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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 15) — Fischen gehen mit Fussballrowdies

(reload vom 26.12.05)

  • English for run-aways
  • Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, dass in der Schweiz die Fussballsprache nicht Deutsch sondern Englisch ist. Wie es sich für die Heimat der „Super League“ und „Champions League“ geziehmt (vergleiche: ), dass es hier keinen Torhüter sondern einen Goalie gibt, und dass der Schiedsrichter keinen Freistoss pfeift, sondern vom „referee“ ein „penalty“ „ge-whistle-d“ wird, das dann womöglich als „throw-in“ oder „corner“ endet, falls die Spieler nicht in die „offside trap“ gelaufen sind.

    Doch mitunter verstehen wird dennoch nicht genau, was damit gemeint ist, wenn im Tages-Anzeiger vom 16.12.05 zu lesen stand:
    Hooligans fichieren
    Werden sie „ge-fischt“, herausgefischt aus einer grösseren Menschenmenge?

    Oder geschieht sonst etwas Schreckliches mit ihnen, denn in dem Artikel wird ja gesagt, dass sie in der Schweiz „härter angepackt“ werden sollen. Werden sie „frittiert“ oder „filetiert“? So brutal wird es schon nicht, wenn es hier um eine nationale Datenbank geht.

    „Fichieren“ tut man in der Schweiz gern, Google-Schweiz findet das Wort 248 Mal.

    Diesmal findet sich die Lösung des Rätsels nicht in der Fussballsprache Englisch, sondern in der Lieblingsprache der Schweizer für alle Lehnwörter, dem Französischen.

  • Fichieren kommt von „ficher“
  • Fichieren ist die Schweizer Fassung von Französisch „ficher“, und das heisst laut Leo

    FRANZÖSISCH DEUTSCH
    f ficher einrammen
    f ficher einschlagen
    f ficher erfassen
    f ficher festmachen
    f ficher hineinstecken
    f ficher karteimäßig erfassen
    f ficher karteimäßig registrieren
    f ficher lustig machen
    f ficher machen
    f ficher pfeifen
    f ficher rausschmeißen
    f ficher registrieren
    f ficher werfen

    Nun, zwischen „einrammen“, „werfen“ und „rausschmeissen“ sind natürlich grosse Unterschiede. Gemeint ist hier in der Schweiz das „karteimässige erfassen, registrieren“, wenn von „fichieren“ die Rede ist. Die Schweizer kennen sich da gut aus, denn sie hatten einmal einen grossen „Fiche“ Skandal, und auch der hatte nichts mit Angeln und „Petri Heil“ zu tun, auch wenn die ganze Geschichte gewaltig stank, wie alter Fisch nur stinken kann.

  • Fichen-Skandal
  • Das Schweizer Synonym für den „Big-Brother“ Staat (nein, mit der TV-Sendung, bei der man stundenlang zusehen musste, wie sich gelangweilte Mitteleuropäer auf Ikea-Sofas rumlümmeln und Nichtigkeiten von sich gaben, hat das jetzt nichts mehr zu tun.) ist der „Fichen-Skandal“.

    Ein „fiche“ ist Französisch für eine Akte, eine Datei. Englisch „a file“, was eigentlich den Stahldraht bezeichnet, an dem diese „Fiches“ aufgehängt im Aktenschrank gelagert werden.
    Akten hängen im Aktenschrank an Stahldrähten = Files

    Gemeint ist mit dem Begriff „Fichenskandal“ das Bekanntwerden einer geheimen Staatsdatenbank, in der für alle Schweizer, ob schuldig oder nicht, solche „Fiches“ angelegt wurden mit Daten darüber, wer wo wann auf welcher Demo war, sich sonst wie auffällig verhalten hat, etc. Die ostdeutsche Stasi-Krake lebte in der Schweiz also munter weiter. Es wurden Informationen gesammelt was das Zeug hielt. Im Jahr 2002 bekam die Schweiz einen (negativ) Preis, für den grössten unbegründeten Datensammler:

    So ging am 30.10.2002 ein „Big Brother“-Preise in der Schweiz an Polizei, Geheimdienste, und Abhörbehörden

    Zum dritten Mal sind gestern Abend in der Schweiz die Big Brother Awards verliehen worden. Ausgezeichnet mit den „Preisen, die niemand will“ wurden Behördenstellen, Unternehmen und Einzelpersonen, die sich im laufenden Jahr durch die Geringschätzung der Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger besonders hervorgetan haben. Organisiert wurde die Preisverleihung von der Swiss Internet User Group und dem Archiv Schnüffelstaat Schweiz.

    Wenige Tage nach den Preisverleihungen in Deutschland und Österreich sind gestern Abend im Casinotheater des Städtchens Winterthur zum dritten Mal die größten Datenschnüffler der Schweiz mit den „Big Brother“ Preisen ausgezeichnet worden. Neben den Ehrungen in den Kategorien Staat, Business, Telekommunikation und Lebenswerk, wurde ein weiteres Mal der so genannte Winkelried-Award – benannt nach einem Eidgenossen, der sich anno 1386 gegen die Habsburger heldenhaft in die Schlacht gestürzt hatte – für besonders lobenswerten Widerstand gegen Überwachung und Kontrolle vergeben.

    „Ein Preis, der niemand will“
    Die vier Negativ-Kategorien wurden von den üblichen Verdächtigen dominiert, die bereits in den vergangenen Jahren zu zweifelhaften Ehren gekommen waren. Als staatlicher Schnüffler Nummer 1 gilt seit gestern die Polizei des Kantons Zürich. Anlass ist die von t-systems Schweiz entwickelte Fahndungsdatenbank „Joufara II“, in der eine Vielzahl polizeilicher Vorgänge gespeichert werden können. Zugriff auf die Daten haben sämtliche Polizeibeamten des Kantons und der Stadt Zürich, sowie der Stadt Winterthur. Eine formelle gesetzliche Grundlage für die Datensammlung fehlt offenbar; dies hat die Kantonspolizei im vergangenen Juli dem Tagesanzeiger gegenüber bestätigt. Neben diesem Umstand war für die Auszeichnung vor allem die Tatsache Ausschlag gebend, dass die Einträge nur mangelhaft aktualisiert, respektive gelöscht werden. So figuriere eine unschuldig verhaftete Wissenschaftlerin aus Zürich nach wie vor als angeschuldigte Posträuberin in der Fahndungsdatenbank, schreibt die Initianten des „Big Brother-Awards“. (Quelle Heise.de)

    Nun, das ist jetzt alles schon 6 Jahre her, und seitdem wird sich die Situation natürlich deutlich verbessert haben. Es sei denn, sie sind ein Hooligan, dann ab in die Datenbank! Wie würden die Franzmannen sagen: „Fiche-moi la paix, je m’en fiche„. Zu Deutsch: Fische mit mir den Frieden, ich fische mit.

    

    7 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 15) — Fischen gehen mit Fussballrowdies”

    1. Honigbaerli Says:

      Es gab(gibt) wohl noch einige Register, seit dem September 2001 hat ja überwachung wieder hochsaison!
      und es gab(gibt) auch ein Schwulenregister!
      das heisst für mich du musst heute nachweisen ob du verdächtig bist den in der heutigen zeit bist du immer mal verdächtig..und wenn du anders durchs leben gehst als die normale bevölkerung bist du von vornherein mal verdächtig!
      In deutschland und der EU gibts ja seit diesem Jahr die Vorratsdatenspeicherung(bei uns gibts sowas sicher auch) nur in der Schweiz wird das noch nicht kommuniziert!

    2. AnFra Says:

      Am „fiche / fichier“ ist auch diesmal der Napo sicherlich nicht schuld.
      Wenn man es genau nimmt, ist dieser Begriff aus der Sicht eines deutschsprachigen Menschen eigentlich fast ein Rückwanderer! Eine adäquate Entsprechung ist auch in der deutschen Sprache enthalten, und zwar im „Wisch“.

      Um jeden Gelächter vorzubeugen wird folgende Ableitung / Theorie dargestellt.
      Der Ausgang „fichier“ als Begriff für z. B. „allgemein registrieren, karteimäßig erfassen und registrieren“, ist also eine Darstellung von irgend einem Ding und irgend einem zugehörigen Besitzanspruch. „Fiche“ ist die entspr. Kartei, der Zettel oder Aktvermerk.
      Und hier liegt die Lösung: Die Grundbesitzungen in D sind im Katasteramt eingetragen. Der Begriff Kataster kann vom ital. „catasto“, dieser vom „catastale“ für …Grundbuch betreffend…, dieses vom „catasta“ für Stapel, Stoß, Klafter (Haufen, Ansammlung von irgend etwas) abgeleitet werden.
      Und vergleichbar verhält es sich mit „fiche, fichier“.
      Denn „Wisch“ kann aus dem mhd. „wisch“, dieses aus dem ahd. „wish, „arswisc“ (Arschwisch!), aus germ. „wisc, visc“ und dieses aus dem indogerm. „ueis, uis“ für drehen und biegen (zusammenverdrehen) abgeleitet werden. Weiteres bei den Grimms: GWB: Wisch.

      Der „Wisch“ als Bündel ist somit eigentlich ein Besen, Feger oder Kehrwisch. Jedoch wurde dieser als eine Art besitzanzeigendes Feldzeichen zur Markierung von Besitzansprüchen an den landwirtschaftlichen Grenzen aufgestellt und ist nicht mit einem Hexenbesen zu verwechseln. Da in der frühgerm. Zeit keine Kataster gab, hatte man dieses System von Bündel zur Besitzanzeige entwickelt. Irgendwann wurden Grenzsteine verwendet. Später ging dieser Begriff „Wisch“ auf die geschriebenen Dokumente über. Es gibt jetzt den verächtlichen Ausdruck für einen „wertlosen Zettel Papier“, eben einen „Wisch“, weil ja dieses Dokument nur noch als „Wisch, Wischer“ bei der Reinigung taugt.
      Heutzutage kann man im alem.-schwäb. Raum noch die „Besenwirtschaft“ am aufgestellten Besen zum Ausschank erkennen. Hier hat sich der Brauch des Bündels in kleinen Andeutungen aus der alten Zeit der Landwirtschaft und als Verkaufszeichen noch erhalten.

      Vergleichbar zu diesem Wisch kann bei der frühgerm. Zuwanderung im griechischen Raum ein ähnliches Verhalten erkannt werden.
      Die Markierungen der Grenzen erfolgte zunächst mit aufgestellten, eingerammten Baumpfosten (nach Art der ehem. „Waldbewohner“) und später mit einem Haufen von aufgestapelten Steinen (nach Art der späteren „Steinbewohner“). Daraus haben sich unsere relig. Feldziuchen (Marterln, Standbilder, Mariensäulen uam) entwickelt. Dieses Ding ist eine „Herme“, also ein Haufen, abgeleitet hiervon ist der Name für „Hermes“, Schutzgott für Grenzen(!), Wege, Kaufleute usw. …. und für Taschendiebe!

      Wie kommt also ein germ. Wort wie der „Wisch = fiche“ nach Frankreich. Nachdem die germ. Franken die Gallo-Romanen besiegt und beherrscht haben, sind natürlich etliche neue germ. Begriffe aus der Landwirtschaft, Kriegstechnik, Bauwesen uam. in die gallo-romanische Sprache eingedrungen. Die neuen germ.-fränkischen Herren habe ihre Art der althergebrachten Reglementierung in ihren neuen Gebieten durchgesetzt. Wenn man „Wisch“ in die germ. Urform „wisc, visc“ im 5.-6. JH zurückführt, kann man nun die extrem sprachliche und sinninhaltliche Ähnlichkeit, fast Gleichheiten der beiden franz. und dt. Urbegriffe erkennen. Das sich in ca. 1.500 Jahren die jeweiligen franz. und dt. Schreib- und Sprechweisen weiter entwickeln ist eigentlich logisch.

      Und so könnte die Überschrift „Hooligans fichieren“ im Jahr 2008 bei der EM in der Schweiz auch einen neuen Sinn erhalten: „Hooligans steinigen“!

    3. Thomas Says:

      Der Fichenskandal war Ender 80er Jahre. Und was momentan in Deutschland mit Schäuble passiert… traurige Welt.

    4. Michael Says:

      Die Leute haben den Fichenskandal leider viel zu schnell vergessen. Jetzt wollen wieder alle mehr Kameras mehr Polizisten und mehr Datenbanken. Schade gibt es keine liberale Partei in der Schweiz 🙁

    5. Marroni Says:

      Der Begriff wurde auchin der Druckindustrie verwendet. Das war der erste abdruck bei derneuen Zeitung. Dawurde dannnochmals die Druckqualität angeschaut, bevor dieMaschineauf volltouren laufen gelassen wurde.

    6. Stefan* Says:

      Ich glaube, es sollte gar nicht „fichieren“ heissen, sondern „Hooligans faschieren“, vielleicht ein Austronismus, der in der Schweiz heimisch werden könnte 😉 ?

    7. Brun(o)egg Says:

      @ Marroni

      Das war die Druck – Fahne, nicht die Fiche. Kannst mir glauben Bin wohl einer der letzten lebenden „Schweizerdegen“. Das sind Hirnrissige welche Buchdrucker UND Setzer lernen.

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