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Heute schon mit grosser Kelle angerichtet?

(reload vom 27.10.06)

  • Vom Agravolk zum Häuslebauer
  • Die Vorfahren der Schweizer dienten mit Spiessen bewaffnet als Söldner im Ausland oder waren daheim im „Agrarsektor“ tätig. Das bestätigten unsere sprachlichen Beobachtungen. Es wird hierzulande mit „gleichlangen Spiessen“ gekämpft , das “Heu auf der gleichen Bühne gelagert“ oder „der Mist geführt“, wenn nicht gleich alles „verhühnert“. Doch diese glorreichen Zeiten sind lange vorbei. Aus den ehemaligen Söldner und Bauern wurde solide „Häuslebauer“ und Maurer, denn wenn sie heute in der Schweiz aus dem Vollem schöpfen und sich besonders grosszügig zeigen wollen, dann müssen sie nicht Kaviar und Champagner auftischen oder doppelseitig geschmierte Butterbrezeln wie im Schwabenland, nein, dann greifen Sie am besten zum Speisseimer (nicht zum Essen, weil gefüllt mit Zement) und richten „mit grosser Kelle“ an.

    Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 19.10.06 auf Seite 2

    „Vor allem Uri und das Wallis haben mit der grossen Kelle angerichtet“.

    Mit grosser Kelle angerichtet

  • Was hast Du schon wieder angerichtet?
  • Etwas „angerichtet haben“ kann ja auch sehr negativ verstanden werden, wenn die Mutter das Kind fragt: „Na, was hast Du wieder angerichtet?“. Hier geht es aber wirklich um das Vorbereiten und Präsentieren von leckeren Speisen, am besten auf der „Anrichte“, wenn mit „grosser Kelle angerichtet“ wird.

    Das findet sich auch schon mal bei der Beschreibung eines Cadillacs im Tages-Anzeiger:

    Mit grosser Kelle angerichtet
    Damit der Escalade selber auch höhere Sphären erklettern kann, ist er permanent über alle vier Räder angetrieben, 60% der Kraft hinten, 40% vorne.
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch)

    Die Kelle kann auch mal „allzu gross“ geraten:

    Die Kommission hat sich vergewissert, dass, nachdem mit allzu grosser Kelle angerichtet worden ist, nun Reformarbeiten abgeschlossen sind und die neue Führung überzeugt.
    (Quelle: gleichstellung.bl.ch)

    Das „Schweizer Wörterbuch“ von Kurt Meyer, das übrigens nicht mehr als Duden-Band, sondern jetzt wieder neu im Verlag Huber erhältlich ist, meint dazu:

    Kelle, die. *mit der grossen Kelle anrichten: grosszügig, nicht sparsam wirtschaften.

    Wir lernen daraus: Nimm eine kleine Kelle und bau sparsamer dein Haus. Dass es mit einer kleinen Kelle auch länger dauert, steht auf einem anderen Blatt. Denn „viel hilft viel“, das wissen wir alle. Doch nicht immer ist hier von der Maurerkelle die Rede, auch eine simple Suppenkelle zum Austeilen von Suppe kann gemeint sein. Wenn die kleiner ist, dauert es länger und es gibt weniger Suppe, folglich wird gespart!
    Eine Kelle sieht so aus:
    Eine Kelle
    (Quelle Foto: degewo.de)

    Aber auch das ist eine Kelle:
    Holzkelle
    (Quelle Foto tempora-nostra.de)

    Und dann gibt es da noch diese Kelle:
    Polizeikelle
    (Quelle Foto: oktoberfest.de)

    Die sieht man übrigens in der Schweiz erstaunlich oft im Berufsverkehr. Die Verkehrskontrollen bei Autobahnauffahrten, in der Agglo von Zürich, an Ausfallstrassen sind hier üblich und finden regelmässig statt. So regelmässig, dass es uns wundert, warum es sich hier überhaupt jemand traut, ohne Sicherheitsgurt (in der Schweiz gilt das „Gurtenobligatorium“!) oder mit Handy am Ohr durch die Gegend zu fahren. Mag sein, dass wir es einfach nicht wahrgenommen haben, als wir noch in Deutschland lebten, aber bis auf die garantiert regelmässigen Alkoholkontrollen in der Karnevalszeit können wir uns an keine Verkehrskontrollen durch die Polizei erinnern.

    Natürlich sieht es an der Autobahn nach Holland anders aus. Dort wird schon mal eine 100% Kontrolle durchgeführt . Auf den Autobahnen werden Raser und Drängler durch die Autobahnpolizei überwacht in Deutschland. Nur diese regelmässigen Verkehrskontrollen, einfach so, täglich wechselnd an bestimmten Stellen im Stadtgebiet, das war etwas Neues für uns in der Schweiz. Und dann gibt es halt die grosse Kelle mit dem roten Licht zu sehen, und hofentlich haben Sie dann nichts angerichtet!

    

    7 Responses to “Heute schon mit grosser Kelle angerichtet?”

    1. Phipu Says:

      Eine sinngemässe Redewendung, die allerdings vermutlich moderner ist, und wohl leider auch hier die helvetische Variante ablösen wird, gibt es auf Deutschlanddeutsch ebenfalls. Die lautet „klotzen statt kleckern“. Besonders die gegebene Definition „Kelle, die. *mit der grossen Kelle anrichten: grosszügig, nicht sparsam wirtschaften“ belegt die Parallele.

      Ein kleiner Hoffnungsschimmer, weshalb die Verdrängung durch das immigrierte Sprichwort wohl nicht so schnell geschehen wird, ist, dass auf Dialekt das Wort „kleckern“ nicht 1:1 übernommen werden kann. Wäre das „chläckere“? Das tönt etwa so unnatürlich wie „läcker“, siehe http://www.blogwiese.ch/archives/523 . Den „Chläcks“ gibt es einewäg (= moderndeutsch: „eh“, englisch anyway) im Dialekt nicht. Das wäre dann schon ein Tolggen, und zu diesem gibt es erst noch eine weitere Redewendung, siehe: http://www.blogwiese.ch/archives/200

      Wer übrigens nur mit kleiner Kelle anrichtet (z.B. ein Kind) wird wohl nach meinem helvetischen Sprachgefühl höchstens etwas anSTELLEN. Grosse Finanzjongleure, die mit viel Klotz um sich werfen (klotzen), können, wie die neuzeitliche Vergangenheit zeigt, schon mal grösseren Schaden anRICHTEN.

    2. Jean-Paul Says:

      @Phipu
      Ich gehe mit Ihnen einig, dass der Ausdruck „klotzen statt kleckern“ resp. „nicht kleckern, sondern klotzen“ sich in der Schweiz stark einzubürgern droht. Das mangelnde Wort im Schweizerdeutschen für „kleckern“ verhindert aber tatsächlich die Verdrängung der „Kelle“.
      Interessant ist aber, dass das Schweizerdeutsche „chlotz“, wovon dann „chlotze“ abgeleitet wird, ein Synonym für Geld darstellt (siehe: http://zuri.net/default.asp?action=slang&upd=2&themaID=18 ), während es im Deutschen nicht diese Bedeutung zu haben scheint. Dort ist es vielmehr generell als „grossen Aufwand betreiben“ zu verstehen. Somit wäre ein Schweizerdeutsches Pendant mit „chlotze“ fast noch treffender als „mit der grossen Kelle anrühren“, wenn es um hohe Ausgaben geht.

      Jean-Paul

    3. AnFra Says:

      @ Jean-Paul

      Das „chlotze“ ist im o.g. Zusammenhang m. E. in historischer Hinsicht eigentlich kein echtes Synonym für „Geld“.

      Denn dieses „chlotze“ ist tatsächlich ein alter gemeindeutscher Ausdruck, der somit nicht ausschließlich schweizerischen Ursprungs ist.
      Der Ausdruck kann eigentlich nur für den Sinninhalt von „einer Masse, Menge, einem Haufen, vielen Teilen, viel Vorhandenes, Großes“ verstanden werden. Also hat es hier m. E. die Eigenschaft, folgendes anzudeuten: Hier auf der „Chlotzbuude“ ist „viel Kies, Moos, Zaster, Klöten, Moneten usw, usw“ angesammelt, angehäuft, gelagert, einfach viel vorhanden.

      Der hier verwendete Begriff „Chlotz“ für das Geld in der Schweiz lässt sich aus der mittelalterlichen Art und Weise der Geldbezahlung für höhere Beträge durch den damaligen Brauch ableiten, ein bestimmtes werthaltiges Stück vom Silberbarren aus „1-pfündigem deutschen Mark Silber“ abzuhacken. Diese abgetrennten Silberstücke haben u.a. auch die Benennung „Hacksilber“, es war ein Hackstück also ein Klotz.

      Und nun schließt sich der Kreis zu dem Begriff „chlotze“, denn dies bedeutet: Von einem ganzen Stück, Block, Gegenstand (hier der Silberbarren) mit einem schneidenden Werkzeug mit kräftiger, teilweiser grober Gewalt ein Stück abhacken, also etwas klotzen, in schwdt. also „chlotze“. In diesem Fall ein Stück Silber vom Silberbarren.

      So gibt’s ne Erklärung, warum die groben Finanzheinis immer mit grober Gewalt sich vom großen silbernen oder güldenem Kuchen einen riesengroßen „Chlotz“ nichts ans Bein binden, sondern in ihren eigenen Geldbeutel abschlagen konnten.

    4. Mare Says:

      @Phipu Ist das Wort „Chlack“ eigentlich noch in Gebrauch? „Chlack“ = Scharte, Lücke, Zwischenraum.
      „Suppechlack“ für „grosser Mund“

    5. AnFra Says:

      @Phipu

      Deine Idee mit dem anSTELLEN und dem anRICHTEN mit der kleinen bzw. großen Kelle hat schon was an sich, aber…
      wenn man die Quelle des Sinnspruches untersucht, kommt man in die Gotik. Das damalige sakrale Bauwesen was ein zeitensprechendes „High Tech“ mit neuen Entwicklungen.

      Die Kelle und Keller finden ihren Ursprung im lat. „cella“ für einen kleinen Raum. Diese cella, cellar, zeller, Zelle, Keller ist zunächst ein Raum, welcher in eine Geländeneigung, Steinwand oder Felsenhang hineingearbeitet wurde.
      Die „cella“ umschreibt eigentlich eine Einhöhlung, also eine hohle Form, wie bei ursprünglich gemeinten Keller. Die „Kelle“ ist ursprünglich ein Schöpfer, mit deren Hilfe beim Bauen in der Romanik die dicken, massiven und überdimensionierten Mauern mit „Kalkmörtel“ aufgefüllt wurden. Hinter sog. Vormauerungen wurden grobes Material, wie Kies, Wacken, einfach behauenes oder altes Steinwerk mit einem zähen und gröblichen „Kalkmörtel“ eingebracht und mit dem besagten Mörtel verfüllt. Dadurch waren alle Steine vom Mörtel allumhüllend umschlossen.

      Hier nun der Unterschied in der Gotik, in der jedoch die Mörtel feiner, dünnflüssiger angerührt (angerichtet) und als echtes Fugenmörtel sehr dünn auf die Bausteine als echtes Fugenmörtelbett verbracht wurden. Die Bausteine wurden sach- und fachgerecht sowie sehr maßgenau hergestellt. Die Ober- und Unterseiten waren extrem plangenau, denn sie dienten zur Ableitung der jetzt ungeheuer großen Bauauflasten. Die Oberseite des unteren Steines diente als Planum für den nun feinen Mörtel an der Unterseite des oberen Steines.

      Und nun die Lösung, warum jetzt nicht mehr mit großer Kelle, sondern nur mit kleiner Kelle zu arbeiten sei. Die große Kelle, also der Schöpfer, war zum einfachen, groben, voluminösen vollumhüllenden Aufschütten der romanischen Mauern gut geeignet, die kleine Keller jedoch, inzwischen ohne eine Einhöhlung und mit einem dünnen, ebenen Kellenblatt ausgestattet, diente zur dosierter Auftragung und zum dünnen, ebenen Anpassen und Verstreichen des Mörtels, auch „Speise“ genannt. Dadurch konnte der obere Stein aufgesetzt werden und durch diese feine Mörtelschicht gab es eine dünne, elegante und zugleich kraftschlüssige Verbindung zum darunter befindlichen Stein, der dann die Last weiter nach unten ins Fundament / Erdreich weiterleiten kann.

      Also war der Mensch, der nun mit der großen Kelle was aufträgt, sicherlich von Vorgestern, nicht auf dem neuesten Stand und hatte zusätzlich auch noch kein wirtschaftliches Denken.
      Er greift überflüssigerweise beim Mörtelzuber in die Vollen. Auch wird er traditionsgemäß die „Mörtel-Speise“ zu derb und zu grobkörnig „anrichten“ und dann auch noch die Mörtel-Speise „zu groß auftragen“.

    6. Phipu Says:

      an Mare:
      Ich kann nur für mich sprechen, aber ich kenne das Wort „Chlack“ tatsächlich noch passiv aus der Generation meiner Eltern für eine kleine Wunde. Ich selber brauche es aber nicht bewusst. Siehst du da einen Zusammenhang mit den nichtdialektischen „chläckere“ oder „Chläcks“?

    7. Mare Says:

      @Phipu: Nein, da sehe ich eben keinen Zusammenhang. Das eine ist ja eine Lücke und das andere eher ein Brei; nach „Kluge Etymologie“ ist „kleckern“ ein Ausdruck für „etwas Dickflüssiges hinwerfen“, kleckern wäre also keine Lücke/Wunde, sondern eine Materie. Aber lustig ist es allemal, so Wörtern nachzugehen.

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