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Alles halb so wild mit den Deutschen, meint Anushka Roshani im MAGAZIN

February 8th, 2010

Der folgende Artikel von Anushka Roshani findet sich hier in der Wochenendbeilage diverser Schweizer Tageszeitung, genannt “DAS MAGAZIN“.

Alles halb so wild mit den Deutschen? Die SVP hetzt mit ihren journalistischen Wahlhelfern gegen Deutsche. Und erschafft je länger, je mehr einen Konflikt, den es so nicht gibt. Wie sieht der Alltag etwa in einem Zürcher Spital wirklich aus?

Sie schnappen uns die tollen Jobs weg, die Wohnungen, die Männer. Sie bitten beim Bäcker nicht höflich um ein Gipfeli, sie bellen quer durch den Raum «Ich krieg ein Brötchen!». Sie nehmen uns nicht ernst, aber unsere Gastfreundschaft in Anspruch. Sie sprechen unsere Sprache nicht, dafür ihre umso lauter. Sie ziehen nicht in die Schweiz, sie annektieren sie; sie können gar nicht anders, historisch bedingt. Und sie holen ihresgleichen nach, denn je mehr Deutsche da sind, desto weniger bleiben übrig, an die sie sich gewöhnen müssen.

Für ein Brötchen würde ich echt nicht durch den Raum bellen, für ein paar Semmeln oder Schrippen oder Wecken auch nicht. In welcher Bäckerei soll denn das gewesen sein? Eine klare Ansage in einer Kölner Kneipe: “Ich krieg noch ne Stange” an der Theke empfiehlt sich, um vom Wirt überhaupt ernst genommen zu werden. Wer mag kann auch ein “Bitte” angehängen, ist aber nicht nötig. Ein freundliches Gesicht oder ein Lächeln hat den gleichen Effekt. Bezahlen ist wichtiger, und schnell austrinken.

So sieht es aus, das Zusammenleben von Deutschen und Schweizern in der Deutschschweiz — wenn man SVP-Vertretern wie Christoph Mörgeli und ihren Brüdern im Geiste, Journalisten wie den «Weltwoche»-Chefs Markus Somm und Roger Köppel glaubt. Kein Miteinander, nirgends. Nein, ein einziges Gegeneinander, ein Hauen und Stechen, und als Hauptwaffe — oft genug als Totschlagkeule — die Sprache.

Also müssen die schlimmsten Schlachtfelder dort sein, wo sie sich in enormer Zahl tummeln: in den Spitälern. Rund 16 000 Angestellte im Schweizer Gesundheitswesen stammen: aus Deutschland. Also muss da, wo es Tag für Tag um Frakturen und Prellungen des Alltags geht, auch der Ort grösster Verwundung von Schweizern durch Deutsche sein.

So zogen wir aus, das Fürchten zu lernen. Ins Zürcher Stadtspital Triemli. In einigen Abteilungen ist knapp ein Viertel des Personals deutsch. Im Gepäck hatten wir einen Haufen Bilder: deutsche Oberärzte, welche Krankenschwestern auf gut Deutsch zusammenscheissen; Chefs aus Stuttgart oder Hamburg, die auch bei den engsten Mitarbeitern auf die Gott-in-Weiss-Anrede «Herr Professor» bestehen; verschüchterte ältere Patienten aus dem Thurgau oder Bündnerland, dem zackigen Hochdeutsch auf dem OP-Tisch ausgeliefert wie dem Skalpell und den grellen Scheinwerfern.

Nicht zackiges Hochdeutsch, aber klar formuliertes und langsam ausgesprochenes Hochdeutsch hörte unser Schweizer Nachbar, als er mit akutem Herzrasen auf die Notfallambulanz gebracht worden war. Er verstand es gut, allein er war nicht in der Lage, bei dem körperlichen Stress, unter dem er stand, nun auch auf Hochdeutsch zu antworten. War aber kein Problem für den Arzt aus Deutschland, der ihn behandelte. Am Wochenende, denn für diese Schicht melden sich Inlandskollegen ungern freiwillig.

Und dann: nichts. Wohin wir auch kommen, wird abgewinkt — das sei ein reines Medienthema. Genau wie die Schweinegrippe. Diesen Satz hören wir immer wieder, von Deutschen, vor allem aber von Schweizern. Es gäbe kein Problem, keinen Konflikt, zumindest keinen, der durch die Nationalität bedingt sei, sagt unter anderem Daniel Passweg, stellvertretender Chefarzt der Maternité, gebürtiger Bieler.

Die Herkunft eines Arztes oder einer Pflegerin spiele keine Rolle. Weder würden sich die deutschen Kollegen absondern noch würden sie ausgeschlossen. Es gibt in den Wohnhäusern des Triemli kein Deutschen-Nest, es gibt keinen Deutschen-Stammtisch, keine deutsche Ärzte-Fussballmannschaft, die gegen ein Schweizer Team antritt. Vielleicht weil der Krankenhausalltag zu sehr von existenziellen Notwendigkeiten geprägt ist — geht es um Leben und Tod, ist die Frage danach, wo einer geboren wurde, eine luxuriöse.

Das heisst nicht, dass nicht schon manchem in der Kantine schlagartig aufgegangen ist, dass er am Tisch der einzige Schweizer unter lauter Deutschen ist. Sobald aber die Verblüffung dem Nachdenken weicht, fällt jedem wieder ein, dass es ohne die deutschen Kollegen gar nicht gehen würde — zu gross ist der Personalmangel. Das kann Oswald Oelz nur bestätigen. Oelz war von 1991 bis 2006 Chefarzt am Triemli. «Während meiner Zeit gab es nicht ein Problem zwischen Schweizern und Deutschen», sagt Oelz, «das Thema wird hochgeschaukelt.» Ausserdem seien Krankenhäuser seit jeher sehr international besetzt.

Stimmt. Als ich mit Beinbruch im Unispital lag, wurde ich von einer Holländerin, einem Deutschen, einer Tibeterin und noch ein paar anderen Nationalitäten gepflegt. Die Pflegefachkraft kam glaub aus Nigeria.

René Alpiger, Leiter der Pflege der Triemli-Intensivstationen, kann auf Anhieb nicht mal sagen, wer deutsch ist, wer Spanier, wer Schweizer. «So normal ist das.» Trotzdem hat er kürzlich einen internen Newsletter verfasst, in dem steht: «Im Rahmen der multikulturellen Zusammensetzung unseres IS-Teams sowie der Führungshaltung des Stadtspitals Triemli sind ausländerfeindliche Sprüche oder Handlungen sowie rassistische Bemerkungen nicht tolerierbar.»

Schweiz-Knigge

Warum dann das? «Die Deutschen sind wieder ein Thema. Weil die Medien uns Steinbrück, Fussball, SVP-Parolen auftischen, diskutieren wir das halt auch. Oder es fällt mal ein Spruch», sagt Alpiger. Ein solcher Spruch — mit dem Tenor: Hauptsache, das deutsche Fussballteam verliert den Match, egal, wer gewinnt — war eine flapsige Bemerkung zu viel für eine deutsche Kollegin, sie beschwerte sich.

Auch Barbara Moll, Leiterin der Interdisziplinären Pflege und seit 1987 in der Schweiz, kennt solche Sprüche — von ihrem Schweizer Ehemann, einem Gynäkologen. Wenn sie ein paar Tage zu Hause verbracht hat, in Wiesbaden, sagt er schon mal: «Nimm den deutschen Chef raus!»

Eine Schweizer Journalistin erzählte mir neulich, dass sie sich in Berlin den dortigen Umgangston so dermassen angewöhnt hat, dass sie damit in der Schweiz fast wie eine Deutsche damit aneckt. Kann also anstecken, schnell zur Sache zu kommen und zu sagen was man denkt.

Am Anfang war sie gekränkt, inzwischen denkt sie sich, dass er einfach sehr empfindlich auf Kraftausdrücke reagiert und sich ein paar davon wohl beim Heimatausflug in ihren Wortschatz zurückgeschlichen haben. Und sicher, das sei ja bekannt, ist die Kommunikation von Deutschen oft direkter als die der Schweizer. Aber deswegen Verständigungsschwierigkeiten? Unsinn, ob Mundart oder Hochdeutsch, es bleibe doch die gleiche Sprache, und jeder Deutsche bemühe sich um Rücksicht: Das distanzlose «Tschüss» zum Beispiel würden sich alle sofort abgewöhnen.

Ein Grossteil der hiesigen Deutschen hat ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie schnell man unabsichtlich durch Worte und Verhalten anecken kann. Hat eine ausgeprägte Bereitschaft, sich anzupassen. Auch Professor Matthias Becker, seit anderthalb Jahren Chef der Triemli-Augenklinik, hat seinen selbst zusammengestellten Schweiz-Knigge stets im Hinterkopf: «Es gibt viele Momente, wo ich denke, halt, Stopp, sonst bist du der böse Deutsche!»

Diffuse Bedrohung

Dabei hat sich noch nie ein Patient von ihm darüber beklagt, von einem Deutschen behandelt zu werden, fast alle sprechen völlig selbstverständlich Dialekt mit ihm, und den Patienten wie den Kollegen sei das Wichtigste, dass der Arzt seine Sache gut macht. Dennoch schob Becker kürzlich das unwirsche Benehmen eines jungen Patienten auf sein Deutschsein. Später stellte sich heraus, dass sich der Mann bei den Schweizer Kollegen nicht weniger rüde aufgeführt hatte. Da wurde Becker klar, dass seine Sensibilität gegenüber dem Thema auch zu Fehlinterpretationen führen kann.

Dialekt als Deutscher von Schweizern zu hören ist nach wie vor das beste Zeichen dafür, nicht als etwas besonderes angesehen zu werden, für das nun das Hochdeutsch rausgekramt werden muss. Dennoch ist es für viele Schweizer schwierig, bei ihrer Muttersprache zu bleiben, wenn sie Standarddeutsche Antworten bekommen.

In der Tat ist es lächerlich, die Integrationsprobleme von Deutschen mit sorgenvollen Mienen zu erörtern. Mag sein, dass sich der eine oder andere Schweizer wirklich diffus bedroht fühlt — zum ersten Mal könnte ein Mittelständler dem Glauben verfallen, durch den Zuzug von Ausländern gefährdet zu sein. Er könnte fürchten, seine Privilegien durch den Neuen aus Deutschland zu verlieren. Doch liegt solch eine latente Angst nicht viel eher darin begründet, dass die bürgerliche Mitte in der Schweiz insgesamt an Land verliert?

Nichtsdestotrotz wird etwa in Fernsehsendungen wie dem «Zischtigsclub» das vermeintliche Problem in erregter Runde verhandelt. Wo aber sind sie genau, die grossen Eingliederungsschwierigkeiten? Lungern Deutsche arbeitslos auf der Strasse herum, dealen sie, fallen sie durch Gewalt und Verwahrlosung auf?

Natürlich gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Deutschschweizern, aber die gibt es auch zwischen Bernern und Zürchern. Natürlich sind unter den deutschen Chefärzten auch arrogante Säcke, und natürlich hat man dann die Neigung, denjenigen nicht bloss als arroganten Sack, sondern als arroganten deutschen Sack wahrzunehmen.

Alles richtig, aber was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Das Problem oder das Gefühl, ein Problem zu haben oder irgendwann irgendwie eines bekommen zu können?

Die Eierfabrik bzw., weil in der Schweiz sowas nicht existiert, die Gehege mit den freilaufenden Hühnern befinden sich in Schweizer Verlagshäusern.

Es kann doch kein Zufall sein, dass sich jemand wie Christina Springer länger gefragt hat, ob sie sich das wirklich antun muss: sich derartig wenig willkommen zu fühlen. Bei ihrer Ausbildung standen der Fachärztin aus Heidelberg genug andere Stellen offen, und sie überlegte im vergangenen Sommer hin und her, ob sie das Angebot aus Zürich annehmen sollte. In deutschen Zeitungen und Magazinen hatte sie immer wieder gelesen, dass Deutsche in der Schweiz alles andere als gern gesehen seien, sogar verhasst. Letztlich entschied sie sich dafür, weil ihr Freunde in der Schweiz bestätigten, dass «in Wahrheit alles halb so wild» sei.

Sonderbar, dass es Medienberichten heute noch gelingt, die Leute nervös zu machen. In einer Zeit, in der niemand mehr auf die Idee käme, die Wirklichkeit mit einem Flimmerbild zu verwechseln. Niemand mehr den Satz «Es steht in der Zeitung» als Beweismittel anführt. Jeder weiss, Medienbilder sind so naturidentisch wie das Erdbeerjoghurt mit der Erdbeere — ohne Geschmacksverstärker läuft gar nichts. Ohne Spektakel. Leise Töne im Fernsehen sind nun mal wenig unterhaltsam.

Und obwohl wir das alles wissen, haben es Zeitung und Fernsehen geschafft, gewollt oder nicht, mit dem Lamento über Deutsche nicht nur Quote, sondern auch Stimmung zu machen. Ein Feindbild aufzubauen, das im Konfliktfall mit der Wirklichkeit in Deckung gebracht wird.

Ute, eine Pflegerin aus Stuttgart, erzählt, dass sie früher, im Spital in Langenthal, Zeitungsartikel anonym ins Fach gelegt bekam, in denen alle Deutschen über einen Kamm geschoren wurden. An Nachschub war kein Mangel, in jeder dritten Ausgabe von «20 Minuten» findet sich etwas. Das Elend nahm erst mit ihrem Wechsel nach Zürich vor einem Jahr ein Ende.

Auch wir bekamen regelmässig solche Berichte anonym in den Postkasten gelegt. Was man uns damit sagen will? Sicherlich, dass man besorgt ist über diese negative Berichterstattung.

Deutschland-Klischees
Bei keiner anderen Nationalität, keiner anderen Volksgruppe würde man sich so ein Schubladendenken zugestehen — unvorstellbar, dass im französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen stundenlang über den Anpassungswillen etwa der Italiener debattiert wird. Jeder seriöse Journalist würde sich diskreditieren, wenn er Hochrechnungen vom Einzelnen auf einen Nationalcharakter anstellen würde. Das Ressentiment gegen die Deutschen dagegen darf man scheinbar öffentlich pflegen, selbst als sogenannter Intellektueller, denn sie haben ihre Popularität mit dem Dritten Reich auf Generationen hinweg verspielt. Und dann hinterher, wie Mörgeli, die Empörung der Professoren damit zu legitimieren, dass die SVP wohl «einen Nerv getroffen» haben müsse, als sie «deutschen Filz» an Schweizer Universitäten anprangerte — dieser Missbrauch der Historie grenzt an Perfidie.

Dabei haben die Deutschen durchaus aus ihrer Geschichte gelernt: Die allermeisten von ihnen — insbesondere jene, die ins Ausland ziehen, ob auf Dauer oder nur als Tourist — vergegenwärtigen sich die nationalsozialistische Vergangenheit wieder und wieder. Denn sie werden ja auch — zum Glück — ständig daran erinnert. Sie kennen die Schlagzeilen aus britischen Zeitungen, die «Blitzkrieg der Ballermänner» titelten. Sie kennen sämtliche Klischees vom ewig motzenden Kasernenhof-Deutschen. Und versuchen daher im vorauseilenden Gehorsam, hässliche Erwartungen zu unterlaufen.

“And please don’t mention the war..” heisst der alte Joke von Monty-Python. Warum nicht? Ist doch ein spannendes Thema, für manche vielleicht noch nicht ausdisktutiert.

Über all dem haben sie aber auch die Einsicht gewonnen, dass man — wenn man sich in seiner Argumentation auf die Geschichte beruft — besonders vorsichtig sein muss, keine Lunte zu legen. Wie war das damals, als die Weimarer Republik und damit die deutsche Mitte zusammenbrach? Welchen Deutschen interessierte es vor 1933, welcher seiner Nachbarn «halb- oder vierteljüdisch» war? Welcher normale Bürger hatte sich zuvor jemals über eine Absurdität wie den von den Nazis definierten «jüdischen Charakter» Gedanken gemacht?

Die traurige Wahrheit ist: Sie fingen an, daran zu glauben. Warum — darüber denken Historiker, Soziologen, Psychoanalytiker seit Jahrzehnten nach. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass es nicht in einem «deutschen Wesen» begründet ist. Etwas — vielleicht die allgemein menschliche Tendenz, sich zu vergleichen und sein mögliches Unglück vom Glück eines anderen abhängig zu machen — war geschürt worden, so lange, bis es sich in ganzer Schrecklichkeit offenbarte.

Ist es da nicht wohltuend zu sehen, wie unbeeindruckt die Schweizer und Deutschen am Triemli bleiben? Wie unaufgeregt sie miteinander umgehen?

Und an vielen anderen Orten ist es sicherlich genauso. Trotzdem gibt es böse anonyme Briefe im Briefkasten, oder auch als Mail, aber dann kann man wenigstens drauf antworten.

Vor einem Jahr stand das Sommerfest der Intensivstation unter dem Motto «Oktoberfest», man amüsierte sich miteinander bei bayrischem Bier, Brezeln und Weisswürsten.
Dieses Mal soll der Anlass indisch werden.

Eifrige Leserinnen und Leser der Blogwiese werden von Freund “EinZüricher” gelernt haben, dass die Bayern und Münchner die wahren und guten und nachahmenswerten Menschen in Deutschland sind, die stets von ihm herzlich umarmt werden. Was er wohl von den Indern hält?

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