Darf es etwas mehr sein? — Weniger als auch schon

April 16th, 2006
  • Neu alte Schweizer Redewendungen
  • Wir lasen im Blick-Online vom 7.4.06

    Die Schweizer „gügeln“ weniger als auch schon

    (Quelle Blick-Online)

    Über das „gügeln“ hatten wir uns gestern geäussert (vgl. Blogwiese), wenden wir uns nun der wunderschönen Formulierung „weniger als auch schon“ zu.

  • Is auch schön!
  • Es handelt sich hier um ein sprachliches Kuriosum der ganz besonderen Art. Die Bestandteile sind reines Schriftdeutsch, allein die Kombination der Wörter gibt uns Rätsel auf. Rätsel, die sich mit den üblichen Nachschlagewerken wie Duden oder Variantenwörterbuch nicht knacken lassen. Leider haben wir unseren wiederaufgelegten Duden-Schweiz (von Kurt Meyer) noch nicht erhalten, obwohl er ab dem 1. April ausgeliefert werden sollte. Vielleicht war es doch nur ein Aprilscherz? Wie schrieb der Leser MaxH noch zum nicht mehr lieferbaren alten Duden-Schweiz:

    Das ist ein echtes Schätzchen… dieser Duden, den gibt es gebraucht bei Amazon uk! Und kostet (ist als “low price” ausgewiesen!) 58,60 PFUND! Für ein Duden Taschenbuch! Ich denke, das Buch gibt es nicht, weil alle Schweizer sich eines in ihr Bankschließfach gelegt haben. Ca. 150% Wertzuwachs in drei bis vier Jahren, das macht kaum eine andere Anlageform! Link zum gebrauchten Duden bei Amazon hier
    (Quelle: Kommentar MaxH)

    Versuchen wir doch einmal, uns dem Satz „weniger als auch schon“ analytisch zu nähern. Das „schon“ am Ende ist der merkwürdige Teil. Vielleicht ist es eine abgekürzte Form von „zu Schonzeiten“ (des zu jagenden Wildes) oder „schon früher Mal“, oder „als auch schon wieder weiss ich nicht, wann das war“. Jedenfalls gibt es 235 Belege für diese Formulierung bei Google-Schweiz.

    Darunter der Tages-Anzeiger:

    Alles in allem wächst der Ausländeranteil weiter, wenn auch weniger als auch schon. Ende Mai lebten gut 1,5 Millionen Ausländerinnen und Ausländer hier, gut 1 Prozent mehr als ein Jahr vorher.
    (Quelle tagesanzeiger.ch vom 17.8.2005)

    Die Aargauer Zeitung v. 6.12.2005

    Dass Drogen konsumiert werden, wissen wir. Die gefundene Menge ist aber um einiges tiefer als bei der letzten Razzia im April. Ich habe nichts anderes erwartet: Dass Drogen im Umlauf sind, aber weniger als auch schon.
    (Quelle: züristyle.ch)

    Sogar die NZZ, sonst immer vorsichtig bei der Verwendung von Helvetismen:

    40 000 Zuschauer, weniger als auch schon, drohten am Samstag in kollektive Trauer zu versinken, weil Andreas Buder als Siebenter der Beste des ÖSV-Teams war.
    (Quelle: nzz.ch vom 23.01.06)

  • Spielen Schweizer auch mit Sprache?
  • Wir fragen uns langsam, warum wir diese Formulierung nicht früher entdeckt haben. Ob es einfach nur eine „Verballhornung“ von Sprache ist? Ein Wortspiel, das sich irgendwann verselbständigt hat? Es erinnert stark an so hübsche Ausrufe wie „je höher des fall“, oder „je tiefer desto platsch“, die auch mit radikaler Sprachreduktion arbeiten. Ausserdem denken wir bei dem Satz „als auch schon“ schnell an die qualitativ und quantitativ hochgradig wertvollen Urteile von alten Damen aus dem Ruhrgebiet, die auf die Frage, wie ihnen ihr letzter Urlaubsort gefallen hat, stets die Antwort parat haben: „Da is auch schön!?“, wobei die Stimme am Ende des Satzes leicht fragend und empört angehoben werden muss.

  • Von weitem näher als von schön
  • Auch dieser hübsche Ausdruck würde in die erwähnte Reihe passen. Natürlich ist das hier eine einfache Verdrehung des Satzes: „Von weitem schöner als von nah“, geäussert als höflich verklausulierte Beurteilung der Schönheit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts. Doch der Witz besteht gerade darin, die Verdrehung und nicht das Original zu äussern. Jetzt müssen wir passen und das Feld den gewieften Schweizer Linguisten und Sprachlehrern überlassen, denn wir „kommen einfach nicht draus“, ob es sich bei „weniger als auch schon“ um einen grammatikalisch und semantisch vollständigen Nebensatz handelt, oder ob es eine neue Entwicklung ist, mit Sprache zu spielen, die sich einfach verselbstständigt hat. Beobachten kann man das bei der häufig geäusserten Floskel „in keinster Weise“. Ursprünglich ein Witz, dann als „Elativ“ vollkommen akzeptiert, wie wir beim werten Kollegen Zwiebelfisch Bastian Sick hier nachlesen dürfen.

    Gügeln, googeln oder kübeln?

    April 15th, 2006
  • Gügeln Sie auch manchmal?
  • Uns wurde von einem Aussendienstmitarbeiter ein sensationeller Aufmacher aus dem BLICK zugeschickt:
    Gügeln oder Googeln?
    (Quelle: blick.ch vom 7.4.06)

    Natürlich sticht in diesem Aufmacher sofort das Verb „gügeln“ ins Auge, es wird ja sogar durch original Schweizer «Anführungszeichen» als „nicht ganz schriftfähig“ gekennzeichnet. Wir denken bei dem Wort gleich an unsere Lieblingsbeschäftigung. Nein, die ist nicht „Saufen“, so wie sie jetzt meinen, sondern „Googeln“, welches mit 827.000 Einträgen bei Google selbst gar nicht so schlecht vertreten ist . Könnten wir doch gleich mal die Häufigkeit gewisser Tätigkeitsverben bei Google untersuchen:
    Saufengibt es 3 Millionen Mal, nur damit Sie beruhigt sind.
    Bumsenkommt 9 Mill. Mal vor, das synonyme Wort mit fi.. am Anfang 17 Mill. Mal
    Denken“ finden wir 66 Mill. Mal,
    Arbeiten“ 105 Mill. und
    Lernen“ 112 Mill. Soviel zum intellektuellen Anspruch von Webseiten. Wie oft „Sex“, „Liebe“ und „Computer“ bei Google vorkommt, müssen Sie jetzt selbst nachschauen. Sie wissen ja, wie man googelt.

  • Gügeln heisst googeln?
  • Wir finden nur 28 Belege für „gügeln“, alle scheinen eine Eindeutschung von „googeln“ zu bezeichnen. Nur ein Beleg bei Google-Schweiz weisst eindeutig in die Richtung „saufen“, so wie sie der BLICK-Aufmacher meinte.

    Das heisst für uns, dass nur die Schweizer dieses Wort im Sinne von „saufen“ gebrauchen, und dass diese Verbform mächtig unter Druck kommt durch die Neuschöpfung „googeln-gügeln“. Rein lautlich erinnert uns das Wort an „kübeln“, und das ist auch in Deutschland eine salopper Ausdruck für „schnell viel trinken“. Es kann ausserdem „wie aus Kübeln schütten“, und wenn jemand nicht trinkt sondern „kübelt“, dann verwendet er dazu meist ein etwas grösseres Glas, vielleicht sogar einen Kübel, damit es schneller geht, bis er keinen Bock mehr hat aufs Kübeln und zum Küblböck wird. „Kübeln“ ist nämlich in Deutschland auch die Gegenbewegung, wenn das soeben Getrunkene wieder nach draussen will. Aber jetzt wird das irgendwie unästhetisch.

    Nur in der Schreibung „gügele“ finden sich mehr 70 Belege bei Google-Schweiz.

  • Gugeln ist sehr alt
  • Diese Schreibweise findet sich bereits im Wörterbuch von Grimm:

    GUGELN, vb., um sich schlagen: mit den geberden, mit dem rauhen scharren, poltern, drowen, sawr sehen, mit händen und füszen guglen und zittern vor zorn C. HUBERINUS viertzig predig (1567) G 1a, wohl dasselbe wort, das heute noch als gügeln im schwäbischen gebräuchlich ist, besonders in der verbindung das herz gügelet mir hüpft vor freude; unklar ist der einmal belegte reflexive gebrauch: also (wie beim turmbau zu Babel) tuend vil der layen hie, die gügeln sich gar hoch enbor und wissend nit die rechte spor HERMAN V. SACHSENHEIM mörin 4378 Martin; das wort begegnet auch in den nachbarmundarten: gügelen vor zorn zittern STAUB-TOBLER 2, 159; gügeln schaukeln HALTER Hagenau 155; als gugen schwanken, schaukeln SEILER Basel 153; MARTIN-LIENHART 1, 204.
    (Quelle: Grimm)

    Die Schwäbische Variante „das Herz gügelet mir vor Freude“ finden wir besonders appart.

    Der eigentlich Fund für uns in diesem Artikel auf Blick-Online ist jedoch der Teil nach dem Wörtchen «gügeln»: Weniger als auch schon. Das erklären wir dann morgen!

    Kein Windows in Hollywood? — Über die Topoi der Computer im Film

    April 14th, 2006
  • Firewall muss nicht übersetzt werden
  • Eigentlich wollten wir heute ins Kino gehen, in den neuen Action-Thriller mit Harrison Ford. „Firewall“ heisst der Streifen. Ein äusserst praktischer Titel, weil er nicht übersetzt werden muss für die Kinos in Deutschland. Nur der letzte freiwillige Feuerwehrmann vom Lande würde hier einen Film über „Feuerwände“ vermuten, denn in Zeiten von Internet und Email sind Würmer schon lange keine Tiere mehr, die wir fürs Angeln brauchen, und ein „Trojaner“ wird auch erst seit dem Sandalenfilm mit Brad Pitt wieder in Verbindung mit einer antiken Stadt und einem grossen Holzpferd gebracht. Bis dahin war es irgendetwas Böses, was unseren Computer lahmzulegen versteht, wenn es unsere Antiviren-Software nicht rechtzeitig findet und vernichtet.

  • Was ist eine Brandschutzmauer?
  • „Brandschutzmauer“ nennt man eine Firewall auf Deutsch, in Grossstädten soll sie helfen, beim Brand eines Hauses das Übergreifen der Flammen auf das danebenliegende Haus zu verhindern. Brandschutzmauern sind daher dick und haben keine Fenster oder Türen. Firewalls in der IT-Welt hingegen haben jede Menge Löcher, mit voller Absicht hineingeschlagen, um kontrollierte Datenströme durchzulassen.

  • Und was ist ein Fireman?
  • Wenn wir es gerade vom Feuer haben: Wussten Sie, dass der deutsche „Feuerwehrmann“ auf Englisch nur „Fireman“, ohne „Wehr“ im Wort heisst? Das lässt natürlich Wortspiele und Assoziationen zu, die auf Deutsch kaum möglich sind, und vom amerikanischen Autoren Ray Bradbury in seinem SF-Klassiker „Fahrenheit 451“ (der Temperatur, bei der Papier anfängt zu brennen) weidlich ausgenutzt werden.

  • Doch eigentlich wollten wir ja ins Kino gehen.
  • Dann sahen wir den Trailer für „Firewall“, natürlich nicht den gleichnamigen tiefen PKW– oder Bootsanhänger, sondern den

    (…) aus einigen Filmszenen zusammengesetzter Clip zum Bewerben eines Kino- oder Fernsehfilms, eines Computerspiels oder einer anderen Veröffentlichung. Der Zweck eines Trailers ist es, dem Publikum einen Vorgeschmack auf das beworbene Produkt zu geben und natürlich Werbung für dieses zu machen.
    (Quelle: Wiki)

    Und plötzlich wollten wir den Film gar nicht mehr sehen. Der Grund war ein Ausschnitt, in dem Harrison Ford als „Hacker“ zu sehen ist, wie er sich in einen Bankcomputer einhackt und Manipulationen vornimmt. Denn da waren sie wieder: Die grünen Buchstaben, die Rattergeräusche und die blinkenden Warnmitteilungen.

  • Kein Microsoft in Hollywood
  • Wir schreiben das Jahr 2006, seit mehr als 10 Jahren gibt es die grafische Benutzeroberfläche Windows, mit Taskleiste, Start-Button und hübschen Programmen wie Excel und Word auf der Oberfläche. Nicht so in Hollywood. Wir haben in den letzten 10 Jahren viele Kinofilme gesehen, die das Thema Computer am Rand oder als Hauptsujet behandelten. Bisher ist uns in (fast) keinem Film Hollywoods jemals eine Windows-Oberfläche gezeigt worden. Woran das wohl liegt? Gibt es die Produkte von Microsoft in Hollywood gar nicht? Arbeiten dort wirklich alle nur mit Apple-Computer, wie es der Film „Independence Day“ zeigt, in dem sogar die ausserirdische Bedrohung über einen von einem Apple-Computer gespeisten Virus schachmatt gesetzt wird?

    Zahlt Bill Gates der „Product-Placement-Mafia“ einfach nicht genug oder ist er dazu vielleicht überhaupt nicht bereit? Was wenige wissen: Auch für die Apple-Gemeinde liefert Microsoft fleissig Produkte (jetzt sogar Windows!), z. B. die Office Suite, die sind aber niemals in einem Film zu sehen. Wurde je ein Outlook in einem Hollywood-Film gezeigt? Es gibt zwar „You’ve got mail“, und „Email für Dich“, doch mit welchen Mailprogrammen wurde hier gedreht? Phantasieprodukte…

  • Wie funktioniert der „Computer-Topos“ im Film?
  • Eine gängige Übersetzung für „Topos“ (Plural Topoi) ist „Ort“, oder „Allgemeinplatz“. Man versteht laut Wiki darunter

    einen abstrakten Ort, aber auch eine Formkategorie.

    • In den Geistes- und Kulturwissenschaften wird der Begriff Topos sowohl für Kategorien als auch für Bilder verwendet. Beispielsweise stellt die Kategorie „Definition“ einen Topos dar. Man spricht vom „Topos der Gottesstrafe“ oder vom „Topos der Musikstadt Wien“. (…)

    • In der Literaturwissenschaft ist ein „Topos“ ein bezeichnender Einzelzug, z. B. der Topos der „bösen Stiefmutter“ oder auch der „liebliche Ort“ (lat. locus amoenus) in der Natur, an dem die Handlung vorübergehend inne hält.

    Und was hat das jetzt mit Computer in Filmen zu tun? Nun, es ist einfach ein „Topos“, dass Computer in Hollywoodfilmen immer

    a) grüne Schrift verwenden, die

    b) von links nach rechts zeichenweise lesbar schreiben, ähnlich wie Fernschreiber (für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorläufer der Faxgeräten).

    c) dabei möglichst rattern wie eine mechanische Schreibmaschine oder eine blechernde Maschinenstimme hören lassen,

    d) nie nie nie eine Windows oder Office Application auf dem Screen zeigen,

    e) nie nie nie eine Grafik sofort auf den Bildschirm bringen, es sei denn es handelt sich hier um ein „Warning“ Schild, oder „Access Denied“, das aber dann blinkend und im überdimensionalen Textmodus.

    Die einzige Annäherung hinsichtlich „Grafikmodus“, die Hollywood je bereit war, am Bildschirm zu zeigen, war ein „Fortschrittsbalken“ bei Kopieraktionen, wenn der Held oder die Heldin gerade versucht, enorm wichtige Daten auf eine Diskette zu kopieren, und das mindestens 20 Sekunden dauert, in denen die Feinde immer näher kommen, und der Balken furchtbar langsam über den Bildschirm wandert.

  • Jeder weiss doch, wie eine GUI aussieht
  • Das merkwürdige an diesen Computer-Topoi ist nur, dass sie im krassen Gegensatz zur Lebenserfahrung der Zuschauer stehen. Heutzutage weiss doch jeder, wie eine grafische Benutzerschnittstelle, ein „Graphical User Interface“ aussieht. Selbst die Linux-Anhänger haben ihre GUIs mit Icons und Taskleiste.

  • Krach im Weltall? Kein Problem…
  • Anders ist es beim Topos „Krach im Weltraum“: Wir wissen zwar, dass im leeren Raum kein Geräusch übertragen werden kann, es dort also absolut lautlos zugehen müsste. Dennoch lieben wir den Explosionskrach und die Triebwerkgeräusche in jedem Sciencefiction. Nur der Film „Lautlos im Weltall“ = Silent running durchbricht diesen ehernen Film-Topos, nämlich dass Filme wie „Starwars“ schön laut im THX Sound auf das Kinopublikum einwirken müssen. Für das Weltall fehlt uns die persönliche Erfahrung, da ist uns ganz egal, wenn wir ein bisschen betrogen werden. Der Hörspass ist wichtiger. Aber bei den Computern wird das Publikum wohl nie anfangen, sich gegen diesen Unsinn zu wehren.

    Doch, ich fange heute damit an und gehe nicht in diesen Film, solange dort grüne Schrift und ratternde Buchstaben zu sehen sind. Ist mir einfach zu blöd…

    P. S.:
    Wir haben uns den Film dann 2 Tage später doch noch angesehen. Die grüne Schrift baute sich zeilenweise auf dem Bildschirm auf, wie erwartet. Harrison Ford bastelte aus einem IPod und einem Fax-Lesekopf einen OCR-Scanner, der mit der Batterie des IPods lief. Schick, wirklich schick. Jede Menge DELLs waren im Bild, wahrscheinlich der offizielle Sponsor. Und wir konnten das „Windows XP Professional“ Logo auf einem Notebook erkennen! Damit ist es das zweite Mal, das wir Windows in einem Hollywood-Film entdecken konnten. Beim ersten Mal war es ein arabisches Windows 3.0 im Film „True Lies“ mit Arnold Schwarzenegger.

    Wundern Sie sich nicht, wenn es Sie wunder nimmt?

    April 13th, 2006
  • Dialekte sind farbig
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 6.04.06 in einem Leserbrief von Peter Sonderegger aus Wettingen auf Seite 21

    „Dem staatlichen Fernsehen würde ich gerne mehr Zurückhaltung gegenüber der Mundartmoderation empfehlen. Die Privatsender sollen sich unserer farbigen Dialekte bedienen; sie tun es auch. Der staatliche Monopolsender soll sich vor allem um ein gepflegtes Hochdeutsch bemühen. „

    Noch ein Bruder im Geiste! Farbige Dialekte finden wir einfach klasse. Welche Farbe haben eigentlich Bärndütsch und Züridütsch? Bärenbraun und Züriseeblau? Ausserdem wird hier Hochdeutsch nicht wie sonst „geschliffen“, sondern nur gepflegt, so wie man sonst seine Schuhe pflegt mit etwas Schuhwichse und einer weichen Bürste.

    „Was soll Herrn Buchelis Argument der Zuschauernähe dank Mundart bei der Wetterprognose? Nimmt es mich wunder, wie das Wetter wird, bin ich Meteo Schweiz ausgeliefert, ob Hochdeutsch oder Mundart. Nimmt es mich nicht wunder, wie das Wetter wird, habe aber nach der der „Tagesschau“ noch nicht aus- oder umgeschaltet, gehöre ich auch zu den 1,2 Millionen Zuschauern, die den Erfolg der Meteo-Sendung belegen sollen.“

    Dieser Mann versteht sein Hochdeutsch zu pflegen und zu schreiben, bis ihn ein Wunder nahm. Wir staunen über die kunstvolle Verwendung von „wundernehmen“, zum dem unser Duden weise spricht:

    wu.n|der|neh|men (geh.):
    1. in Verwunderung setzen:
    es würde mich nicht w., wenn er das täte; Es ist alles dargelegt, … darüber hinaus gibt es nichts, was wundernähme (Strauß, Niemand 194); Wen nimmt es wunder, dass dieses Juwel seit Jahrhunderten umworben und auch umkämpft war (Augsburger Allgemeine 3./4. 6. 78, VI).
    2. (schweiz.) wundern (3 a):
    es nimmt mich nur wunder
    , wie Sie mich hier aufgestöbert haben.

    Die Form unter 1. ist als „in Verwunderung setzen“ in Deutschland zwar selten, aber doch bekannt.
    Die Form unter 2. ist einzig der Schweiz vorbehalten.

    Das Variantenwörterbuch erklärt uns weiter:

    wundernehmen st.V./hat:
    1. CH neugierig machen, interessieren
    :
    Es nimmt mich wunder, was jetzt mit meinem Bruder wird (Spinner, Nella 84)

  • Da flitzt der Wunderfitz und windet sich der Gwunder
  • Wir wurden neugierig beim „wundernehmen“, und entdeckten „Wunderfitz“ und „Gwunder“ gleich nebendran im Variantenwörterbuch. Beides sind Schweizer Wörter für „Neugier“, wobei „Gwunder“ wesentlich häufiger zu finden ist bei Google-Schweiz, nämlich 32.700 Mal.

    Zu beiden gibt es auch Adjektive, so heisst „wunderfitzig“, „gwunderfitzig“ oder „gwunderig“ alles „neugierig“ in der Schweiz. Und steckt man seine Nase gwunderig in alle fremden Angelegenheiten, die einen nichts angehen, muss man sehr aufpassen, dadurch nicht zur „Gwundernase“ zu mutieren, für die Deutschen selten auch als „Wundernase“ geschrieben. Da wundert sich die Nase, bis sie wund wird, könnte man meinen.

  • Wunder gibt es immer wieder
  • Sang 1970 die Deutsche Schlagersängerin Katja Ebstein, und produzierte in den Jahren darauf fast selbst ein Wunder, als sie beim (damals noch so benannten) „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ 1970 und 1971 jeweils den dritten Platz belegte! Doch dieses Wunder wurde uns dann doch nicht gewährt. Wir mussten bis 1982 warten, als Nicole am 24. April diesen Wettbewerb erstmals als Deutsche gewann, übrigens damals dicht gefolgt von der Schweiz auf Platz 3 mit „Amour On T’aime“, gesungen von Arlette Zola.

    In dieser Zeit wurde in jedem Land noch von einem „Fachgremium“ die Punkte vergeben, und statt per „TED„, dem Tele-Vote. Das gibt es erst seit 1979. Zuvor liess man bei Spielshows die Zuschauer in einer grossen Stadt alle Stromverbraucher in den Privathaushalten anschalten, um durch den Grad des Anstiegs beim Stromverbrauchs im Elektrizitätswerk den Publikumsfavoriten zu ermitteln. Da nimmt es uns nicht wunder, dass bald darauf die Ölkrise und der Ölpreisschock diesen Unsinn beendeten.

    Vielsprachige Schweiz — Sprechen Sie auch Geld?

    April 12th, 2006
  • Vielsprachige Schweiz — Sprechen Sie auch Geld?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 05.04.06 auf Seite 2:

    „Als sich Freiburg jüngst um den amerikanischen Biotechnologiegiganten Amgen bemühte, musste das Kantonsparlament eiligst in Galmiz Land umzonen“

    Nein, nicht „umzäunen“, also keinen Zaun um künftige Industriegebiet errichten, sondern eine bis dahin landwirtschaftlich genutzte Zone zum Bauland für Investoren deklarieren, damit die Zone „umzonen“. Wir Deutsche habe da so unsere eigenen Erinnerungen und Konnotationen, wenn von „Zone“ geredet wird. Schliesslich lebten wir einst in „Tri-Zonesien“, wie der westliche Teil Deutschlands nach der Aufteilung in die drei Besatzungszonen durch die Siegermächte USA, Grossbritannien und Frankreich genannt wurde.

    Aber der Artikel über das Kantonsparlament geht noch weiter:

    „Zusätzliche Gelder musste es keine sprechen.“

    Gelder sprechen
    Moment, wie war das? In der Schweiz spricht man bekanntlich Französisch, Italienisch, Berndeutsch, Baseldeutsch, Zürichdeutsch, Urnerdeutsch, Walliserdeutsch, Bündnerdeutsch, Appenzellerdeutsch und St. Gallerdeutsch (vgl. Wiki) , ausserdem noch diverse rätoromanische Sprachen, aber dass jetzt auch schon GELD als eine Sprache gilt, war uns neu.

  • Sprechen Sie Geld?
  • Die Schweizer haben ein sehr pragmatisches Verhältnis zum Geld. Sie reden nicht drüber, sondern sprechen es einfach selbst. Wir hielten den Satz mit dem „Geld sprechen“ zunächst für einen Irrtum, einen Druckfehler, wie er sich leicht einmal einschleichen kann bei einer renommierten Zeitung wie dem Tages-Anzeiger. Doch dann lasen wir diese Formulierung im gleichen Artikel ein zweites Mal:

    „Das Urner Kantonsparlament soll deshalb heute 450 000 Franken sprechen“.

    Noch mehr Geld sprechen

    Wir werden unseren ehrgeizigen Plan, im nächsten Winter in einem Intensivkurs zumindest die wichtigsten vier Schweizerdeutschen Sprachen (Züridütsch-West, Zürdütsch-Goldküste, Züridütsch-Schnupfenküste und Zürcher Unterland-Platt) zu lernen, sogleich überdenken und stattdessen einen Kurs belegen in „Geld sprechen“. Ob es hier auch Dialekte gibt wie „Schweizer Frankisch“, „Neu-Euroisch“ und vielleicht sogar das fast nicht mehr gesprochene „D-Markisch“?

  • Die Schweizer sprechen gern und regelmässig Geld
  • „Wenn wir zusätzliches Geld sprechen, geht das zu Lasten von etwas anderem.“
    (Quelle unizh.ch)

    Auch im Passiv:

    Wird für ein Gesuch Geld gesprochen, so sind die Gesuchsteller verpflichtet, finanzielle und wissenschaftliche Zwischen- und Schlussberichte abzuliefern.
    (Quelle: Swisscancer.ch)

    Oder live vor der Kamera in der Sendung Arena vom 24.03.06

    „Wenn im Rahmen der IV-Revision wieder Geld gesprochen wird (…), dann würde ich garantieren, dass diese Revision nicht gelingen wird.
    Toni Bortoluzzi in Arena

    Merke: Denn wo das Geld ist, da wird es nicht „ver-sprochen“ oder „heilig gesprochen“ sondern schlicht und einfach „ge-sprochen“. Leider beherrschen dieses Idiom offensichtlich nur Parlamente und andere Entscheidungsgremien. Wir würden so gern auch mal Geld sprechen.