Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 15) — Fischen gehen mit Fussballrowdies

Mai 19th, 2008

(reload vom 26.12.05)

  • English for run-aways
  • Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, dass in der Schweiz die Fussballsprache nicht Deutsch sondern Englisch ist. Wie es sich für die Heimat der „Super League“ und „Champions League“ geziehmt (vergleiche: ), dass es hier keinen Torhüter sondern einen Goalie gibt, und dass der Schiedsrichter keinen Freistoss pfeift, sondern vom „referee“ ein „penalty“ „ge-whistle-d“ wird, das dann womöglich als „throw-in“ oder „corner“ endet, falls die Spieler nicht in die „offside trap“ gelaufen sind.

    Doch mitunter verstehen wird dennoch nicht genau, was damit gemeint ist, wenn im Tages-Anzeiger vom 16.12.05 zu lesen stand:
    Hooligans fichieren
    Werden sie „ge-fischt“, herausgefischt aus einer grösseren Menschenmenge?

    Oder geschieht sonst etwas Schreckliches mit ihnen, denn in dem Artikel wird ja gesagt, dass sie in der Schweiz „härter angepackt“ werden sollen. Werden sie „frittiert“ oder „filetiert“? So brutal wird es schon nicht, wenn es hier um eine nationale Datenbank geht.

    „Fichieren“ tut man in der Schweiz gern, Google-Schweiz findet das Wort 248 Mal.

    Diesmal findet sich die Lösung des Rätsels nicht in der Fussballsprache Englisch, sondern in der Lieblingsprache der Schweizer für alle Lehnwörter, dem Französischen.

  • Fichieren kommt von „ficher“
  • Fichieren ist die Schweizer Fassung von Französisch „ficher“, und das heisst laut Leo

    FRANZÖSISCH DEUTSCH
    f ficher einrammen
    f ficher einschlagen
    f ficher erfassen
    f ficher festmachen
    f ficher hineinstecken
    f ficher karteimäßig erfassen
    f ficher karteimäßig registrieren
    f ficher lustig machen
    f ficher machen
    f ficher pfeifen
    f ficher rausschmeißen
    f ficher registrieren
    f ficher werfen

    Nun, zwischen „einrammen“, „werfen“ und „rausschmeissen“ sind natürlich grosse Unterschiede. Gemeint ist hier in der Schweiz das „karteimässige erfassen, registrieren“, wenn von „fichieren“ die Rede ist. Die Schweizer kennen sich da gut aus, denn sie hatten einmal einen grossen „Fiche“ Skandal, und auch der hatte nichts mit Angeln und „Petri Heil“ zu tun, auch wenn die ganze Geschichte gewaltig stank, wie alter Fisch nur stinken kann.

  • Fichen-Skandal
  • Das Schweizer Synonym für den „Big-Brother“ Staat (nein, mit der TV-Sendung, bei der man stundenlang zusehen musste, wie sich gelangweilte Mitteleuropäer auf Ikea-Sofas rumlümmeln und Nichtigkeiten von sich gaben, hat das jetzt nichts mehr zu tun.) ist der „Fichen-Skandal“.

    Ein „fiche“ ist Französisch für eine Akte, eine Datei. Englisch „a file“, was eigentlich den Stahldraht bezeichnet, an dem diese „Fiches“ aufgehängt im Aktenschrank gelagert werden.
    Akten hängen im Aktenschrank an Stahldrähten = Files

    Gemeint ist mit dem Begriff „Fichenskandal“ das Bekanntwerden einer geheimen Staatsdatenbank, in der für alle Schweizer, ob schuldig oder nicht, solche „Fiches“ angelegt wurden mit Daten darüber, wer wo wann auf welcher Demo war, sich sonst wie auffällig verhalten hat, etc. Die ostdeutsche Stasi-Krake lebte in der Schweiz also munter weiter. Es wurden Informationen gesammelt was das Zeug hielt. Im Jahr 2002 bekam die Schweiz einen (negativ) Preis, für den grössten unbegründeten Datensammler:

    So ging am 30.10.2002 ein „Big Brother“-Preise in der Schweiz an Polizei, Geheimdienste, und Abhörbehörden

    Zum dritten Mal sind gestern Abend in der Schweiz die Big Brother Awards verliehen worden. Ausgezeichnet mit den „Preisen, die niemand will“ wurden Behördenstellen, Unternehmen und Einzelpersonen, die sich im laufenden Jahr durch die Geringschätzung der Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger besonders hervorgetan haben. Organisiert wurde die Preisverleihung von der Swiss Internet User Group und dem Archiv Schnüffelstaat Schweiz.

    Wenige Tage nach den Preisverleihungen in Deutschland und Österreich sind gestern Abend im Casinotheater des Städtchens Winterthur zum dritten Mal die größten Datenschnüffler der Schweiz mit den „Big Brother“ Preisen ausgezeichnet worden. Neben den Ehrungen in den Kategorien Staat, Business, Telekommunikation und Lebenswerk, wurde ein weiteres Mal der so genannte Winkelried-Award – benannt nach einem Eidgenossen, der sich anno 1386 gegen die Habsburger heldenhaft in die Schlacht gestürzt hatte – für besonders lobenswerten Widerstand gegen Überwachung und Kontrolle vergeben.

    „Ein Preis, der niemand will“
    Die vier Negativ-Kategorien wurden von den üblichen Verdächtigen dominiert, die bereits in den vergangenen Jahren zu zweifelhaften Ehren gekommen waren. Als staatlicher Schnüffler Nummer 1 gilt seit gestern die Polizei des Kantons Zürich. Anlass ist die von t-systems Schweiz entwickelte Fahndungsdatenbank „Joufara II“, in der eine Vielzahl polizeilicher Vorgänge gespeichert werden können. Zugriff auf die Daten haben sämtliche Polizeibeamten des Kantons und der Stadt Zürich, sowie der Stadt Winterthur. Eine formelle gesetzliche Grundlage für die Datensammlung fehlt offenbar; dies hat die Kantonspolizei im vergangenen Juli dem Tagesanzeiger gegenüber bestätigt. Neben diesem Umstand war für die Auszeichnung vor allem die Tatsache Ausschlag gebend, dass die Einträge nur mangelhaft aktualisiert, respektive gelöscht werden. So figuriere eine unschuldig verhaftete Wissenschaftlerin aus Zürich nach wie vor als angeschuldigte Posträuberin in der Fahndungsdatenbank, schreibt die Initianten des „Big Brother-Awards“. (Quelle Heise.de)

    Nun, das ist jetzt alles schon 6 Jahre her, und seitdem wird sich die Situation natürlich deutlich verbessert haben. Es sei denn, sie sind ein Hooligan, dann ab in die Datenbank! Wie würden die Franzmannen sagen: „Fiche-moi la paix, je m’en fiche„. Zu Deutsch: Fische mit mir den Frieden, ich fische mit.

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 13) — Nachtbuben und Strolchenfahrten

    Mai 16th, 2008

    (reload vom 24.12.05)

  • Wenn Nachtbuben unterwegs sind
  • Die Schweizer bleiben in der Regel in der Nacht daheim, wenn sie nicht „im Ausgang“ unterwegs sind. In der Nacht geht es gefährlich zu in der Schweiz, denn dann sind die „Nachtbuben“ unterwegs. Nein, es sind keine „Nackt-Buben“, dieser Lesefehler ist uns beim ersten Mal auch unterlaufen. Darunter könnten wir uns ja noch etwas vorstellen. Ein Exhibitionist wird das sein, ein „Sittenstrolch“, wie er in Deutschland genannt wird. Aber ein „Nachtbube“? Vielleicht ist das ein sehr junger „Nachtwächter“?

    Unser Duden kennt viele zusammengesetzte Wörter mit „Nacht“, darunter die „Nachtarbeit“, den „Nachtangriff“, das „Nachtmahl“ oder „Nachtlicht“, auch den „Nachtisch“, den wir streng vom „Nachttisch“ zu unterscheiden wissen. Ersteres kann man essen und es ist lecker, weil ein Dessert, letzteres diente früher zur Aufbewahrung des schwäbischen „Potschamberles“ = Pot-de-chambre = „Nachtopf“ (im Norden sagten wir schlicht „Pisspot“ dazu)

  • Nachtbuben und Schulsilvester
  • Umtreiben tun sie sich in der Schweiz, diese „Nachtbuben“, denn so heissen hier die bösen Kerle, die nur Nachts unterwegs und grundsätzlich immer an allem Schuld sind.

    Nachtbuben am Werk
    Im letzten Juli waren wiederum Nachtbuben in der Umgebung des Wild Ma Horstes in Aktion. Neben Verwüstungen wurde auch die Materialkiste aufgebrochen und das sich darin befindliche Material zum Teil verbrannt oder in den Rhein geschmissen.

    Nachtbuben gibt es schon sehr lange in der Schweiz, wie diese Geschichte aus Rüti b. Büren im Seeland belegt:

    Kurz vor der Jahrhundertwende war in Rüti des öfteren eine Gruppe so genannter Nachtbuben unterwegs.

    In Deutschland, zumindest im südlichen Teil, haben sich ähnliche Bräuche zur Walpurgisnacht (= die Nacht zum 1. Mai) und zu Halloween (= Nacht vor dem Feiertag „Allerheiligen“) eingebürgert. Da werden dann in ländlichen Gegenden schon mal Gartentore ausgehängt und verschleppt, oder Briefkästen mit Toilettenpapier verstopft und es passieren andere Scherze mehr.

  • Schul-Silvester gar nicht zu Silvester
  • Die Schweizer haben dafür das „Schulsilvester“ am letzten Schultag vor Weihnachten. Dann ist zwar noch nicht Silvester oder Weihnachten, das Schuljahr ist dann auch noch nicht um, aber die Schweizer Schulkinder stehen freiwillig irre früh auf, ziehen lärmend mit Töpfen und sonstigen Lärminstrumenten durch die Strassen, wecken ihre Lehrer und treiben in aller Herrgottsfrühe allerlei mehr oder weniger lustigen Schabernack im Ort. Später gibt es eine Party um 6.00 Uhr (in der Frühe!) im Schulhaus. Offiziell wird im Kanton Zürich immer wieder versucht, diese Art von Bräuche zu unterbinden, ohne Erfolg. Also wandelte man das Schulsilvester lieber um in eine Art organisiertes Schulfest, um die ausrastenden Kids besser unter Kontrolle halten zu können.

  • Die kleinen Strolche auf grosser Fahrt
  • Und dann sind da noch unsere lustigen Freunde aus der Zeit des amerikanischen Schwarz-Weiss-Films, die kleinen Strolche:
    Die kleinen Strolche kommen aus Amerika
    Denen wurde es in den USA zu langweilig, also machten sie sich auf nach Europa, genauer gesagt in die Schweiz, klauten sich da ab und zu ein Auto, und gingen auf „Strolchenfahrt“.

    885 Einträge verzeichnet Google für dieses Wort. Die sind also verdammt oft unterwegs, die kleinen Strolche. Und nie haben sie einen „Führerausweis“ oder „Führerschein“ dabei, denn der Schein trügt bekanntlich (siehe Blogwiese) .

    Manchmal treffen die kleinen Strolche dann unterwegs die Nachtbuben:

    Teure Strolchenfahrt für Berner Nachtbuben
    Bern – «Parkschaden» von 65 000 Franken haben ein 14- und ein 16-jähriger Jugendlicher auf Strolchenfahrt am Samstag gegen 21.15 Uhr in Bern verursacht. Nach Polizeiangaben entwendete der 16- jährige den Wagen einer verwandten Person und raste durch die Stadt. (klei/sda) (Quelle🙂

    Auch diesmal hilft der Duden weiter:

    Strol|chen|fahrt, die (schweiz.): Fahrt mit einem entwendeten Fahrzeug

    Und schon haben wir als Deutsche zwei neue Wörter gelernt: Die Strolchenfahrt und die Nachtbuben. Wir fragen uns dann: Wenn es diese Wörter in unserem Wortschatz bisher nicht gab, gab es dann die dazugehörigen Personen und Ereignisse in Deutschland auch nicht?

    Kaum vorstellbar. So etwas passiert doch sicher auch in Deutschland. Wie sagt man dann dazu im deutschen Polizei-Jargon? Wir hoffen auf stichhaltige Beispiele von „ennet“ der Grenze und bleiben bis dahin ahnungslos.

    Schweizer Kultur: Mit Wassermusik von Händel in den Welthandel

    Mai 15th, 2008

    (reload vom 23.12.05)
    Die Schweiz ist eine Kulturnation, nichts wird hier so hoch geschätzt und verehrt wie die klassische Musik. Ganz besonders gilt dies für den barocken Komponisten Georg Friedrich Händel. Für König Georg I. von England schrieb er 1717 die Wassermusik, später für den Thronfolger König Georg II. die Feuerwerksmusik.
    Georg Friedrich Händel

    Georg Friedrich ist daher in der Schweiz besonders in stürmischen Zeiten, auf dem Wasser und wenn es brenzlig wird immer präsent. Er schafft es sogar in den Wirtschaftsteil des Tages-Anzeiger am 14.12.05:
    „Viele Händel um den Welthandel“
    Händel in der Mehrzahl im Tages-Anzeiger

    Nur so ganz verstehen wir nicht, warum die Schweizer den armen Georg Friedrich immer im Plural ansprechen. Ist er denn eine multiple Persönlichkeit? Gibt es mehrere von ihm? Oder hatte er viele fleissige und komponierende Kinder, so wie einst Johann Sebastian Bach?

  • Will Georg-Friedrich fremde Söhne adoptieren?
  • Schon im März 2001 lasen wir auf unzähligen Plakaten, Aufklebern, unübersehbar überall angebracht, diesen Satz:

    Keine Schweizer Söhne für fremde Händel

    Sogar geopfert sollten die Söhne für ihn werden:

    Schweizer Söhne für fremde Händel opfern? (Quelle:)

    Zum Glück hatten wir es hier nicht wirklich mit einem musikalischen Opfer zu tun, sondern es ging um die Frage, ob Schweizer Soldaten beim Kosovo-Hilfseinsatz bewaffnet sein dürfen um sich selbst zu verteidigen, oder ob das die heiligen Prinzipien der Neutralität zerstört?

    Das Thema bewegte sowohl die Pazifisten ganz links, die die umstrittene Schweizer Armee sowieso am liebsten ganz abgeschafft haben mochten, als auch die Rechten um Blocher auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

    Beide bekamen sie eine Abfuhr: Die Schweizer stimmten am „Abstimmigs-Sunntag“ 10.06.2001 mit knapper Mehrheit für die Selbstverteidigung. Zugleich wurde damals ein Entscheid bestätigt, wonach der Staat der Katholischen Kirche beim Gründen von Bistümern nicht mehr reinreden darf. Jetzt kann die Katholische Kirche so viele Bistümer in der Schweiz gründen, wie sie mag, und braucht keine Genehmigung mehr von der Regierung. Es gab Zeiten, da war so ein Gesetz notwendig.

    Manchmal bereuten wir es in solchen Momenten politischer Willensbildung in der Vergangenheit aufrichtig und von Herzen, dass wir da nicht mit abstimmen konnten. Wir hätten alle Macht beim Staate gelassen, soll doch die Katholische Kirche woanders ihre Bistümer gründen, wenn sie mag! Aber es hat nicht sollen sein.

    Zurück zum „Händel“. Dazu vermerkt unser Duden lakonisch:

    Händel (dt. Komponist).

    Aber halt Stopp, direkt darüber, da steht es ja:

    „Der Handel, die Händel meist Plur. (veraltet für Streit), Händel suchen“

    Wieso veraltet? Was massen die sich in der Dudenredaktion eigentlich an? Die sollen doch einfach mal ein paar vernünftige Schweizer Zeitungen vom Dezember 2005 lesen! Nix da mit veraltet, denen werden wir es zeigen! Händel werden wir suchen gehen!

    Jetzt sind wir erleichtert! Doch kein Georg Friedrich. Hier fehlt im Duden nur der Zusatz „Schweiz.“, der sonst alle unsere Wortentdeckungen adelt und sanktioniert. Aber wir wollen jetzt aufhören damit, Händel zu suchen und wieder schön friedlich werden.

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 12) — Motion ohne E-motion und Motzern

    Mai 14th, 2008

    (reload vom 22.12.05)
    Wir lasen in unserem Standardwerk für die korrekte Schweizerdeutsche Schriftsprache, dem Tages-Anzeiger:

    Motion fordert weitere Liberalisierung. (…)
    Traktandiert ist eine Motion des Ständerates, zu der sich der Bundesrat positiv gestellt hat (Quelle🙂

    Wir verstehen als ungebildete Deutsche mal wieder gar nichts, und müssen tief in unseren Lateinkenntnissen kramen: „Motion“ = Lateinisch für „Bewegung“. Wer oder was bewegt sich denn hier in der Schweiz? Geht das Volk auf die Strasse, als Volks-Bewegung? Hat sich der Ständerat gemeinschaftlich bewegt? So eine Art „Group Fitness Aerobic Aktion“ in Bern? Und der Bundesrat machte gleich voller Eifer mit? Es passieren rätselhafte Dinge im Bern dieser Tage.

  • Die Motion hat was mit Bewegung zu tun
  • Das englische Wort „Motion“ gebrauchen wir gewöhnlich nur in zusammengesetzten Formen, als „E-motion“ wenn wir von lauter Gefühlen stark bewegt sind, oder als „motion pictures“, wenn wir uns „bewegte Bilder“ im Kino anschauen. Motion hat was mit Bewegung zu tun.

    In der Sprachwissenschaft bedeutet es eine Veränderung in der Sexusmarkierung (Quelle Wiki:), auch der Duden äussert sich in dieser Richtung:

    Motion: ,-en (franz.). (Sprachw.) Abwandlung des Adjektivs nach dem jeweiligen Geschlecht;

    Doch leben wir zwar in der Heimat von Ferdinand de Saussures, der einst in Genf die allgemeinen Sprachwissenschaft begründet hat, aber eigentlich geht es hier um eine besondere Spezialität der Schweizer, nämlich der „Bewegung in der Politik“.

    Eine Motion ist in der Schweiz eine bestimmte Art von Parlamentarischer Vorstoss auf eidgenössischer, kantonaler oder kommunaler Ebene. Mit einer Motion verlangt ein Parlamentsmitglied von der Regierung, dass diese ein Gesetz oder einen Bundesbeschluss ausarbeitet oder eine bestimmte Massnahme ergreift. Dieser Auftrag ist zwingend, wenn ihm das Parlament zustimmt. Eine Motion kann vom Parlament in die abgeschwächte Form eines Postulats umgewandelt werden; allerdings nur mit dem Einverständnis des Motionärs respektive der Motionärin (Quelle:).

    Wohlgemerkt: Das mir niemand den „Motionär“ als „Motzer“ falsch ausspricht! Sowohl die Schweizer Motion als auch der Motionär werden im Duden würdig erwähnt:

    schweiz . fr. gewichtigste Form des Antrags in einem Parlament; der Motionär, -s, -e (schweiz. für jmd., der eine Motion einreicht)

    Da erspare ich mir doch lieber die übrigen Übersetzungen, die mir LEO für dieses hübsche Wort offeriert (Quelle Leo):

    Unmittelbare Treffer
    motion der Antrag
    motion Antrag bei einer Sitzung
    motion die Bewegung
    motion das Gesuch
    motion der Stuhlgang
    motion [tech.] das Treibwerk [Uhren]

    Mit Uhren hat es also auch etwas zu tun, nicht nur mit Stuhlgang. Obwohl Stuhlgang, war das nicht ein höfliches Wort für „Scheisse“? Sind Motionen auch dies? Müssen die Engländer und Amis denn alles so negativ sehen? Denken wir lieber wieder an ein Schweizer Uhrwerk, denn so sollte es in der Politik in Bern zugehen, bei diesen vielen Motionen. Da sind wir ja beruhigt.

    Bleibt die Frage: Warum sagen die eigentlich nicht einfach „Antrag“ in der Schweiz? Wegen der Kollegen aus der Westschweiz? Oder ist auch diesmal wieder Napoleon schuld, der mit Sicherheit dieses Wort in den Schweizer Politik-Wortschatz eingeführt hat? Immer diese Ausländer…

    Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend

    Mai 13th, 2008

    (reload vom 21.12.05)

  • Machen Sie einen Termin für Freitagnachmittag
  • Vor einigen Jahren schulte ich das Produkt MS Outlook bei einer Firma in der Westschweiz. Als wir den Outlook-Kalender mit der Möglichkeit kennenlernten, Termine festzulegen und Einladungen zu verschicken, forderte ich die Kursteilnehmer auf für Freitag, 16.00 Uhr, einen Termin anzusetzen und alle im Kursraum anwesenden Kollegen dazu einzuladen. Was war das Ergebnis: Es wurde flugs zu 10 „Apéros“ eingeladen. Das hätte mir bei den Deutschschweizern auch passieren können, denn nichts ist hier so beliebt wie der gemeinsam „Apéro„.

    Alles kann dazu Anlass sein: Das Ende der Probezeit eines Mitarbeiters, ein Geburtstag, ein Jahrestag, der letzte Tag vor den Ferien, sogar ein neues Auto habe ich schon auf einem apéro gefeiert. Das ist eine ziemlich mühsehlige Angelegenheit, und die Mühlsal steigt potentiell mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gibt ein eisernes Gesetz auf einem Schweizer apéro-Empfang: Jeder muss mit jedem anstossen.

  • Wenn jeder mit jedem anstossen muss
  • In der Datenbanktechnik nennen wir das einen „outer join„. Das ist jetzt nicht etwas Unanständiges, wie Sie vielleicht denken, und hat auch nicht mit einem draussen vor der Tür gerauchten „Joint“ zu tun, sondern das ist, wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen sinnvollen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden (also alle Menschen mit Glas in der Hand), und das dann schrecklich viele Möglichkeiten ergibt.
    Anstossen beim Apéro ist Pflicht
    Angenommen Sie haben 20 Kollegen in ihrer Firma, dann rechnen sie 20 x 19 = 380 Möglichkeiten, zwei Gläser aneinander zu führen. Nun, zum Glück müssen sie persönlich nur 19 Mal anstossen. Bis Sie dann fertig sind, ist der Champagner oder kühle Weisswein warm, das Glas kaputt oder Sie verdurstet.

    Beim Anstossen müssen Ihrem Gegenüber immer schön tief in die Augen schauen und lächeln, vorbeigrinsen gilt nicht und führt zur Wiederholung. Überkreuz anstossen ist genauso unsittlich, also stehen Sie am besten auf, laufen durch den Raum und verschütten den kostbaren Inhalt Ihres Glases dabei nicht.
    Anstossen ist anstrengend

    Wer meint, mit ein Mal anstossen am Abend sei es getan, der irrt. Bei jeder neuen Runde geht das Spiel von vorn los. Kein Wunder, dass Sie dabei nicht betrunken werden, Sie kommen ja kaum dazu, wirklich etwas zu trinken. Es gibt einen geheimen Trick, wenn man die Schnauze voll hat vom vielen Anstossen und endlich etwas Flüssiges in die Kehle bekommen möchte. Man hebe deutlich sein Glas und sage dabei mit lauter Stimem „Soll gelten“, dann nichst wie runter mit dem Gesöff, sonst kommt wieder jemand auf die Idee, dass er mit Ihnen noch nicht angestossen hat, und die Prozedur beginnt wieder von vorn.

  • Wo gibt es sonst Anstösser?
  • Anstossen tun die Schweizer sonst ja nur in einsamen Wohngegenden, genau da, wo die Deutschen sonst ein „Anliegen“ haben (siehe Blogwiese). Beim Apéro wird aber gern über solche Kleinigkeiten hinweggesehen. Zum Wohl!