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Was hat die Schweiz mit den Niederlanden gemeinsam? Die Liebe zu den Deutschen!

(reload vom 19.6.06)

  • Sagen Sie besser niemals „Holland“
  • Die auf der Blogwiese viel diskutierten Antipathien der Schweizer gegen „die Deutschen“ im Allgemeinen, aber nie gegen bestimmte Deutsche im Besonderen, sind in Europa nicht einzigartig. Die meisten Parallelen gibt es mit Holland, Entschuldigung, muss natürlich heissen „mit den Niederlanden“. Und da geht das schon los mit den Problemen. Die Deutschen können sich nicht einmal richtig an den Namen dieses Königreichs gewöhnen. „Holland“ ist nur der Name der alten „Grafschaft Holland“ und heute in eine Provinz Nord- und Südholland zweigeteilt.

    Holland mit den Niederlanden gleichzusetzen wäre ähnlich korrekt, als wenn man den Kanton Zürich mit der Schweiz gleichsetzen würde, oder die Deutschschweiz mit der ganzen Eidgenossenschaft. Sträfliche Verallgemeinerungen, die in der Schweiz Gott sei Dank völlig undenkbar und gaaanz weit hergeholt scheinen.

  • Holland ist auch ein kleiner putziger Nachbar
  • Der kleine Nachbar, von den Deutschen freundlich und ein wenig „putzig“ gesehen, hat beliebte Küstenorte mit feinen Sandstränden, ein fantastisches Radwegenetz und feinen Feinschnitt in den Coffeeshops von Amsterdam. Diese „Coffeeshops“ sind weit im Umkreis bekannt für ihren exzellenten Kaffee.
    Coffeeshop in Amsterdam
    (Foto: Wikipedia)

    Für den reisen deutsche Freaks jedes Wochenende wieder an. Vom Ruhrgebiet aus dauert das mit dem Zug weniger als drei Stunden. Sie treffen dort auf ein sehr internationales Publikum aus vielen Ländern des Orients. Es gibt Afghanen, Libanesen, Türken und häufig auch Marrokaner. Manche treffen dort auch Mädchen, die alle Mary oder Jane oder beides zugleich heissen. Die Holländer fahren gern robuste Alltagsfahrräder, die sie „Fietsen“ nennen, und wenn sie einen Motor (die Fietsen, nicht die Holländer) haben und brummen, dann werden sie „Bromfietsen“ genannt.

  • Keine Gardinen und billiges Bauen
  • Die Niederländer haben keine Gardinen in ihren Fenstern, weil sie nichts verbergen wollen vor den Nachbarn, während die Schweizer jeden Abend zur gleichen Zeit die Rollladen herunterlassen. Die Häuser sind billiger als Vergleichbares in Deutschland, weil sie mit weniger Bauvorschriften und nicht für die Ewigkeit gebaut werden, so wie es im Heimatland der DIN-Normen vorgeschrieben ist.

  • Niederländisch für Deutsche am Goethe-Institut
  • Die Niederlanden sind super dicht besiedelt mir 480 Einwohner pro Quadratkilometer, ähnlich wie die Schweizer Agglomerationen (Bevölkerungsdichte Schweiz). Nur wenig Deutsche sprechen Niederländisch, weil jeder dort Deutsch versteht aber nicht immer auch gerne spricht. Auch dies eine interessante Parallele zur Schweiz. Dabei ist Niederländisch für Deutsche leicht lernbar, und es gibt eine stetig wachsende Zahl von Medizinstudenten, die auf der Flucht vor dem Deutschen Numerus Clausus einen Studienplatz an einer der alten Universitäten des Landes ergattern. Das Goethe-Institut in Amsterdam bietet daher, äusserst ungewöhnlich für diesen Verein, nicht nur Deutsch als Fremdsprache, sondern auch „Niederländisch für Deutschsprachige“ an. Ob die ETH das auch anbieten sollte?

  • Was halten die Holländer von den Deutschen?
  • Die Gefühle für Deutschland sind ähnlich gespalten wie bei den Schweizern. Einerseits ist Deutschland der grosse Handelspartner und wichtigstes Exportland, anderseits wird auch in den Niederländen am Abend Tatort auf Deutsch (mit Untertiteln) geschaut. Der Schimpfname für die Deutschen ist „Moffen“, wofür sich die Deutschen mit „Keeskopp“ revanchieren.

    Ähnlich wie bei den Schweizern haben die meisten Deutschen keine Ahnung davon, wie die Niederländer über sie denken. Bewohner der niederländischen Provinz Limburg, deren Dialekt so klingt, wie wenn ein Deutscher Niederländisch spricht, klagen darüber, dass sie in der Hauptstadt unter Ressentiments zu leiden haben, wenn sie anfangen zu sprechen. Sie gewöhnen sich daher lieber schnell die dort übliche Aussprache an. Hier sehen wir eine interessante Parallele zur Beliebtheit der Basler Mundart in der restlichen Schweiz.

  • Die „Oranjes“ gegen die Deutsche Nationalelf
  • Nur beim Fussball, da kommt es zur offenen Auseinandersetzung. Die Deutsch-Holländische Fussballfeindschaft ist legendär. Seit der Niederlage gegen Deutschland im Finale der WM 1974 ist das Verhältnis gespalten. Tatsächlich respektiert man den Nachbar und freut sich zugleich, wenn er verliert. 2002 konnte sich die Nationalmannschaft der Niederlande nicht für die WM qualifizieren und lieferte damit monatelang Stoff für Hohn und Spott von Stefan Raab und Harald Schmidt im Deutschen Privatfernsehen. Irgendwann war aber auch hier der letzte Witz erzählt. Er lautete Übrigens: Fährt ein Holländer zur Weltmeisterschaft…

  • Haben die Niederländer einen Minderwertigkeitskomplex?
  • Anders als bei den Schweizern, denen man ständig einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland nachsagt, bzw. den sie sich offensichtlich selbst ständig einzureden versuchen, betrachten die Niederländer als alte Handelsnation und Kolonialmacht sehr souverän ihr Königreich in der Nachbarschaft von Deutschland.

    Sprachliche Minderwertigkeitskomplexe? Dafür besteht kein Grund, denn man ist stolz auf die alte Sprache der Hanse:

    Das Niederländische beruht auf der Niederdeutschen Schriftsprache des 17. Jahrhunderts, die allmählich aus Mundartausdrücken der Provinzen Brabant und Holland angereichert wurde. Eine Ältere Version war die Überregionale Sprache der Hanse, die insbesondere in Antwerpen, Brügge und kurz darauf auch in Holland Verbreitung als Handels- und Gelehrtensprache fand. Lehnwörter kommen aus dem Französischen und in neuerer Zeit überwiegend aus dem Englischen. Was den Wortschatz betrifft, so bewahrt das Niederländische mehr als das moderne (Hoch-) Deutsche den altdeutschen Wortbestand.
    (Quelle: Wikipedia)

    Was den Schweizern ihr „Chochichästli“ ist, mit dem sie jeden Zugezogenen auf seine Dialekttauglichkeit testen können, ist für die Niederländer der Name des Seebades „Scheveningen“, das sich ganz anders ausspricht, als Sie jetzt vermuten. Gewisse Ähnlichkeiten bei den Krachlauten lassen vermuten, dass Schweizer leicht Niederländisch lernen könnten, und umgekehrt.

  • Das Geheimnis um das Chochichästli
  • Für unsere unbedarften Leser aus Deutschland sollten wir noch kurz erklären, was es mit dem mysteriösen „Chochichästli“ (auch „Chuchihästli“) für eine Bewandtnis hat: Die Schweizer essen gern am Nachmittag zum Kaffee um vier Uhr ein Stück Kuchen. Diese Angewohnheit wird hier „z’Vieri“ genannt. Dazu haben Sie in jedem Büro oder Wohngemeinschaft eine spezielle Kasse, in die jeder einzahlen kann, der auch Kuchen haben will. Die nennen dies Kasse „Chochichästli“. Hätten Sie es gewusst?

    (2. Teil morgen: Die andere geschichtliche Erfahrung der Niederländer und Schweizer mit den Deutschen)

    

    9 Responses to “Was hat die Schweiz mit den Niederlanden gemeinsam? Die Liebe zu den Deutschen!”

    1. Peterli Says:

      dass ein chuchichäschtli eine zVierikasse sein soll wusste ich nicht. eigentlich heisst es nämlich einfach nur „küchenkästchen“, also ein kleiner kasten in der küche. vielleicht ist ja die zVierikasse in diesem Küchenkästchen platziert. oder woher hast du diese info?

    2. lapsus4711 Says:

      Ach Peterli,
      Jens ist der festen Überzeugung, dass die Schweizer nicht ironiefähig sind.
      Zur Beschaffung von Beweisen, stellt er Fallen.
      In die eine bist Du nun hineingetappt.

    3. Christian Says:

      @Peterli: Reingefallen! 🙂

    4. dawed Says:

      Also ich finde „Miuchmäuchterli“ ja viel spannender 😀

    5. Peterli Says:

      da will man nem armen deutschen aushelfen und dann sowas … kein wunder finden wir euch doof 😉

    6. Phipu Says:

      Als sprachliches Integrationszeugnis eignet sich auch der Satz: „Der Papscht het z’Schpeiz s’Schpäckbschteck z’schpät bschteut“ (Der Papst hat in Spiez das Speckbesteck zu spät bestellt). Hier hat es zwar keine krachenden ch-Laute, dafür aber auch schwierige mittelländische „ä“. Ach ja, und dann hat es da noch so Laute, die an „gegen s-pitze S-teine s-tossen“ erinnern. Als zweite Schwierigkeitsstufe kann man dann Spiez durch Scheveningen (richtig ausgesprochen) ersetzen.

    7. Kris Says:

      Das die Holländer, ähh Niederländer, keine Vorhänge haben, liegt nicht daran, daß sie nichts zu verbergen haben. Davon haben sie schon genug. – Es gab einmal in den Niederlanden eine Vorhangsteuer. Und da die Niederländer ein sparsames Völkchen sind, schließlich muß man als Niederländer ein fahrbares zweites Eigenheim besitzen und regelmäßig, d. h. mindestens 4 mal im Jahr, ins europäische Ausland ausführen, haben sie die Vorhänge abhängt, um Steuern zu sparen.

    8. pit vo lissabon Says:

      dawed: es gibt auch die version „müuchmäuchterli“ (ä und u separat). diese variante ist vor allem im wilden westen des kantons solothurn verbreitet.

    9. Rolf Says:

      Und als Zwischending zwischen „Fietsen“ und „Bromfietsen“ gibts wirklich noch die „Snurfietsen“, quasi ein Velo mit Hilfsmotor (darf man soviel ich weiss ohne Helm fahren).

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