Was hat die Schweiz mit den Niederlanden gemeinsam? Die Liebe zu den Deutschen!

Juni 23rd, 2009

(reload vom 19.6.06)

  • Sagen Sie besser niemals „Holland“
  • Die auf der Blogwiese viel diskutierten Antipathien der Schweizer gegen „die Deutschen“ im Allgemeinen, aber nie gegen bestimmte Deutsche im Besonderen, sind in Europa nicht einzigartig. Die meisten Parallelen gibt es mit Holland, Entschuldigung, muss natürlich heissen „mit den Niederlanden“. Und da geht das schon los mit den Problemen. Die Deutschen können sich nicht einmal richtig an den Namen dieses Königreichs gewöhnen. „Holland“ ist nur der Name der alten „Grafschaft Holland“ und heute in eine Provinz Nord- und Südholland zweigeteilt.

    Holland mit den Niederlanden gleichzusetzen wäre ähnlich korrekt, als wenn man den Kanton Zürich mit der Schweiz gleichsetzen würde, oder die Deutschschweiz mit der ganzen Eidgenossenschaft. Sträfliche Verallgemeinerungen, die in der Schweiz Gott sei Dank völlig undenkbar und gaaanz weit hergeholt scheinen.

  • Holland ist auch ein kleiner putziger Nachbar
  • Der kleine Nachbar, von den Deutschen freundlich und ein wenig „putzig“ gesehen, hat beliebte Küstenorte mit feinen Sandstränden, ein fantastisches Radwegenetz und feinen Feinschnitt in den Coffeeshops von Amsterdam. Diese „Coffeeshops“ sind weit im Umkreis bekannt für ihren exzellenten Kaffee.
    Coffeeshop in Amsterdam
    (Foto: Wikipedia)

    Für den reisen deutsche Freaks jedes Wochenende wieder an. Vom Ruhrgebiet aus dauert das mit dem Zug weniger als drei Stunden. Sie treffen dort auf ein sehr internationales Publikum aus vielen Ländern des Orients. Es gibt Afghanen, Libanesen, Türken und häufig auch Marrokaner. Manche treffen dort auch Mädchen, die alle Mary oder Jane oder beides zugleich heissen. Die Holländer fahren gern robuste Alltagsfahrräder, die sie „Fietsen“ nennen, und wenn sie einen Motor (die Fietsen, nicht die Holländer) haben und brummen, dann werden sie „Bromfietsen“ genannt.

  • Keine Gardinen und billiges Bauen
  • Die Niederländer haben keine Gardinen in ihren Fenstern, weil sie nichts verbergen wollen vor den Nachbarn, während die Schweizer jeden Abend zur gleichen Zeit die Rollladen herunterlassen. Die Häuser sind billiger als Vergleichbares in Deutschland, weil sie mit weniger Bauvorschriften und nicht für die Ewigkeit gebaut werden, so wie es im Heimatland der DIN-Normen vorgeschrieben ist.

  • Niederländisch für Deutsche am Goethe-Institut
  • Die Niederlanden sind super dicht besiedelt mir 480 Einwohner pro Quadratkilometer, ähnlich wie die Schweizer Agglomerationen (Bevölkerungsdichte Schweiz). Nur wenig Deutsche sprechen Niederländisch, weil jeder dort Deutsch versteht aber nicht immer auch gerne spricht. Auch dies eine interessante Parallele zur Schweiz. Dabei ist Niederländisch für Deutsche leicht lernbar, und es gibt eine stetig wachsende Zahl von Medizinstudenten, die auf der Flucht vor dem Deutschen Numerus Clausus einen Studienplatz an einer der alten Universitäten des Landes ergattern. Das Goethe-Institut in Amsterdam bietet daher, äusserst ungewöhnlich für diesen Verein, nicht nur Deutsch als Fremdsprache, sondern auch „Niederländisch für Deutschsprachige“ an. Ob die ETH das auch anbieten sollte?

  • Was halten die Holländer von den Deutschen?
  • Die Gefühle für Deutschland sind ähnlich gespalten wie bei den Schweizern. Einerseits ist Deutschland der grosse Handelspartner und wichtigstes Exportland, anderseits wird auch in den Niederländen am Abend Tatort auf Deutsch (mit Untertiteln) geschaut. Der Schimpfname für die Deutschen ist „Moffen“, wofür sich die Deutschen mit „Keeskopp“ revanchieren.

    Ähnlich wie bei den Schweizern haben die meisten Deutschen keine Ahnung davon, wie die Niederländer über sie denken. Bewohner der niederländischen Provinz Limburg, deren Dialekt so klingt, wie wenn ein Deutscher Niederländisch spricht, klagen darüber, dass sie in der Hauptstadt unter Ressentiments zu leiden haben, wenn sie anfangen zu sprechen. Sie gewöhnen sich daher lieber schnell die dort übliche Aussprache an. Hier sehen wir eine interessante Parallele zur Beliebtheit der Basler Mundart in der restlichen Schweiz.

  • Die „Oranjes“ gegen die Deutsche Nationalelf
  • Nur beim Fussball, da kommt es zur offenen Auseinandersetzung. Die Deutsch-Holländische Fussballfeindschaft ist legendär. Seit der Niederlage gegen Deutschland im Finale der WM 1974 ist das Verhältnis gespalten. Tatsächlich respektiert man den Nachbar und freut sich zugleich, wenn er verliert. 2002 konnte sich die Nationalmannschaft der Niederlande nicht für die WM qualifizieren und lieferte damit monatelang Stoff für Hohn und Spott von Stefan Raab und Harald Schmidt im Deutschen Privatfernsehen. Irgendwann war aber auch hier der letzte Witz erzählt. Er lautete Übrigens: Fährt ein Holländer zur Weltmeisterschaft…

  • Haben die Niederländer einen Minderwertigkeitskomplex?
  • Anders als bei den Schweizern, denen man ständig einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland nachsagt, bzw. den sie sich offensichtlich selbst ständig einzureden versuchen, betrachten die Niederländer als alte Handelsnation und Kolonialmacht sehr souverän ihr Königreich in der Nachbarschaft von Deutschland.

    Sprachliche Minderwertigkeitskomplexe? Dafür besteht kein Grund, denn man ist stolz auf die alte Sprache der Hanse:

    Das Niederländische beruht auf der Niederdeutschen Schriftsprache des 17. Jahrhunderts, die allmählich aus Mundartausdrücken der Provinzen Brabant und Holland angereichert wurde. Eine Ältere Version war die Überregionale Sprache der Hanse, die insbesondere in Antwerpen, Brügge und kurz darauf auch in Holland Verbreitung als Handels- und Gelehrtensprache fand. Lehnwörter kommen aus dem Französischen und in neuerer Zeit überwiegend aus dem Englischen. Was den Wortschatz betrifft, so bewahrt das Niederländische mehr als das moderne (Hoch-) Deutsche den altdeutschen Wortbestand.
    (Quelle: Wikipedia)

    Was den Schweizern ihr „Chochichästli“ ist, mit dem sie jeden Zugezogenen auf seine Dialekttauglichkeit testen können, ist für die Niederländer der Name des Seebades „Scheveningen“, das sich ganz anders ausspricht, als Sie jetzt vermuten. Gewisse Ähnlichkeiten bei den Krachlauten lassen vermuten, dass Schweizer leicht Niederländisch lernen könnten, und umgekehrt.

  • Das Geheimnis um das Chochichästli
  • Für unsere unbedarften Leser aus Deutschland sollten wir noch kurz erklären, was es mit dem mysteriösen „Chochichästli“ (auch „Chuchihästli“) für eine Bewandtnis hat: Die Schweizer essen gern am Nachmittag zum Kaffee um vier Uhr ein Stück Kuchen. Diese Angewohnheit wird hier „z’Vieri“ genannt. Dazu haben Sie in jedem Büro oder Wohngemeinschaft eine spezielle Kasse, in die jeder einzahlen kann, der auch Kuchen haben will. Die nennen dies Kasse „Chochichästli“. Hätten Sie es gewusst?

    (2. Teil morgen: Die andere geschichtliche Erfahrung der Niederländer und Schweizer mit den Deutschen)

    Wie sagen denn Sie zum Brotanschnitt? — Wenn es nur noch Varianten gibt

    Juni 22nd, 2009

    (reload vom 18.6.06)

  • Realität durch Sprache abbilden
  • Geschriebene und gesprochene Sprache sind zwei unterschiedliche Dinge. Die aussersprachliche Wirklichkeit ist zu gross und ungenau, um bis in die letzte Kleinigkeit erfasst und exakt durch die Sprache abgebildet werden zu können. Bei manchen Begriffen ist es einfach. Ein „Tisch“ ist ziemlich genau definiert, solange wir uns in der gleichen Sprache bewegen. Gehen wir über Sprachgrenzen hinaus, wird es schon schwieriger. Warum ist „Die Sonne“ im Deutschen weiblich, „le soleil“ hingegen männlich, „der Mond“ auf Deutsch ein Mann und auf Französisch mit „la lune“ eine Frau? Immerhin haben sich für „Sonne“ im Deutschen nicht 20 Varianten erhalten, nur ein paar Dialektvarianten.

  • Was ist ein Brotanschnitt?
  • Anders ist es beim „Brotanschnitt„. Schon dies allein ist ein Kunstwort, dass sich nur mühsam mit „Das Endstück oder Anfangsstück eines Brotlaibs“ umschreiben lässt. Es gibt für dieses Ding, was doch überall Teil unseres Alltags ist, im deutschsprachigen Raum keine allgemeingültige Bezeichnung. Wir fanden im Duden den

    Knust, der; -[e]s, -e u. Knüste
    [mniederd. knust = Knorren, zu einer umfangreichen Gruppe germ. Wörter, die mit kn- anlauten u. von einer Bed. „zusammendrücken, ballen, pressen, klemmen“ ausgehen; vgl. (landsch.):
    Anfangs- bzw. Endstück eines Brotlaibs: ich mag am liebsten den Knust
    (Quelle: Duden.de)

    aber der Zusatz „landschaftlich“ verweist darauf: Das Wort wird garantiert nur von einem Teil der Deutschsprecher verstanden! Eine andere Variante dafür ist die „Kappe“, aber das ist noch lange nicht alles.

    Ist das ein Knust für Sie?
    Ist das ein Knust?

    Das Variantenwörterbuch nennt diese Bezeichnungen für den deutschen Sprachraum:

    Den Scherz (A-D-südost)
    Das Scherzel (A)
    Den Kanten (D-nord/mittel)
    Den Kipf (D-südost)
    Das Knäpppchen (D-mittelwest)
    Den Knäusel (D-südwest)
    Den Knust (D-nord)
    Das Krüstchen (D-mittelwest)
    Den Ranft (D-ost)
    Das Riebele (D-südwest)

    und das sind jetzt nur die dort gelisteten Bezeichnungen. Allesamt aus den verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs. Sollten die Schweizer hierfür etwa keine eigene Bezeichnung haben, oder warum werden sie im Variantenwörterbuch nicht erwähnt?

  • Die Schweizer Brotkultur
  • Uns war schon lange aufgefallen, dass die Schweizer Brotkultur mehr der Französisch/Welschen Tradition ähnelt, lieber kleinere (max 500 Gr.) und hell gebackene Brote zu backen als 1 Kg schwere Vollkorn-Kastenbrote oder Schwarzbrote.

    Oder ist das ein Knäusschen?
    Oder ist das ein Knäuschen?

    Aber angeschnitten werden muss das Brot doch trotzdem. Also machen wir uns auf die Suche und finden eine umfangreiche Liste mit vielen Schweizer Zitaten hier:
    Wir zitieren (nicht vollständig!) mal ein paar Schweizer

    bei Yves Suter aus Wollerau (CH) heisst es Aaschnitt
    bei Markus aus Uster heisst es Ahau
    bei Andi aus Zürich heisst es Ahäuel
    bei Franziska aus Aarau heisst es Ahäuli
    bei Nicole aus St. Gallen (CH) heisst es Bödel
    bei Andreas aus Leissigen (CH) heisst es Chäppi
    bei S.Vogt-Tanner aus dem Gürbetal, CH heisst es Gröibschi
    bei Martin aus Olten (Schweiz) heisst es Gupf

    Wir haben beim Buchstaben G aufgehört, es geht noch seitenlang so weiter.

  • Harry, reich mir mal den Knust rüber
  • Warum gibt es für dieses Wort so viele Varianten? Warum keinen allgemeingültigen Begriff in der Standardsprache? Vielleicht, weil es immer nur lokal und im Familienkreis gebraucht wird, weil es in keinem Roman vor kommt, in keinem Derrick-Krimi („Harry, reich mir mal den Knust rüber?!„), weil es keine Notwendigkeit zwischen Norddeutschen, Süddeutschen oder Schweizern gab, über dieses Ding Korrespondenz zu führen:
    Bestellen wir gemäss Angebot zum nächsten Monatsende drei Paletten mit Knust / Knäusschen / Kappen / Gup / Gröibischi
    Würde dieser Satz je geschrieben? Sicher nicht. Wenn wir noch ein bisschen abwarten (Schweizer dürfen derweil „zuwarten“), gibt es sicher irgendwann eine EU-Norm die festlegt, wie dieses Ding denn zu heissen hat. Aber die Schweiz ist ja nicht in der EU. Nun, dann wird das Idiotikon (vgl. Blogwiese) in der Schweiz wohl doch ein Band länger als geplant…

    Und glauben Sie bloss nicht, dass dieses „Ende vom Brotlaib“ ein absoluter Sonderfall in der Sprache darstellt. Wir könnten den ganzen Artikel auch zum Thema „Rest eines gegessenen Apfels“ schreiben. Der heisst „Apfelbutzen“ oder „Apfelkitsche“ oder oder oder.

    Erfahrungen von deutschen Einwanderern in der Deutschschweiz — Ein Fragebogen aus Manchester

    Juni 19th, 2009
  • Umfrage aus Manchester
  • Wir erhielten eine nette Mail von Jonathan Morris aus dem Vereinigten Königreich, genauer gesagter aus Manchester. Offensichtlich hat sich bereits bis dorthin das entspannte Verhältnis von Schweizern und Deutschen herumgesprochen, denn es geht um die „Erfahrungen von deutschen Einwanderern in der Deutschschweiz“. Mit 260 000 Antworten könnte Jonathan rechnen. Hoffentlich sind viele Blogwiese-Leserinnen und -Leser darunter!

    Ich studiere Deutsch an der Universität Manchester, England, und arbeite momentan an meiner Magisterarbeit. Diese Arbeit hat zum Ziel, die Erfahrungen von deutschen Einwanderern in der Deutschschweiz genauer zu untersuchen. Die Ergebnisse der ausgefüllten Fragebögen sollen in meiner schriftlichen Abhandlung zusammenfassend dargestellt werden.

    Sollten Sie Interesse an den Ergebnissen meiner Untersuchung haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen. Ich schicke Ihnen gerne ein elektronisches Exemplar der Arbeit.

    Die Beteiligung in dieser Studie ist völlig freiwillig und anonym. Schicken Sie mir bitte eine E-Mail, wenn Sie sich später umentschließen und nicht mehr teilnehmen wollen. Die ausgefüllten Fragebögen werden nur von mir eingesehen und auf meinem Computer gespeichert. Nach dem Einsendeschluss der Arbeit werde ich alle Fragebögen löschen. Allerdings könnten Auszüge der schriftlichen Abhandlung später publiziert werden.

    Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen. Falls Sie Ihre eigenen Bemerkungen hinzufügen wollen, dann können Sie natürlich mehr schreiben. Sie können die passenden Aussagen ankreuzen [X] oder die nicht passenden Aussagen vom Text löschen. Bitte beachten Sie, dass Sie alle Änderungen speichern, bevor Sie das Dokument zurück schicken!

    Den interessanten Fragebogen gibt es hier zum Runterladen: Fragebogen aus Manchester (Word-Dokument)

    Bitte als Word-Dokument abspeichern und dann an diese E-Mail Adresse zurückschicken: fragebogenmanchester@googlemail.com

    Wir wünschen Jonathan viel Erfolg für seine Magisterarbeit (ich dachte, sowas gibt es seit Bologna gar nicht mehr?) und hoffen mit ihm auf viele ausgefüllte Rückantworten!

    Was die Schweizer gerne tun — Jemandem die Kappe waschen

    Juni 18th, 2009

    (reload vom 17.6.06)

  • Was tut der Schweizer am Samstag?
  • Am Samstag hat die Blogwiese grundsätzlich die niedrigsten Zugriffszahlen. Am Samstag ist generell in der Schweiz verkehrsmässig am wenigsten los. Ausflugszeit ist sonntags, nicht am Samstag, denn da wird der Einkauf erledigt, bzw. nachgeschaut, welche lieben Nachbarn tatsächlich wieder zu Aldi „ins Deutsche“ gefahren sind, die man dort rein zufällig auf dem Parkplatz treffen kann. Oder es wird gewaschen am Samstag. Nicht in der gemeinsamen Waschküche, denn die ist vielerorts am Wochenende nicht für die Nutzung vorgesehen (wegen der Lärmbelästigung beim Schleudergang, nehmen wir an). Nein, es wird das Auto gewaschen, die Kühlerhaube, die Reifen (in der Schweiz nur als „Pneu“ = Pnöööh bekannt), die Radkappen, und wenn wir gerade schon dabei sind, waschen wir auch gleich noch die „Kappen“ von anderen Leuten mit:

  • Jemanden die Kappe waschen
  • Wir kannten bisher nur die Formulierung „etwas auf die eigene Kappe nehmen“ bis wir in der Schweiz lernten, dass das hier nicht so einfach geht. Denn die Kappe könnte ja schmutzig sein, und wer will sich schon den Vorwurf gefallen lassen, eine schmutzige Kappe zu haben. Also wird sie gewaschen. Noch besser, der Schweizer lässt sie waschen, durch eine andere Person. „Jemanden die Kappe waschen“ gehört offensichtlich zu den speziellen Schweizer Lieblingstätigkeiten, die in den meisten Fällen allerdings nur unter Zwang ausgeführt wird.
    Jemanden die Kappe waschen

    Beispiel Aargauer Zeitung:

    Nein, nicht nur die SVP bzw. einzelne UNO-Beitrittsbefürworter der Partei mussten und müssen sich von den Abstimmungsverlierern (und gleichzeitigen Parteidominatoren) die Kappe waschen lassen.
    (Quelle: Aargauerzeitung.ch)

    Oder der Tages-Anzeiger:

    «Von Herrn Blocher lasse ich mir nicht derart die Kappe waschen», sagte Elmar Ledergerber selbstbewusst. Und ging zum Gegenangriff über:
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch)

    Manchmal wird dieser Dienst auch von Politikerinnen verlangt, so von der SP-Fraktionschefin Hildegard Fässler:

    Hildegard Fässler wird hoffentlich noch recht lange den Aussen-Rechten, Profiteuren, Abzockern und Macho-Typen die Kappe waschen. Sie haben es dringend nötig.
    (Quelle: ignoranz.ch)

    Die Kappe als Kopfbedeckung ist im ganzen deutschsprachigen Europa bekannt, nicht hingegen die Redewendung:

    *jemandem die Kappe waschen
    CH (Grenzfall des Standards) jemanden scharf zurechtweisen; jemanden den Kopf waschen: Ruth Dreifuss… wusch dem Freiburger ganz gehörig die Kappe (NZZ 5.3.1999,13)
    (Quelle. Variantenwörterbuch, S. 387)

    Es geht noch drastischer in der Formulierung:

    *sich [nicht] auf die Kappe scheissen lassen
    sich nicht als minderwertig behandeln lassen: Je älter ich werde, desto weniger lasse ich mir auf die Kappe scheissen. Amen (Tages-Anzeiger 12.9.1998,31)
    (Quelle: Variantenwörterbuch, S. 387)

    Da es sich hier ganz offensichtlich um ein Verb handelt, dass in der „Schriftsprache“ der Zeitungen weniger oft geschrieben wird, finden sich Belege dafür eher Leserbriefen oder Blog-Kommentatoren:

    na dann soll mir der herr rocket doch mal seine genialen vorschläge unterbreiten, wie er mit solchen chaoten umspringen will. wohl wie bisher? sich jedesmal auf die kappe scheissen zu lassen?
    (Quelle: www.blick.ch)

    Auch in Deutschland liebt man drastische Formulierung mit „Kappe“, so zum Beispiel die „Kappe kaputt“ haben:

    hast du was geraucht oder dich sonst irgendwie bedröhnt oder hast du nun tatsächlich die Kappe kaputt?

    (Quelle: stern.de)

    (2. Teil Morgen: Die Kappe ist auch ein Knust, Knäuschen oder Kanten)

    Was macht denn Ihr Arzt am Donnerstagnachmittag?

    Juni 17th, 2009

    (reload vom 15.6.06)

  • Happy-Kadaver in Deutschland
  • Morgen ist Donnerstag. Fühlen Sie sich gesund? Überlegen Sie, ob Sie nicht lieber zum Arzt gehen sollten? In Süddeutschland war letzten Donnerstag ein Feiertag, „Fronleichnahm„, den wir als Kinder immer „Happy-Kadaver“ nannten, obwohl das „Fron“ nicht von „frohen“ sondern von der „Fron-Arbeit“ kommt, der Arbeit für den „Fron“, dem Landesherren. Deutsche wären dämlich, am Feiertag krank zu feiern. Das lieber am Freitag danach, um einen hübschen Brückentag zu sparen. Falls Sie aber in der Schweiz, vielleicht sogar in Bülach wohnen, dann beeilen sie sich jetzt mit der Entscheidung, ob Sie heute einen Arzt benötigen oder nicht, denn ab Mittag ist es zu spät.

  • Kein Arzt am Donnerstagnachmittag
  • Wenn man eine Weile mit Kind in der Schweiz lebt, kann es vorkommen, dass man auch mal an einem Donnerstagnachmittag einen Arzt konsultieren muss. Gar nicht so einfach, denn am Donnerstag, der in Deutschland als vielerorts als besonderer „Dienstleistungstag“ beworben wird, weil dann die Behörden, Geschäfte, Arztpraxen und Museen extra lange geöffnet haben, an besagten Donnerstagnachmittagen haben Arztpraxen in Bülach nämlich geschlossen. Vielleicht als Ausgleich zum ausgebuchten Mittwochnachmittag, an dem die Schulkinder frei haben und von Ihren Müttern dem Kinderarzt vorgestellt werden können? Oder gibt es am Mittwoch, weil die Kinder am Nachmittag schulfrei haben, mehr Unfälle als sonst? Wir wissen es nicht, haben aber den leisen Verdacht, dass alle Ärzte an diesem Donnerstag „ins Deutsche“ fahren um dort Behördenbesuche zu machen oder ins Museum zu gehen. Es soll eine coole Ausstellung geben bei „Feinkost Albrecht„.

    Bülach im Zürcher Unterland
    (Foto von Urs Hauenstein)

  • Schwiizerdütsch am Telefon
  • Jedenfalls versuchten wir mehrfach, telefonisch die Nummer des Notfalldienstes oder den Namen des diensthabenden Arztes herauszufinden. Schwierig für Nicht-Schweizer, wenn dann die Ansage auf Schwiizerdütsch vorgelesen wird. Selbstverständlich wird auch eine Nummer genannt, oder es heisst „Bitte telefoniered Sii eus ab em Friitig Morge wider. Für Notfäll lüüted Sii bitte em Dokter XY aa“. Und nun raten Sie mal, wie diese Nummer verlesen wird! Richtig, in einer Dreiergruppe gefolgt von zwei Zweiergruppen. Wenn Sie das beim ersten Mal auch begriffen haben und korrekt notieren konnten, dann müssen Sie diese Nummer nur noch wählen. Mitunter beginnt jetzt ein munteres „Wir haben leider heute geschlossen, bitte rufen Sie dort an... “Im-Kreis-herum-schicken“ Spiel, hierzulande unter der Bezeichnung „Telefonkette“ sehr beliebt.

  • In der Arztpraxis „Swissgerman only“
  • Was machen dann eigentlich Ausländer in Bülach, die kein Schwiizerdütsch verstehen, wenn sie rausfinden möchten, welcher Arzt gerade Dienst hat? Besser nicht krank werden am Donnerstag! Die Lautsprecherdurchsagen in den Zügen der SBB und sogar in den blauen Linienbusse der Zürcher Verkehrsbetriebe in der Agglomeration werden in der Regel auf Deutsch UND auf Englisch vorgelesen. Was dazu führt, das jeder Schweizer perfekt mit britischem Akzent „railway station“ aufsagen kann. Bis auf die Tonbänder der Anrufbeantworter (die in der Schweiz verkürzt „Beantworter“ heissen) in den Arztpraxen hat sich diese internationale Ansageform allerdings noch nicht durchgesetzt. Hier gilt es, sein Schweizerdeutsches Hörverständnis für zwei- und dreistellige Zahlengruppen rechtzeitig trainiert zu haben! Das sollte unserer Meinung nach in der Migros-Klubschule im Kurs „Schweizerdeutsch für Nicht-Schweizer“ intensiv geübt werden, denn das könnte in der Schweiz mal ein Leben retten.