Wir riefen Arbeitskräfte, doch es kamen Deutsche — Warum sollte ein arbeitsloser Deutscher die Schweiz verlassen wollen?
November 21st, 2008Die SVP veröffentlichte gestern eine Pressemitteilung zum Thema “Freizügigkeitsabkommen”. Nach langem hin und her, will sagen „hülst und hott“ , hat man sich doch dafür entschieden, bei der Abstimmung im Februar dagegen zu votieren. Erst wollte man sich bei der SVP bei dem Thema zurückhalten, denn die Schweizer Unternehmer, welche die SVP unterstützen, profitieren ja von der Freizügigkeit, weil der Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland ist immer noch hoch. Doch dann kam die Finanzkrise und mit ihr jetzt die Rezession, und nun lässt sich mit dem Thema wieder Stimmung machen. Frei nach dem Motto: „Der Mohr Deutsche hat seine Schuldigkeit getan, nun kann er gehen“ (vgl. Wiki):
Wie blauäugig sich der Bundesrat in Bezug auf das Freizügigkeitsabkommen und die wirtschaftliche Lage verhält, zeigt die Tatsache, dass er noch im Mai 2008 auf die Wiedereinführung von Höchstzahlen für die Einwanderung aus der EU verzichtet hat, obwohl deren stete Zunahme dies problemlos ermöglicht hätte. Wie sinnvoll eine neue Kontingentierung gewesen wäre, zeigt sich heute – nur 5 Monate später – im Angesicht einer drohenden globalen Rezession. Die Behauptung, dass ein arbeitsloser Deutscher wieder in seine Heimat zurückkehrt und dort von Hartz IV lebt, während er hier ein Recht auf Schweizer Arbeitslosengeld hat, ist realitätsfremd. Dies gilt umso mehr in Bezug auf den zu befürchtenden Zustrom von Personen aus Rumänien und Bulgarien.
(Quelle: www.svp.ch)
Es waren Schweizer, die millionenfach und Jahrhunderte lang ins Ausland zogen, um eine Arbeit und ein besseres Auskommen zu suchen. 72 000 Schweizer fanden dies in Deutschland. Wenn sie arbeitslos werden, dann kommen sie nicht zurück in die Schweiz sondern beziehen das Arbeitslosengeld dort, wo sie dafür die Versicherungsbeiträge bezahlt haben. Mit den Deutschen in der Schweiz ist es nicht anders, aber trotz globaler Rezession werden sie nach wie vor in der Schweiz gesucht und angeworben. Und was den befürchteten Zustrom von Personen aus Rumänen und Bulgarien angeht, so muss man für einen Umzug in die Schweiz Geld haben, denn nur schon um eine Wohnung zu mieten, muss Kaution hinterlegt werden. Einen Informatiker aus Bulgarien oder Rumänien mit guten Deutsch-, Französisch- oder Englisch-Kenntnissen, eine Pflegefachkraft oder eine sonstigen Fachkraft wird der Schweizer Arbeitsmarkt nach wie vor mit einem freundlichen „Grüezi“ begrüssen.
Die SVP übersieht, dass vom Freizügigkeitsabkommen auch die eigenen Landsleute profitieren, wenn sie sich in einem anderen europäischen Land niederlassen wollen. Das geschieht gar nicht so selten:
In den letzten Jahren hat die Auswanderung wieder zugenommen und beläuft sich auf etwa 30’000 Personen pro Jahr. Ungefähr eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer leben gegenwärtig im Ausland. Frankreich ist das von Emigranten aus der Schweiz am meisten gewählte Land, gefolgt von Deutschland, USA, Italien, Kanada, Grossbritannien, Australien und Spanien. – Die Zahl der jährlichen Rückwanderer in die Schweiz beträgt etwa 23’000. –
(Quelle: sozialinfo.ch)
Die SVP hat Angst vor der Unbezahlbarkeit der AHV und will die Einwanderung bremsen, dabei sind es die zahlreichen gut ausgebildeten Einwanderer, die mit ihren hohen AHV Beiträge das System stützen, zum Wohle aller Schweizer, weil sie selbst niemals soviel aus der AHV beziehen werden, wie sie im Leben einzahlen (vgl. Blogwiese).
Die Kirchen im Kanton Zürich verzeichnen seit Jahren zum ersten Mal eine Trendwende bei der stets zunehmenden Zahl von Austritten und einen Mitglieder-Zuwachs, den sie den deutschen Zuwanderen verdanken. Von den deutschen Pfarrerinnen und Pfarrer, die vielerorts in der Schweiz das Gemeindeleben aktiv gestalten, könnte man auch noch erzählen. Mehr Mitglieder, das heisst auch mehr Kirchensteuer.




