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Vielsprachige Schweiz — Sprechen Sie auch Geld?

  • Vielsprachige Schweiz — Sprechen Sie auch Geld?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 05.04.06 auf Seite 2:

    „Als sich Freiburg jüngst um den amerikanischen Biotechnologiegiganten Amgen bemühte, musste das Kantonsparlament eiligst in Galmiz Land umzonen“

    Nein, nicht „umzäunen“, also keinen Zaun um künftige Industriegebiet errichten, sondern eine bis dahin landwirtschaftlich genutzte Zone zum Bauland für Investoren deklarieren, damit die Zone „umzonen“. Wir Deutsche habe da so unsere eigenen Erinnerungen und Konnotationen, wenn von „Zone“ geredet wird. Schliesslich lebten wir einst in „Tri-Zonesien“, wie der westliche Teil Deutschlands nach der Aufteilung in die drei Besatzungszonen durch die Siegermächte USA, Grossbritannien und Frankreich genannt wurde.

    Aber der Artikel über das Kantonsparlament geht noch weiter:

    „Zusätzliche Gelder musste es keine sprechen.“

    Gelder sprechen
    Moment, wie war das? In der Schweiz spricht man bekanntlich Französisch, Italienisch, Berndeutsch, Baseldeutsch, Zürichdeutsch, Urnerdeutsch, Walliserdeutsch, Bündnerdeutsch, Appenzellerdeutsch und St. Gallerdeutsch (vgl. Wiki) , ausserdem noch diverse rätoromanische Sprachen, aber dass jetzt auch schon GELD als eine Sprache gilt, war uns neu.

  • Sprechen Sie Geld?
  • Die Schweizer haben ein sehr pragmatisches Verhältnis zum Geld. Sie reden nicht drüber, sondern sprechen es einfach selbst. Wir hielten den Satz mit dem „Geld sprechen“ zunächst für einen Irrtum, einen Druckfehler, wie er sich leicht einmal einschleichen kann bei einer renommierten Zeitung wie dem Tages-Anzeiger. Doch dann lasen wir diese Formulierung im gleichen Artikel ein zweites Mal:

    „Das Urner Kantonsparlament soll deshalb heute 450 000 Franken sprechen“.

    Noch mehr Geld sprechen

    Wir werden unseren ehrgeizigen Plan, im nächsten Winter in einem Intensivkurs zumindest die wichtigsten vier Schweizerdeutschen Sprachen (Züridütsch-West, Zürdütsch-Goldküste, Züridütsch-Schnupfenküste und Zürcher Unterland-Platt) zu lernen, sogleich überdenken und stattdessen einen Kurs belegen in „Geld sprechen“. Ob es hier auch Dialekte gibt wie „Schweizer Frankisch“, „Neu-Euroisch“ und vielleicht sogar das fast nicht mehr gesprochene „D-Markisch“?

  • Die Schweizer sprechen gern und regelmässig Geld
  • „Wenn wir zusätzliches Geld sprechen, geht das zu Lasten von etwas anderem.“
    (Quelle unizh.ch)

    Auch im Passiv:

    Wird für ein Gesuch Geld gesprochen, so sind die Gesuchsteller verpflichtet, finanzielle und wissenschaftliche Zwischen- und Schlussberichte abzuliefern.
    (Quelle: Swisscancer.ch)

    Oder live vor der Kamera in der Sendung Arena vom 24.03.06

    „Wenn im Rahmen der IV-Revision wieder Geld gesprochen wird (…), dann würde ich garantieren, dass diese Revision nicht gelingen wird.
    Toni Bortoluzzi in Arena

    Merke: Denn wo das Geld ist, da wird es nicht „ver-sprochen“ oder „heilig gesprochen“ sondern schlicht und einfach „ge-sprochen“. Leider beherrschen dieses Idiom offensichtlich nur Parlamente und andere Entscheidungsgremien. Wir würden so gern auch mal Geld sprechen.

    

    8 Responses to “Vielsprachige Schweiz — Sprechen Sie auch Geld?”

    1. Dänu Says:

      Ich würde mir das noch einmal überlegen mit dem Geld sprechen. Denn wenn es mal gesprochen ist, ist’s dann bald auch mal weg!
      Vielleicht kommt die Redewendung daher, dass vor allem, wie erwähnt, nur Parlamente Geld sprechen. In diesen Gremien wird jeweils so lange gesprochen, natürlich ohne viel zu sagen, bis dann, sofern die Mehrheit nicht widerspricht, jemandem ein projektbezogener Geldbetrag versprochen werden kann. Dann haben sogar Fürsprecher Mühe, ihm dieses gesprochene Geld wieder abzusprechen.

    2. Administrator Says:

      @Dänu
      Da bleibt nur zu sagen: Weise gesprochen, Dänu!

    3. Dan Says:

      Geld gesprochen zu bekommen muss schön sein. Dafür kennt man hier in der Schweiz vielleicht den Begriff „Titel“ nicht. Wer mal in einer deutschen Behörde gearbeitet hat kennt das „dafür gibt es keinen Titel“, was soviel heisst wie „da wurde Geld geschwiegen“.

    4. Elgo Says:

      … Züridütsch-Schnupfenküste…

      Wenn schon Züridütsch, dann aber richtig:

      Schnupfen heisst im Züridialäkt „Pfnüsel“ und demzufolge ist es die Pfnüselküste und nicht Schnupfenküste.

    5. Phipu Says:

      Die Sprache „Geld“ gibt es auch als mehrstimmigen Kanon: „Gelder sprechen“. Na ja, es ist ganz einfach demokratisch, sich in einer Mehrheit von Stimmen zu äussern. Wen wundert es denn auch, dass in der Schweiz mit ihren vielen Dialekten die Sprache „Gelder“ aus ihren regionalen Untergruppen. „Kredit/Kredite sprechen“ „Finanzen sprechen“ „Mittel sprechen“ oder „Franken sprechen“ zusammengesetzt wird (alles in Google.ch [Seiten aus der Schweiz] zu finden). Die Sprachwissenschaftler konnten noch nicht einwandfrei belegen, was die gesprochenen Mittel und Franken mit gesprochenem Mittelhochdeutsch oder Fränkisch gemeinsam haben.

      Aber auch bei diesen so schweiztypischen Idiomen muss man vereinzelt globale Einflüsse feststellen: Es wurden auch schon „Dollar gesprochen“ oder „Euro gesprochen“ Übrigens konnte man hierzulande „Pfund sprechen“ noch bevor der Franken eingeführt wurde (1850). $ € £ !

    6. Geissenpeter Says:

      Einer meiner Lieblingsausdrücke: „Hesch dr Gäldschiisser?“

    7. peter Says:

      Die Dialekte von Gold- und Pfnüselküste unterscheiden sich übrigens kaum. Es ist aber davon auszugehen, dass an der Goldküste eher mehr Geld gesprochen wird 😉

    8. Bruno Says:

      Gesprochen werden auch Recht und Gesetze (Landsgemeinden) Es ist vermutlich (allemanisches) Althochdeutsch, als sich die Richter oder Gesetzgeber „im Ring“ traffen um Recht und Gesetz, Legate, Pfänder und andere Zuweisungen zu zusprechen.

      @Elgo: „Pfnüselküste“ sehr schöner Ausdruck. Lach.

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