[2x]

    Er is genoeg voor iedereen
    Dus drinken we samen
    Sla het vat maar aan,
    Ja, drinken we samen, niet alleen [2x]
    [Zeven dagen lang!]
    (Quelle: )

    Wie sagen denn Sie zum Brotanschnitt? — Wenn es nur noch Varianten gibt

    Juni 22nd, 2009

    (reload vom 18.6.06)

  • Realität durch Sprache abbilden
  • Geschriebene und gesprochene Sprache sind zwei unterschiedliche Dinge. Die aussersprachliche Wirklichkeit ist zu gross und ungenau, um bis in die letzte Kleinigkeit erfasst und exakt durch die Sprache abgebildet werden zu können. Bei manchen Begriffen ist es einfach. Ein „Tisch“ ist ziemlich genau definiert, solange wir uns in der gleichen Sprache bewegen. Gehen wir über Sprachgrenzen hinaus, wird es schon schwieriger. Warum ist „Die Sonne“ im Deutschen weiblich, „le soleil“ hingegen männlich, „der Mond“ auf Deutsch ein Mann und auf Französisch mit „la lune“ eine Frau? Immerhin haben sich für „Sonne“ im Deutschen nicht 20 Varianten erhalten, nur ein paar Dialektvarianten.

  • Was ist ein Brotanschnitt?
  • Anders ist es beim „Brotanschnitt„. Schon dies allein ist ein Kunstwort, dass sich nur mühsam mit „Das Endstück oder Anfangsstück eines Brotlaibs“ umschreiben lässt. Es gibt für dieses Ding, was doch überall Teil unseres Alltags ist, im deutschsprachigen Raum keine allgemeingültige Bezeichnung. Wir fanden im Duden den

    Knust, der; -[e]s, -e u. Knüste
    [mniederd. knust = Knorren, zu einer umfangreichen Gruppe germ. Wörter, die mit kn- anlauten u. von einer Bed. „zusammendrücken, ballen, pressen, klemmen“ ausgehen; vgl. (landsch.):
    Anfangs- bzw. Endstück eines Brotlaibs: ich mag am liebsten den Knust
    (Quelle: Duden.de)

    aber der Zusatz „landschaftlich“ verweist darauf: Das Wort wird garantiert nur von einem Teil der Deutschsprecher verstanden! Eine andere Variante dafür ist die „Kappe“, aber das ist noch lange nicht alles.

    Ist das ein Knust für Sie?
    Ist das ein Knust?

    Das Variantenwörterbuch nennt diese Bezeichnungen für den deutschen Sprachraum:

    Den Scherz (A-D-südost)
    Das Scherzel (A)
    Den Kanten (D-nord/mittel)
    Den Kipf (D-südost)
    Das Knäpppchen (D-mittelwest)
    Den Knäusel (D-südwest)
    Den Knust (D-nord)
    Das Krüstchen (D-mittelwest)
    Den Ranft (D-ost)
    Das Riebele (D-südwest)

    und das sind jetzt nur die dort gelisteten Bezeichnungen. Allesamt aus den verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs. Sollten die Schweizer hierfür etwa keine eigene Bezeichnung haben, oder warum werden sie im Variantenwörterbuch nicht erwähnt?

  • Die Schweizer Brotkultur
  • Uns war schon lange aufgefallen, dass die Schweizer Brotkultur mehr der Französisch/Welschen Tradition ähnelt, lieber kleinere (max 500 Gr.) und hell gebackene Brote zu backen als 1 Kg schwere Vollkorn-Kastenbrote oder Schwarzbrote.

    Oder ist das ein Knäusschen?
    Oder ist das ein Knäuschen?

    Aber angeschnitten werden muss das Brot doch trotzdem. Also machen wir uns auf die Suche und finden eine umfangreiche Liste mit vielen Schweizer Zitaten hier:
    Wir zitieren (nicht vollständig!) mal ein paar Schweizer

    bei Yves Suter aus Wollerau (CH) heisst es Aaschnitt
    bei Markus aus Uster heisst es Ahau
    bei Andi aus Zürich heisst es Ahäuel
    bei Franziska aus Aarau heisst es Ahäuli
    bei Nicole aus St. Gallen (CH) heisst es Bödel
    bei Andreas aus Leissigen (CH) heisst es Chäppi
    bei S.Vogt-Tanner aus dem Gürbetal, CH heisst es Gröibschi
    bei Martin aus Olten (Schweiz) heisst es Gupf

    Wir haben beim Buchstaben G aufgehört, es geht noch seitenlang so weiter.

  • Harry, reich mir mal den Knust rüber
  • Warum gibt es für dieses Wort so viele Varianten? Warum keinen allgemeingültigen Begriff in der Standardsprache? Vielleicht, weil es immer nur lokal und im Familienkreis gebraucht wird, weil es in keinem Roman vor kommt, in keinem Derrick-Krimi („Harry, reich mir mal den Knust rüber?!„), weil es keine Notwendigkeit zwischen Norddeutschen, Süddeutschen oder Schweizern gab, über dieses Ding Korrespondenz zu führen:
    Bestellen wir gemäss Angebot zum nächsten Monatsende drei Paletten mit Knust / Knäusschen / Kappen / Gup / Gröibischi
    Würde dieser Satz je geschrieben? Sicher nicht. Wenn wir noch ein bisschen abwarten (Schweizer dürfen derweil „zuwarten“), gibt es sicher irgendwann eine EU-Norm die festlegt, wie dieses Ding denn zu heissen hat. Aber die Schweiz ist ja nicht in der EU. Nun, dann wird das Idiotikon (vgl. Blogwiese) in der Schweiz wohl doch ein Band länger als geplant…

    Und glauben Sie bloss nicht, dass dieses „Ende vom Brotlaib“ ein absoluter Sonderfall in der Sprache darstellt. Wir könnten den ganzen Artikel auch zum Thema „Rest eines gegessenen Apfels“ schreiben. Der heisst „Apfelbutzen“ oder „Apfelkitsche“ oder oder oder.

    Wie diktiert man korrekt eine Telefonnummer in der Schweiz?

    Juni 11th, 2009

    (reload vom 11.06.06)

  • Niemals „Acht-Sechs-Zwo“ sagen
  • Wir wohnen in Bülach, der Nightlife Metropole des Zürcher Unterlandes. Zentrum für angewandte Matrazenhorch-Forschung. Bülach ist ein grosser Ort. Es gibt hier viele Telefonanschlüsse. Fast alle fangen mit den Zahlen Acht-Sechs-Zwei an. Wenn Sie allerdings hier wohnen und jemand fragt Sie nach ihrer Telefonnummer, dürfen Sie auf keinen Fall den Fehler machen, diese Nummern einfach so nach einander aufzuzählen.

    Achthundertzweiundsechzig“ ist die korrekte Aussprache für einen Anschluss in Bülach, und bitte danach unbedingt in Zweiergruppen weiter, zum Beispiel „Vierundfünfzig“, „Zweiundachtzig“.

  • Verwechseln Sie nicht die Dreier- mit der Zweiergruppe!
  • Wir wissen nicht, wann und wie die Schweizer das lernen oder eingetrichtert bekommen, aber Telefonnummern dürfen niemals einfach als Einzelziffern heruntergerasselt werden, nein, sie gehören ordentlich gruppiert in Dreier- und Zweiergruppen vorgelesen. Wir wurden sogar schon am Telefon unwirsch zurechtgewiesen, weil wir uns anfangs nicht an dieses „Gesetz der Gruppierung“ halten wollten. Offenbar hatte unser Gesprächspartner erhebliche Mühe, eine Reihe von Nummern zu notieren, wenn diese nicht gruppiert genannt werden.

  • Die Vorwahl immer Ein- und Zweistellig
  • Werfen Sie einen Blick in Ihr örtliches Telefonbuch, falls Sie in der Schweiz wohnen. Sie wissen schon, das dicke Ding mit dem Englischen Titel „Directories“ drauf, und Sie werden feststellen: Schweizer Vorwahlen sind immer dreistellig und beginnen mit einer Null. Dennoch dürfen Sie in Bülach nicht „Null-Vier-Vier“ sagen, sondern müssen mit „Null-Vierundvierzig“ anfangen, um dann mit der erwähnten „Achthundertzweiundsechzig“ fortzufahren.

  • Überall stets zehnstellig
  • Alle Schweizer Telefonnummern sind zehnstellig, egal ob sie in einer grossen Stadt wohnen oder in einem Bergdorf mit 20 Anschlüssen. In Deutschland hingegen werden Sie noch heute in bestimmten ländlichen Regionen Telefonanschlüsse finden, bei denen die Ortsvorwahl doppelt so lang ist wie der eigentliche Anschluss. Das war nicht immer so in der Schweiz. Hier eine alte Aussenwerbung, noch ohne obligatorischer Vorwahl oder Zwangsgruppierung:
    Telefonnummer ohne Gruppierung

  • Versuchen Sie doch mal was Neues 2-3-2
  • Sie können bei den Schweizern die grösste Verwirrung auslösen, wenn Sie plötzlich auf die Idee kommen, die Dreiergruppen-Zweiergruppen-Regel zu durchbrechen, und einfach stur „Acht-Sechs-Zwo-Fünf-Vier-Acht-Zwo“ vorzulesen, oder noch besser, einfach mal mit einer Zweigruppen anfangen: „Sechsundachzig – Zweihundertvierundfünfzig – Zweiundachtzig“. Da kommt Freude auf! Sie werden merken, wie Ihr Schweizer Gegenüber unter Garantie drei Anläufe braucht, um Ihre Äusserung im Kopf wieder sorgsam in die gewohnte Dreier- und Zweigruppen zurück zu verwandeln, bevor er sie zu Papier bringt.

  • Wieso können die das alle so gut?
  • Ob das die Schweizer in der RS, der Rekrutenschule lernen? Ob es Teil der geheimen Freund-Feind Erkennungsstrategie für den militärischen Verteidgungsfall ist? Lies mir diese Nummer vor, und ich sag Dir, ob Du ein Eidgenosse bist! Es wird auf jeden Fall im Rahmen der Kaufmännischen Ausbildung geschult, wie man Telefonnummern korrekt gruppiert. Aber müssen denn alle Schweizer ins KV oder in die RS?

    Glatter als Glatt — Der Sauglattismus

    Juni 2nd, 2009

    (reload vom 1.6.06)

  • Trizonesien und Triglossie
  • Die Westdeutschen lebten kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in „Trizonesien“, dem Drei-Zonen-Staat, besetzt durch die Siegermächte USA, Frankreich und England. Die vierte Zone war die „Ostzone“, besetzt von den Russen. Mehr als Deutsch konnten die Deutschen deswegen noch lange nicht sprechen. Die Schweizer hingegen leben noch heute in 26 Zonen (die sie Kantone nennen) in ihrem Land verteilt und beherrschen eine lebendigen „Triglossie“ im Alltag: Tüütsch, Schweizerschriftdeutsch und Hochdeutsch sprechen sie fliessend, auf eine Anzahl weiterer Sprachen wie Bärndütsch, Bümpliz-Norddütsch oder Bümpliz-Süddütsch können Sie jederzeit problemlos ausweichen.

  • Warum können die Schweizer so viele Sprachen?
  • Schuld an dieser Mehrsprachigkeit sind
    a) Das Fernsehen: Wer will schon Tatort bei der ARD mit Schweizerdeutschen Untertiteln sehen müssen? Also heisst das Motto: Lerne die Sprache des Nachbarn! Lektion Eins: „Harry, hol‘ schon mal den Wagen“
    b) Die Berner: Wo sie hinkommen gründen Sie einen Verein (vgl. Blockwiese), wie ihn einst Mani Matter besang (Mir hei e Verein) und verbreiten so stetig ihre Sprache.
    c) Die Deutschen, die die auf Hochdeutsch gestellte Frage eines Schweizers: „Verstehen Sie Schweizerdeutsch?“ mit einem „Ja, sprechen Sie diesen Dialekt nur ruhig weiter, ich habe sie bisher sehr gut verstanden“ reagieren.

    Dank ihrer sprachlichen Begabung entwickeln die Schweizer immer wieder sprachliche Neuschöpfungen. Einige davon schaffen es auch in die Zeitungen und sind über alle Zonen Kantonsgrenzen hinweg bekannt.

  • Sauglatt ist glatter als glatt
  • Die Glatt ist ein Fluss im Zürcher Unterland. Sie dient als Abfluss für den Greifensee und mündet in den Rhein. Ohne Glatt gäbe es kein Glatttal, kein Glattzentrum, kein Glattbrugg, kein Glattfelden, Oberglatt, Niederglatt, könnten Sie alles glatt vergessen. Die Glatt ist aber nicht nur ein Namensbestandteil für viele Orte im Unterland, sondern auch eine Lebenseinstellung, eine Philosophie und eine für die Schweizer auf jeden Fall sehr negativ besetzte Haltung: Der Sauglattismus

    Wir fanden ihn Im Tages-Anzeiger vom 11.05.06 auf der Seite 2
    Sauglattismus
    Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für die Verwendung des Begriffes:

    Oder geht es ganz einfach um Beliebigkeits-Sauglattismus, als Spiegel der aktuellen Zeit?
    (Quelle: umweltnetz.ch)

    Auch in Graubünden :

    «Mir gefällt die Absurdität – und solange ich nicht in den Sauglattismus abdrifte, mache ich weiterhin, was mir gefällt.» Ein Mann, ein Wort.
    (Quelle: graubuendenkultur.ch)

    Eigentlich ist diese Begriff schon längst kalter Kaffee für die Schweizer, denn sogar die Enzyklopädie Wikipedia, die wir in Zukunft weniger häufig als „Wiki“ abkürzen werden, bringt schon einen erklärenden Artikel dazu:

    Sauglattismus ist ein Modewort, das in den Neunzigerjahren in der Deutschschweiz geprägt wurde, bis heute verwendet wird und eigentlich unübersetzbar ist. Es ist vom Adjektiv sauglatt abgeleitet, das soviel wie „sehr lustig“ bezeichnet. Zunächst eine Definition des Substantivs: Sauglattismus ist verzierter Schwachsinn. Zahnbürsten mit einem Gesicht drauf, zum Beispiel. Primär werden also mit Sauglattismus Auswüchse der heutigen Freizeitgesellschaft ironisiert. Das Wort wird von verschiedenen politischen Lagern verwendet, in rechts-konservativen Kreisen dient es öfters zur Ironisierung staatlich subventionierter Gebrauchskunst. Beispiele dazu sind ein Zitat einer SVP-Grossrätin aus Basel oder ein Zitat aus der Schweizerzeit anlässlich der schweizerischen LandesausstellungExpo.02. In linken Kreisen wird der Begriff im Rahmen einer Kritik der Fun- und Spassgesellschaft verwendet, so hat der Schriftsteller Peter Bichsel in der Begründung seines 1996 erfolgten Austritts aus der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn, deren Wahlkampagne (mit dem Slogan «Kussecht und vogelfrei») als postmodernen Sauglattismus bezeichnet.
    (Quelle: wikipedia.de)

    Sauglatt ist ähnlich wie „saugut“ eine Steigerung von „glatt“, welches in der Schweiz weit mehr bedeutet als nur das allgemeindeutsche „rutschig“. Wenn etwas „eine glatte Sache“ ist, dann ist es grundsätzlich sehr positiv besetzt.

    (2. Teil Morgen: Auf der Glatt kann man auch Boot fahren, nur trinken sollte man sie besser nicht)

    Ostdeutsch für Fortgeschrittene —Keene Feddbemmen fressen

    Mai 26th, 2009

    (reload vom 25.05.06)

  • Ostdeutsch für Fortgeschrittene
  • Deutschland ist ein wunderbares Land. Überall strotzen die Menschen vor Selbstbewusstsein und sind voller Stolz über ihr gepflegtes, weil sorgsam poliertes Hochdeutsch. Wirklich überall? Es gibt da eine Gegend in Deutschland, da hat sich das „geschliffene Hochdeutsch“ deutlich ein wenig zu viel weiterentwickelt, denn dort wurde aus „geschliffen“ eines Tages „mattpoliert“. Aus allen knallharten „Ks“ wurden weiche „Gs“, damit aus „Helmut Kohl“ ein „de Gaulle“, aus dem harten „T“ wurde ein weiches „D“ wie „Detlev“ oder „Damendolette“, und aus dem Anlautvokal „A“ ein „O“ wie in „och schön!“. Wir sprechen von Ostdeutschland und seinem eigenem Idiom, dem Ostdeutschen:

  • Gibbe raus!
  • Der folgende kleine Lehrfilm soll zeigen, dass auch innerhalb von Deutschland die sprachlichen Unterschiede zu gewaltigen Verständigungsproblemen führen können. Mitunter mit gefährlichem Ausgang:
    Film KeinOstdeutsch (avi-File, 1Mb)

  • Neufünfländisch für Anfänger
  • In Ostdeutschland spricht man „Neufünfländisch“, die Sprache der fünf neuen Bundesländer. Eine ganze Reihe von eigenen Wortprägungen in dieser Sprache sind im Westen unbekannt. Zum Beispiel:

    abkindern =
    Sex zwecks Schuldentilgung: Schulden des Ehekredits wurden den werdenden Eltern teilerlassen. Den Ehekredit konnten alle Frischvermählten in Anspruch nehmen.

    Arbeiterschließfach = Neubauwohnung

    Bückware = im Osten gab es alles – man mußte nur wissen wo

    Fehlerdiskussion = Krisensitzung

    Gastmahl des Meeres = Name aller Gaststätten, die ausschließlich Fisch auf ihrer Speisekarte anboten

    Mumienexpreß = Ost-Slang für Interzonenzug

    Tal der Ahnungslosen =
    Gegend der DDR, in der kein Westfernsehen zu empfangen war. Dies führte dazu, daß z. B. der Bezirk Dresden die höchsten Ausreisezahlen hatte.

    Winkelement = A5-Papierfähnchen (heute vornehmlich bei CDU-Veranstaltungen zu sehen)

    (Quelle: otz.de)

    Ganz schön kreativ, die Menschen aus dem Osten.
    Aber wenn jetzt die Diskussion anfängt, ob man „Feddbemmen“ nun mit einem oder zwei „d“ schreiben sollte, oder doch lieber mit „ä“ wie „Feddbämmen“, dann wandere ich aus…
    Vielleicht klärt uns Branitar erst einmal darüber auf, was das eigentlich sind, diese Feddbemmen.