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Die Dialektik der Heidi — Ein Gastbeitrag von Neuromat

(Statt eines Postings gibt es heute einen Gastbeitrag vom Blogwiese-Leser und Freund „Neuromat“ zum Thema „Die Dialektik der Heidi„. Name und Identität des Autors sind uns bekannt. Er ist mit Heidi weder verwandt noch verschwägert. Persönliche Flame-Mails werden auf Wunsch gern weitergeleitet)

Teil 1: Die Herkunft unserer „deutschen“ Heidi

Jetzt hatte ich diese Aufgabe gefasst, obwohl noch so vieles unerledigt im Kästchen liegt. Roland wartet auf eine alles verklärende Erklärung und denkt gleichzeitig an die Biographie „Swiss Stalking“, nun wo die Nordic Variante doch langsam etwas abflaut. Irgendein Bundesvelo Schmid war auf dem Anrufbeantworter, der einen Text zum Thema Pflichtenheft braucht. Dabei habe ich den Job nicht gesucht, ich habe ihn an mich herangetragen. Der Faszination bin ich erlegen, der Heidi Faszination. Ein kleines Mädchen, das nicht nur ein ganzes Pferd stemmen kann, sondern ein ganzes Pferd mit noch zwei weiteren Kindern auf dem Pferderücken. Dem kann sich niemand entziehen.

Da dieses Buch in jedem Schweizer Haushalt stehen soll, bin ich gleich rüber zu Silvan, der hatte jedoch keines, dann zu Reto, der war sich nicht ganz sicher, wo genau er es zuletzt gesehen hatte, weiter zu Urs, der hinter zwei Mountainbikes einige Karabiner überprüfend erklärte, er besässe keine Bücher, schliesslich zu Peter, der Heidi fragen wollte, sobald sie ihre Tantraübung beendet habe.

Onur Güntürkün, neuer Eigentümer der Attikawohnung gab mir dann einige Exemplare. Die heisst aber Pippi, sagte ich zu ihm, und nicht Heidi. Richtig, das ist aber die mit dem Pferd, die ist aus Schweden. Heidi ist die mit der Geiss. Aber die Schweizer werden ständig mit den Schweden verwechselt. Meine Enttäuschung war gross. Eine weibliche Ziege stemmen, das erschien mir jetzt nicht gerade eine heldenhafte Tätigkeit zu sein.

Aber Onur war Assimilationsspezialist und reichte mir sogleich mehrere Ausgaben der gewünschten Lektüre. Meine Bemerkung, wahrscheinlich haben Deine Vettern in Köln und Berlin auch alle Bände von Grimms Märchen und jeden Roman von Johannes Mario Simmel im Bücherregal, schien ihn zu belustigen. Nein, die haben Dede Korkut Masallari, dicke Teppiche und einen Caymatik Samowar von Arçelik. Auch gut, nur dieses Buch kommt aus Österreich. Ja, aber in der Schweiz gekauft.

Heidi Buch Cover von Ueberreuter

Nach zwei Stunden hatte ich es durchgelesen, war aber mit den Nerven derart am Ende, dass ich erst einmal an die frische Luft musste. Ohnehin hatte ich so an zwanzig Papiertaschentücher zu entsorgen. Rotz und Wasser geflennt wegen dieser Story:

Waisenkind Heidi kann nicht bei ihrer Tante Dete bleiben, da diese einen Job in Frankfurt annimmt. Heidi wird daher zum Grossvater, dem Alm-Öhi gebracht, der als eine Art verkrachte Existenz ausserhalb der Dorfgemeinschaft auf einer Alm lebt. Heidi lebt mit dem Grossvater, den Geissen und dem Geissenpeter auf den Alpweiden. Schulbesuch würde diese Harmonie nur stören. Da erscheint Tante Dete wieder und schafft Heidi nach Frankfurt. Auf Wunsch der Erzieherin Rottenmeier soll sie der erkrankten Klara beim Lernen Gesellschaft leisten. In Frankfurt lernt Heidi lesen dank der Grossmutter von Klara, erkrankt an Heimweh, geistert nachts durch das Haus und darf dann endlich auf Anraten des Hausarztes von Klaras Familie zum Almöhi zurück. Hier nutzt sie das Gelernte, liest der Grossmutter von Geissenpeter vor und bringt diesem das Lesen bei. Als Klara sie im nächsten Sommer besucht stösst der Geissenpeter in einem jähzornigen Eifersuchtsanfall Klaras leeren Rollstuhl ins Tal. So muss und kann Klara gehen lernen – und allen geht es gut.

Zunächst einmal fragte ich mich, warum hat dieses Kind diesen Namen: Adelheid. Ein seit dem Mittelalter bekannter deutscher Vorname, der edle Gestalt und vornehme Gesinnung bedeutet. Über die Vorfahren wissen wir wenig. Der Grossvater Almöhi verliert in seinen Jugendjahren durch seine Herrenmenschenallüren, infolge Zechen und Spielen den ganzen Hof und verschwindet. Nach Jahren kehrt er mit einem fünfzehnjährigen Sohn, dem Tobias, zurück. Tobias stammt vom Hebräischen und bedeutet Gott ist gütig. Bei der Mutter des Buben soll es sich um eine Bündnerin gehandelt haben. Das bezweifle ich stark. Vermutlich handelte es sich um eine Deutsche. Tobias heiratete dann eine Frau mit dem Namen Adelheid, wie gesagt deutscher Vorname aus dem Mittelalter, vermutlich handelt es sich wiederum um eine Deutsche. Tobias bekommt einen Balken auf den Kopf und stirbt, Adelheid stirbt dann vor Kummer nach. Das kleine Kind der früh verstorbenen Eheleute bekam den Namen der Mutter, in Kurzform Heidi, die somit durchaus eine deutsche Grossmutter und Mutter gehabt haben könnte.

Dieser Umstand würde es auch einfacher erklären, dass Tante Dete eine Anstellung in Deutschland in Frankfurt findet, nicht selten helfen verwandschaftliche Beziehungen in solchen Dingen. Weiters gibt es auch heute noch weltbekannte Heidis aus Deutschland, die ungeschminkt mit irgendeinem Almöhi Kühe melken.

Heidi Klumb melkt Kühe
(Quelle Foto: Stern.de Tom Silberberger / dpa)

Zudem fällt Heidi im Umgang durch eine gewisse ungezwungene Direktheit auf. Auch ist ihr der rege Gebrauch der hochdeutschen Sprache nach Rückkehr aus Frankfurt alles andere als unangenehm. Sie liest gerne und bringt das Lesen auch dem Geissenpeter bei.

Einiges spricht jedoch gegen die deutsche Herkunft. Sie leidet während ihres Aufenthaltes an der Schweizer Krankheit. Und sie kommt nach Deutschland und kann nach ihrer Rückkehr lesen. Das erinnert an Frau „e chli finerM. Roten, die fuhr nach Deutschland und konnte nach ihrer Rückkehr schreiben. Beinahe hätte ich daran gedacht, den Satz einzufügen, wäre sie noch nach England gefahren könnte sie auch noch denken. Aber nur beinahe.

Und doch bin ich nicht sicher. Denn kommen wir auf ganz andere Personen zu sprechen.
Michèle Roten und Simone Meier haben als ein Lieblingsthema: BERLIN. Und: Jens. R. Wiese sass als Gast einer Schweizer Fernsehsendung zwischen einer ähnlichen Kombination nämlich:

Michèle Roten
Michèle Roten

Und

Christine Maier im Club
Christine Maier von der Sendung „Club“.

Fügen wir dies zusammen, so kommt es wie es kommen muss, wenn wir ein Fugen-T verwenden: aus Roten und Meier wird Rottenmeier. Ist die Hasstante also schlussendlich aus Helvetien….

Dies und weitere Fragen, zur Pädagogik, zur Zürcher Einzelthese einer angeblichen Frau Spyri als „Deutschfeindin“ reinster Couleur und einem Interpretationsversuch mit Bezug zu Freundlichkeit und Höflichkeit.



4 Responses to “Die Dialektik der Heidi — Ein Gastbeitrag von Neuromat”

  1. Simone Says:

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch, Neuromat, zu Deinem gelungenen Beitrag!¨
    Mir erscheint es, als seien die Figuren aus „Heidi“ heute noch präsent, ziemlich vollständig sogar. Sie dienen als Spiegel für ein ambivalentes Verhältnis der Schweizer zu Deutschland und zur eigenen Kultur.

  2. The Artist Formerly Known as Schnägge Says:

    Alles Unfug, jeder der die berühmte Anime-Serie (früher hiess sowas noch Zeichentrick) kennt, weiss doch, dasss Heidi eine kleine Japanerin ist.

  3. Simone Says:

    Hab mir die Tage bei Amazon eine Heidiausgabe bestellt. Werde das alles noch mal nachlesen. Vielleicht kommt es ja schon heute oder morgen. Werde Bericht erstatten.

  4. Helza Says:

    Genialer Beitrag, Neuromat, gratuliere. Genau so könnte es gewesen sein. Mit einer Ausnahme: Frau Roten kann auch nach ihrem Berlin-Aufenthalt nicht besser schreiben, sie hat nur ihr Thema modisch urban aufgemotzt und bringt jetzt „meh Dräck“. Dass die selbstverliebte Tusse denken kann, ist ein unbestätigtes Gerücht. Selbst zahllose Semester Studium (Modefach Kriminologie) konnten daran nicht viel ändern.

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