Was wir als Deutsche in der Schweiz vermissen — Die Pommesbuden

Oktober 10th, 2007

(reload vom 13.11.05)

  • Alle 600 Meter eine Pommesbude
  • Wir vermissen die Pommesbuden. Sie sind ein wichtiger Teil nordwestdeutscher Lebenskultur. Falls Sie mal mit der Strassenbahn oder dem Auto von Bochum nach Gelsenkirchen durch das Ruhrgebiet fahren sollten, werden sie auf 12 Km nur durch Stadtlandschaft fahren. Der Ruhrpott ist ein einziger „Städtebrei“, eine Grossstadt geht nahtlos in die andere über, und irgendwann ist plötzlich Schluss und es beginnt das Münsterland. Unterwegs können Sie sich die Zeit mit „Pommesbuden-Zählen“ vertreiben. Wir kamen beim Zählen auf 20, was einen mittleren Abstand von 600 Metern zwischen zwei Pommesbuden bedeutet.

    Dazwischen findet sich jeweils eine „Trinkhalle„, so heissen hier die Kioske oder „Büdchen“ für den Flaschenbier Verkauf. Früher wurden die Schnellimbiss-Lokalitäten, in denen man sich sogar hinsetzen kann und gepflegt mit Messer und Gabel von Tellern speist, von Deutschen betrieben, später übernahmen die Griechen das Geschäft, führten Gyros und Pitta in die Ruhrgebietsküche ein, und heute sind diese Lokalitäten meist fest in türkischer Hand.

    Die traditionelle „Currywurst“ mit heisser roter Sosse ist geblieben, egal wer da gerade die Friteuse bedient.
    Eine echte Currywurst

    Pommes Rot-Weiss“ ist eine Portion Pommes Frites mit Ketschup und Mayonnaise, gerne auch „Pommes-Schranke“ (denn die Bahnschranke ist auch rot-weiss gestreift) genannt. „Rot-Weiss“ heisst auch ein Fussballverein: Rot-Weiss Essen. Dazu eine echte Currywurst, das sind hier die Klassiker (und ich kriege schon Hunger, wenn ich nur darüber schreibe).
    Pommes Rot-Weiss

  • Die Entdeckung der Currywurst
  • Der Hamburger Uwe Timm hat darüber ein tolles Buch geschrieben: „Die Entdeckung der Currywurst„. Kein Sachbuch, sondern eine ganz fabelhaft erzählte Novelle, die sogar auf Englisch übersetzt wurde. Etwas, dass sehr selten geschieht in der Deutschen Literatur. Einige tausende Titel werden jährlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, aber nur wenig hundert Sachbuchtitel und noch weniger Literarisches findet den Weg zurück in den Englisch-Amerikanischen Markt.
    Die Entdeckung der Currywurst von Uwe Timm
    Nebenbei bemerkt: Wie das Rezept für die Currywurst entdeckt wurde, das erfahren Sie auch in dem Buch, aber es ist nur eine ganz kleine Geschichte am Rand. Eigentlich ist es eine ganz ausserordentliche und ungewöhnliche Liebesgeschichte in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs in Hamburg.

  • Wo gibt es Pommes Frites in der Schweiz?
  • In der Schweiz haben wir da nur MacDo und ab und zu einen Döner-Kebab, der sich auch in Sachen „Currywurst“ versucht. Etwas Bratwurst mit Ketschup und Currypulver soll dann unseren Ansprüchen genügen. Keine Chance!
    Currywurst vom Wurststand am Zürcher Hauptbahnhof isst man als Deutscher auch nur genau ein Mal: Viel zu fett, die Wurst wurde nicht auf dem Rost gebraten sondern in der Pfanne in Fett, und dazu wird eine bananen-gelbe Sosse als „Curry“ gereicht, die vielleicht besser zu Reis und Huhn passen würde. Noch dazu das Ganze doppelt so teuer wie in Deutschland.

    Die „Pommes-Kultur“ ist übrigens absolut kein gesamtdeutsches Phänomen. Im Schwabenland um Stuttgart werden Imbiss-Stuben schon um 18.30 Uhr geschlossen, also ziemlich genau dann, wenn der normale Norddeutsche gerade mal anfängt, Lust auf eine „Portion Pommes Schranke“ zu bekommen. Es gibt da mächtige Unterschiede zwischen dem Norden und Süden in Deutschland. Der Schwabe geht abends lieber heim und „schlotzt“ sein Viertele Wein allein vor dem Fernseher, während weiter nördlich an Rhein und Ruhr die Eckkneipe bei vielen zum zweiten Wohnzimmer wird und die Imbiss-Stuben bis um Mitternacht geöffnet sind. Aber jetzt krieg ich Heimweh und höre besser auf zu schreiben. Reich mir doch mal die Kleenex-Schachtel…

    Die Schweizer Mahlzeiten — Vergessen Sie nicht das „Z“ vor dem Essen

    September 20th, 2007

    (reload vom 29.10.05)

  • Das Frühstück heisst „z’Morge“
  • Die Deutschen frühstücken gern frische Brötchen am Morgen, nur sind sie oft zu faul, sich die beim nächsten Bäcker zu kaufen. Bäcker gibt es übrigens ziemlich dezentral verteilt fast überall in Deutschland. Auf zwei Wohnstrassen kommen in Deutschland meist ein Bäcker, eine Telefonzelle und eine Kneipe (mit Zigarettenautomat). Im Norden gibt es zusätzlich noch die „Büdchen„, das sind kleine Kioske, die keiner Grosskette angehören, wie die Kioske der KIOSK AG (Valora Gruppe) in der Schweiz, sondern in Eigenregie betrieben werden, oft bis spät in die Nacht, und mit einem grossen Angebot an Flaschenbier, Süssigkeiten, Dosenfutter, Kaffeepulver und auch Brötchen am Morgen aufwarten können. Im Prinzip ersetzen sie die alten „Tante Emma Läden„, die in Deutschland leider ausgestorben sind. In den Schlafquartieren der Agglo-Städte von Zürich ist es da schon schwieriger, einen Bäcker in der Nähe zu finden. Also geht man zur nächsten Tanke und kauft in der benzolgeschwängerten Luft lecker krebserregendes Gebäck ein.

  • Wie frühstücken denn die Schweizer?
  • Wie die Franzosen und Spanier. Eher gar nichts, sie warten lieber auf das „z’Nüni„. Dann kaufen sie sich trockenes Croissant, das „Hörnchen„, welches einst die Wiener erfanden, um das Religionssymbol der belagernden Türken vor Wien zu verunglimpfen. Das ist so, als wenn man in den islamischen Ländern nun Gebäck in Kreuzesform verkaufen würde, womöglich mit stilisiertem Herrn Jesus drauf. Doch zum Glück denkt niemand mehr an den Islam, wenn er in ein Hörnchen beisst.
    Wie kam das Ding dann zum Name „Gipfel„? Meine Vermutung: Es gibt viele Berge, die „Horn“ oder „Hörnchen“ im Namen führen. Einst sah ein Schweizer so ein Horn und rief aus: „Das ist doch der Gipfel„, und schon war der Name gefunden. Für die ganz alten 68er unter uns: Es gab auch mal einen Rechtsanwalt der Bader-Meinhof Gruppe, der hiess „Klaus Croissant„. Durch ihn lernten die Deutschen dieses französische Wort erst kennen und waren später beim Frankreichbesuch sehr verwundert, dass bei jedem „Boulanger“ der Terroristen-Anwalt angeboten wurde.

    Manchmal werden in der Schweiz auch die aus den Niederlanden stammenden Siedler Südafrikas, die Bure, zum Frühstück eingeladen, dann gibt es ein „Buure-Z’Morge„. Soll sehr deftig zugehen dort, mit den Gästen. Das „Buure-Z’Morge-Büffet“ ist dann übrigens „währschaft„. Sie kriegen die Gewähr, dass sie schaffen das aufzuessen.

  • Der Gipfel der Schweizer Gemütlichkeit
  • Ich liebe Croissants. Ganz warm und frisch vom Bäcker, mit Butter und Marmelade (zu der der Breitmaulfrosch immer nur „Kon-Fii-Tüüre“ sagte, um nicht vom Storch erkannt zu werden). Ohne alles, einfach so ein trockenes Gipfeli, wie kriegen die Schweizer das nur runter? Mit Kaffee, in der Menge eher wenig, aber dafür stärker gebrannt als in Deutschland. Dünner Filterkaffee, den die Deutschen zum Frühstück und auch sonst den ganzen Tag über literweise saufen, ist für die Schweizer ein Greuel. Sie sollten mal ein „Alte Damen Café“ in Deutschland besuchen, wo mitunter der gefilterte Kaffee in grossen Thermosbehältern über Stunden warmgehalten wird. Da zieht’s einen die Schuhe aus, so wenig Aroma hat der meist noch. Die Schweizer haben ihre Kaffee-Gewohnheiten via West-Schweiz direkt von den Franzosen übernommen. „Gömmer go Käffele“ kommt gleich nach dem „go poschte“.

  • Die kleine Pause am Morgen heisst „Z’Nüni“
  • Das „z’Nüni“ wird pünktlich um 10.00 Uhr zelebriert. Wann denn sonst? Wahrscheinlich wegen der Zeitverschiebung. 10:00 Uhr ist in Wirklichkeit 09:00 Uhr. Auch jetzt gibt es wieder Gipfeli ohne alles aber mit lecker Kaffee. Für viele ist das nun die erste warme Mahlzeit am Tag. Ich würde beim Verlassen des Hauses sofort ins Koma wegen Unterzucker fallen, wenn ich nicht zuvor lange und ausgiebig gefrühstückt hätte.

    Müesli“ essen die Schweizer nicht zum Frühstück, sondern als Snack zu Mittags. Das echte „Bircher Müesli“ ist eine mächtige Angelegenheit, nichts für Leute mit empfindlichen Magen. Hält stundenlang vor.

    Das Schweizer Bircher Müesli ist eine gutschmeckende Art Apfelmus bzw. Sauce mit gezuckerter Kondensmilch, etwas eingeweichten Haferflocken und Zitronensaft. Es ist eine Vollwertdiät, die eher als Abendmahlzeit gedacht war. Der Schweizer Arzt Maximilian Oskar Bircher-Benner hatte um 1900 damit gute Erfolge bei seinen Patienten erziehlt.
    (Quelle)

  • Müsli ungleich Müesli
  • Im Glatt-Einkaufszentrum bei Wallisellen gibt es eine „„Müsli-Burg“ für die Kinder. Die werden nicht etwa mit Riesenportionen Müesli ruhig gestellt, sondern es handelt sich hier um eine „Mäuseburg“. Darum Vorsicht, liebe Deutsche, beim „Müsli-Kauf„: Wenn die Schweizer euch ernst nehmen würden, gäbe es Mäuse zu futtern, und keinen kleinen „Muus“ = „Müesli“. Dazu einfach mal eine kleine Sprechprobe:
    Die Müsli essen gern Müesli“ . Na, klappt das? Die Monophthongierung wurde hier im Süden nicht mitgemacht. Freitag blieb „Friitig“, Hochzeit blieb „Hochziit“. Und die beiden Vokale von „M-a-u-s“ blieben Alemannisch ein einziger, langer Vokal „M-û-s“. Das ist seit Walther von der Vogelweide und der Mittelhochdeutschen Minnelyrik um 1250 im alemannischen Sprachraum immer so geblieben. Da sieht man mal wieder, wie konservativ Sprache sein kann.

  • Das Mittagessen heisst „z’Mittag“
  • Wer im Glattzentrum 20 Minuten vor 12.00 Uhr bestellt kriegt den „Frühesserrabatt“, ähnlich wie der Fernreisende im Reisebüro bei Buchung des Sommerurlaubs im Spätherbst den Frühbucherrabatt einstreichen darf. Die Mittagspause in der Schweiz wird gern lang und gemütlich abgehalten, locker 1 – 1 1/2 Stunden, die Schweizer kennen da keinen Stress. In manchen Behörden werden schon auch mal 2 Stunden draus. Irgendwie muss die 42 Stunden Woche ja voll werden, oder?

  • Das Kaffeetrinken heisst „z’Vieri“
  • „Z’Vieri“ ist in Deutschland schlicht das „Kaffeetrinken“. Aus unserer Zeit im Schwabenland kennen wir hier noch die beliebte Einladung:

    Komme Sie doch nach dem Kaffee, damit sie zum Nachtessen wieder daheim sind!“

  • Z’Nacht
  • Sie fängt früh an, die Nacht in der Schweiz, wenn man schon um 18:30 Uhr „z’Nacht“ zu sich nimmt. Der Lehrer unserer Tochter wollte ihr nicht glauben, dass wir da wirklich „Abendbrot“ zu sagen, und nicht „Nachtessen“ oder „Abendessen“. Ich gebe es zu, das klingt wie „Abendmahl“. Die Deutschen sind schon ein seltsames Volk. Zu so etwas „Abendbrot“ zu sagen und dann in den Ausgang zu gehen: „Mir gönnd go esse„.
    Wir hatten einmal einen spanischen Gast. Er half mir um 23.00 Uhr, kurz vor dem Schlafengehen, beim „Eindecken“ der Tafel für das Frühstück am nächsten Morgen. Als alles fertig war, schaute er mich verwundert an: „Wie, gibt es jetzt nix zu essen?“ Für ihn war dies die normale Uhrzeit, das Abendessen einzunehmen. Andere Länder, andere Sitten. Als Tourist kriegt man in Madrid immer spielend leicht einen Tisch um 19.00 Uhr in jedem Restaurant, denn die Spanier essen sehr spät. Gibt’s da auch den Ganzspätesserrabatt?

    Wie kochen die Schweizer Kaffee? — Bloss keinen Filterkaffee!

    August 28th, 2007

    (heute frisch aufgebrüht, kein reload)

  • Hardware für Deutsche
  • Dass „Filterkaffee“ in der Schweiz nicht sehr verbreitet ist, wenigstens bis jetzt, oder vielleicht „weniger als auch schon“, merkt jeder, der in einer Migros das Filterpapier vergeblich im Regal in der Nähe der gemahlenen oder ungemahlenen Kaffeebohnen sucht. Da ist es nicht, denn wer braucht schon Filterpapier in der Schweiz. Es findet sich in der Abteilung „Hardware für Deutsche“ bei den wenigen ausgestellten Filterkaffee-Maschinen irgendwo ganz hinten, als Zubehör.

  • Maschine mit Knopf dran
  • Die Schweizer trinken keinen Filterkaffee! Was trinken sie denn dann? Nun, ein Kollege erklärte mir neulich auf einer Zugfahrt, alle seine Freunde und Bekannten würden so automatische Maschinen daheim in der Küche rumstehen haben, die es ab 1‘000,– Franken aufwärts zu kaufen gibt, in die man die ungemahlenen Bohnen und das ungefilterte Wasser einfüllt, dann nur noch einen Knopf drückt, und schon kommt frisch aufgebrühter Kaffee heraus. Ca. 16 Mal, dann muss der Behälter mit dem Kaffeesatz geleert werden, nach Möglichkeit in die Geranien, die mögen das, oder in den Komposteimer. Ob deswegen alle Schweizer Geranien züchten?

    Stimmt das wirklich? Sind die Schweizer hier alle so Luxus- und Kaffee verwöhnt, dass sie sich solche Hightechgeräte tatsächlich leisten? Oder gibt es die auch schon billiger?

  • Kaffee in Alufolie
  • Billiger sind bestimmt diese in der Schweiz äusserst beliebten Kapsel-Systeme. Verkaufe billige Maschine und verdiene dich dumm und dämlich an den in Alu-Folie eingeschweissten Miniportionen. Für die Umweltbilanz der wahre Horror, aber so praktisch und aromatisch! Wenn schon George Clooney dafür Werbung macht , müssen die Dinger echt der Renner sein.

  • Der Druck ist nicht von Dauer
  • Oder gibt es tatsächlich noch Fans von Espresso-Maschinen, die von Hand mit Pulver befüllt werden müssen, einen mächtigen Druck aufbauen, der auch Milch schäumen kann, und unter Garantie kurz nach Ablauf der Garantie nach 12 Monaten den Geist aufgeben, falls sie nicht auch mindestens 2‘000.—Franken kosteten?

  • Herdplatte eingebaut
  • Espressomaschine mit Stecker
    Ganz arme Studenten haben noch so eine zusammenschraubbare Espressomaschine daheim, die man auf die Herdplatte stellt. Mittlerweile gibt es diese Geräte auch mit eingebauter Herdplatte und Kabelanschluss.

  • Campingfans und Amerika-Überlebende
  • Wer gern Camping mag oder eine Weile in Amerika überlebt hat, wird vielleicht sogar Instant-Kaffee lieben, der nur mit heissem Wasser aufgegossen werden muss. Gibt es sogar schon bei Starbucks zu kaufen. Garantie für eine verbrannte Zunge inklusive. Beim Genuss dieser Spezialität kann man dann in Erinnerungen schwelgen an verbrannte Finger beim Camping, denn Alugeschirr isoliert einfach fantastisch gegen Hitze.

  • Wir schwören auf Handfilter!
  • Instantkaffee? Kommt bei uns alles nicht auf den Tisch. Wir schwören weiter auf den bewährten Handfilter und den richtigen Schwall nicht mehr ganz kochendes Wassers in einigen Portionen. Nur so kann Kaffee sein Aroma ohne Druck entfalten, wird Platz in der Küche gespart, muss nie eine Maschine gesäubert oder entkalkt werden, und Alufolien wird auch nicht vergeudet. Gegen das Kalkproblem hilft ein guter Wasserfilter.

  • Zum Schluss die Nicht-Trinker
  • Die gibt es natürlich auch. Die „Frühstück-ohne-Kaffee-Runterwürger“, die das Haus nur mit etwas Bircher Müesli im Bauch verlassen und erst am Bahnhof den ersten „Kaffee zum Mitnehmen“ erstehen, oder noch bis zur Znüni-Pause um 8:00 Uhr warten, bevor sie den ersten Kaffee trinken. Unglaublich, wieviel Kaffee zum Mitnehmen morgens an Schweizer Bahnhöfen verkauft wird! Wie schaffen diese Menschen es nur nüchtern bis zum Bahnhof? Ich würde sofort tot umfallen, wenn ich so ohne Frühstück und ohne einem halben Liter Filterkaffee im Bauch morgens aus dem Haus gehen müsste.

    Mir gönnt go esse — Essen gehen in der Schweiz

    August 21st, 2007

    (reload vom 20.10.05)

  • Man gönnt sich was
  • Der Schweizer sagt nicht „Wir gehen essen„, sondern „mir gönnt go esse„, womit er ausdrücken will: Er „gönnt“ sich was, er lässt richtig was springen. Was er allerdings unter „Go“ versteht, war uns lange Zeit unklar. Ist es eine chinesische Spezialität, die man da zu sich nimmt, so wie „Nasi GO Reng“ oder „GO Bang“ (nicht sehr lecker, weil ein Brettspiel)? Wird hier „im Gehen“ gegessen, weil die Schweizer stets rastlos sind und in der 42-Stunden-Woche keine Zeit fürs Absitzen beim Essen haben? „Absitzen“ tut man in Deutschland übrigens nur auf Befehl des Rittmeisters nach einem langen Ausritt zu Pferde, die Schweizer tun das bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wenn nur ein Stuhl in Sicht ist.

  • Sie gehen nur einmal essen
  • In der Schweiz geht man nicht „nur einmal“ essen, sondern die Schweizer lieben eine andere Formulierung: „Für einmal sind wir essen gegangen“. Sie machen alles „für einmal„, jeder dritte Zeitungsartikel beginnt mit dieser Floskel. Wir fragen uns dann stets, wie es all die anderen Male abgeht. „Für einmal ist es so „. Wir finden sie hübsch, und für einmal verwenden wir sie auch.

    Die Deutschen hingegen bestellen oder kaufen alles „einmal“, so im Bus die Fahrkarte: „Einmal nach Blankenese bitte„, auch wenn nur ein Fahrgast zugestiegen ist, oder an der Pommes Bude „Einmal Pommes rot-weiss bitte!„, auch wenn der Deutsche da ganz allein steht. Aber könnte ja sein, der Verkäufer denkt, Vati wurde von der Familie zum Pommeskaufen abkommandiert und könnte sein, er möchte „vier mal Pommes rot-weiss“. Will er aber nicht, drum sagt er auch „einmal“.

  • Teure Pizza, sauteurer Chinese
  • Wenn Sie es in Deutschland gewohnt waren, beim Italiener um die Ecke mit max. 18 Fr = 12 EUR satt zu werden, incl. Getränk, legen Sie bitte in der Schweiz für die gleiche Pizza einfach mal das Doppelte auf den Tisch. Die Schweiz ist ein Hochpreisland, und besonders gut haben diese „hohen Preise“ die chinesischen Restaurants verstanden.

  • Schale Reis, Schale Tee und „Flühlingslolle“ kosten extra
  • Die Chinarestaurants in der Zürcher Agglomeration sind auch an Sonntagen geöffnet, anders als die meisten Schweizer Lokalitäten, die haben am Sonntag nämlich geschlossen. Also genau dann, wenn normale Deutsche überhaupt erst auf die Idee kommen, dass sie keine Lust zum Kochen haben und die ganze Familie zum Essen ausführen möchten.

    China-Restaurants sind teuer, extrem teuer. In Deutschland ist „zum Chinesen gehen“ eine billige Ausgehalternative. Für nicht mal 25 Franken gibt es lecker Menü mit „Flühlingslolle“ und „schüss-saulen“ Schweinefleisch, sowie Jasmin-Tee und Litschies aus der Dose zum Nachtisch. Ich persönlich bestell mir immer am liebsten den grossen gemischten Salat und die Käseplatte beim Chinesen. Einfach sensationell, wie die dann gucken. Dann kommt die Rechnung, und dann gucke ich: Die Schale Reis wird mit 7 Fr. extra berechnet, der Jasmintee ebenfalls. Am Ende sind für ein simples Menü für zwei Personen leicht 100 Fr. zu bezahlen. Ob die das Geflügel für diese Suppe vorher selbst im Garten gezüchtet haben? Ähnlich wie diese sauteuren Karpfen in Japan? Wir finden keine Erklärung für diese Preise.

  • Am Sonntag ins Nachbarland flüchten
  • Und was tun die Schweizer, wenn sie in der Agglomeration von Zürich wohnen und am Sonntag Hunger haben? Wenn die Schweizer Lokalitäten geschlossen sind, weil keine Handelsreisenden und Handwerker zu erwarten sind, und die Küche frei hat? Sie fahren über die Grenze nach Deutschland oder ins Elsass, um sich richtig tüchtig satt zu essen.
    Die Ausflugslokalitäten im Südschwarzwald sind Sonntags immer geöffnet, oft gibt es gar keine Speisekarte sondern nur ein Menü, denn am Sonntag wird die deutsche Mutti vom deutschen Vati verwöhnt: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Hochzeitstag, Beerdigung… habe ich was vergessen? Ja, den Muttertag!) gehen die Deutschen aus und essen Menü. Ohne Reservierung läuft da meistens gar nix. Bezahlbar ist es auch.

  • Wenn die Saaltochter „einziehen“ will
  • Wir wohnten schon 3 Jahre in Bülach, und wir hatten immer noch nicht die örtliche Kneipenlandschaft näher untersucht, also in Sachen Wirtschaftswissenschaft einen Zug durch die Gemeinde gemacht. Bülach ist eine Schlafstadt, die relative geringe Anzahl von Kneipen bei Tausenden von Einwohnern lässt uns Schlimmes ahnen (Zum Vergleich: Es gibt in Norddeutschland Dörfer, die bringen es auf zwei Wohnhäuser und drei Kneipen, kein Witz!). Die Bewohner Bülachs haben wohl kein Verlangen nach einem frisch gezapften Pils am Abend . Verständlich, denn Schweizer Bier ist schon nach 30 Sekunden „parat“, wo bleiben da die vergnüglichen 6 Minuten Wartezeit auf ein frisches Pils?

    Wir starten eine Testtour, und landen in einer umgebauten Schickimicki Bahnhofskneipe mit dem passenden Namen „Quo Vadis“.
    Wohin gehst Du = Quo vadis

    Das ist Latein und bedeutet: „Wohin gehst Du“ (in meinem Heimatdialekt kurz „Wo gehse?„). Klasse Namen für eine Bahnhofskneipe. Die „Saaltochter“ bringt uns die Biere und möchten dann „einziehen“. Wir rätseln, ob sie
    a.) bei uns nun ins Arbeitszimmer einziehen möchte, oder ob sie
    b.) den Kopf einziehen muss zur Vermeidung eines Zusammenstosses, oder ob wir
    c.) vielleicht eine Einzugsermächtigung unterschreiben sollen,
    denn offensichtlich geht es um Geld.

    Nein, sie will schlichtweg kassieren. Na, warum sagt sie das dann nicht? So direkt darf das hier nicht ausgedrückt werden. Die Schweizer sind da etwas diskreter, lernen wir daraus.

    Whiskey am Mittag — Sprachliche Missverständnisse bei der Getränkewahl

    August 15th, 2007

    (reload vom 15-10-05)

  • Z’Mittag um 12.00 Uhr
  • Als ich vor 6 Jahren zum ersten Mal nach Zürich kam zu einem Kurs mit Schweizer Teilnehmern gingen wir um Schlag 12.00 Uhr gemeinsam in ein Restaurant zum Mittagessen (Schweizerdeutsch: „z’Mittag„)

    Der Kellner kam, um die Getränkewünsche zu erfragen.
    Der Schweizer neben mir murmelt etwas wie „Isstiii„.

    Ich verstand „Whisky„, und war erstaunt, wie man um kurz nach 12.00 Uhr schon so harte Sachen konsumieren kann ohne umzufallen.
    „Nein nein, ich habe Eistee bestellt“, korrigierte mein Nachbar meine Vermutung.

  • Echter Eistee ist ein klasse Getränk
  • Ich dachte: „Prima Idee bei dieser Hitze. So eine frisch aufgebrühte Kanne mit starkem Darjeeling-Tee, langsam herabgekühlt auf Zimmertemperatur, dann für ein paar Stunden in den Kühschrank gestellt, um dann in einem hohen Glas mit Eiswürfeln und Zitrone als erfrischendes Getränk offeriert zu werden…“
    echter gekühlter Eistee

    Was der Kellner dann an den Tisch brachte, war eine Flasche mit einem schnöden Softdrink, so wie Cola oder Fanta, bestimmt zu 17 % aus Zucker bestehend.
    ein Softdrink

  • Eine Stange trinken und dann in die Ecke stellen
  • Will man in der Schweiz ein Bier trinken, sollte man sich nach Möglichkeit kein „Pils“ beim Kellner bestellen, damit outet man sich gleich als ungebildeter Deutscher, der davon ausgeht, alle Welt verstehe, was ein „Pils“ (Bier aus der böhmischen Stadt Pilsen) eigentlich ist. Man bestellt hier eine Stange. Im Fitnessstudio ist eine Stange eine Langhantel, im Ballett kann man sich an einer Stange festhalten, und auch in anderen Bereichen wird „jemanden bei der Stange“ gehalten. Nicht so in der Schweiz. Hier wird die Stange getrunken.

  • Stangen am Südpol
  • Deshalb gruseln sich dann manche Deutsche, denn sie kennen nur den Ausdruck: „Eine Stange Wasser in die Ecke stellen“. Woher diese Bedeutung kommt, wird vielleicht klar, wenn man an die äusserst kalten Winternächte in Deutschland denkt. Ab Minus 60 Grad Celsius gefriert Flüssigkeit in der Luft und fällt als Stange zu Boden, wie mir mal ein Amerikaner erzählte, der ein Jahr am Südpol als Funker zugebracht hat. Das macht einen höllischen Krach, weswegen die „Draussenpinkler“ am Südpol auch immer einige Meter entfernt von den Wohncontainern ihre Notdurft verrichten müssen, um die Kollegen nicht aufzuwecken.

    Daher kommt auch der berühmte Merksatz, den die Eskimomütter ihren Kindern mit auf den Weg geben: „Esst niemals gelben Schnee„.