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Keine Chance in Bern ohne Schweizerdeutsch

  • Wer sollte eigentlich Schweizerdeutsch lernen?
  • Ein ehemaliger Banker aus Lausanne erzählte uns, dass er mit guten Hochdeutsch- und Englischkenntnissen nach Zürich kam, um hier zu arbeiten. Keine drei Wochen hat es gedauert, bis man ihn aufforderte, einen Vortrag doch bitte auf Schweizerdeutsch zu halten. Er musste es lernen, in der Migros-Clubschule, um beruflich mithalten zu können.

  • Englisch als „neutrales Gebiet“
  • Eine Mitarbeiterin einer Schweizer Grossbank berichtete uns, dass die Gespräche zwischen Westschweizern und Deutschschweizern an ihrem Arbeitsplatz in der Bank mittlerweile fast nur noch auf Englisch abgehalten werden, das wäre „neutrales Gebiet“ für alle.

  • Wenn alle Französisch sprechen
  • Ein Deutschschweizer, der bei einer Firma mit Hauptsitz in Genf arbeitet, erzählte uns von Sitzungen, bei denen alle anwesenden Deutschschweizer der verschiedenen Zweigstellen zwei Stunden lang miteinander auf Französisch diskutierten, nur weil ein Genfer ohne Deutschkenntnisse mit im Raum sass. Im Rausgehen nach der Sitzung wurde dann der Termin für das Folgetreffen auf Schweizerdeutsch abgemacht unter den Teilnehmern. So einfach geht das, wenn man sich zukünftige Mühen ersparen möchte.

  • In Bern läuft nichts ohne Deutsch und Schweizerdeutsch
  • Tatsache ist, dass man in der Schweizer Bundespolitik in Bern nicht sehr weit kommt ohne gute Deutschkenntnisse:

    „Wer aus dem Tessin kommt und nicht wirklich gut Deutsch kann“, bestätigt eine Tessinerin aus einem anderen Departement, „wird in Bern nicht Karriere machen können.“
    Dazu passt, was viele als Symptome einer schleichenden Verdeutschung erleben. Zwar würden deutschsprachige Dokumente übersetzt, nur kämen die Übersetzungen manchmal zu spät oder seien unvollständig, also müsse man sich ans Original halten.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 8.03.06 S.4)

    Doch es geht noch weiter. Leider ist es schon lange nicht mehr so, dass gute Hochdeutschkenntnisse für die Welschen und Tessiner ausreichend sind:

    Wer ausserdem nicht Dialekt verstehe, bleibe von allem Inoffiziellen ausgeschlossen, bei dem oft das Wichtigste besprochen werde. In den Kommissionen sprächen 90 Prozent aller Experten nur Deutsch, klagen lateinische Parlamentarier. Wer seine Fragen bloss auf Französisch formuliere, werde übergangen So drohen die Minderheiten zu Opfern ihrer Sprachkompetenz zu werden. Je besser ihre Vertreter Deutsch können, desto leichter fällt ihnen der Aufstieg – und desto schwerer fällt er anderen.

    Fazit: Nicht nur Deutsche in der Schweiz haben mit der Dialektwelle zurecht zu kommen. Für die anderen Minderheiten ist es harter politischer Alltag, ob sie Schweizerdeutsch können oder nicht.

    

    17 Responses to “Keine Chance in Bern ohne Schweizerdeutsch”

    1. tin Says:

      Ich habe schon so oft sehr gute Erfahrungen mit der Konvention gemacht, dass jeder (an einer Sitzung z.B.) in seiner Muttersprache spricht. Die Idee dahinter ist, dass man eine Fremdsprache viel eher versteht, aber grössere Mühe mit dem Sprechen hat.

    2. Phipu Says:

      Hallo Jens
      Kam mir doch bekannt vor, dieser Artikel, als würde es sich um einen Reload handeln. Und richtig, es ist einer, nur steht der Hinweis nicht dabei.
      http://www.blogwiese.ch/archives/217
      (Der Hinweis auf den Reload steht aber nun beim Originaleintrag. Bitte diese Zeile an den richtigen Ort zügeln).

    3. Thomas Says:

      Jens, du mogelst du ein bisschen. Die Zitate sind „Zwar würden deutschsprachige Dokumente übersetzt“ und „In den Kommissionen sprächen 90 Prozent aller Experten nur Deutsch, klagen lateinische Parlamentarier. Wer seine Fragen bloss auf Französisch formuliere, werde übergangen“ und du machst daraus ne Dialektwelle. Dabei ist aber die Standardsprache gemeint.
      Auch ein Deutschschweizer Parlamnetarier muss, um wirklich erfolgreich sein zu können, entweder F oder I können. Das ist bei den Romands ergo genau gleich, einfach mit unterschiedlichen Vorzeichen. Was mir aber in den letzten Jahrzehnten auffällt ist, dass die Sprachbarrierer grösser und nicht kleiner geworden ist. Dabei dürfte auch der englishboom mitspielen. Oder vielleicht hat sich die Deutschschweiz seit den 80gern als die Medien geöffnet wurden, durch den Konsum von PrivatTV und ähnlichem mehr auf Deutschland zu bewegt?

    4. Giorgio Girardet (uertner) Says:

      Eine deutsche Kollegin erklärte mir mal, mit einem schwäbischen Dialekt oder Platt, sei man/frau in Deutschland aufgeschmissen. Sie habe sich ihren Dialekt abtrainieren müssen, um sich fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Das Phänomen gibt es überall. In der Schweiz gilt nun einfach, dass nur wer mit einem schweizerisch geprägten Hochdeutsch spricht, oder, besser noch, einen (verständlichen) Dialekt Chancen hat in der Deutschschweiz sich Gehör zu verschaffen. Gerade hat Jean-Martin Büttner das Phänomen am SP-Chef Levrat aufgezeigt. Der Mann spricht ein gutes Deutsch, vielleicht gar ein paar Brocken Dialekt. Aber die Säle gewinnt er in der Romandie, während er namentlich am Fernsehen Mühe hat „rüberzukommen“.
      Lieber Jens, wie haben nie behauptet, dass unser föderales „Staatskunstwerk“ einfach zu bedienen ist. Gerade aus solchen Gründen war es früher in „guten Familien“ üblich die Mädchen in ein Haushaltjahr in das andere Sprachgebiet zu schicken oder den Sohn in der anderen Landessprache studieren (oder auch Militär machen) zu lassen. Nur durch eine Sprachkompetenz, die an die Bilingualität grenzt ist eine erfolgreiche Karriere in der Schweizer Politik möglich. Gerade Deutsche Spitzenmanager die perfekt Französisch sprechen haben es ja in der Schweiz zu ansehnlichen Postiionen gebracht.
      Gänzlich schwachsinnig aber scheint es mir einem welschen Mitarbeiter in einer Schweizer Firma ein Referat auf Dialekt abzuverlangen. Dies ist nun ebenso idiotisch wie diese einfältige Dialekt-Meteorologie im Staatsfernsehen.

    5. cocomere Says:

      Ich verstehe nicht, dass Herr Wiese immer versucht, einen zwischen Westschweiz und Deutschschweiz zu schieben. Schuldig sind natürlich immer die Deutschschweizer mit ihren unsäglichen Dialekten.
      Nur so zur Ergänzung: Es gibt in Bundesverwaltungen auch Abteilungen, wo in erster Linie Französisch gesprochen wird (z.B. im Aussendepartement).
      Zudem muss man auch sagen, dass in den mehrheitlich französischsprachigen Kantonen Freiburg, Wallis und Jura die deutschsprachige Minderheit genauso Französisch sprechen muss um politisch Gehör zu finden.
      Es gibt in der Schweiz nicht nur eine lateinische Minderheit. Es gibt je nach Ort auch deutschsprachige Minderheiten und lateinische Mehrheiten. Ich würde mal sagen, dass es die Schweizer gut schaffen, diese Probleme zu bewältigen und sie keine Lektionen mehr gebrauchen.

    6. cocomere Says:

      einen Keil natürlich 🙂

    7. alex Says:

      Bin ich hier jetzt die Einzige, die über „lateinische Parlamentarier“ staunt? Ist mit „lateinisch“ vielleicht „romanischer Ursprung“ gemeint? Ich bitte um Hilfe!

    8. Simone Says:

      Wie es sich speziell in Bern verhält, wenn man zunächst „nur“ Hochdeutsch kann, da kann ich nicht mitreden. Speziell rund um den Zürcher Finanzmarkt ist die aktive Beherrschung eines Dialekts jedoch erwünscht. Das wurde schon von mehreren Seiten an mich herangetragen. Auch im Vertrieb ist aktives Schweizerdeutsch nicht nur erwünscht, sondern häufig auch Bedingung für eine Anstellung.

      @Giorgio:
      Ich habe schon „höhere Söhne“ aus Schweden erlebt, die in die Schweiz zum Deutschkurs geschickt wurden. Das widersprach der Aussage einer Kollegin, es kämen während der Schulzeit nur wenige Austauschschüler in die Deutschschweiz, die Abwanderung läge hier deutlich höher.

    9. Bea Says:

      Ich finde diesen Blog absolut wertvoll und gut, aber nun doch eine Frage:
      Warum sind in einem Blog, der die Deutsche Sprache und ihre Varianten zum Thema hat, die „Infos“ in Englisch gehalten? Ich wundere mich ein wenig. Zum Beispiel steht da:
      „This entry was posted on Friday, February 6th, 2009 at 12:05 am and is filed under Schweizer Alltag. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can skip to the end and leave a response. Pinging is currently not allowed. “
      Wir sind bekanntermassen im D-A-CH-Raum und da wird ja eigentlich Deutsch gesprochen.
      Ich bin etwas irritiert und grüsse schweizerisch herzlich Bea

      [Antwort Admin: Das liegt ganz einfach daran, dass diese Blog mit einer Software betrieben wird, die es zur Entstehung des Blogs nur auf Englisch gab. Heute gibt es von WordPress auch eingedeutsche Versionen. Da für mich die verwendete Technik des Blogs nie im Mittelpunkt stand, sondern ich stehts lieber um den Content, sorry, den „Inhalt“ kümmerte, blieb ich bei der englischen Fassung. Ausserdem gibt es auf der Blogwiese gelegentlich auch Postings auf Französisch, darum ist es ganz praktisch, Englisch als „neutrale Betreibersprache“ zu behalten die von den Westschweizern ebenfalls bedient werden kann. Meinen etwas jüngeren Reiseblog „Londonblog.ch“ habe ich ganz mit der deutschen Version der Bloggersoftware „WordPress“ erstellt. ]

    10. alex Says:

      Ist meine Frage zu blöd?

    11. Guggeere Says:

      @ alex
      Nein, deine Frage ist ganz und gar nicht blöd.
      Deine Vermutung stimmt: Das Adjektiv «lateinisch» kannst du auch verwenden für etwas, was zu einer romanischen Sprache gehört. Wenns dabei um Menschen geht, sind all jene mit romanischer (d.h. vom Latein her stammender) Muttersprache gemeint. Schriebe aber jemand in der Schweiz von «romanischen Parlamentariern», was streng genommen korrekt wäre, würde das zunächst von fast allen Lesern missverstanden, da im Alltag «romanisch» das gebräuchliche Kurzwort für «rätoromanisch» ist.
      Du kennst sicher den Begriff Lateinamerika, der alle Länder Amerikas umfasst, in denen die Hauptsprache Spanisch, Portugiesisch oder Französisch ist. Und wenn etwa ein Fussballspieler aus dem Tessin während eines Spiels wegen einer Unbeherrschtheit die rote Karte gezeigt bekommt, wird ihm von Deutschschweizer Sportkommentatoren bald einmal nachgesagt, er könne halt sein lateinisches Temperament nicht zügeln. Letzteres ist angeblich nicht in allen Situationen immer nur negativ: Vielleicht kennst du das englische Fremdwort «Latin Lover» (lateinischer Liebhaber), im Rechtschreibduden definiert als«feuriger, südländischer Liebhaber»…
      …Ist mir soeben eingefallen: Weiss jemand genauer, was «lateinische Zehrung» ist? Muss irgendwas zu tun haben mit «gratis wohnen und essen».

    12. Phipu Says:

      An Alex

      Vielleicht bist du wirklich der einzige Staunende, denn niemand scheint sich am „Lateinisch“ zu stossen, weil diese Zusammenfassung der nationalen Sprachen Französisch, Italienisch, Rätoromanisch hierzulande so üblich ist. Siehe dazu: http://www.helvetia-latina.ch/de/intro_de.htm

      Übrigens spricht in Lateinamerika auch niemand als Muttersprache lateinisch, sondern in den meisten Ländern ist dies Spanisch und im grössten davon Portugiesisch, beide Sprachen mit ebendiesem lateinischen Ursprung.

      „Politiker und Kader der Bundesbetriebe romanischen Ursprungs“ ist für den Textfluss etwas zu lang und kann dazu verleiten, dass man nur an die heute noch und eben besonders in unserem Land unter diesem Namen existierende Sprache „(Räto-)Romanisch“ denkt.

      Reicht das als erster Gedankenanstoss auf deine Frage?

      Gruss

      Phipu

    13. alex Says:

      Hallo Guggeere und Phipu,
      die Bedeutung des Begriffs „Lateinamerika“ hatte ich vollständig verdrängt und übersehen und da ich ansonsten aus meiner Schulzeit Latein als tote Sprache kannte, habe ich eben gestutzt. Der „Latin Lover“ war mir schon ein Begriff, aber ansonsten scheint allein das Wort „Latein“ in der Schweiz hie und da ein wenig anders belegt zu sein, auch flüssiger gebraucht. In meinem persönlichen Umfeld ist es eher hilfreich, mir andere Sprachen oder eben Fremdwörter zu erschließen. Danke für’s Aufdröseln
      …und „alex“ meint hier: „alexandra“!

    14. Phipu Says:

      Also dann, Korrektur: „DIE einzige Staunende“

    15. alex Says:

      ;D

    16. Phipu Says:

      Hallo Alex,

      Bin zufällig auf untenstehenden Link gestossen. Die entsprechende Diskussion hat sich zwar jetzt erledigt, aber unsere Erklärungen zur „lateinischen Schweiz“ hätten auch innerhalb der Blogwiesen-Einzäunungen ein Müsterchen gefunden:
      http://www.blogwiese.ch/archives/551

    17. ch.Walter Says:

      Lateinische Zehrung: Ein befreundeter Germanist brachte mich auf die Spur:
      Die fahrenden Scholaren gingen v.a. die Klöster und die Pfarrherren um Kost und Logis an. Die erhielten sie auch, mussten aber dafür am Tisch lateinisch sprechen, was ihnen wohl nicht immer leicht fiel. (vgl. Lutz Röhrich: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten).
      Siehe auch: Ulrich Bräker, Tagebuch S. XXII: „…dass ich meist auf lateinische Zehrung reißen kann – machens doch die Herren Pastores auch so“. und
      Seite 458: „…ein bisgen auf lateinische Zehrung reißen zu können, wie die herren geistlichen“.

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