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Was die Schweizer gerne tun — Jemandem die Kappe waschen

(reload vom 17.6.06)

  • Was tut der Schweizer am Samstag?
  • Am Samstag hat die Blogwiese grundsätzlich die niedrigsten Zugriffszahlen. Am Samstag ist generell in der Schweiz verkehrsmässig am wenigsten los. Ausflugszeit ist sonntags, nicht am Samstag, denn da wird der Einkauf erledigt, bzw. nachgeschaut, welche lieben Nachbarn tatsächlich wieder zu Aldi „ins Deutsche“ gefahren sind, die man dort rein zufällig auf dem Parkplatz treffen kann. Oder es wird gewaschen am Samstag. Nicht in der gemeinsamen Waschküche, denn die ist vielerorts am Wochenende nicht für die Nutzung vorgesehen (wegen der Lärmbelästigung beim Schleudergang, nehmen wir an). Nein, es wird das Auto gewaschen, die Kühlerhaube, die Reifen (in der Schweiz nur als „Pneu“ = Pnöööh bekannt), die Radkappen, und wenn wir gerade schon dabei sind, waschen wir auch gleich noch die „Kappen“ von anderen Leuten mit:

  • Jemanden die Kappe waschen
  • Wir kannten bisher nur die Formulierung „etwas auf die eigene Kappe nehmen“ bis wir in der Schweiz lernten, dass das hier nicht so einfach geht. Denn die Kappe könnte ja schmutzig sein, und wer will sich schon den Vorwurf gefallen lassen, eine schmutzige Kappe zu haben. Also wird sie gewaschen. Noch besser, der Schweizer lässt sie waschen, durch eine andere Person. „Jemanden die Kappe waschen“ gehört offensichtlich zu den speziellen Schweizer Lieblingstätigkeiten, die in den meisten Fällen allerdings nur unter Zwang ausgeführt wird.
    Jemanden die Kappe waschen

    Beispiel Aargauer Zeitung:

    Nein, nicht nur die SVP bzw. einzelne UNO-Beitrittsbefürworter der Partei mussten und müssen sich von den Abstimmungsverlierern (und gleichzeitigen Parteidominatoren) die Kappe waschen lassen.
    (Quelle: Aargauerzeitung.ch)

    Oder der Tages-Anzeiger:

    «Von Herrn Blocher lasse ich mir nicht derart die Kappe waschen», sagte Elmar Ledergerber selbstbewusst. Und ging zum Gegenangriff über:
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch)

    Manchmal wird dieser Dienst auch von Politikerinnen verlangt, so von der SP-Fraktionschefin Hildegard Fässler:

    Hildegard Fässler wird hoffentlich noch recht lange den Aussen-Rechten, Profiteuren, Abzockern und Macho-Typen die Kappe waschen. Sie haben es dringend nötig.
    (Quelle: ignoranz.ch)

    Die Kappe als Kopfbedeckung ist im ganzen deutschsprachigen Europa bekannt, nicht hingegen die Redewendung:

    *jemandem die Kappe waschen
    CH (Grenzfall des Standards) jemanden scharf zurechtweisen; jemanden den Kopf waschen: Ruth Dreifuss… wusch dem Freiburger ganz gehörig die Kappe (NZZ 5.3.1999,13)
    (Quelle. Variantenwörterbuch, S. 387)

    Es geht noch drastischer in der Formulierung:

    *sich [nicht] auf die Kappe scheissen lassen
    sich nicht als minderwertig behandeln lassen: Je älter ich werde, desto weniger lasse ich mir auf die Kappe scheissen. Amen (Tages-Anzeiger 12.9.1998,31)
    (Quelle: Variantenwörterbuch, S. 387)

    Da es sich hier ganz offensichtlich um ein Verb handelt, dass in der „Schriftsprache“ der Zeitungen weniger oft geschrieben wird, finden sich Belege dafür eher Leserbriefen oder Blog-Kommentatoren:

    na dann soll mir der herr rocket doch mal seine genialen vorschläge unterbreiten, wie er mit solchen chaoten umspringen will. wohl wie bisher? sich jedesmal auf die kappe scheissen zu lassen?
    (Quelle: www.blick.ch)

    Auch in Deutschland liebt man drastische Formulierung mit „Kappe“, so zum Beispiel die „Kappe kaputt“ haben:

    hast du was geraucht oder dich sonst irgendwie bedröhnt oder hast du nun tatsächlich die Kappe kaputt?

    (Quelle: stern.de)

    (2. Teil Morgen: Die Kappe ist auch ein Knust, Knäuschen oder Kanten)

    

    5 Responses to “Was die Schweizer gerne tun — Jemandem die Kappe waschen”

    1. Felix Says:

      hm.. müsste es nicht heissen: id chappe schiisse?.. auf die Kappe hab ich noch nie gehört.

    2. Phipu Says:

      Felix:
      Ich kenne tatsächlich auch eher „Du kannst mir in die Kappe scheissen“ in seinen Mundartversionen.
      Dieser Ausdruck kommt im untersten Kommentar dieses Links – allerdins mit etwas abenteuerlicher Dialektschreibseise – vor:
      http://www.blogwiese.ch/archives/237

      Man könnte nun philosophieren, ob eher Vögel gemeint sind, die „auf die Kappe scheissen“ oder hinterlistige Menschen, die sich freuen, wenn einer unbemerkt eine vollgekackte Kappe anzieht.

    3. AnFra Says:

      Von der Logik wird eigentlich nicht „in“, sondern „auf“ die Kappe geschissen!

      Historisch ist mit der „Kappe“ im Sinnspruch nicht eine Haube oder Mütze gemeint, sondern tatsächlich ein weiter Umhangmantel mit der zugehörigen Kapuze. Aber wenn man die gefüllte Kapuze mit den „in“ diess Haube gemachten Schitte aufs Haar setzt, ist es natürlich dann „in die Haare geschmiert“.

      Der Sinnspruch kann aus folgenden Gegebenheiten abgeleitet werden, da diese damals so genannten „Kappen“ als Umhangmäntel mit angebrachten Kopfhauben bei den Reisen von Angehörigen des untersten Standes, also dem gemeinen Volk, den Habenichtsen, Taglöhnern, Kleinbauern, Reisehändlern, Pilgern und auch von gewissen Mönchsorden, welche gezielt sich diesem niederen Stand zugehörig fühlten, getragen wurden. Denn der mittlere und der obere Stand hatte diese „Kappe“ nicht benötigt, da diese Großkopferten in Reisewagen jedwelcher Art und Typologie gefahren sind.

      Wenn z. B. im 19. JH in England die feinen Gentlemen sich mit geheimen Botschaften durch „Klub-Stöcke“ zum vereinbarten Treff im damals noch geheimbündischen und frauenfreien (ja, ja, die gute alte Zeit !) Club / Klub verabredeten und dann hinfuhren, konnten sie dies in feinem Tuch oder mit entsprechendem Reisemantel bei Kälte realisieren. Da sie demnach einen offenen oder geschlossenen Reisewagen benutzten, brauchte der Mantel keine Kopfbedeckung wie bei der Kappe. Der Herr hatte seinen Zylinder, nicht als Schutz gegen Vogelkacke, sondern als Statussymbol.

      Da bis zur Eisenbahnzeit die meisten Strassen von Bäumen gesäumt waren und die Trassierungen öfters als heutzutage durch Wälder führten, ergibt sich daraus folgende interessante Situation:
      – Wer keinen Reisewagen hat, ist den freien Naturkräften und den
      Einwirkungen der Vögel ausgeliefert.
      – Wer ohne den schützenden Reisewagen unterwegs ist, braucht einen
      Umhangmantel mit Kopfschutz.
      – Wer mit einem Reisewagen fährt benötigte keine Kappe.
      – Wer keinen Reisewagen hat, hat auch kein Geld und ist somit eindeutig
      Angehöriger des untersten Standes.
      – Wer nach langer Fußreise am Ziel ankommt, ist verschmutzt, unten an
      den Füßen sowie oben am Körper und Kopf.

      Aus dieser Konstelation ergibt sich eine wunderbare Fragestellung nach dem Reisenden durch den herrschaftlichen Aufgesuchten. Dadurch ist eine unzweideutige Zuordnung zu dessen Stand möglich.
      Frage durch den hochgestellten Besuchten: „Wie ist er denn so?“
      Antwort des Domestiken: „Er ist beschissen!“
      Danach waren weitere Fragen nicht mehr nötig!!! Die dadurch automatisch unterstellte niedere Herkunft war sofort erkennbar und dass er kein Mitglied der höheren Stände sein konnte.

      Um trotzdem erfolgreich vorgelassen zu werden oder sein Besuchsziel leichter zu erreichen, bliebt dem beschissenem Besucher nichts anderes übrig, als die Kappe (Umhangmantel) zu waschen.
      Die Aufforderung von Dritten, seine Kappe zu waschen, suggeriert bösartig die dadurch unterstellte niedere, unwichtige und unbedeutende Position.

      Da es Vögel nicht nur in der freien Natur gibt, muss man als Reisender und auch als Bürger auf der Hut sein, sich von „schrägen Vögeln, neugierigen Kiebitzen, diebischen Elstern, frechen Raben, dreisten Krähen, Dreckspatzen, Spottdrosseln, Würgern mit ihren speziellen Unterarten wie Raubwürgern und Fiskalwürgern, Wendehälsen, Aasgeiern und anderen Galgenvögeln“ bescheißen zu lassen.

    4. Phipu Says:

      Aha, bei AnFra hat mein Stichwort „philosophieren“ wieder mal gewirkt. Aber auch umgekehrt angestachelt, denn hier kommt noch meine Überlegung zu seinen Aussagen. Nicht alles ist auf meinem Mist gewachsen. Gar manche Zeilen stammen aus Grimms Wörterbuch.

      Es ist sprachlich naheliegnd, dass die Kappe historisch die „Kapuze“ meint. Und dass die unzertrennlich mit dem „Umhang“ verbunden ist, sieht man in Fremsprachen (z.B. frz., engl. „cape“) und auch in Grimms Wörterbuch, wo der Verweis auf den lateinischen Ursprung gegeben ist. Da findet man nun eben alle Sinne als Überwurf mit und ohne Kapuze, Hinweise auf die Narrenkappe, und ab Eintrag 5) dann: „Kopfbedeckung allein, ursprünglich nur der dütenförmige überwurf an der kutte für den kopf, der röm. cucullus, capuchon, kappenzipfel (auch zeckel sp. 189)“

      Und eben heute meint eigentlich niemand mehr „Kapuze“, wenn er/sie von „Kappe“ spricht, sondern das norddeutsche „Mütze“. Genau so nennt es auch schon Grimms Wörterbuch: „besonders das hausmützchen, das anderwärts käpsel heiszt, käpplein, käppel. übrigens ist in Mittel- und Norddeutschland mütze gebräuchlicher, kappe hauptsächlich süddeutsch, vgl. z. b. TOBLER 90a, SCHMELLER 2, 314. allgemeiner die bergkappe des bergmanns“

      Deshalb bleibt beim „jemandem die Kappe waschen“ in der Vorstellung heute eher das Bild einer „Wollmütze“, die (mit höchstens 30°C in der Maschine oder von Hand) gewaschen werden muss. Denn ohne präzisierenden Zusatz ist eben genau das eine „Kappe“ nach Dialektverständnis. Es gibt dann natürlich noch die „Dächlikappe“ (Baseball-Cap), Das „Schletzer-Chäppi“, aber das ist ja alles der Mode unterworfen.

      Eben auch der Diminutiv findet sich in Grimms Wörterbuch, „das Käppi“:
      „KÄPPI, n. schweiz. demin. zu kappe, als soldatische kopfbedeckung oder bei bürgerwehren in eigner form hin und wieder (seit den dreisziger jahren) auch in Deutschland gebräuchlich: wie der soldat in allen lagen .. die hand an tschako, helm oder käppi legt, wenn ein offizier vorübergeht. GOTTHELF 3, 281“

      In Frankreich heisst der steife Polizistenhut übrigens heute noch „le képi“! Ansichtsbeispiel hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Louis_de_Fun%C3%A8s . Wer nun wem das Wort abgeschaut hat, bedarf einer weiteren Untersuchung.

      Machen wir aber bei Grimms Einträgen zu „Kappe“ weiter. Es folgen nun eine Reihe Sprichwörter:
      „daher das will ich wol auf meine kappe nehmen, ich werde es zu verantworten wissen, ich trage die folgen: ich nehms auf meine kappe

      Daher mag es kommen, dasz kappen durch einen sprung auch die schläge selbst bedeutet, oder milder verweise, zurechtsetzung, vgl. das zeitwort kappen sp. 197 unten; besonders beim narrentreiben war anlasz zu dieser redensart. geradeso sind wamse auch die prügel selbst (vgl. auch schlappe haube und schlag).

      einem eine kappe geben, dasz er sich umdreht. teutsche sprichw. 146a bei FRISCH, der es anders erklärt: ‚kappen, schläge an den kopf, dasz die kappe herab fällt, mit fäusten oder im krieg‘; elsässisch ohrenkappe ohrfeige, vgl. dötschkappe. ein kappen geben, versetzen colaphum dare, er hat ein kappen darvon getragen vulneratus abiit.

      einem etwas auf die kappe geben, wie auf die mütze (s. auch haube), scherzhaft beschönigend für schlagen, wie wamsen, durchwamsen, in dem auch scherzhaft das kleid, nicht der mensch die schläge erhält (‚einem den rock auf dem leibe ausklopfen‘); nd. enem wat up de kappe geven brem. wb. 2, 735. bern. eim d’chappe chere, objurgare aliquem FROMM. 2, 370b, dem entsprechend d’chappe reiche, ire acceptum censuram das., die kappe hinhalten zum ausklopfen; schles. einem die kappe waschen. auch lausen, wie die kolbe lausen“

      Da stand oben das Berndeutsche „eim d’Chappe chehre“. Versucht mal den schönen Stabreim mit heutigem Standarddeutsch „jemandem die Mütze wenden“ (wie man es auch immer kehrt und wendet, man landet immer auf der Blogwiese: http://www.blogwiese.ch/archives/3 )

      Und, oh Wunder, habt ihr das gelesen, da steht doch tatsächlich „schlesisch:“ (das ist meines Wissens so deutsch, dass es schon fast wieder tschechisch ist; aber sicher nicht schweizerisch!) „einem die Kappe waschen!“

      Also, liebe Deutsche (und besonders Dudenredaktoren), braucht eure eigenen Sprichwörter wieder selber und stellt sie nicht immer alle als „schweizerisch“ und in diesem Sinne „ = veraltet“ hin.

    5. AnFra Says:

      @Phipu

      Deinen Ausführungen ist zuzustimmen, aber meine engere Fixierung der „Kappe“ bezieht sich wie man leicht erkennen kann auf die embryonale Zeit der Entstehung des Sinnspruches, die sicherlich und auch mindestens in der Frühgotik, also ca. 11.-12. JH, anzusetzen ist.

      Wenn diese Betrachtung auf diesen Zeitraum konzentriert wird, kann man sauber den hier besprochenen Sinnspruch logisch und sinnerschließend ableiten.
      Natürlich ist die von dir beschriebene Kappe / Mütze (…..handgestrickt aus Ökowolle und mit naturbelassenen Färbstoffen bei Vollmondnacht von einer Jungfrau gefärbt…..und nur bei 30 Grd. waschbar…..) ein öko-soziologisches Ding der heutigen Zeit, aber auch ein Gegenstand der realen Zeit nach dem Mittelalter. Denn nur aus diesen Zusammenhängen kann man den gemeinten Sinnspruch der beschissenen Kappe ableiten, erkennen und inhaltlich begreifen. Sicherlich sind etliche Sinnsprüche nach der Trennung der Kapuze von der Kappe (Mantel) entstanden. Also nach der Zeit, als die Mütze vom Mantel gekappt (abgeschnitten) wurde.

      Zu den Br. Grimm nach ein Nachtrag: …..KAPPE: pallium (= palliata = pallion = griech. Mantel od. Überwurf im griech. Schauspiel), toga (Gewand in der röm. Komödie), cucullus: lat. (spitze) Tüte für die „Kapuze“. Vergleiche auch das alem. „Gugele“.

      Habe beim L. Mackensen gefunden: KAPELLE: mhd. kap(p)elle, kappel, ahd. chap(p)ella, aus mlat. „capella“ für Mäntelchen. Zunächst aus Mantel des Hl. Martin von Tours (ist altfrk. National-Reliquie), dann der Aufbewahrungsort in einer Kirche, danach (ab ca. 800 n. Chr.) jeder kleine zum Gottesdienst genutzter sakraler Raum ohne einer eigenen Pfarrstelle.

      Bemerkung zum Hl. Martin: Er wird ein Mantel ohne einer Kapuze getragen haben, da er als röm. Soldat / Reiter einen Helm mit Kopfputz genutzt haben wird. Deshalb kann sein Mantel eigentlich nur ein römisch-griech. Reitermantel „Chlamys“ gewesen sein.

      Eine auf die heutige Zeit bezogene Ableitung der Kappe als einzelne Kopfbedeckung kann man sicher schwerlich erkennen. Das auch noch in den heutigen beschissenen Zeiten, wenn über uns die Pleitegeier kreisen und die Galgenvögel geduldig lauern.
      Da sich diese schrägen Vögel die Wampe mit Finanz-Aas, Aktien-Seich, Derivat-Kadavern, faulen Insider-Innereien und giftigen Investitions-Ködern vollgehauen haben, kann man sich auf noch auf eine noch beschissenere Zukunft durch das bald folgende Kacke-Bombardement einstellen.

      http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:StFrancis_part.jpg&filetimestamp=20060909231945

      http://de.wikipedia.org/wiki/Kapuziner

      http://de.wikipedia.org/wiki/Cucullus Hier das Bild des Benediktiners mit seiner „Kappe mit Cucullus“ beachten.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Gugel_(Kleidung)

      http://de.wikipedia.org/wiki/Cappuccino

      http://de.wikipedia.org/wiki/Kapuze

      http://de.wikipedia.org/wiki/Mütze Hier: …..“Im Arabischen bezeichnet al-musta-kah einen Pelzmantel mit langen Ärmeln. Daraus entstand das Wort almutia, womit ein Kapuzenmantel der Mönche gemeint war. Im mittelalterlichen Deutsch nannte man die Kapuze selbst almuz, was schließlich zu Mütze verkürzt wurde“…..

      http://de.wikipedia.org/wiki/Chlamys_(Mantel)

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