Wer sollte Schweizerdeutsch lernen? — Sprachen lassen sich schlecht vorschreiben
Februar 6th, 2009(reload vom 20.3.06)
Wir meinen, man sollte sein „Hörverständnis“ trainieren, in dem man aufmerksam Radio hört, den Wetterbericht bei Meteo oder Tele-Züri (mit der bezaubernden Jeannette Eggenschwiler, sie moderiert derzeit übrigens hochschwanger) anschaut und sich die ein oder andere CD von Mani Matter und anderen Sprachakrobaten auf Mundart reinzieht. Als Deutscher in der Schweiz sollte man gleichzeitig die sprachlichen Varianten verstehen lernen, die es im Deutschen Sprachraum gibt, und sie als Bereicherung annehmen. Wer als Deutscher sowieso aus dem alemannischen Sprachraum stammt, wird auch mühelos eine lokale Variante des Höchstalemannischen lernen können.
Der letzte Nationalstaat, der sich in aktiver „Sprachpolitik“ und „Bereinigung des Vokabulars“ versuchte, war Frankreich zur Zeit der Klassik. Radikal wurden alle Dialekte unterdrückt und aus dem offiziellen Wortschatz der „Académie française“ verbannt. Was hat es genützt? In allen Gegenden Frankreich werden weiterhin lokale „Patois“ gesprochen. Diese Dialekte sind vielleicht nicht so ausdifferenziert wie in der Schweiz, aber dennoch existent.
Zum Glück lässt sich Sprache nicht normieren, und auch nicht politisch steuern. Dialekt wird auch nicht aussterben, wenn Kinder Hochdeutsch als zweite Sprachvariante lernen und praktizieren. Dialekt hat 1.000 Jahre überlebt und wird weiterbestehen, vielleicht nicht mehr in der ganzen Vielfalt an Ausdrücken, aber mit dem gleichen Lautstand wie vor 1.000 Jahren.
Ein ganz seltenes Beispiel für Sprachpolitik, die tatsächlich erfolgreich war, fand nach der Reichsgründung 1871 statt:
Die deutschnationale Euphorie der Reichsgründung 1871 bietet die Gelegenheit, staatliche Hoheitsgebiete auch sprachlich neu zu regeln. So feiert die Ersetzung von Fremdwörtern im Post- und Eisenbahnwesen Erfolge auf breiter Front. Aus Kuvert wird Briefumschlag, aus Telephon Fernsprecher, aus Velo Fahrrad, aus Korridor Gang, aus Billet Fahrkarte, aus Automobil Kraftfahrzeug, aus Coupé Abteil oder aus Perron Bahnsteig. Die Kopie wird zur Abschrift, die Pension zum Ruhegehalt. Insgesamt 1.300 Fachbegriffe werden allein im Bau- und Verkehrswesen eingedeutscht, behördlich angeordnet.
(Quelle: tu-chemnitz.de)
Das ist bis heute der Grund, warum man in der Schweiz „Velo“ und nicht Fahrrad sagt! Natürlich gab es zahlreiche weitere Anstrengungen in Deutschland, die sogenannten „Fremdwörter“ einzudeutschen. Die zitierte Quelle bietet einen guten geschichtlichen Überblick über Erfolg und Misserfolg dieser Bemühungen. Nur wir Deutsche sprechen auf der Welt von „Fremdwörtern“, für die Engländer und Amerikaner sind dies einfach „hard words“, die schwer zu verstehen sind, aber niemals „fremd“.
Da die Schweizer also um 1871 diese Sprachpolitik des Deutschen Reiches nicht mitmachten, hielten sich so viele französische Lehnwörter im Alltag. Auch der Süddeutsche Raum mit Schwaben und Baden tat sich schwer mit diesen Eindeutschungen. Dort ist bis heute das „Billetle“ und das „Portemonnaie“ üblicher Teil des Dialekts.

