Hinterüggsli gegen die grosse Wumme — Ein Text von Tom Zürcher

September 23rd, 2008
  • Man textet deutsch
  • Der Werbetexter Tom Zürcher schreibt unter dem Titel „Man textet deutsch“ eine wunderbare Analyse über das komplizierte Deutsch-Schweizer Verhältnis, besonders in der Werbebranche. Der Beitrag erschien in der Spezialausgabe des „Werbespalters“ (in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Satiremagazin „Der Nebelspalter“) und verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Der vollständige Beitrag ist hier online zu finden:

    Hinterüggsli gegen die grosse Wumme (von Tom Zürcher)
    Ich bin Schweizer und heisse auch so, fast. Ich bin gerne Schweizer, es ist ein schönes Land. Man darf nur nicht zu laut sein, weil, es ist ein kleines Land und wenn da jeder laut wäre, würden wir alle einen Ohrenschaden kriegen. Ich bin nicht laut. Meine Freunde sind auch nicht laut. Meine Nachbarn sind nicht laut, die Kinder meiner Nachbarn sind nicht laut, niemand ist laut.
    Ausser die neuen Texter in der Agentur, die sind furchtbar laut. Weil, sie kommen aus einem grossen Land im Norden und dort muss man laut sein, um gehört zu werden. Oder sie sind laut, weil sie einen Ohrenschaden haben. Irgendeinen Schaden müssen sie haben, denn: Sie sagen, was sie denken. Das ist nicht normal. Das geht nicht. Wo kämen wir da hin, wenn jeder sagen würde, was er denkt? Das gäbe Streit, fürchterlichen Streit, und da man nicht leise streiten kann, sondern nur laut, hätten wir in der Schweiz bald alle einen Ohrenschaden. Drum sagen wir Schweizer nicht, was wir denken. Drum gibt es keinen Streit. Drum ist es ein schönes Land.
    (Quelle: Für dieses und alle weiteren Zitate werbespalter.jimdo.com)

    Prägnant und nachvollziehbar auf den Punkt gebracht! Nicht sagen, was man denkt, nicht laut sein. Streit vermeiden. Und schon ist es ein schönes Land. Wunderbar.

    Als der erste neue Texter aus dem grossen Land zu uns kam, kam er gleich im Rudel. Wir Schweizer Texter konnten bei dem Krach nicht mehr texten. Wir dachten: Was ist unser CD für ein Fudiloch, dass er solche Schtürmicheiben einstellt! Wir sind dann hin zu ihm und haben gesagt: Chef, die sind prima, die Neuen, die bringen einen prima Schwung in den Laden. Leider sind sie ein bisschen äh laut, und … unser CD zuckte zusammen. Laut? Das geht nicht. Wo kämen wir da hin. Er beschloss, die neuen Texter müssten fortan im Keller texten, wo sie niemanden stören können ausser die in der Cafeteria, aber dort sitzen eh nur die neuen Texter, weil die Schweizer Texter arbeiten und sitzen nicht in der Cafeteria herum. Leider sind die Neuen nicht einverstanden gewesen mit dem Keller-Plan, sie haben protestiert, laut protestiert, so dass nun wir Schweizer Texter im Keller hocken. Aber es geht nicht schlecht. Wenn nur die in der Cafeteria sich etwas zurückhalten würden. Wir müssen es ihnen noch sagen.

    Nun, jeder der in der Schweiz arbeitet, wird die Wichtigkeit der „sNüni-Pause“ und des gemeinsam getrunkenen Kaffees mitten in einer langen Verhandlung kennen. Man sitzt nicht lange rum, in der Cafeteria, aber keine Verhandlung beginnt ohne vorher einen Kaffee zu trinken oder wird fortgeführt ohne zwischendurch das Stehcafé aufzusuchen. Ist auch eine Form von Arbeit.

    Die neuen Texter aus dem grossen Land reden nicht nur lauter, sie schreiben auch lauter – massiv lauter. Ihre Schlagzeilen erschlagen einen, und ihre Copytexte sind wahres Copygebrüll. Das wurde allerdings erst nach Ablauf der Probezeit ruchbar, denn vorher waren sie zu sehr damit beschäftigt, sich in der Cafeteria einzuleben. Den ersten Text, den wir von ihnen bewundern durften, hatten sie gleich zu dritt erarbeitet: eine Schlagzeile für ein Käseplakat. Selbstbewusst präsentierten sie sie der ganzen Agentur, trommelten alle im Plenarsaal zusammen und zeigten ihr Werk.
    Es waren nur drei Worte. Eigentlich optimal für ein Plakat. Die Zeile hiess: Voll die Wumme!

    Bleibt zu fragen, ob jeder Schweizer eine bildliche Vorstellung von diesem Gegenstand hat. Was ist eine Wumme? Die „Wümme“ ist ein Flüsschen bei Bremen, aber eine Wumme? Google hilft, und liefert prompt dieses hübsche Bild

    Die Wumme
    (Quelle Foto: waltavista.de)

    Auf einer Baustelle gilt das Wort „Wumme“ auch als Synonym für einen grossen Vorschlaghammer. Eine „Wumme“ ist also auch ein „Hammer“, mit dem man voll rein schlagen kann.

    Wir waren alle erschlagen, einschliesslich der CD, dem wir ansahen, was er dachte: Was hab ich da bloss für Texter geholt. Sagen tat er: Bravo! und Wummie!, er klatschte in die Hände, und wir andern klatschten ebenfalls. Die ganze Agentur klatschte, alle ausser diejenigen neuen Texter, die nicht an der grossen Wumme beteiligt waren. Die pfiffen und schrieen Buu!, Buu! Auch so etwas, das wir von ihnen lernen konnten: Sich bei internen Präsentationen gegenseitig fertig zu machen. Keine Idee ist gut, ausser sie kommt von einem selber. Das geflügelte Wort bei solchen Anlässen heisst: Gabs schon! Noch bevor man die Pappe umgedreht hat, röhrt und gurgelt es: Gabs schon. Das blockiert natürlich den Ideenfluss ungemein. Was kann ich dafür, dass jede grosse Idee vom grossen Land schon gehabt worden ist? Unser CD versuchte dann, den Neuen ihre Gabsschon-Rufe auszutreiben. Indem er zu ihnen sprach: Er fände es gut, dass sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg zurückhalten, und ob wir nicht eine Zettelbox einführen wollen, um diesen befruchtenden Meinungsaustausch auf schriftlicher Basis zu standardisieren. Gabs schon!, brüllten sie, denn die Zettelbox war im grossen Land bereits 1980 in der Kreation von Schall & Frenetisch eingeführt worden.

    Zurück zum Käseplakat: Das war noch nicht gegessen. Denn als der Agenturchef am nächsten Tag die Wumme sah, konnten wir hören, wie er dachte: Das gibts doch nicht. Er stand da und nagte an seiner Unterlippe. Die Neuen wollten wissen, was er denke, aber er schwieg beharrlich, so dass sie sich an die Beraterin wandten: Gefällt ihm unser Knack etwa nich? Die Beraterin, eine erfahrene Werberin, warb für Verständnis: Wie sollen wir das denn der Käserei verkaufen? Ihr Käse ist noch nicht reif für so einen lauten Auftritt. Das ist ein kleines Dorf, kleiner und leiser noch als die Schweiz. Da mach dich mal nich in Hemp. Det verkoofemer den Daddlduus gleich selpst!

    Eine interessante Verschriftung von Berliner Dialekt. Lautete nicht die Grundregel „Schreibe als Deutsche niemals etwas auf Schweizerdeutsch ohne einen Schweizer zuvor um Rat zu fragen!“. Tom Zürcher hat da beim Berlinerisch weniger Hemmungen.

    Gesagt, getan. Die neue Delegation reiste in die Berge und kehrte lachend zurück, denn sie hätten den Melkern und Sennen nicht nur das Plakat aufgeschwatzt, sondern auch gleich noch einen passenden Radiospot dazu, einen lauten Jodlerrap mit noch lauterem Refrain: Det wummt, det wummt, det wummt wummt wummt!

  • Hinderüggsli muss man kennen
  • Der geneigte Schweizer Leser ahnt, was jetzt kommt: Die Wumme kam nicht. Die Käser riefen, kaum waren die Neuen aus dem Schatten ihrer Berge verschwunden, den Agenturchef an und bestellten eine neue Kampagne. So konnten die Neuen auch mal etwas von uns lernen, nämlich die Bedeutung des lustigen Wortes hinderüggsli. Mag sein, dass sie diesen Schweizer Wesenszug als böse und gemein empfinden. Aber das ist es nicht. Hinderüggsli ist nichts anderes als die Überlebensstrategie eines kleinen, leisen Landes im Kampf gegen die grosse, laute Invasion.

    Ist das eine echte Schweizer Verteidigungsmethode? Hinderügglsi zu agieren? Tom Zürcher meint ja:

    Wir Schweizer sind Naturtalente im Hinderüggsli. Das ist genetisch bedingt. Unser Nationalheld hat den Gessler von hinten erschossen, also hinterrücks. Ich bin auch gut im Hinderüggsli. In den Gängen der Agentur schwärme ich von Günther Netzer und Karlheinz Rummenigge, und im stillen Kämmerchen bzw. Kellerchen schreibe ich diesen Artikel. Was solls. Es können nicht alle laut und bis ins Steissbein von sich überzeugt sein, es braucht auch ein paar Schweizer auf der Welt.

    Hinterügglsi“, für die Leser aus Deutschland muss ich da noch erklären, ist „Hinterrücks“ oder „Hinter dem Rücken“. Das Schweizer Gegenteil der Deutschen „Direktheit“. Wie der Autor schon sagt: Hinter dem Rücken für Deutschen Fussball schwärmen, oder beim Zettelschreiben in der Waschküche seinen Namen vergessen. Oder bei der geplanten Wiederwahl eines Bundesrats einfach einen „Sprengkandidaten“ aus dem Hut zaubern. Hinterügglsi in Perfektion.

    Die Katastrophensprache Hochdeutsch wird ausgeblendet — Neues aus dem Zürcher Tramalltag

    September 22nd, 2008
  • Jetzt kommt die Warnmeldung auf Hochdeutsch
  • Der Klang von Hochdeutsch hat für für Schweizer Hörer immer einen „offiziellen“ Charakter, für Ankündigungen auf dem SBB-Bahnsteig der sonst ein Perron ist, oder für Staumeldungen auf der Autobahn in Richtung Gotthard und Tessin. Wenn der Spreche ins Hochdeutsche wechselt, dann wird eine Warnung ausgesprochen, oder dezent auf eine Katastrophe hingewiesen, die auch etwas kleiner sein kann, wenn es sich um die technischen Probleme einer Strassenbahn handelt.
    Im Tages-Anzeiger vom 8.9.08 fanden wir diese kurze Notiz zum Thema „hochdeutsches Höverständnis“, aus der man viel lernen kann über die Wahrnehmung der „Katastrophensprache Hochdeutsch

  • Deutlich gesagt in Mundart
  • Zürich. – Kürzlich im Zweier-Tram vom Bellevue Richtung Stauffacher. Eine Durchsage in gepflegtem Hochdeutsch weist die Passagiere höflich darauf hin, dass dieses Fahrzeug technische Probleme habe und zurück ins Depot müsse. Die Fahrgäste seien gebeten, das Tram am Paradeplatz zu verlassen und in eine nachfolgende Komposition zu wechseln. Die Angesprochenen nehmens ohne sichtliche Reaktion zur Kenntnis – oder auch nicht. Kurz vor dem Paradeplatz dann eine knappe Ansage aus dem Führerstand, die alle weckt und Wirkung zeigt: «Bitte alles uusstiige, das Tram isch kaputt
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 8.9.08 Seite 15)

    Zürcher Tram beim Knabenschiessen
    (Zürcher Tram am Knabenschiessen)

  • Depot ohne Pfand
  • Dass ein Tram zurück ins „Depot“ muss, versteht ein Zuhörer aus Deutschland, denn er kennt sehr wohl das lange Wort „Strassenbahndepot“. (33 000 Funde bei Google-DE), während dieser Ort in der kleinen Schweiz als „Tramdepot“ (17 000 Fundstellen) bevorzugt bezeichnet wird.

  • Nehmen Sie die Komposition
  • Die „Kompositionen“ erinnern dann eher an moderne Musik, aber quietschende Räder eines Trams könnten ja auch dahin gehend aufgefasst und interpretiert werden. Eindrücklich an dieser Geschichte ist der geschilderte Mechanismus der „aperzeptiven Filterung“ des Gehörten. Hochdeutsche Durchsagen sind nicht wichtig, gelangen folglich nicht ins Gemüt oder ins Handlungszentrum des Zuhörenden. Das hochdeutsche Hörverständnis muss eingeschaltet sein, genau wie ein Deutscher sich beim Hören von Schweizerdeutsch darauf einlassen muss. Wenn man in der falschen Sprache zuhört, versteht man nichts, oder es kommt zu Missverständnissen, denn unser Gehirn versucht fleissig, zur vermeintlich gehörten Lautfolge einen passenden Sinn zu finden.

  • Nicht hindenken
  • Die hochdeutsche Ansage in der Strassenbahn, unter Verwendung von Passiv „sind/werden gebeten“ und Fremdwörtern „Kompositionen“, wird einfach ausgeblendet. Wird schon stimmen, was diese offizielle Stimme sagt. Berührt mich nicht. Nach dem Motto. „Wenn ich was Hochdeutsches höre, denke ich einfach nicht hin“ .

    Dialektik der Heidi II. Teil – Fräulein Rottenmeier aus der Schweiz

    September 19th, 2008

    [Hier folgt nun der versprochene zweite Teil der Heide Interpretation unseres Lesers „Neuromat“]

    Das ist Fräulein Rottenmeier:
    Rottenmeier
    (Quelle Foto: www.spiegel.de)

    dies könnte Fräulein Rottenmeier sein

    Johanna Spyri
    (Quelle Foto: blog.zvab.com)

    ist es aber nicht; denn es ist die Autorin, die stammt bekanntlich aus der Schweiz.

    Nachdem wir in der letzten Folge lernen durften, weshalb Heidi eine Deutsche ist und wie sich der Name Rottenmeier nun zusammensetzt, schreiten wir nun angesichts einer sozialwissenschaftlich Literaturbesprechung zum Äussersten: Wir wenden uns dem Text zu. Das ist vergleichbar einem Journalisten, der in einer Legebatterie übernachtet, wenn er über moderne Tierhaltung berichtet oder einem Chefarzt, der seinen Patienten tatsächlich selber untersucht.

  • Das äussere Erscheinungsbild
  • Fräulein Rottenmeier nimmt Einsitz in die Handlung mit der Ankunft Heidis in Frankfurt. Das Erste, was wir von ihr lesen ist:

    „Sie hatte eine geheimnisvolle Hülle um sich, einen grossen Kragen am Halbmantel, welcher dem Fräulein einen feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhöht wurde durch eine von hochgebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug.“

    Wir erkennen sofort, hier handelt es sich um eine personifizierte Alpennachbildung. Da geht es in die Höhe mit einer hochgebauten Kuppel. Das muss das Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch sein. Da sind wir Ganz oben – das ist Top of Europe. Welch klare Bedeutung bekommt hier das Wort Jungfraujoch. Und was hat es mit dieser geheimnisvollen Hülle auf sich. Eben das wissen wir nicht. Sonst wäre sie ja nicht mehr geheimnisvoll. Aber, was wir von der Schweiz – ausser Geheimnisvollem.

    Jungfrau Obs
    (Quelle Foto: hansbuehler-fotopages.ch)

  • Das Psychogramm
  • Fräulein Rottenmeier möchte sofort wissen, mit wem sie es zu tun hat. Die wichtigste Frage ist für sie ganz offensichtlich die nach der Herkunft. Die Frage nach dem Namen, damit nach dem Geschlecht ist in der Schweiz traditionell mit der Herkunft verbunden. Dies kann Heidi nicht beantworten, was sie unumwunden zugibt und daraufhin fällt ein sehr interessanter Satz:

    „Sie ist nicht einfältig und auch nicht schnippisch, davon weiss sie gar nichts; sie meint alles so, wie sie redet.“

    Damit ist Heidi gemeint. Dete erläutert der alpinen alles observierenden Sphinxkuppel, dass Heidi nun einmal sehr direkt ist in ihren Äusserungen. Wer jetzt noch behaupten will, dass Heidi Schweizerin sei und diese Direktheit noch einen idealer helvetischer Wesenszug darstellt, der sollte seinen Bierkonsum kritisch überprüfen. Die deutsche Heidi befindet sich in der klassischen Situation des deutschen Einwanderers:

    „Sie ist heute zum ersten Mal in einem Herrenhaus und kennt die gute Manier nicht; doch ist sie willig und nicht ungelehrig.“

    In dieser Situation kann Rottenmeier nur noch zum entsprechenden helvetischen Pendant werden. Dieses zeigt sich erschrocken, ringt mit Fassung, ist sichtlich enerviert aber stets bemüht, die Ruhe zu bewahren, wenn es darum geht, den Gästen zu erläutern, wie man sich als Gast richtig zu verhalten hat. Leicht lassen sich hunderte von eben solchen belehrenden helvetischen Blogeinträgen auflisten, wie dies nun so und nicht anders in der Schweiz gemacht wird, aber statt dessen nehmen wir uns erneut den Text vor:

    „rief in höchstem Schrecken aus …Minuten, in denen sie nach Fassung rang … sichtlich aufgeregt… mit schwer erzwungener Ruhe…(…)“

    Gerade diese schwer erzwungene Ruhe, diese Aggressionsgehemmtheit gepaart mit dem bekannten theatralisiertem Erschrockensein, das kleine Fäustlein unter dem Rockzipfel zur Faust geballt, gerade die kennen wir doch zur Genüge. Genauso wie die nicht enden wollenden Hinweise, wie das Papier korrekt zu bündeln ist, wie man sich formal richtig begrüsst und die Dinge des Lebens auf die einzig richtige, nämlich die schweizerische Art und Weise, erledigt:

    Nun folgten noch viele Verhaltensmassregeln, über Aufstehen und Zubettgehen, über Hereintreten und Hinausgehen, über Ordnunghalten, Türenschliessen, und über allem fielen Heidi die Augen zu, denn …

    Richtig, es interessiert uns einfach ungeheuer, wer zuerst sein Glas erheben muss, wie man gezielt einen Elfmeter daneben, an die Latte oder dem Torwart, der eben richtig Goalie heisst, oder noch genauer, dem man eben richtig Goalie sagt … in die Arme schiesst; denn da schlafen wir schon längst.

  • Ein spezieller Wesenszug
  • Der bei den Schweizern so beliebte Paul Bilton stellt in seinem jüngst wieder neu aufgelegtem „The Xenophobe’s guide to the Swiss“ (extra in Englisch erschienen, damit es hier erstens keiner kauft, zweitens keiner liest und drittens keiner versteht) fest, dass die Schweizer für sämtliche Missstände beliebte Sündenböcke verantwortlich machen:

    „Mit wissendem Blick wird unterstellt, dass die Schuldigen keine Schweizer sein können …“

    Bilton Buch
    (Quelle Bild siehe 20min.ch)

    Die Rottenmeier fährt Jungfer Dete an:

    „Wie konnten Sie mir dieses Wesen zuführen. Jungfer Dete, so haben wir das aber nicht vereinbart.“

    Dabei informiert uns Frau Spyri schonungslos:

    Sie wusste nicht, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rückgängig zu machen, denn sie selbst hatte die ganze Sache angestiftet … Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, seine Tochter wünsche sich schon so lange eine Gespielin …Eigentlich war die Sache auch für Fräulein Rottenmeier selbst sehr wünschenswert, denn sie wollte gern, dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme …sie hatte die Oberaufsicht über das gesamte Dienstpersonal…

    Und selbst in dieser Situation kann sie die Verantwortung nicht übernehmen und für einmal „Klartext reden“. Nein, der Privatlehrer der beiden Kinder der Herr Kandidat soll es richten und soll dem Herrn Sesemann erklären, dass die beiden Mädels nicht zusammen unterrichtet werden können.

  • Und noch ein spezieller Wesenszug – oder zwei
  • Wir kennen sie zu gut: Die Bescheidenheit. Das „Understatement“. Und so schreibt Klara vor der geplanten Reise in die Berge an ihre deutsche Freundin Heidi, die so gerne den direkten Ausdruck wählt:

    Aber denk, Fräulein Rottenmeier will nicht mit… sie dankt immer furchtbar höflich und sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein.

    Klar, Fräulein Rottenmeier fährt nicht gerne ins Ausland. Aber dann kommt es doch so irre, dass man diese Stelle immer wieder lesen möchte. Die Gouvernante ist furchtbar höflich, eben sie so höflich, dass es schon wieder furchtbar ist, eben nicht freundlich und schon gar nicht herzlich und sie möchte vor allem nicht unbescheiden sein. Und das Beste: Das ist nur Theater. Wäre Frau Rottenmeier eine Deutsche, dann würde sie sagen: Sebastian ich krieg noch ein Bier und ich fahr nicht mit. Macht sie aber nicht.

  • Die richtig „heissen Themen“
  • Wer will kann jetzt das Büchlein selber durchforsten, kann die richtig unangenehmen Themen auf „Rottenmeier Qualität“ prüfen:

    Habe ich dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen? Nun versuchst Du’s doch wieder. Du siehst aus wie eine Landstreicherin.

    Ahnt Johanna Spyri, was sich da in Zukunft ereignen könnte. Kinder der Landstrasse. Die Vergangenheit steht meistens ewig still. Liegt ja auch schon alles weit zurück, so bis in die Steinzeit.

  • Ausblick
  • Im III. Teil wollen wir dann sehen, wie es auf der Alm weitergeht, wenn dann all die anderen Deutschen zu Besuch kommen. Ja, die Deutschen aus Frankfurt und wir werden hoffentlich sehen, wie gern sie die Dörfler haben.

    Fremdgeld lautet die Devise — (K)ein Lehnwort in der Schweiz

    September 18th, 2008
  • Geldwechseln am SBB Schalter
  • Neulich wollte ich an einem SBB Verkaufsschalter, der immer noch nicht „Ticket-Point“ heisst, auch wenn es dort „domestic“ Fahrkarten Billets zu kaufen gibt (vgl. Blogwiese), ein paar britische Pfund kaufen. Das ist praktisch, dass die SBB auch diesen Geldwechselservice anbietet. Grossbritannien gehört noch nicht zur Euro-Zone, und ohne Pfund kann man da nichts wuchern lassen. Also fragte ich die freundliche Schweizerin am Schalter: „Kann ich bei Ihnen auch Devisen kaufen?“ Sie wusste nicht, was ich meinte, bis ich von „ausländischer Währung“ sprach. „Das heisst in der Schweiz ‚Fremdgeld‘“. Ach so. Wieder was gelernt.

    Devisen kaufen
    (Foto: Als Devisen noch in DM gehandelt wurden…)

  • La trousse de toilette n’est point nécessaire
  • Und sowas passiert im Bankenland Schweiz, in welchem sowohl englische als auch französische Wörter zur Umgangssprache gehören: „Neccessaire“ (ohne „accent aigu“, wie bei „Velo“) sagt man hier fein gebildet statt schnöde „Kulturbeutel“ (obwohl das bei den Franzosen eine „trousse de toilette“ ist), und „Trottoir“ statt „Bürgersteig“, aber der Schlussverkauf, das sind „les soldes“ in der Westschweiz.

  • Kaufen Sie Devisen?
  • Nur bei den Devisen, da lautet die Devise „Fremdgeld“. Klingt ein bisschen wie „Fremdgehen“. Der Beispielsatz „Kaufen Sie Devisen?“ fand sich 4‘100 Mal bei Google-DE, und über 200 000 Mal bei Google-DE, was natürlich von vielen Faktoren mitbestimmt wird und keine echte statistische Aussagekraft besitzt.

    Auf Englisch heissen Devisen „Foreign Currencies“, nur die Franzosen sagen auch „les devises“, was man auf Deutsch auch hübsch als „Sorten“ übersetzen kann. Ein echtes französisches Lehnwort also, das in Deutschland erhalten blieb und in der Schweiz nicht verwendet wird? Ich mag es kaum glauben. Werde mal morgen den freundlichen Mitreisenden in der S-Bahn fragen, ob er weiss, was „Devisen“ sind. Gut sortiert, natürlich.

    Juckt es oder kratzt es? — Es beisst

    September 17th, 2008
  • Unterschiedliche Wahrnehmung eines Gefühls
  • In einer berühmten Szene von Molières genialer Komödie „Der eingebildet Kranke“ (= Le Malade imaginaire) fragt der behandelnde Arzt den Patienten: „ça vous gratouille ou ça vous chatouille?“, auf Deutsch „Juckt es? Oder kratzt es mehr?“ In der Schweiz würde ein so Befragter die Antwort nicht geben können, denn in der Schweiz juckt oder kratzt es nicht, hier „beisst“ es. „Es biist“ wie ein Biest.

    Es biist
    Es biist mi!
    (Quelle Foto: buelenhof.ch)

    Das beissende Biest ist in der Schweiz, speziell in Zürich präsenter als der Juckreiz oder das Kratzbedürfnis. So fanden wir in einem hübschen Mundartsong die Strophe:

    Doch öppis juckt und biist in mir
    ich finde keini Rueh.
    Sünneli winkt mir truurig zu
    den was mir fählt bist Du.
    (Quelle: fujara.ch)

  • Die Unterschiede bei der Schmerzbeschreibung
  • Ein befreundeter deutscher Arzt, der in der Schweiz arbeitet, erzählte uns einmal, wie schwierig die unterschiedliche Begrifflichkeit in der Medizin sein kann, wenn es darum geht, dass ein Patient die Art seiner Schmerzen beschreiben soll. Jede Sprachregion hat eigene Ausdrücke. In Deutschland ist ein Schmerz „stechend“ oder „pochend“, in der Schweiz kann er ebenfalls beissen, jedenfalls im Schweizerdeutschen, nebst etlicher weiterer Ausdrücke. Soll nicht heissen, dass man „beissen“ in Deutschland nicht auch sagen könnte, die Bedeutung ist aber anders.

  • Kratzen beim Smalltalk
  • Die Eingangsfrage „Juckt es oder kratzt es mehr?“ ist seit Molière in Frankreich ein Synonym für ein typisches medizinisches Anamnese-Gespräch. Die Frage „ça vous gratouille ou ça vous chatouille?“ sollte man sich also merken, als freundliche Eröffnung eines Small Talks in der Westschweiz oder in Frankreich, wenn ihr Gegenüber sehr leidend dreinschaut. Die richtige Antwort in der Schweiz muss aber heissen: „Es beisst“.