Von Schweizer Vögeln, Motten und Mooskäfern

Mai 26th, 2008

(reload vom 1.1.06)

  • Fleischvögel müssen gefesselt auf den Teller
  • In der Schweiz gibt es ein paar Vogelarten, die haben wir in Deutschland noch nie gesehen. Dazu gehört der Fleischvogel. Man findet ihn leider nicht mehr in der freien Wildbahn, sondern nur noch auf den Speisekarten der Restaurants. Er ist echt lecker. Damit er nicht vom Teller davon fliegen kann, wird er mit einem schwarzen Garnfaden gefesselt.
    Fleischvogel mit Fesselung

    Die Deutschen haben kein eigenes Wort für dieses Fleischgericht, sie müssen bei den Franzosen eins ausleihen. Die „Roulade“:
    Roulade heisst der Fleischvogel bei den Deutschen

  • Der Sommervogel fliegt nicht im Winter
  • Ein anderer Vogel, den wir in Deutschland nicht kannten, ist der „Sommervogel„. Er heisst so, weil man ihn im Winter nicht zu sehen bekommt.
    Sommervogel in der Schweiz
    Ausser, man fährt an den Röschtigraben, nach Kerzers/Chiètres FR, und besucht dort das Papilorama, eine in der Schweiz einmalige Möglichkeit, freifliegende Sommervögel das ganze Jahr über zu bestaunen.

    In Deutschland heissen diesee Tiere „Schmetterling„, wobei der Begriff nichts mit „Schmettern“ zu tun hat:

    hr Name kommt im Deutschen von dem mittelalterlichen Wort Schmetten für offen stehenden Milchrahm (vgl. tschechisch smetana), von dem sie immer angezogen waren. Die englische Bezeichnung butterfly deutet in die gleiche Richtung und entspricht dem mundartlichen Buttervogel. (Quelle Wiki:)

    Zu den Schmetterlingen zählen in Deutschland auch die Motten:

    Der Begriff Motte bezeichnet:
    * umgangssprachlich alle oder einen Teil der Nachtfalter, wobei der Umfang des Begriffs regional und individuell variiert und auch die Familien mit sehr großen Faltern (Schwärmer, Spinner), umfassen kann
    * im engeren biologischen Sinn verschiedene Kleinschmetterlingsfamilien, darunter Urmotten, Trugmotten, Langhornmotten, Schopfstirnmotten, Echte Motten, Miniermotten, Gespinstmotten, Knospengespinstmotten, Runstirnmotten, Flachleibmotten, Grasminiermotten, Sackträgermotten, Ziermotten, Palpenmotten und viele andere (Quelle Wiki:)

    Nicht so in der Schweiz. Dort ist „motten“ eine ziemlich heisse Angelegenheit, deswegen hat sich wohl auch der D.J. „Dr. Motte“ danach benannt:

    Wir lesen in der Sonntagszeitung vom 25.12.05

    Kerzen lösen Mottbrand aus
    Unbeaufsichtigte Rechaudkerzen lösten in der Nacht auf Heiligabend in einem Einfamilienhaus in Hettlingen ZH einen Mottbrand aus. (…)

  • Es mottet:
  • Heisst in der Schweiz also nicht, dass die Motten unterwegs sind, sondern das es brennt, glimmt, schwelt. Ein Feuer in der Schweiz kann „motten“, wenn es nur noch glimmt.

  • Mooskäfer greifen an
  • Im Sommer erlebten wir den Angriff einer ganz anderen Insektenart, den „Mooskäfern„. Den Namen lernten wir von unserem Abwart, der sich auskennt. Bisher war uns diese Tierart vollkommen unbekannt. Wir glaubten viel mehr, dass es sich hier um die gemeine Schabe handelte:
    Mooskäfer oder Waldschabe?
    Also machten wir Fotos und schickten Sie an diverse Spezialisten für Schädlingsbekämpfung. Wir lernten viel über die signifikanten Merkmale der gemeinen Hausschabe im Vergleich zur lieben Waldschabe. Wir hatten Glück, es waren keine Hausschaben, die da bei uns im Bad sassen, sondern wirklich nur die harmlosen Waldschaben, und die verschwanden im Herbst ganz plötzlich wieder, als es ihnen zu kalt wurde, in den Wald.

    Wenn gestandene Mannsbilder zu Vögelchen werden — „Ins Näscht“

    Mai 23rd, 2008

    (reload vom 30.12.05)

  • Wenn Männer zu Vögelchen werden
  • Vor kurzen sagte uns ein Schweizer Freund am Abend, als es etwas später geworden war: „Ich ga hai ins Näscht„. Das machte uns dann doch stutzig. Der Kerl war 190 cm gross und wog an die 100 Kg, wie soll der sich in ein „Näscht“ legen? Er meinte freilich sein „Bettchen“, sorry, sein Bett, denn die Verkleinerungsform ist hier wirklich nicht mehr angebracht.

  • Nestbau in der Schweiz

  • Die Schweizer sind noch im „Näscht“ am Morgen, wenn wir sie zu früh anrufen (also vor 6.00 Uhr), sie bleiben am Sonntag gern länger „im Näscht„, und sie kehren am Abend zurück „ins Näscht„. Googel-Schweiz verzeichnet 30’800 Beispiele.

  • Nestbau auch in Süddeutschland und im Elsass

  • Es geht also zu wie bei den Vögeln. Ein Schelm, wer die Wörtchen „bei“ und „den“ zum Wort „beim“ zusammenzieht. Nestbau und Nestpflege sind mächtig angesagt unter den Schweizern. Aber nicht nur dort, auch unsere Deutschen Freunde aus dem schwäbisch-alemanischen Sprachraum reden ständig vom „Nescht“, dann aber mit „e“.
    „Ins Nescht“ bei Google

    Nestbau bei Vögeln:
    Ins Nest, Näscht oder Nescht

    Im Wikiwörterbuch findet sich zu Nest auch noch die militärische Bedeutung:

    Aus Wiktionary – dem freien Wikiwörterbuch
    [1] Die Stätte der Aufziehung und der Wohnort bestimmter Tiere (zB: Vögel)
    [2] Die übertragene Bedeutung der Wohnstätte als Zufluchtsort, ein Ort der Geborgenheit
    [3] Umgangssprachlich für Stellung in militärischen Belangen. (Quelle:)

    Ob es also etwas mit „Stellung“ zu tun hat, dass die Schweizer gern ins Nest schlüpfen? Als Erinnerung an ihre MG-Nest-Zeit während der letzten Reserveübung? Egal, wir gehen jetzt auch ins Näscht und machens wie die Vögel.

    Tritt ein bring Glück herein — Die Eintretensdebatte

    Mai 22nd, 2008

    (reload vom 29.12.05)
    Wir lasen am in unserem Standardlehrwerk für den Schweizerdeutschen Politikjargon, dem Tages-Anzeiger:

    Darüber waren im Rat die Meinungen geteilt: Zu reden gab in der Eintretensdebatte die unklare Verfassungsgrundlage. Auch Blocher räumte ein, dass unter Juristen die Bundeskompetenz zur gesetzlichen Regelung von Rayonverbot, Meldepflicht und Polizeihaft umstritten sei. (Quelle:)

    Und wir beginnen zu grübeln… wer tritt da was ein? Die Polizei darf eine Tür eintreten, wenn sie eine „vorläufige Erschiessung Festnahme“ durchführen muss. Müssen die Jungs von der SoKo (=SonderEinsatzKommando) darüber noch debattieren?

    Rein wörtlich handelt es sich um die „Debatte des Eintretens„, wie das Genitiv-S am Ende vermuten lässt. Wir suchen noch ein bisschen weiter und finden Rat beim Grossen Rat des Kantons Basel Stadt:

    Eintretensdebatte
    Liegt dem Parlament eine Gesetzesvorlage der Regierung oder einer Kommission vor, so diskutiert es zuerst, ob es überhaupt auf diese eintreten, d.h. sie behandeln will. Beschliesst es Nichteintreten, was relativ selten vorkommt, so signalisiert es, dass es eine Vorlage für überflüssig hält. Das Geschäft ist dann erledigt. Wird Eintreten beschlossen, so folgt die Detailberatung und die Schlussabstimmung. (Quelle: )

    Auf diese eintreten„? Das liest sich wie der Bericht von einem Überfall einer Horde Skinheads. Und so geht das Parlament mit einer Gesetzvorlage um? Sie kannten das Wort zuvor auch nicht so genau? Das erstaunt uns sehr, denn allein bei Google-Schweiz finden sich 8’310 Beispiele für die Verwendung.

    Uns erinnert das sehr an Kneipentouren mit Freunden. Wir spazieren durch die Stadt, kommen an einer Kneipe vorbei, und schon verspüren einige schrecklichen Durst und es beginnt eine „Eintretensdebatte„. Sollen wir nun eintreten oder nicht? Immer streng nach der Lehre des alten Journalisten-Kalauers (der auch als kürzester und schlechtester Witz bei Spiegel-Online zitiert wurde):

    Gehen zwei Journalisten an ’ner Kneipe vorbei.

    Foto aus dem Spiegel-Online Artikel:
    Oh mein Gott, ist dieser Witz schlecht (Foto von Spiegel Online)

    Schweizer Höflichkeitsrituale — Vom Ihrzen und Euchzen

    Mai 21st, 2008

    (reload vom 28.12.05)

  • Wenn Sie plötzlich viele sind
  • Kennen Sie das? Sie sind mitten im Gespräch mit einem Schweizer, weit und breit ist niemand Ihrer Familie oder Ihrer Freunde zu sehen, und plötzlich sagt der Schweizer:
    „Ihr müsst das verstehen, das könnt Ihr so nicht machen..“

    Ich drehe mich dann um und suche die anderen Menschen, die hier mit „Ihr“ gemeint sein könnten, denn „Ihr“ ist für mich die 2. Person Plural, die Mehrzahl von „DU“ also.

    Ausserdem frage ich mich, warum ich plötzlich so plump geduzt werde von meinem Gegenüber. „Euch macht das wahrscheinlich nichts aus, aber uns ist es doch arg“ geht die Rede weiter. Das Wörtchen „arg“ kennen wir zum Glück von „Argwohn“, es bedeutet etwas Schlimmes. In der isolierten Form als Variante von „sehr“ ist es im Norden eher ungebräuchlich, aber im Süden „arg“ praktisch, also haben wir es ruckzuck in unser Vokabular aufgenommen.

    In einer Gesprächssituation im nördlichen Teil Deutschlands kann man sich durch Verwendung von „arg“, „gell“ und „hat’s noch Kaffee“ jederzeit als hoffnungslos Süddeutsch eingefärbt zu erkennen geben, und damit auch als Deutscher vom „Jöö-Effekt“ profitieren.

  • Ihrzen und Euchzen
  • Die Schweizer haben diese geschickte Form der Anrede, die grammatikalisch gesehen ein Mittelding zwischen „Du“ und „Sie“ darstellt: Das „Ihrzen“. Ein kleiner Trost für die Schweizer: Sie sind mit dieser Angewohnheit nicht allein im Deutschen Sprachraum, auch im Badischen und Schwäbischen haben wir die „Ihr“ Anrede häufig gehört. So sagte mein Fahrlehrer (ein Schwabe), wenn ich etwas falsch machte:
    „Ihr müsst einfach besser aufpassen, ihr schaut da beim Überholen nicht rechtzeitig in den toten Winkel“, und ich lehnte mich entspannt zurück, denn mich konnte er ja nicht gemeint haben, weil auf Du waren wir nicht.

  • „Ihr“ kommt von „Vous“?
  • Es ist vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit Napoleons? Als die Schweiz und Süddeutschland besetzt waren von Französischen Truppen? Die französische Höflichkeitsform „Vous“ = „Sie“ entspricht der 2. Person Plural, dem deutschen „Ihr“. Ob es daher kommt? Ob man zu Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, unter Bildungsbürgern auf Französisch zu parlieren, die „Vous“ Form verwendete und dann beim Rückfall ins eigene Idiom beim „Ihr“ blieb? Bei den Russen im 19. Jahrhundert war es garantiert so, die Romane von Tolstoi hat er nicht allein auf Russisch geschrieben, sondern grosse Passagen auf Französisch, nämlich immer dann, wenn sich die russischen Herrschaften unterhielten und dabei nicht von ihren Diener verstanden werden wollten.

  • Nördlich des Weisswurstäquators
  • „Wer von Euch ist dafür zuständig? Könnt Ihr mir das sagen?“ Geschickt wird hier mit der französischen Höflichkeitsform der Mittelweg zwischen „Du“ und „Sie“ gewählt. Das ist alles gut und schön, wir empfinden das als eine wundervolle Bereicherung. Nur hütet Euch davor, dies irgendwo nördlich des „Weisswurstäquators“ zu verwenden. Das ist die Grenze, die Bayern und den Süden vom Rest Deutschlands abtrennt, das einzige Pendant, was wir in Deutschland zum „Röstigraben“ kennen.

    Schweizerpass und Schweizergrenze — Wenn alles „Schweizer-“ ist

    Mai 20th, 2008

    (reload vom 27.12.05)
    Der Schweizer Filmemacher Peter K. Wehrli brachte auf SF1 und auf 3SAT einen wundervollen Film mit dem Titel „Kniefall & Karneval“, in dem er einen Schweizer Blick auf die Deutschen wirft und viele Schweizer Schriftsteller dabei zu Wort kommen lässt. Oder sollte ich schreiben „Schweizerblick“ und „Schweizerschriftsteller„? Er stellt nämlich fest:

  • Der Pass der Schweizer ist ein Schweizerpass
  • Screenshot aus dem Film:
    Schweizerpass in einem Wort

    Peter Bieri (Philosoph)

    Vielleicht kann man darin etwas erkennen, wie dass man bestimmte Dinge der Schweiz einverleibt. Also wenn man etwas einen „Schweizerpass“ nennt, so ist es, als sei der Pass jetzt eine Eigenschaft des grossen Wesens Schweiz, und nicht nur ein Pass, der unter anderem die Eigenschaft hat, ein Pass eines Schweizers zu sein.

    „Reisepass“ steht auf den Pässen der Deutschen:
    Reisepass der Deutschen
    Was dieser Unterschied wohl bedeutet?

    Nun, wir haben selbst mal gegooglet und fanden diesen „Schweizerpass“ nicht mehr. Heute sieht das Ding so aus:
    Schweizer Pass in zwei Wörtern
    Und da sind deutlich die beiden Wörter „Schweizer Pass“ getrennt zu lesen. Vielleicht war es ja früher so.

    Die Fahne der Schweiz wird in einem Wort „Schweizerfahne“ genannt.
    Schweizerfahne in einem Wort

    Die Grenze, an der sie weht, „Schweizergrenze“, in einem Wort.
    Als ob die Schweizergrenze etwas anderes wäre als die Grenze der Schweiz. Wahrscheinlich ist es eher Bequemlichkeit, aus „Schweizer Grenze“ die „Schweizergrenze“ zu machen. Und diesemal ist sie ja wirklich ein Teil der Schweiz, zumindestens bis zur Hälfte.

  • „Schweizergeist“ — „Schweizerzeit“
  • Schweizerzeit in einem Wort

    Der Schriftsteller Hugo Loetscher meint dazu:

    Das hat natürlich mit einem Nationalismus zu tun, der sehr hartnäckig ist. Aber den man insofern verstehen kann, aus der Geschichte heraus, es war eine Selbstbehauptung, nicht, vor allem war das eben doch in den Dreissigern und dem Zweiten Weltkrieg, das man sich gegenüber Deutschland, also dem Nationalsozialismus behaupten musste, also behauptet man sich eben per „schweizerisch“, und plötzlich hat man eben Sachen als schweizerisch bezeichnet, die Schweiz als „Qualitätsbegriff“ und nicht als Eigenschaft, ja eben als Eigenschaft genommen.

    Nun, das ist ein wörtliches Zitat, so ganz begriffen habe ich es ehrlich gesagt nicht.

    Peter Bichsel (Schweizerschriftsteller):

    Es gibt in diesem kleinen reichen Land ja wirklich alles, was es auf der Welt gibt. Und wenn wir von allem was wir haben, Schweizer Wein, Schweizer Aschenbecher, Schweizer Tisch, Schweizer Haare, ich hab Schweizer Finger, und Schweizer Fingernägel, wenn alles Schweizer ist was wir haben, dann sind wir die ganze Welt. Das ist ein Problem der Kleinen.
    Und wenn dann ein so Kleiner einen grossen Bruder hat, ist das schon ein bisschen schwierig.

    Nix „grosser Kanton“ also, sondern „grosser Bruder„. Normalerweise ist das doch etwas Positives? So einen grossen Bruder kann man holen, wenn es Ärger gibt, z. B. mit den Chaos-Demonstranten am Flughafen von Genf, während des G8 Gipfels 2003 (vergleiche🙂

    Thomas Hürlimann (auch Schweizerschriftsteller):

    Wer so auf den Putz haut dass er das Wort „Schweiz“ mit der Grenze zusammen ziehen muss, der hat natürlich immer auch eine gewisse Angst, dass diese Grenze geschleift werden könnte, dass sie verschwindet. Also zwischen diesen Wörter durfte man durchaus manchmal etwas Luft lassen.

    Sehen wir es also als eine postive Entwicklung an: Der Name wird heute zumindestens auf dem Pass in zwei Teilen geschrieben, da ist wieder Luft dazwischen.

    Alle Zitate der Schriftsteller sind wörtliche Mitschriebe aus dem Film „Kniefall & Karneval“ von Peter K. Wehrli.